Von Fjodor Lukjanow

Die Bilder von französischen und italienischen Städten, die von Unruhen erfasst sind, sind schockierend, während Albanien in Aufruhr ist, die Polizei in Argentinien Demonstranten auseinandertreibt und die Proteste in Indien keine Anzeichen einer Beruhigung zeigen. Nimmt man noch die Umwälzungen im Globalen Süden hinzu, lassen sich die Parallelen zum Jahr 1968 kaum noch ignorieren.

In jenem Jahr fegten politische und soziale Unruhen fast zeitgleich über weite Teile der Welt hinweg. Es war eine weniger vernetzte Zeit, geprägt vom Kalten Krieg, und doch brachen sich in Ländern mit gänzlich unterschiedlichen politischen Systemen ähnliche Bewegungen Bahn, da sich die Unzufriedenheit auf bemerkenswerte Weise synchronisierte.

Direkte Vergleiche sind zwangsläufig unvollkommen, doch viele der zugrunde liegenden Missstände sind bekannt, wie etwa Ungleichheit, Probleme im Bildungswesen, Kriege ohne klare Ziele und wachsende Frustration über politische Eliten, die nicht willens oder nicht in der Lage sind, sich anzupassen.

Im Jahr 1968 richtete sich die Rebellion größtenteils gegen das konservative Establishment. Und obwohl die Demonstranten nicht alles sofort erreichten, setzten sich ihre Ideen letztlich durch, und sowohl im Westen als auch im sozialistischen Block trugen die Umwälzungen dazu bei, das politische und gesellschaftliche Leben in den folgenden Jahrzehnten zu verändern. Heute jedoch erleben wir möglicherweise den umgekehrten Prozess am Ende jener politischen Ära, zu deren Entstehung das Jahr 1968 beigetragen hat.

Seit fast sechs Jahrzehnten bildet der Liberalismus – sei es der linke oder der rechte – den Rahmen für die westliche Politik, doch seine Widersprüche treten jetzt immer deutlicher zutage, da Studentenproteste in Ausschreitungen und Plünderungen ausarten und Forderungen nach Gleichheit bis zur aggressiven Absurdität getrieben werden. Unterdessen verkommt der Libertarismus zu offen antisozialem Verhalten.

Die Regierungen widmen sich der Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung und greifen dabei auf alle Mittel zurück, von politischer Manipulation bis zu offener Unterdrückung. Wie schon im Jahr 1968 haben viele Demonstranten das Vertrauen in die demokratischen Institutionen verloren, doch gibt es kaum Anzeichen für eine schlüssige revolutionäre Alternative; stattdessen erleben wir eine Explosion zerstörerischer Energie.

Die Ereignisse von 1968 stellten die Widerstandsfähigkeit und Anpassungsfähigkeit der politischen Systeme auf die Probe – mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen:

  • In Westeuropa unterdrückten die Regierungen die Unruhen zunächst, integrierten anschließend jedoch einen Großteil der Protestbewegung in die Mainstream-Politik und erneuerten auf diese Weise ihre eigene Legitimität und erweiterten ihre gesellschaftliche Basis.
  • Das sozialistische System schlug einen anderen Weg ein. Da es nicht in der Lage war, abweichende Meinungen zu berücksichtigen, setzte es auf Unterdrückung, sodass sich die Spannungen aufstauten, bis das System schließlich zusammenbrach.

Die politische Herausforderung von heute ist ähnlich, auch wenn sich das ideologische Gleichgewicht umgekehrt hat. Dieses Mal sind es nicht die Erben der 1968er-Demonstranten, die in den politischen Mainstream integriert werden müssen, sondern ihre Gegner – jene, die gewöhnlich als rechtsextreme Populisten abgetan werden.

Das Establishment Westeuropas verfolgt eine eigenartige Strategie: Anstatt diesen Bewegungen entgegenzukommen, toleriert es zunehmend destruktive Kräfte am anderen Ende des politischen Spektrums, da es diese offenbar als weniger bedrohlich ansieht als seine konservativen Herausforderer.

Hinter der wachsenden Instabilität verbirgt sich eine grundlegende Entfremdung zwischen den herrschenden Eliten und den Gesellschaften, die sie zu vertreten vorgeben, da sich die Machthaber zunehmend mit Fragen beschäftigen, die normale Bürger nicht als Prioritäten ansehen. Nirgendwo ist dieser Widerspruch offensichtlicher als in Europa, wo die Fixierung des politischen Establishments auf die Konfrontation mit Russland mit den Sorgen der Öffentlichkeit um Wohlstand und Lebensstandard kollidiert und sich die Kluft zwischen diesen konkurrierenden Prioritäten weiter vergrößert.

Die Umwälzungen von 1968 haben am Ende die politische Ordnung neu geformt, und die heutigen Unruhen könnten sich als ebenso folgenreich erweisen – allerdings in genau entgegengesetzter Richtung. Je länger sich die politischen Führer Westeuropas weigern, diesen Wandel anzuerkennen, desto größer ist die Gefahr, dass das politische System, das sie unbedingt bewahren wollen, dessen nächstes Opfer wird.

Dieser Artikel wurde ursprünglich in der Tageszeitung „Kommersant“ veröffentlicht.

Fjodor Lukjanow ist Chefredakteur der Zeitschrift „Russia in Global Affairs“ seit deren Gründung im Jahr 2002, Vorsitzender des Präsidiums des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik Russlands seit 2012, wissenschaftlicher Direktor des Internationalen Diskussionsclubs „Waldai“ sowie Forschungsprofessor an der Nationalen Forschungsuniversität „Höhere Schule für Wirtschaft„.

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