Von Rainer Rupp
Nach dem eigentlich gar nicht so überraschenden Ausscheiden der DFB-Elf bei der WM, die es nicht einmal ins Achtelfinale geschafft hat, titelte sogar das Handelsblatt: „Deutschland ist nicht mehr Deutschland“. Viel zu siegessicher war die DFB-Elf gegen ihre Gegner aus den kleinen und armen Staaten aus dem Globalen Süden angetreten. In dieser teils selbstherrlich-arroganten Haltung war das deutsche Fußball-Team von den unausstehlichen Fußball-Experten in den deutschen Medien nach Kräften bestärkt worden.
Und dann kam schlagartig die verdiente Ernüchterung. Ganz Deutschland, von den Medien bis zu den Stammtischen in den Kneipen, sprach nur noch davon, dass „Deutschland nicht mehr Deutschland ist“. Leider bezieht der brave deutsche Michel diese wichtige Erkenntnis nur auf den Fußball. Dabei ist Deutschland in so gut wie allen anderen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen und militärischen Bereichen schon längst nicht mehr Deutschland. Der Prozess war schleichend und für einfache Bürger auf Anhieb schlecht zu erkennen.
Bei den selbst ernannten Eliten mit ihren hochdotierten Beratern weiß man jedoch schon lange Bescheid. Sie sind jedoch entweder politisch, intellektuell oder ideologisch nicht dazu imstande, den Karren Deutschland aus dem Dreck zu ziehen oder abzudanken und andere Kräfte ans Ruder zu lassen. Deshalb wird die Entwicklung früher oder später in den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen zwangsläufig in Richtung Abgrund führen. Bei Fußball war es früher, weil der Verfall dort für jeden deutlich erkennbar war, und nicht wie üblich, jemand anders dafür verantwortlich gemacht werden konnte.
Hiernach soll auf eine andere schleichende, aber nicht weniger bedrohliche Entwicklung hingewiesen werden. Obwohl sie droht, Deutschland in den Abgrund zu führen, wird sie von der Berliner Hofjournaille der Öffentlich-Rechtlichen und der Konzernmedien bewusst ignoriert. Es geht um den schleichenden, aber zunehmenden Verlust von gut bis sehr gut ausgebildeten, unternehmungsfreudigen Menschen, die genug von Deutschland haben und auswandern. Im neoliberalen Sprachgebrauch spricht man in diesem Fall vom Verlust wertvollen Humankapitals.
Dieser Verlust kann auch durch noch so massive Immigration durchschnittlich weniger gut oder gar nicht ausgebildeter Menschen nicht ausgeglichen werden! Stattdessen werden durch sie die Sozialsysteme überlastet. Es ist diese stark negative Bilanz des Bildungsgrads in der Zusammensetzung der Zuwanderung nach und der Abwanderung aus Deutschland, die ein deutlich düstereres Bild für die Zukunft unseres Landes zeichnet und auch ausländische Investoren abschreckt.
Die bereits eingangs erwähnte, in ganz Asien populäre Asia Times hat eine wöchentliche Beilage unter dem Titel „Global Risk-Reward Monitor“ (Globaler Risiko-Belohnungs-Monitor für zahlenden Abonnenten). Dieser „Monitor“, der Investoren auf globale Chancen und Risiken aufmerksam machen soll, hat in einer seiner jüngsten Ausgaben unter Verweis auf Bildungsdifferenz zwischen Zuwanderung nach und Abwanderung aus Deutschland vor den „düsteren Aussichten“ für den einstigen Exportweltmeister gewarnt.
Der Artikel im Asia-Times-Monitor beginnt mit dem Hinweis, dass „Deutschland weiterhin eine positive Nettozuwanderung“ habe, aber diese „Schlagzeilenzahl irreführend“ sei. In Wirklichkeit erzähle die Struktur der Migration eine viel dunklere Geschichte als die Netto-Immigrationszahl von 235.000 vermuten lasse. Deutschland verliere zunehmend Deutsche und EU-Bürger netto, während der positive Gesamtsaldo fast ausschließlich auf Zuwanderung von außerhalb der Europäischen Union beruhe.
Die Auswanderung sei hochselektiv. Die Menschen, die das Land verlassen, seien oft jung, mobil, hochgebildet und international einsetzbar. Forschungen deutscher demografischer Institutionen legten nahe, dass seit 2010 etwa sieben von zehn deutschen Auswanderern einen Universitätsabschluss besitzen. Genau diese Personen brauche Deutschland dringend: Ingenieure, Ärzte, Manager, Forscher, Unternehmer, Finanzfachleute, Softwareentwickler und qualifizierte Handwerker mit internationalen Optionen.
Ihr Weggang bleibe weitgehend unsichtbar. Ein deutscher Arzt, der in die Schweiz zieht, ein Software-Ingenieur, der nach Lissabon geht, ein Family Office, das Kapital nach Dubai verlagert, oder ein Unternehmer, der sich in Osteuropa statt in Deutschland expandiert – all das erzeuge keine dramatische Schlagzeile wie eine Fabrikschließung. Kumulativ jedoch schwächten diese individuellen Entscheidungen die produktive Basis des Landes.
Im vergangenen Jahr seien 96.689 mehr Deutsche ausgewandert als zurückgekehrt. Dies sei zu einem klaren Trend geworden und markiere die höchste Zahl seit Jahrzehnten. Auch bei den EU-Bürgern zeige sich ein deutliches Signal: Netto hätten letztes Jahr 37.154 EU-Bürger Deutschland verlassen. An dieser Stelle wird im Artikel betont, dass EU-Bürger einen einfachen Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt haben. Sie bräuchten weder Asylverfahren noch komplizierte Einwanderungsprogramme. Sie kämen, solange Löhne, Chancen und Lebensqualität attraktiv seien. Wenn sie nun netto das Land verließen, deute dies darauf hin, dass Deutschland selbst innerhalb des europäischen Arbeitsmarktes an Attraktivität einbüße.
Jahrzehntelang sei Deutschland das klassische Ziel für Aufstiegsmobilität vieler Europäer gewesen. Diese Position erodiere nun. Polen, Rumänen, Bulgaren, Italiener, Griechen und Kroaten hätten heute mehr Alternativen. Einige kehrten in ihre Heimat zurück, andere zögen in andere Länder. Manche entschieden schlicht, dass der „deutsche Deal“ – hohe Steuern, hohe Sozialabgaben, teurer Wohnraum, Bürokratie und begrenzte Aufstiegschancen – nicht mehr aufgehe.
Darin sehen die Autoren des Asia-Times-Artikels das eigentliche Kernproblem: „Deutschland tauscht nicht nur Bevölkerung. Es handelt sich um den Austausch von Humankapital.“ Die Auswandernden seien überproportional gebildet, mobil und wirtschaftlich produktiv. Viele zählten zu den Nettobeitragszahlern des Staates. Sie entrichteten Einkommensteuern, Sozialversicherungsbeiträge und Verbrauchssteuern und finanzierten das System oft deutlich stärker, als sie es in Anspruch nähmen.
Gleichzeitig stamme ein großer Teil der Zuwanderung aus deutlich ärmeren, weniger gebildeten Bevölkerungsschichten und kulturell weiter entfernten Ländern. Viele Neuankömmlinge verfügten weder über Deutschkenntnisse noch über sofort verwertbare Qualifikationen für den deutschen Arbeitsmarkt und seien mit deutschen Institutionen, der Arbeitskultur oder den Bildungsstandards nicht vertraut. Integration sei zwar möglich, aber teuer, langsam und häufig unvollständig. Der fiskalische Effekt sei daher keineswegs neutral, sondern negativ. Das Ergebnis: Deutschland verliere Menschen, die häufig netto positiv zum Staatshaushalt beitrügen, und gewinne gleichzeitig viele Menschen, die zunächst – und oft über viele Jahre hinweg – netto negativ seien. Das sei die unbequeme Rechnung hinter der Migrationsdebatte.
Dies treffe den deutschen Wohlfahrtsstaat besonders hart. Deutschland habe keine Niedrigsteuer- und Niedrigausgabenwirtschaft, sondern sei einer der teuersten Wohlfahrtsstaaten der Welt. Das deutsche Modell hänge von einer großen Zahl produktiver Erwerbstätiger ab, die hohe Steuern und Sozialabgaben leisteten, um Renten, Gesundheitsversorgung, Langzeitpflege, Arbeitslosengeld, Wohnungsförderung und weitere Transfers zu finanzieren. Das System könne Belastungen nur so lange auffangen, wie die produktive Basis stark genug bleibe.
Diese Basis aber schwinde. Wenn ein hochbezahlter Ingenieur, Arzt, Unternehmer, Softwareentwickler oder Finanzprofi Deutschland verlässt, verliert der Staat nicht nur einen Einwohner. Er verliert einen Nettosteuerzahler, einen Beitragszahler zur Rentenversicherung, Kaufkraft, künftige Investitionen und oft auch unternehmerische Dynamik.
Umgekehrt gewinne der Staat bei der Zuwanderung geringqualifizierter Menschen zwar einen neuen Einwohner, aber nicht unbedingt einen Beitragszahler. Dieser brauche häufig Unterstützung bei Wohnung, Sprachkursen, Schulbildung, Sozialleistungen, Gesundheitsversorgung und Arbeitsmarktintegration. In manchen Fällen setze der Beitrag erst Jahre später ein – in vielen Fällen bleibe er dauerhaft negativ oder falle ganz aus.
Am Ende kommt der Artikel im „Global Risk-Reward Monitor“ der Asia Times zu dem bedauerlichen Schluss, dass dieses Kernproblem für die wirtschaftliche und soziale Zukunft Deutschlands niemand in politischer Verantwortung offen diskutieren will.
Mehr zum Thema – Merz ist das Eigentor Deutschlands

