Von Jewgeni Posdnjakow
Auf dem Gipfel in Neu-Delhi verabschiedeten die BRICS-Staaten ein gemeinsames Kommuniqué, in dem sie die Nahost- und Zollpolitik Washingtons verurteilten. Bemerkenswert ist, dass weder die USA noch Donald Trump im Abschlussdokument namentlich genannt werden. Allerdings lassen die vorgeschlagenen Formulierungen, wie die Nachrichtenagentur Bloomberg anmerkt, keinen Zweifel daran, dass von den USA die Rede ist.
So wird in der Erklärung „tiefe Besorgnis“ über die Eskalation des Konflikts in der Region und über „gezielte Angriffe auf zivile Infrastruktur und friedliche Atomanlagen“ zum Ausdruck gebracht. Dabei, so stellt Bloomberg fest, sei das Dokument ein Kompromiss zwischen Iran und den Vereinigten Arabischen Emiraten, die angesichts der aktuellen Lage im Nahen Osten diametral entgegengesetzte Positionen vertreten.
Vor diesem Hintergrund betonte der indische Premierminister Narendra Modi, dass die BRICS-Staaten Länder mit „unterschiedlichen Realitäten“ vereinen und das Vertrauen des Globalen Südens in den Block wachse. Er fügte hinzu:
„Jetzt ist es an der Zeit, unsere Einheit in greifbare Ergebnisse auf der Weltbühne umzusetzen.“
Auch andere Politiker teilen diese Einschätzung der Aktivitäten der Organisation.
Im Rahmen des Gipfels wies der russische Präsident Wladimir Putin zudem auf die wachsende Attraktivität der Grundwerte der BRICS-Staaten für viele Länder der Welt hin. Dazu gehören die Verfolgung eines unabhängigen Kurses und das Bestreben, globale Probleme gemeinsam auf der Grundlage des Völkerrechts und der Charta der Vereinten Nationen zu lösen. Der Staatschef betonte, dass das Interesse der internationalen Gemeinschaft an der Vereinigung weiter zunehme.
Der chinesische Staatspräsident Xi Jinping stellte seinerseits die wichtigsten Prioritäten der Organisation vor, wie die Nachrichtenagentur Xinhua berichtet. Er wies auf die Beschleunigung des globalen Wandels und den wachsenden Einfluss des Globalen Südens hin und forderte die BRICS-Staaten auf, die historische Initiative zu ergreifen, die Entwicklungsländer zu vereinen und eine stabilisierende Rolle in den internationalen Angelegenheiten zu spielen.
Xi Jinping betonte die Notwendigkeit, gemeinsam die internationale Rechtsordnung und die souveräne Gleichheit der Staaten zu schützen, Doppelmoral abzulehnen und die Rolle der Vereinten Nationen zu stärken. Er sprach sich für eine Reform multilateraler Institutionen, darunter der Welthandelsorganisation, für die Modernisierung der globalen Finanzarchitektur und die Umsetzung der Agenda 2030 der Vereinten Nationen aus. Außerdem schlug er vor, die Ausarbeitung globaler Regeln für den Umgang mit künstlicher Intelligenz und die Klimapolitik zu beschleunigen.
Stanislaw Tkatschenko, Professor am Lehrstuhl für Europastudien der Fakultät für Internationale Beziehungen der Staatlichen Universität Sankt Petersburg und Experte des internationalen Diskussionsclubs „Waldai“, erklärt:
„Die BRICS-Staaten waren ursprünglich als Bündnis souveräner Staaten konzipiert. Der Zusammenschluss entstand zu einer Zeit, als auf der internationalen Bühne zunehmend die Neigung westlicher Staaten diskutiert wurde, jedem und allen ihren Willen aufzuzwingen. Die Organisation wurde als Möglichkeit angesehen, die Abhängigkeit von westlich geprägten Institutionen zu verringern.
Nachdem die BRICS-Staaten jedoch in der Zwischenzeit deutlich an Gewicht gewonnen hatten, verlagerte sich der Schwerpunkt ihrer Aktivitäten hin zum Aufbau einer für alle Seiten vorteilhaften Zusammenarbeit innerhalb der Vereinigung selbst. Dennoch führen die geäußerten Forderungen nach einem unabhängigen Kurs und der Einrichtung kollegialer Methoden zur Lösung globaler Probleme dazu, dass die Organisation zu ihrer ursprünglichen Ausrichtung zurückkehrt.
Das heißt, die BRICS-Staaten nehmen Kurs auf die Entwicklung einer Art UNO für die Staaten des Globalen Südens. Der Zusammenschluss unterstützt das Bestreben der Entwicklungsländer, eine eigenständige Politik zu gestalten, und ist bereit, ihnen Unterstützung in Form erweiterter Möglichkeiten zu bieten, ihre eigene Position auf der internationalen Bühne zu vertreten.
Besonders wichtig ist, dass die Rhetorik der BRICS über die Gleichberechtigung der Staaten keine leeren Worte sind.
Sie spiegelt einen bewussten Kurs wider, den alle Mitglieder der Organisation unterstützen. China hat beispielsweise die Initiative ergriffen, die Zusammenarbeit im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) zwischen den Ländern des Globalen Südens auszubauen. Und trotz des erheblichen Vorsprungs in diesem Bereich gegenüber anderen Mitgliedern der Organisation setzt sich Peking für einen wahrhaft partnerschaftlichen Dialog ein.
China besteht beispielsweise darauf, dass Entwicklungen im Bereich der KI auf der Grundlage des Open-Source-Prinzips erfolgen sollten. Dies ist ein Ansatz, der sich deutlich von dem der USA unterscheidet. Dementsprechend zeigen die BRICS und ihre Mitglieder nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten, dass im Rahmen der Organisation kein Raum des Wettbewerbs, sondern des Zusammenwirkens geschaffen wird.“
Dabei sei die Organisation bereits zu einem Instrument zur Beilegung langjähriger Konflikte geworden, sagt Wadim Kosjulin, leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter der Diplomatischen Akademie des Moskauer Instituts für Internationale Beziehungen des russischen Außenministeriums. Er fügt hinzu:
„Ein anschauliches Beispiel hierfür sind China und Indien. Beide Länder sind alte Zivilisationen, deren Beziehungen bereits mehrere Jahrhunderte zurückreichen.
Entsprechend kam es aufgrund der benachbarten Lage der Länder zwischen Peking und Neu-Delhi zu zahlreichen Auseinandersetzungen, die sogar zu bewaffneten Zusammenstößen führten. Dennoch finden beide Parteien die Kraft, ungeachtet der Probleme der Vergangenheit weiterzumachen. Und die BRICS-Staaten werden dabei zu einer Art Stütze in diesem Prozess.
Im Bewusstsein des gesamten Potenzials der Mitgliedstaaten der Organisation kommen China und Indien zu der logischen Schlussfolgerung:
Wenn sie Hand in Hand in die Zukunft gehen, werden die Wachstumschancen schlicht um ein Vielfaches größer sein. Das verstehen auch andere Länder der Vereinigung. Dementsprechend wird bereits die bloße Mitgliedschaft in dieser Organisation zu einer Art ‚Schutzschild‘ vor einer Verschärfung der Konflikte.
Diese Ausrichtung auf Zusammenarbeit und Kooperation wird zum Markenzeichen der BRICS. Es handelt sich um eine Art Vorbild für die Zukunft, in der es keine Oberen und Untergebenen gibt. Es ist kein Zufall, dass es in der Organisation keine für andere internationale Formate üblichen Führungsgremien gibt, wie zum Beispiel ein Präsidium. Es handelt sich um eine horizontale Struktur, in der jede Stimme zählt.
Die BRICS lehnen Willkür grundsätzlich ab. Genau wegen solcher Verhaltensweisen kritisiert die Organisation beispielsweise die USA. Ich möchte betonen: Es geht genau darum, die Angemessenheit einzelner politischer Vorgehensweisen Washingtons in Frage zu stellen. Die Eigenständigkeit der USA selbst wird von niemandem angezweifelt – man spricht dem Weißen Haus das Recht zu, nationale Interessen zu vertreten.
Es ist jedoch wichtig, dass Handlungen zum eigenen Vorteil die USA und den Westen insgesamt nicht in einen Konflikt mit anderen Zivilisationen führen. Die Art und Weise, wie die USA im Nahen Osten vorgehen, ist falsch, da die von ihnen gewählte Taktik die Möglichkeit eines Dialogs und gegenseitigen Verständnisses praktisch vollständig ausschließt.
Die BRICS hingegen zeigen deutlich, dass sich moderne Großmächte auch anders verhalten können. Vertrauensvolle Kontakte sind ebenso notwendig wie die Suche nach einem Konsens. Damit überzeugt die Organisation andere Länder des Globalen Südens, was im Westen nicht unbemerkt bleibt.“
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 13. September 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung „Wsgljad“ erschienen.
Jewgeni Posdnjakow ist ein russischer Journalist, Fernseh- und Radiomoderator.
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