Von MEINRAD MÜLLER | In wenigen Tagen ist es wieder soweit: Wieder Küsschen, wieder Umarmungen, wieder selige Wünsche an Silvester. Wir wissen oft gar nicht, ob unsere Zaubersprüche überhaupt funktionieren, aber man sagt sie halt so. Es gehört dazu, dass man sich gegenseitig alles Gute wünscht, und man tut so, als hätte man einen positiven Einfluss auf das Schicksal derer, denen man diese Wünsche mit auf den Weg gibt. Es ist ein schönes Ritual, aber eben nur oberflächlich.
Warum vergessen wir dabei etwas Entscheidendes. Wenn wir jetzt, kurz vor dem Jahreswechsel, innehalten, müssen wir uns fragen: Was hat uns diese oder jene Person, die uns da gerade gegenübersteht, in den letzten zwölf Monaten nicht alles Gutes getan? Haben wir es vielleicht schon vergessen? Ist es verwischt wie die Spuren im Sand, die von der nächsten Welle einfach geglättet wurden?
Persönliche Glücksparkasse
Oft sind wir einfach darüber hinweggegangen. Wir haben das Gute als selbstverständlich betrachtet und gar nicht mehr recht in Erinnerung. Die Besuche am Krankenbett, als man sich schwach und allein fühlte. Das Abholen am Flughafen, vielleicht mitten in der Nacht oder im größten Berufsverkehr. Und, und, und – die Liste ließe sich bei jedem von uns endlos fortsetzen.
Haben wir eigentlich Buch geführt, wer in unserer persönlichen Glücksparkasse Einzahlungen gemacht hat? Ich meine jene Einzahlungen, die freiwillig kamen, ganz ohne Dauerauftrag, einfach aus einem Impuls der Zuneigung oder Hilfsbereitschaft heraus. Haben wir diese Kontoauszüge jemals ausgedruckt? Haben wir uns die Zeit genommen, mit dem gelben Stift das Gute zu markieren oder es an das Notizbrett zu stecken, damit wir es eben nicht vergessen?
Das Gefühl, nicht wertgeschätzt zu werden
Dank zu vergessen ist im Grunde fast so schlimm wie den Hochzeitstag zu vergessen. „Gern geschehen“, sagt derjenige vielleicht noch, der uns geholfen hat, Windows zu reparieren oder ein Problem zu lösen. Aber er erwartet insgeheim doch mehr als nur ein flüchtiges Wort. Es kränkt einen Menschen bis ins Mark, wenn wir über seine Hilfe hinweggehen wie über einen alten Teppich. Es ist dieses Gefühl, nicht wertgeschätzt zu werden, an dem Beziehungen zerbrechen können. Enge Freundschaften ebenso wie gute Bekanntschaften. Und das alles nur, weil wir in diesem Moment zur Dankbarkeit nicht fähig sind.
Dabei bricht uns doch wirklich keine Zacke aus der Krone, wenn wir am Ende eines Jahres unseren Tageskalender noch einmal ganz in Ruhe durchblättern. Oder die E-Mails. Oder WhatsApp. Wenn wir uns erinnern, wer den Hund für drei Tage in Obhut genommen hat, als wir weg mussten. Oder wer uns die Medikamente gebracht hat, als wir krank waren und nicht hinausgehen wollten. Oder wer uns aufgemuntert hat, als wir „down“ waren. Das sind die Momente, die zählen. Aber oft sagen wir tausendmal Danke im Vorbeigehen und haben am Ende des Jahres doch alles wieder vergessen.
Zeit der inneren Inventur
Silvester und die Tage zwischen den Jahren eignen sich gut zum Aufräumen unserer Gedanken. Es ist eine Zeit der inneren Inventur. Wenn wir genau hinschauen, finden wir Perlen, an die wir im Alltagstrubel nicht mehr denken. Und damit auch vergessen, uns nachträglich noch einmal dafür zu bedanken. Aber echtes Bedanken funktioniert nur, wenn es genau ist und ehrlich.
Wirklicher Dank braucht das Detail. Was hat man mir Gutes getan? Zu welchem Anlass war das? Wie oft ist es passiert und in welchem Umfang? Wenn wir detailliert danken, stärkt das die Bindung zwischen uns Menschen ungemein. Es zeigt dem anderen echte Wertschätzung. Und genau das ist es doch, wonach sich jeder Mensch, der etwas Gutes tut, im Stillen sehnt. Diese Sehnsucht will gestillt werden, damit das Miteinander lebendig bleibt.
Ein kurzer Anruf oder eine Nachricht…
Vielleicht finden auch Sie in den letzten Stunden dieses Jahres einen Moment, um Ihren persönlichen „Danke-Kontoauszug“ zu prüfen. Wer hat Ihnen im Juni geholfen? Wer war im Oktober für Sie da? Ein kurzer Anruf oder eine Nachricht, die genau diesen Moment benennt, ist mehr wert als jeder allgemeine Neujahrsspruch. Es zeigt, dass Sie nicht wie über einen alten Teppich über das Handeln des anderen hinweggegangen sind, sondern dass Sie die Perle gefunden und poliert haben.
Ich wünsche Ihnen einen klaren Blick auf all die kleinen und großen Taten, die Ihr Jahr 2025 lebenswert gemacht haben. Kommen Sie gut in das neue Jahr, mit einem Herzen, das bereit ist, das Gute nicht nur zu empfangen, sondern es auch durch ein ehrliches Dankeschön sichtbar zu machen.
Ihr Meinrad Müller

PI-NEWS-Autor Meinrad Müller (71), Unternehmer im Ruhestand, kommentiert mit einem zwinkernden Auge Themen der Innen-, Wirtschafts- und Außenpolitik für diverse Blogs in Deutschland. Der gebürtige Bayer greift vor allem Themen auf, die in der Mainstreampresse nicht erwähnt werden. Seine humorvollen und satirischen Taschenbücher sind auf Amazon zu finden. Müllers bisherige Beiträge auf PI-NEWS gibt es hier, seinen privaten Blog finden Sie hier.
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