In seiner Rede am Forum „Für die Freiheit der Nationen!“ unterstreicht der russische Außenminister die Wichtigkeit souveräner Gleichheit, um die negative Ideologie und Missstände des Neo-Kolonialismus zu überwinden.

Rede von Sergej Lawrow in Moskau auf dem Forum
„Für die Freiheit der Nationen!“ gegen moderne Formen des Neo-Kolonialismus 

16.2.2024 – Sergey Lawrow am Forum „Für die Freiheit der Nationen!“ in Moskau | Quelle: Russisches Außenministerium

Meine Damen und Herren, Kollegen, Freunde,

mit Freude möchte ich mich den Begrüßungsworten, die an Sie gerichtet wurden, anschließen. Unser Forum wird vom Februarfrost begleitet, aber ich bin mir sicher, dass die traditionelle russische Gastfreundschaft und Herzlichkeit Sie in diesen kalten Tagen wärmen wird. Ich bin überzeugt, dass diese Veranstaltung nützlich sein wird.

In den letzten drei Jahrzehnten verfolgten die Vereinigten Staaten und ihre engsten Verbündeten das von ihnen selbst fabrizierte Globalisierungsmodell, welches sich als jedoch unhaltbar erwiesen hat. Die westlichen Länder haben die Menschheit nicht zu Wohlstand, sondern in eine der schwersten internationalen Krisen seit dem Zweiten Weltkrieg, gebracht. Die Konfliktbereiche in der Welt weiten sich aus und haben eine tiefe Kluft zwischen Westen und den Ländern der Globalen Mehrheit geschlagen.

Nachdem die Sowjetunion die Weltbühne geräumt hat, begann der Westen der Welt, seine „regelbasierte Ordnung“, doch in Wirklichkeit seine ungeteilte Dominanz in Bezug auf Wirtschaft, Finanzen, Politik und Kultur, aufzubürden. Die „Goldene Milliarde“ machte sich mit Enthusiasmus heran, um den postsowjetischen Raum und die Länder des Globalen Südens und Ostens neokolonial zu erschliessen.

Unter Missbrauch des Vertrauens der Weltmehrheit, verfeinerte die von den Vereinigten Staaten angeführte aggressive Minderheit ihre koloniale Praktiken und zögerte nicht, auch Gewalt einzusetzen – wie es …

… in Jugoslawien, im Irak, in Libyen, in Syrien und anderen Ländern Asiens und Afrikas der Fall war!

Dazu setzten die Vereinigten Staaten im wirtschaftlichen Bereich Mittel ein, wie:

  • Einschränkung von Möglichkeiten für eine unabhängige Entwicklung!
  • Erzwingung unfairer Verträge zur Abschöpfung von Ressourcen zu unterbewerteten Preisen, die an westlichen Börsen festgesetzt werden!

Ehemalige Kolonialmächte üben kontinuierlich illegalen Sanktionsdruck auf Länder aus, welche sich weigern, …

… sich den Diktaten zu unterwerfen, um ihre Souveränität und nationale Identität aufzugeben!

Das US-Embargo gegen das heldenhafte kubanische Volk, Sanktionen gegen Venezuela, den Iran, Nicaragua und viele andere Länder, einschließlich der DVRK, sind seit langem die wichtigsten außenpolitischen Instrumente des „kollektiven Westens“ geblieben. Die heutige Generation an Politikern in Nordamerika und Europa hat offenbar ihre diplomatischen Fähigkeiten wie für Verhandlungsführung eingebüsst.

Ich möchte einige Beispiele für die Haltung des Westens gegenüber der Globalen Mehrheit anführen. Im Jahr 2010 wurden den Entwicklungsländern 100 Milliarden Dollar jährlich für 10 Jahre unter dem Titel der Klimafinanzierung zugesagt. Der Westen hatte es jedoch nicht eilig, seinen Verpflichtungen nachzukommen und stellte nur einen Bruchteil der versprochenen Mittel bereit. Im Jahr 2015 wurde in Paris das Versprechen von „100 Milliarden Dollar jährlich für 10 Jahre“ bekräftigt. Doch nichts änderte sich.

Stattdessen wurde die Klimaagenda ins Spiel gebracht, um Marktvorteile gegenüber schwächeren Ländern herauszuschinden. Durch Auslagerung „schmutziger“

Produktionen in Drittländer bürden westliche Verfechter der Klimagerechtigkeit den Ländern des Südens zusätzliche Kosten auf und zwingen sie, sich teure grüne Technologien aus dem Westen anzuschaffen. Deutlich ist zu erkennen, wie das für die Entwicklung zugesagte Geld …

… für die Lieferung von Waffen an das Kiewer Regime und andere militärische Abenteuer umgeleitet wird!

Auch die Verteilung von Impfstoffen während der COVID-19-Pandemie wirft ein bezeichnendes Licht auf solches Verhalten. Von Anfang an sicherte sich der Westen den Großteil der knappen Impfstoffe, doch hat die Armen und Schwachen sich selbst überlassen. Gleichzeitig verzögerten vom Westen kontrollierte internationale Gremien bewusst die Zulassung des russischen Impfstoffs „Sputnik“, der Millionen von Menschenleben in Entwicklungsländern hätte retten können. Westliche Impfstoffe wurden in Europa jedoch nahezu umgehend unter Umgehung von Standardverfahren zur Zertifizierung zugelassen. Doch niemand wurde …

… für allfällige schwerwiegende Nebenwirkungen dieser Impfstoffe zur Rechenschaft gezogen!

Ein weiterer Aspekt des Neo-Kolonialismus besteht darin, neoliberale Ideologien auf Kosten traditioneller spiritueller und sittlicher Werte durchzusetzen. Konzepte wie Geschlechtervielfalt, Drogenlegalisierung und Transhumanismus sind Bestandteil solch abträglichen Politik.

Die Straffreiheit, mit welcher der Westen biologische Experimente an Menschen durchführt, gibt Anlass zu heller Empörung: Nach jüngsten Informationen des russischen Verteidigungsministeriums, was durch journalistische Recherchen erhärtet werden konnte, führten große europäische und US-amerikanische Konzerne in Mariupol, einer ehemals vom Kiewer Regime kontrollierten Stadt, Experimente an Kindern und Erwachsenen gegen minimale Vergütungen durch. Bei diesen Experimenten kamen Medikamente zum Einsatz, die das Immunsystem stark unterdrücken und das Wachstum von Krebszellen fördern, …

… mit dem Ziel, Krankheiten und Epidemien unter der slawischen Bevölkerung verbreiten zu lassen!

Das gesammelte Forschungsmaterial wurde an europäische Labore versandt, wo sich die weitere Spur verlor. Der Westen wird der Weltgemeinschaft niemals Beweise, die seine illegalen biologischen Experimente belegen, offenlegen lassen. Die Weigerung der Neo-Kolonialisten, Rechenschaft abzulegen, verstößt gegen zahlreiche internationale Abkommen, darunter die Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten sowie die Verträge über biologische und chemische Sicherheit. Dies zeugt von einer eklatanten Missachtung des Völkerrechts und vor allem der des menschlichen Lebens!

Die Lage in der Ukraine liefert ein anschauliches Beispiel, wie verzweifelt der „Welt-Hegemon“ um den Erhalt seiner Vorherrschaft kämpft:

Die Ukraine ist zum Werkzeug in den Händen amerikanischer Puppenspieler verkommen!

Jedem ist klar, dass die Zukunft der Weltordnung auf dem Spiel steht. Tatsächlich entscheidet sich in der Ukraine und deren Umfeld, ob die Weltordnung fair, demokratisch und polyzentrisch gestaltet sein wird oder ob es einer kleinen Gruppe von Staaten gelingen würde, der internationalen Gemeinschaft ihr unipolares Modell aufzuzwingen mit dem Ziel die Welt neokolonial aufteilen zu lassen: In diejenigen die sich als „exzeptionell“ betrachten gegenüber dem Rest, dem nur die Rolle zukäme, dem Willen des „auserwählten Volkes“ zu folgen.

Der russische Präsident Wladimir Putin hat in seinen zahlreichen Erklärungen und Interviews eine überzeugende Analyse zu derartigen Vorkommnissen vorgelegt. Unsere Entscheidung in jeder Situation lautet, Gespräche zu führen, um ein Gleichgewicht der rechtmäßigen Interessen aller Parteien zu etablieren. Ich möchte das Wort „rechtmäßig“ betonen. Falls die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten es vorziehen auf ihren hoffnungslosen Versuchen zu bestehen, um „Ultimaten“ zu stellen, in der illusorischen Hoffnung an den ihnen entglittenen Instrumenten ihrer neokolonialen Hegemonie festhalten zu können, so bleibt das ihre Entscheidung. Aber auch darauf ist Russland vorbereitet, denn …

… Neo-Kolonialismus führt in die Sackgasse!

Wer darauf besteht, diesen Weg zu beschreiten, würde dazu verdammt, in einen permanenten Konflikt verwickelt zu sein. Man betrachte nur die Beziehungen innerhalb des westlichen Lagers, wo eine Gruppe von Neo-Kolonialisten bereits eine andere vertilgt:

US-Amerikaner saugen vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Herausforderungen inzwischen offen Ressourcen aus Europa ab!

Die USA schneiden Europa darüber von vielversprechenden Märkten und zuverlässigen Energiequellen ab. Mit diesem Ziel vor Augen und ohne zu zögern haben sie die Gaspipelines Nord Stream 1 & Nord Stream 2 sprengen lassen und Deutschland und dem Rest Europas aufgetragen, diese öffentliche Schmach stillschweigend hinunterzuschlucken: Europa hat kleinlaut beigegeben und …

 … seine früheren zaghaften Parolen von „strategischer Autonomie“ ebenso vergessen wie sein Selbstwertgefühl!

Nun wird der europäischen Industrie die Wahl zwischen einer Verlagerung ins Ausland und dem völligen Ruin gestellt. Doch [EU-]Europäer sind erwachsene Menschen, so mögen sie selbst über ihr Schicksal entscheiden!

Ein System der Ausbeutung, wie es durch neokoloniale Praktiken verkörpert wird, lässt sich durch nichts rechtfertigen. Die konstruktive Alternative dazu bestünde darin, ein gerechteres und nachhaltigeres multipolares System internationaler Beziehungen, das auf der Charta der Vereinten Nationen und vor allem auf dem Grundsatz der souveränen Gleichheit der Staaten basiert, errichten zu lassen. Es ist ausgesprochen wichtig, die Anwendung des Prinzips der Unteilbarkeit der Sicherheit auf regionaler und globaler Ebene in militärpolitischer, sozialer und anderer Hinsicht sicherzustellen.

Die Herausbildung der Multipolarität ist ein historisch natürlicher und unumkehrbarer Prozess. Es entspricht einer Weltordnung, welche die kulturelle und zivilisatorische Vielfalt der modernen Welt abbildet und das Recht jeder Nation auf Selbstbestimmung achtet. Neue Machtzentren, darunter SCO, BRICS, die Führer der Afrikanischen Union, ASEAN, SELAC und andere Integrationsverbände der Globalen Mehrheit, spielen in diesem Zusammenhang eine Schlüsselrolle. Es ist notwendig, auf die Stärkung ihrer Positionen in den internationalen Institutionen hinzuarbeiten, vor allem im UN-Sicherheitsrat und in der G20, insbesondere nach dem Beitritt der Afrikanischen Union zur Gruppe. Es ist unerlässlich, horizontale Verbindungen zwischen regionalen Zusammenschlüssen auf verschiedenen Kontinenten zu knüpfen und ein Netzwerk konstruktiver und für alle Seiten vorteilhafter Zusammenarbeit aufzubauen. BRICS könnte auf globaler Ebene eine koordinierende Rolle spielen.

Russland war vormals führend bei der Förderung der Entkolonialisierungsprozesse. Sein Sieg im Großen Vaterländischen Krieg, der unter enormen Opfern errungen worden war, ermöglichte es, …

 … die globale Expansion des Westens für mehrere Jahrzehnte hintanzuhalten!

Unter den schwierigen Bedingungen des Kalten Krieges legte die Sowjetunion den Grundstein für Industrien in befreundeten Ländern des Globalen Südens & Ostens und half ihnen, ihre Sicherheit zu gewährleisten und ihr Recht auf souveräne Entwicklung wahrzunehmen. Darüber hinaus beflügelte das inspirierende Beispiel der UdSSR nationale Befreiungsbewegungen auf der ganzen Welt.

Trotz des Drucks des Westens kämpft Russland erneut nicht nur für sich selbst, sondern für die ganze Welt, wie es Präsident Wladimir Putin so treffend formuliert hat. Wir sind der Ansicht, dass unsere Kräfte dergestalt zu bündeln wären, um vorrangig ein gemeinsames Verständnis der Globalen Mehrheit gegenüber Neokolonialismus zu entwickeln und die von der sowjetischen Diplomatie bei der UNO eingeleitete Entkolonialisierungsarbeit zu vollenden. Schließlich befinden sich noch immer 17 Gebiete in kolonialer Abhängigkeit, doch die Mutterländer werden sie trotz entsprechender UN-Resolutionen nicht freilassen wollen.

Es ist an der Zeit, die Kräfte aller hier Anwesenden und anderer Verbündeter zu bündeln, um eine systematische Anstrengung zur Auslöschung neokolonialer Praktiken zu beginnen.

Ich bin zuversichtlich, dass dieses erste internationale parteiübergreifende Forum gegen moderne neokolonialistische Praktiken unter dem Motto „Für die Freiheit der Nationen!“ ein wichtiger Schritt auf diesem Weg sein wird. Wir müssen die verantwortungsbewussten Mitglieder der internationalen Gemeinschaft mobilisieren, um die Gerechtigkeit in Weltangelegenheiten hochzuhalten. Zu diesem Zweck wurde die „Gruppe der Freunde zur Verteidigung der UN-Charta“ gegründet. Wir fordern alle Forumsteilnehmer auf, deren Aktivitäten tatkräftig zu unterstützen.

Abschließend möchte ich allen Teilnehmern an der heutigen Diskussion eine fruchtbare Arbeit, neue Erfolge zum Wohle Ihrer Länder sowie universellen Wohlstand und Entwicklung auf der Grundlage gegenseitigen Respekts, unteilbarer Sicherheit und für beide Seiten vorteilhafter Zusammenarbeit wünschen.

Ende der Serie zum Kampf gegen Neo-Kolonialismus

Übersetzung: UNSER-MITTELEUROPA

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  • Teil 1 mit Andrey Klimow zu “Europa” ohne Kolonialismus: Auf keinen Fall!HIER
  • Teil 2 zum Medwedew-Artikel, “Die Zeit der Metropolen ist vorbei”: HIER
  • Teil 3 zum Medwedew-Artikel, “Die Zeit der Metropolen ist vorbei”: HIER
  • Teil 4 zum Medwedew-Artikel, “Die Zeit der Metropolen ist vorbei”: HIER
  • Teil 5 zum Medwedew-Artikel, “Die Zeit der Metropolen ist vorbei”: HIER


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