In Zentralrussland herrscht ein wahrer goldener Herbst, während man im europäischen Teil des Kontinents einerseits auf Regen hofft, damit die ausgetrockneten Flüsse wieder voll werden und die Kernkraftwerke wieder in Betrieb genommen werden können, und andererseits für einen ungewöhnlich warmen Winter betet. Bloomberg berichtet unter Berufung auf Daten der Energiebörse ICE Futures Europe, dass der Preis für Erdgas 97 Euro pro Megawattstunde überschritten habe. Diese Maßeinheit ist aus russischer Sicht ungewohnt, daher drücken wir es einfacher aus: Derzeit zahlen europäische Abnehmer für 1.000 Kubikmeter Erdgas fast 1.000 US-Dollar.
Wie dieses Medium schreibt, sei dies der höchste Wert seit 2022. Auslöser für den Preisanstieg seien die Erwartung einer weiteren Eskalationsrunde rund um Iran, unregelmäßige Lieferungen von Flüssigerdgas sowie Prognosen, wonach der Winter in Europa schon bald einsetzen und sehr kalt werden werde. Zu den allgemein düsteren Erwartungen trägt auch die Tatsache bei, dass die unterirdischen Gasspeicher in der Alten Welt lediglich zu 75 Prozent gefüllt sind – der niedrigste Stand seit Beginn der statistischen Erfassung im Jahr 2009. In einzelnen Ländern der Eurozone ist die Lage noch schlimmer: So verfügt beispielsweise Deutschland zu Beginn der Herbst- und Wintersaison nur über Gasreserven in Höhe von 61 Prozent der verfügbaren Speicherkapazitäten.
Wenn man solche Nachrichten liest, sollte man nicht sofort simple und oberflächliche Schlussfolgerungen treffen. Selbst bei einem harten und lang anhaltenden Winter werden die Länder der Europäischen Union zwar nicht im wörtlichen Sinne erfrieren, doch sind das Wesen der bevorstehenden Entwicklungen und vor allem ihre wahrscheinlichen Folgen äußerst interessant.
Zunächst ist festzuhalten, dass das Gesamtvolumen der unterirdischen Gasspeicher der Europäischen Union etwa 110 Milliarden Kubikmeter beträgt. Dabei lassen wir jene Gasmengen außer Betracht, die als Rohstoff etwa für die Herstellung von Stickstoffdüngern benötigt werden, und betrachten ausschließlich die Stromerzeugung. Theoretisch ließen sich aus einer solchen Gasmenge 1.100 Terawattstunden Strom erzeugen. Das würde mehr als ausreichen, um den gesamten Strombedarf der beiden größten Volkswirtschaften der EU – Deutschlands und Frankreichs – zu decken. Deutschland benötigt jährlich 515, Frankreich 365 Terawattstunden Strom. Zu den Volkswirtschaften mit dem höchsten Energieverbrauch zählen außerdem Italien mit 315 und Spanien mit 256 Terawattstunden; insgesamt verbraucht die Europäische Union jährlich 2.700 Terawattstunden Energie.
Allerdings kann das in Untergrundgasspeichern vorhandene Gas nicht restlos entnommen werden. Je nach Art der geologischen Struktur, in der sich die Hohlräume gebildet haben, können zwischen der Hälfte und zwei Dritteln des vorhandenen Gases entnommen werden. Bei der Ein- und Ausspeicherung spielt dabei das sogenannte Kissengasvolumen eine Rolle – jener Teil des Gases, der im Speicher verbleiben muss und nicht entnommen werden kann. Wie die Bezeichnung bereits nahelegt, sollte dieser Rest auf keinen Fall abgepumpt werden, da andernfalls die Förderleistung der Bohrungen beeinträchtigt werden kann oder Wasser teilweise in den Gasspeicher eindringen kann. Bei Salzkavernen liegt dieser Wert bei 30 Prozent; bei ausgeförderten Lagerstätten, die ebenfalls zur Gasspeicherung genutzt werden, kann er bis zu 55 Prozent erreichen. Nehmen wir einen Durchschnittswert von 40 Prozent an.
Die europäischen Untergrundgasspeicher sind zu 75 Prozent gefüllt, das heißt, derzeit lagern dort rund 82 Milliarden Kubikmeter Gas. Dementsprechend können davon ohne Beeinträchtigung der Infrastruktur höchstens 33 Milliarden Kubikmeter entnommen werden. Die durchschnittlichen Gasimporte über Pipelines und auf dem Seeweg liegen bei rund 550 Millionen Kubikmetern pro Tag und reichen damit im Sommer aus, den laufenden Bedarf unmittelbar zu decken. Die entscheidende Frage, vor der die Europäische Union und ihre einzelnen Mitgliedstaaten stehen, ist denkbar einfach: Wie lässt sich die Bilanz im Winter ausgleichen, wenn der Gasverbrauch in relativ milden Perioden bei 1,2 Milliarden und in kalten Perioden bei 1,8 Milliarden Kubikmetern pro Tag liegt?
Die größten Gaslieferanten der EU sind Norwegen und die Vereinigten Staaten. Norwegen liefert bis zu 30 Prozent des Pipelinegases, die USA ebenso viel Flüssigerdgas. Im Hintergrund spielt der Faktor Katar eine Rolle, denn genau von dort bezog die EU bis zu neun Prozent ihres gesamten importierten Flüssigerdgases (LNG). Sollte die Krise um die Straße von Hormus nicht durch eine vollständige Wiederöffnung dieser Schifffahrtsroute gelöst werden, könnte man die 13 Milliarden Kubikmeter Gas aus Katar schlichtweg nicht ersetzen.
Die Heizperiode beginnt in den einzelnen Ländern der Eurozone zu unterschiedlichen Zeitpunkten, im Durchschnitt jedoch in der ersten Oktoberhälfte. Sie kann auch früher beginnen, wenn die durchschnittliche Lufttemperatur mehrere Nächte lang unter neun Grad Celsius liegt – darin besteht der wesentliche Unterschied zu Russland, wo die Tagesmitteltemperatur zugrunde gelegt wird. Daten aus öffentlich zugänglichen Quellen zeigen, dass mit Ausnahme der nördlichen EU-Staaten die Heizperiode bisher nirgendwo begonnen hat, was einen direkten Verstoß gegen die geltenden Vorschriften darstellt und eindeutig auf einen Mangel an Energieressourcen zurückzuführen ist. Einfach ausgedrückt: Europa spart Gas.
Die weitere Entwicklung lässt sich leicht vorhersagen. Sollten die Lieferungen aus dem Nahen Osten nicht wiederaufgenommen werden und der Winter auch nur mäßig kalt ausfallen, wird die Gasknappheit einen sprunghaften Anstieg der Stromerzeugungskosten auslösen, sodass eine Megawattstunde nicht mehr 100, sondern beispielsweise 200 US-Dollar kosten wird. Die nationalen Regierungen wären gezwungen, den größten Verbrauchern – Industriekomplexen, Fabriken und Einrichtungen wie Wasserversorgungsunternehmen – einen Teil der Stromkosten zu erstatten. Dies würde sowohl die staatlichen als auch die Unternehmensausgaben in die Höhe treiben und zugleich die Preise für die wichtigsten Warengruppen steigen lassen. Für Exportgüter bedeutet dies einen Verlust an Wettbewerbsfähigkeit, da Strom in China und den USA – den wichtigsten Handelspartnern der EU – bereits heute um ein Vielfaches günstiger ist.
Im schlimmsten Fall, also bei einem langen und kalten Winter, könnte es sogar zu einer Priorisierung kommen: Subventionen und Gas würden dann vorrangig den wichtigsten Verbrauchern – großen und systemrelevanten Unternehmen – zugutekommen und keineswegs den „Omas“ beispielsweise in Bayern.
Nach Angaben der EU-Kommission gab die EU im vergangenen Jahr 336 Milliarden Euro für den Einkauf von Energieressourcen aus, wobei es ihr sogar gelang, die Ausgaben gegenüber dem Vorjahr um ganze elf Prozent zu senken. Das laufende Jahr bot keine solchen Erleichterungen. Eurostat Statistics berechnete, dass in der ersten Jahreshälfte 106 Milliarden Euro mehr für Energieimporte ausgegeben wurden als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Der Preisanstieg betrug damit 39 Prozent, und der Anteil der Ausgaben für Öl und Gas an den gesamten Importen lag bei über 13 Prozent.
Vor diesem Hintergrund kann man sich nur wünschen, dass ein echter russischer Winter mit klirrender Kälte und Schneeverwehungen nach Europa kommt. Nicht, damit jemand friert, sondern damit die Energiekosten völlig untragbar werden – und sich in Brüssel, Berlin und Paris die Frage stellt: sich selbst retten oder Selenskij Geld für die weitere Kriegsführung zur Verfügung stellen?
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 27. Oktober 2026 zuerst bei RIA Nowosti erschienen.
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