Der Krieg in der Ukraine hat eine zweite, weniger sichtbare Front eröffnet: die Ausbreitung multiresistenter Bakterien. Schon vor 2022 hatte das Land zu den europäischen Regionen mit besonders hohen Raten an Antibiotikaresistenz gezählt. Der Krieg hat diese Entwicklung deutlich verschärft.
Im Mittelpunkt stehen vor allem schwer behandelbare Krankenhauskeime wie Klebsiella pneumoniae und Acinetobacter baumannii. Sie treten besonders häufig bei schweren Kriegsverletzungen auf. Explosionen verursachen tiefe, stark verschmutzte Wunden, in die Bakterien aus Erde und Umgebung direkt eindringen. Gleichzeitig erschweren zerstörte Infrastruktur, lange Transportwege und überlastete Kliniken eine saubere, kontinuierliche Behandlung.
Unter diesen Bedingungen werden häufig breit wirkende Antibiotika eingesetzt, oft früh und ohne genaue Diagnostik. Das fördert die Entstehung weiterer Resistenzen. In vielen Fällen bleiben nur noch wenige oder gar keine wirksamen Therapieoptionen übrig. Bei einem großen Teil der schwer verletzten Soldaten lassen sich multiresistente Erreger nachweisen, in einzelnen Kliniken betrifft dies einen Großteil der Fälle.
Die medizinische Versorgung im Kriegsgebiet arbeitet dauerhaft am Limit. Infektionen verlaufen oft langwierig und kompliziert, und in besonders schweren Fällen bleiben Amputationen als letzte Möglichkeit. Die Kontrolle von Keimen in einem Umfeld aus Personalmangel, Materialknappheit und ständig neuen Verletzten ist nur eingeschränkt möglich.
Mit der Verlegung Verletzter in europäische Krankenhäuser gelangten auch multiresistente Bakterien über die Grenzen hinweg. Betroffen sind unter anderem Kliniken in Deutschland, den Niederlanden, Finnland und Polen. Dort wurden bei einzelnen Patienten resistente Erreger nachgewiesen, die zuvor im Zusammenhang mit dem Krieg gestanden hatten.
Besonders problematisch sind Bakterienstämme mit zusätzlichen Resistenzmechanismen, die viele gängige Reserveantibiotika unwirksam machen. In mehreren Ländern reagierten Krankenhäuser mit zusätzlichen Vorsichtsmaßnahmen wie Isolierung und systematischem Screening bei Patienten mit Behandlungsaufenthalten in der Ukraine.
Trotz dieser Maßnahmen bleibt ein Risiko bestehen, da sich Krankenhauskeime unabhängig von Herkunftsländern innerhalb von Kliniken verbreiten können, wenn günstige Bedingungen vorliegen.


Die Ursachen liegen in einer Kombination aus Kriegsrealität und strukturellen Problemen im Gesundheitssystem. Offene, kontaminierte Wunden gehören zu den häufigsten Verletzungen im Krieg. Der Kontakt mit Erde und Trümmern bringt eine Vielzahl von Umweltbakterien direkt in den Körper.
Hinzu kommt die oft mehrstufige medizinische Versorgung. Verletzte werden zunächst notversorgt, dann mehrfach verlegt, bevor eine endgültige Behandlung erfolgt. Diese Ketten erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass sich resistente Keime ansiedeln und weiterverbreiten.
Der häufige Einsatz von Antibiotika unter schwierigen Bedingungen verstärkt diesen Effekt zusätzlich. Bereits vor dem Krieg war der Umgang mit Antibiotika in der Ukraine nicht immer streng reguliert, was die Ausgangslage verschärft hat.
Antibiotikaresistenz ist längst kein regionales Problem mehr. Weltweit sterben jedes Jahr über eine Million Menschen an Infektionen, bei denen gängige Medikamente nicht mehr wirken. Ohne Gegenmaßnahmen könnte diese Zahl weiter deutlich steigen.
Der Krieg in der Ukraine zeigt, wie schnell sich solche Risiken unter Krisenbedingungen verstärken können. Was im Kriegsgebiet entsteht, bleibt nicht dort. Krankenhäuser in Europa und anderen Regionen sehen sich dadurch mit zusätzlichen Herausforderungen konfrontiert.
Genaue, umfassende Statistiken fehlen bislang, um das gesamte Ausmaß der Entwicklung präzise zu quantifizieren. Die verfügbaren Daten stammen meist aus einzelnen Kliniken oder regional begrenzten Studien und lassen sich nur eingeschränkt auf das gesamte Kriegsgeschehen übertragen. Trotzdem zeichnen sie ein konsistentes Bild einer deutlichen Zunahme multiresistenter Erreger unter Kriegsverletzten.
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