Bei der Gedenkveranstaltung der Bundesregierung zum Jahrestag des gescheiterten Stauffenberg-Attentats auf Adolf Hitler ist es zu einem Eklat wegen eines Kranzes gekommen. Ein Großneffe des evangelischen Theologen und NS-Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer, Tobias Korenke, versuchte, ein Gebinde der AfD-Bundestagsfraktion an der Gedenkstätte im Bendlerblock in Berlin zu entfernen. Das Handgemenge wurde aus der nächsten Nähe von einem dpa-Fotografen festgehalten.

Ein Video zeigt einen Teil der Szene: Zu sehen ist außer Bonhoeffer auch eine Frau, die versucht, einem AfD-Vertreter den Kranz aus den Händen zu reißen. Sie beschimpft ihn und seine Partei als „Faschisten“ und „Rechtsextremisten“, die auf der Gedenkveranstaltung nichts verloren hätten. „Wir sind in einer Demokratie“, ist vom AfD-Mann zu hören. Sicherheitsmitarbeiter gingen dazwischen, konnten aber nicht verhindern, dass der Kranz beschädigt wurde. 

Tobias Korenke, ein Großneffe Bonhoeffers, ist Historiker und Publizist und war viele Jahre bei Funke-Mediagruppe beschäftigt. In seinen Publikationen gibt er sich als entschiedener AfD-Gegner zu erkennen. Gegenüber der dpa sagte er:

„Viele Nachkommen, und dazu gehöre auch ich, empfinden eine wirklich große Wut, wenn wir sehen, dass die AfD hier Kränze ablegt. Das werden wir hier nicht akzeptieren.“

Ein Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion bestätigte, dass diese einen Kranz für die Gedenkstunde bereitgestellt hatte. Ob auch Fraktionsmitglieder anwesend gewesen seien, könne er nicht abschließend sagen. Der Leiter der Arbeitsgemeinschaft Geschichte der Fraktion, Götz Frömming, sagte, die Fraktion werde zu diesen offiziellen Gedenkfeiern als im Bundestag vertretene Partei eingeladen.

Die AfD nimmt seit Jahren an Gedenkveranstaltungen zum 20. Juli teil. Kritiker werfen der Partei vor, die Erinnerung an die Widerstandskämpfer politisch zu vereinnahmen. So kritisierte der Enkel des Hitler-Attentäters Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Graf Karl von Stauffenberg, die Äußerungen des Kabarettisten Uwe Steimle auf einer AfD-Veranstaltung in Dessau letzte Woche, als dieser über Bundeskanzler Friedrich Merz sagte: „Wo ist eigentlich Stauffenberg, wenn man ihn mal wirklich braucht?“

„Man kann von Herrn Merz halten, was man will. Aber ihn mit Adolf Hitler gleichzusetzen, ist ganz schlimm.“

Für den Stauffenberg-Enkel ist der Vergleich eine Verharmlosung des Dritten Reichs. 

Niedergeschlagener Widerstand

Am 20. Juli 1944 hatten Wehrmachtsoffiziere um Claus Schenk Graf von Stauffenberg vergeblich versucht, Hitler mit einer Bombe zu töten, um so die nationalsozialistische Herrschaft zu stürzen und den Zweiten Weltkrieg zu beenden. Stauffenberg und drei weitere Beteiligte wurden noch am Abend im Hof des Bendlerblocks erschossen.

Dietrich Bonhoeffer gehörte als theologischer Intellektueller zum Umfeld der Attentäter. Der Großonkel von Korenke wurde wegen seiner Beteiligung am Widerstand wenige Wochen vor Kriegsende ins Konzentrationslager Flossenbürg verschleppt und ermordet. Korenkes Großvater, Rüdiger Schleicher, kämpfte ebenfalls gegen die Nazis. Er wurde Ende April 1945 zusammen mit seinem Schwager Klaus Bonhoeffer in Berlin erschossen.

Mehr zum ThemaEklat in Sachsen: Grüne reißen Brandmauer ein – AfD sagt „herzliches Dankeschön“

Abbildung des Banners Meinung ist keine Straftat
Nach oben scrollen