Der kriselnde Autobauer Volkswagen lässt die Entwicklung seines geplanten elektrischen „ID.Golf“ pausieren. VW-Markenchef Thomas Schäfer begründete den Schritt in einem internen Interview, das Reuters vorliegt, mit den hohen Kosten: „Wir können uns diese Arbeiten gerade schlicht nicht leisten.“ Ziel sei es, die Arbeiten so schnell wie möglich wiederaufzunehmen. Dazu müssten die Kosten weiter gesenkt werden.

Der Golf gehört zu den Modellen, die das Gesicht des Konzerns prägen; die elektrische Weiterentwicklung galt als Prestigeprojekt und sollte Anfang der 2030er-Jahre auf der neuen Einheitsplattform SSP (Scalable Systems Platform) auf den Markt kommen. Als erstes Fahrzeug auf dieser Plattform ist eine elektrische Variante des Modells T-Roc geplant.

Die jetzt angekündigte Pause betrifft vor allem Entwicklungsvorleistungen und trifft insbesondere das Stammwerk in Wolfsburg, das seine Kostenziele im laufenden Jahr um rund 300 Millionen Euro verfehlen wird. Schäfer bezeichnete die Lage als ernst: Das Sparprogramm sei zwar als Marathon angelegt, „aber eines ist auch klar: Ein kleiner Sprint würde uns gerade helfen“.⁠

Der Betriebsrat betonte, die Pause bedeute nicht zwangsläufig eine Verzögerung des Marktstarts – verlorene Zeit lasse sich aufholen. Ob das angesichts der rasanten technologischen Entwicklung vor allem der chinesischen Konkurrenz nicht reines Wunschdenken ist, wird sich zeigen. Die Gefahr, dass VW den Anschluss verliert, ist real. Gleichzeitig wertete der Betriebsrat den Stopp als weiteres Zeichen für die angespannte finanzielle Lage des Konzerns.

Die Entscheidung fällt in eine Phase massiver finanzieller Belastungen. Im dritten Quartal 2026 verbuchte der Volkswagen-Konzern einen Verlust nach Steuern von rund 5,82 Milliarden Euro – den höchsten seit dem Diesel-Skandal. Sonderbelastungen, unter anderem eine milliardenschwere Abschreibung auf Porsche sowie Belastungen im China-Geschäft, sowie ein schwächeres Tagesgeschäft drückten die Zahlen. Die Kernmarke Volkswagen selbst fuhr im Quartal einen Verlust ein, den ersten seit dem Corona-Jahr 2020. Finanzvorstand Arno Antlitz betonte, man dürfe keine Zeit verlieren und müsse schnell und entschlossen handeln.⁠

Hintergrund ist ein umfassendes Spar- und Transformationsprogramm, der „Zukunftsplan 2030“. Der Konzern peilt Einsparungen in Höhe von rund 31 Milliarden Euro an, will die Modellpalette straffen und die Produktionskapazitäten reduzieren. Zusätzlich zu bereits vereinbarten Jobstreichungen von rund 50.000 Stellen bis 2030 stehen nun weitere Zehntausende Jobs zur Disposition. Insgesamt vier deutsche Werke stehen unter Druck. E-Autos verkaufen sich in Europa zwar zunehmend, bringen aber noch deutlich geringere Margen als vergleichbare Verbrenner – ein Dilemma, das die Gewinnsituation belastet.

Die deutsche Automobilindustrie insgesamt steckt in einer tiefgreifenden Krise. Der Absatzeinbruch in China, dem einst wichtigsten Wachstumsmarkt, der Wettbewerb mit günstigeren und technologisch fortgeschritteneren Produkten chinesischer Hersteller, hohe Produktionskosten in Europa unter anderem durch die Russlandsanktionen, die teure und technisch herausfordernde Umstellung auf Elektromobilität sowie geopolitische Belastungen wie US-Zölle setzen VW, Mercedes-Benz und BMW gleichermaßen unter Druck. Die Pause beim ID.Golf versucht dabei den Spagat zwischen langfristiger Zukunftssicherung im E-Segment und dem kurzfristigen Zwang, die Kostenbasis zu stabilisieren und Liquidität zu sichern. Ob und wann das Prestigeprojekt wieder Fahrt aufnimmt, hängt maßgeblich davon ab, ob und wie schnell der Konzern seine Sparziele – vor allem in Wolfsburg – erreicht.

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