Von Dmitri Rodionow
Niger hat den Beginn von Militäraktionen gegen Frankreich angekündigt. Diese Erklärung gab der Militärchef unter Präsident Amadou Ibro vor einer Menschenmenge im Stadion der Hauptstadt Niamey ab. Er stellte klar, dass zuvor kein Kriegszustand herrschte, aber derzeit keine andere Wahl bleibe, als ihn zu beginnen.
Natürlich kann dies nicht als rechtmäßige Kriegserklärung angesehen werden. Und es ist unklar, wie ein Krieg überhaupt geführt werden könnte, wenn sich keine französischen Soldaten in der Nähe befinden, da diese Niger bereits Ende 2023 verlassen haben. Es handelt sich eher um eine deutliche Verschärfung der anti-französischen Rhetorik der nigerianischen Behörden, und dafür gibt es einen Grund.
Bis Juli 2023 war Niger der letzte Verbündete Frankreichs in der Region. Dann kam es jedoch zu einem Militärputsch, der den pro-französischen Präsidenten Mohamed Bazoum aus dem Amt verdrängte. An seine Stelle trat eine Militärjunta unter der Führung von Abderrahmane Tchiani, der de facto zum Herrscher von Niger wurde – während die ganze Welt weiterhin die Autorität des unter Hausarrest stehenden Bazoum anerkennt.
Die neuen Machthaber entschieden sich sofort für eine Konfrontation mit der ehemaligen Kolonialmacht. Ihre erste Entscheidung war die Forderung nach dem Abzug der französischen Truppen (der im Dezember desselben Jahres endgültig abgeschlossen wurde) und die Verweigerung von Uran- und Goldlieferungen an Frankreich.
Zum Verständnis: Das Uran aus Niger (404.000 Tonnen, die fünftgrößten Reserven weltweit) deckte 40 Prozent des Bedarfs Frankreichs, des einzigen Land Europas, das die Kernenergie (70,6 Prozent der gesamten Energieerzeugung) und vollständige Energieunabhängigkeit beibehalten hat. Darüber hinaus ist Frankreich das einzige EU-Land, das über Atomwaffen verfügt (und es gehört zu den ersten fünf Ländern hinsichtlich der Anzahl der Atomwaffen), für die ebenfalls Uran benötigt wird. Natürlich kann Uran auch anderswo gefunden werden, aber das ist teurer, erfordert eine Neuorganisation der Logistik und so weiter. Wenn das Handeln Nigers kein K. o. für Frankreichs Uranverbrauch ist, dann zumindest ein Tiefschlag. Außerdem blieben gerade in Niger bis zuletzt französische Truppen stationiert, die aus Burkina Faso, der Zentralafrikanischen Republik (ZAR) und Mali abgezogen wurden, wo es zuvor ebenfalls zu antifranzösischen Umstürzen gekommen war.
Und noch etwas zum Thema Ressourcen: Die Zentralafrikanischen Republik verfügt auch über Uran (Reserven von 20.000 Tonnen in Bakouma), Diamanten und Erdöl. Mali verfügt über Uran und Gold. Natürlich war die antifranzösische Revolution in Afrika ein schwerer geopolitischer Schlag für Frankreich. Seit den Zeiten Charles de Gaulles, als der alte Kolonialismus zusammenbrach, baute Paris in der Region ein besonderes System auf – France-Afrique, dessen Kern darin besteht, dass die ehemalige Metropole den afrikanischen Ländern Sicherheit und politische Stabilität im Austausch für den Zugang zu Ressourcen garantiert. Natürlich wurde die politische Stabilität so gewährleistet, wie es sich Paris vorstellte – durch die Erhaltung der Macht von Personen, die Frankreich gegenüber loyal waren. Im Grunde genommen handelte es sich um dasselbe koloniale System, nur in einem neuen Gewand.
Im letzten Jahrzehnt führten die Franzosen in der Region einen „Anti-Terror-Krieg“ gegen Islamisten (die Operation Barkhane in Mali, Niger, Burkina Faso, Mauretanien und Tschad). Die Unfähigkeit des französischen Militärs, die Sicherheit zu gewährleisten, war einer der formalen Gründe für den Machtantritt antifranzösischer politischer Kräfte in einer Reihe von Ländern der Region. In Wirklichkeit liegen die Gründe jedoch viel tiefer – vor allem ist es der Wunsch, sich von der neokolonialen Abhängigkeit zu befreien. Die Länder, die über unermessliche Reichtümer verfügten, blieben die ärmsten Staaten der Welt, deren Bevölkerung schlichtweg keinen Zugang zu Trinkwasser hatte (unter anderem aufgrund der barbarischen Methoden der französischen Unternehmen bei der Ausbeutung der Bodenschätze) mit einer extrem hohen Kriminalitätsrate, ungeheuerlicher Korruption der lokalen profranzösischen Behörden und so weiter.
Anstelle Frankreichs kamen Russland und China in die Region. Und während China mit Geld kam, brachte Russland militärische Macht mit, die die neuen Machthaber brauchten, um sich zu etablieren. Man kann endlos darüber streiten, wie lange das anhalten wird, aber den russischen Militärexperten ist gelungen, was den Franzosen nicht gelungen war – eine gewisse Ordnung herzustellen.
Natürlich startete Paris eine groß angelegte Desinformationskampagne: Die Franzosen seien nicht aus der Sahelzone vertrieben worden, sondern verlieren die Region wegen der angeblichen Destabilisierung, die von einem bekannten russischen privaten Militärunternehmen verursacht worden sei. So kam es auch bei dem Staatsstreich in Niger zufällig so, dass Präsident Bazoum buchstäblich am Vorabend seines Sturzes demonstrativ seine Teilnahme am Forum „Russland-Afrika“ absagte, was einigen westlichen Medien Anlass gab, zu behaupten, dass Moskau hinter der Organisation des Staatsstreichs stecke.
Die Frage, inwieweit Russland tatsächlich zur Vertreibung Frankreichs aus den ehemaligen Kolonien beigetragen hat, überlassen wir den Verschwörungstheoretikern. Tatsache bleibt, dass Paris mit dieser Situation sehr unzufrieden ist und dafür Russland verantwortlich macht. Und es möchte sich für diese schmerzhafte geopolitische Niederlage rächen. Anfang Februar 2026 teilte der russische Auslandsgeheimdienst SWR mit, dass Frankreich neokoloniale Umstürze in afrikanischen Ländern vorbereite: „Nach Informationen des SWR sucht die Regierung von Macron fieberhaft nach Möglichkeiten für eine ‚politische Revanche‘ in Afrika.“
In der Meldung wurde auch darauf hingewiesen, dass Paris Möglichkeiten prüft, den neuen Präsidenten Madagaskars zu stürzen (der vorherige wurde im Oktober letzten Jahres gestürzt) und „ein loyales Regime wiederherzustellen“. Ebenfalls hervorgehoben wurde die Beteiligung Frankreichs am zu Beginn des Jahres vereitelten Putschversuch in Burkina Faso. Darüber hinaus soll Paris laut russischen Geheimdienstinformationen einen Plan zur direkten Beseitigung „unliebsamer Staatschefs“ genehmigt haben.
Bezeichnenderweise nutzt Frankreich zur Umsetzung seiner Pläne diejenigen, gegen die es zuvor selbst Krieg geführt hat – die Islamisten. Darüber hinaus wird die „ukrainische Spur“ in Afrika immer offensichtlicher – ukrainische Ausbilder bilden dort Terroristen aus, und das nicht erst seit einem Jahr. Was ukrainische Kämpfer nach dem Ende der russischen militärischen Sonderoperation tun werden, ist dabei noch ein separates Thema.
Unmittelbar nach dem Staatsstreich in Niger im Sommer 2023 wurde ernsthaft über die Aussicht auf einen großen Krieg diskutiert. Damals schloss die Wirtschaftsgemeinschaft westafrikanischer Staaten (ECOWAS) die Grenzen und kündigte die Aussetzung aller Handels- und Finanztransaktionen mit Niger sowie das Einfrieren seiner Vermögenswerte bei der Zentralbank der Gemeinschaft und den Geschäftsbanken der Mitgliedsländer an. Es gab direkte Drohungen mit einer militärischen Intervention in dem Land, sollte der gestürzte Präsident nicht wieder an die Macht gebracht werden. Die Nachbarländer Mali und Burkina Faso erklärten jedoch sofort ihre Bereitschaft, im Falle einer solchen Entwicklung einzugreifen. Anscheinend entschied man sich in Paris damals weder für eine offene Invasion (man erinnerte sich noch gut an Algerien) noch für einen Krieg mithilfe von Stellvertretern. Stattdessen setzte man auf die wirtschaftliche Erstickung Nigers. Wie der Chef der gestürzten nigrischen Regierung Uhumudu Mahamadou damals erklärte, werde das Land aufgrund seiner instabilen wirtschaftlichen Lage nicht in der Lage sein, die von regionalen Organisationen und einer Reihe westlicher Staaten verhängten Sanktionen zu bewältigen.
Heute sehen wir, dass diese Strategie weder in Niger noch anderswo in der Region funktioniert hat. Und da Paris sich immer noch nicht zum Krieg entschließen kann, hat es beschlossen, zu einer Taktik des „Mantels und Dolches“ überzugehen.
Der Zeitpunkt ist durchaus günstig gewählt. China ist derzeit mehr mit Handelskriegen mit den USA und Krisen um Venezuela und Iran beschäftigt. Außerdem ist es noch nicht daran gewöhnt, mit anderen Mitteln als wirtschaftlichen zu agieren. Russland wiederum sind in der Ukraine die Hände gebunden, es kann sich solche Operationen in fernen Gebieten wie vor zehn Jahren schlichtweg nicht mehr leisten, und das private Militärunternehmen Wagner gibt es auch nicht mehr. Für Frankreich hingegen ist der Moment der Wahrheit gekommen, der darüber entscheiden wird, ob es Zeit ist, einen Schlussstrich unter seine Kolonialgeschichte zu ziehen.
Man sollte auch die Ambitionen von Präsident Emmanuel Macron nicht vergessen, der eine Niederlage in Afrika durchaus persönlich nehmen und davon träumen könnte, sich zu revanchieren. Zumal seine zweite und letzte Amtszeit in etwas mehr als einem Jahr endet und er eigentlich nichts zu verlieren hat.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 20. Februar 2026 auf der Website der Zeitung „Wsgljad“ erschienen.
Dmitri Rodionow ist ein russischer Politikwissenschaftler.
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