Estland hat den Transit von Getreide aus Russland und Weißrussland durch sein Staatsgebiet verboten. Diese nationale Sanktionsmaßnahme wurde am 1. Oktober beschlossen. Damit soll verhindert werden, dass estnische Häfen künftig als Ausweichroute für russische Getreideexporte genutzt werden.
Laut Außenminister Margus Tsahkna suche Russland angesichts der Einschränkungen seiner Getreideexporte über das Schwarze Meer nach neuen Routen über die Ostsee und sei an der Nutzung estnischer Häfen interessiert. Der Transit russischen Getreides durch Estland habe bislang allerdings praktisch keine Rolle gespielt. Tsahkna erklärte:
„Wir haben bereits im September gesagt, dass es keinen Sinn hat, den Transport russischen Getreides durch Estland zu planen. Jetzt werden wir dem mit einer staatlichen Sanktion ein Ende setzen.“
Die estnische Regierung begründet die Maßnahme mit der Lage im Schwarzen Meer. In der Begründung heißt es, Russland trage die alleinige Verantwortung für die aktuelle Sicherheitslage in der Region, die den Getreideexport sowohl aus der Ukraine als auch aus Russland über das Schwarze und das Asowsche Meer erheblich beeinträchtige. Das estnische Außenministerium verwies zudem darauf, dass Russland ukrainische Häfen angreife und den Export ukrainischen Getreides behindere. Vor diesem Hintergrund hält Tallinn es für nicht hinnehmbar, Russland gleichzeitig die Ausfuhr seines eigenen Getreides über estnische Häfen zu ermöglichen.
Moskau weist die Darstellung Tallinns zurück. Der Kreml hat die westlichen Sanktionen wiederholt als rechtswidrig bezeichnet und erklärt, die russische Wirtschaft funktioniere trotz einer „riesigen Anzahl von Sanktionen“ weiter und habe eine „gewisse Immunität“ gegen diese entwickelt. Russische Behörden haben zudem im Zusammenhang mit Angriffen auf Schiffe und Hafenanlagen im Schwarzen und Asowschen Meer wiederholt die Ukraine beschuldigt.
Getreidetransit über Lettland stark gestiegen
Während der Transit über Estland bislang praktisch keine Rolle spielte, sind die Getreidemengen über Lettland zuletzt deutlich gestiegen. So wurden laut dem lettischen Steueramt vom 1. bis zum 24. September 253.623 Tonnen Getreide aus Russland durch Lettland transportiert. Das war fast doppelt so viel wie im gesamten September 2025. Aus Weißrussland wurden im selben Zeitraum 40.101 Tonnen durch Lettland transportiert. Im September des Vorjahres hatte es dort keinen entsprechenden Transit gegeben.
Vor diesem Hintergrund wollen Estland, Lettland und Litauen den Transit russischen Getreides über die baltischen Häfen weiter einschränken. Anfang September erklärte Tsahkna, die drei Länder arbeiteten an einer regionalen oder gesamteuropäischen Lösung. Am 30. September sprach der estnische Außenminister in Riga mit dem lettischen Präsidenten Edgars Rinkēvičs und der Außenministerin Baiba Braže über dieses Thema.
Auch Lettland hat bereits Maßnahmen eingeleitet. So unterstützte das Parlament im September Änderungen des Eisenbahngesetzes, die eine schnellere Erhöhung der Infrastrukturgebühren für russische Getreidetransporte ermöglichen. Die Regierung prüft eine Erhöhung der Gebühren um bis zu 300 Prozent. Die zusätzlichen Einnahmen sollen der Unterstützung der ukrainischen Verteidigung zugutekommen.
Darüber hinaus kontrollieren die lettischen Behörden die Herkunft der Transitladungen. Dabei wird unter anderem geprüft, ob das Getreide aus den von Russland kontrollierten ukrainischen Gebieten stammt. Zu diesem Zweck werden Lieferdokumente, Lieferketten und Getreideproben untersucht.
EU-Zölle betreffen Transit in Drittländer bislang nicht vollständig
Bereits 2024 hatte die Europäische Union höhere Zölle auf Getreide und Getreideprodukte aus Russland und Weißrussland eingeführt.
Das Ziel bestand darin, den Import dieser Waren in die EU einzudämmen. Der Transit solcher Waren durch die Europäische Union in Drittländer war davon jedoch nicht betroffen.
Genau diese Möglichkeit will Estland für sein eigenes Staatsgebiet nun ausschließen und geht damit über die EU-Regelung hinaus.
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