Von Sergei Mirkin
Der ehemalige Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte und derzeitige Botschafter der Ukraine in Großbritannien, Waleri Saluschny, hat mehrere harte Äußerungen gegenüber der derzeitigen ukrainischen Regierung gemacht. Saluschny zufolge führte die Einmischung des Büros von Selenskij in die Truppenführung während der Offensive 2023 im Süden zum Scheitern dieser Militäroperation. Zudem erinnerte er daran, wie im Jahr 2022 sein Hauptquartier von Mitarbeitern des Sicherheitsdienstes der Ukraine (SBU) gestürmt und durchsucht wurde. Damals kontaktierte Saluschny den Leiter des Büros von Selenskij, Andrei Jermak, und drohte damit, Truppen mitten in Kiew einmarschieren zu lassen. Der Ex-Oberbefehlshaber kritisierte Selenskij auch dafür, dass er sich im Februar 2022, noch vor Beginn der militärischen Sonderoperation in der Ukraine, geweigert hatte, das Kriegsrecht zu verhängen.
Angesichts der aktuellen Lage in der Ukraine sind dies sehr schwerwiegende Vorwürfe. Sowohl westliche als auch ukrainische Politiker setzten große Hoffnungen auf die ukrainische „Gegenoffensive“ von 2023 – und was noch wichtiger ist: Die Mehrheit der ukrainischen Bevölkerung glaubte an ihren Erfolg. In den ukrainischen sozialen Netzwerken gab es praktisch niemanden – auch nicht unter den oppositionellen Bloggern und Kommentatoren –, der an einem Sieg der ukrainischen Streitkräfte und einem Vorstoß der ukrainischen Armee bis an die Grenzen der Krim gezweifelt hätte. Einige hegten sogar die Hoffnung, die Halbinsel einnehmen zu können. Als diese Offensive scheiterte, herrschte in der Ukraine ein Schockzustand: Alle hielten weiterhin daran fest, dass der Sieg nur noch eine Frage der Zeit sei.
Und nun nennt Saluschny diejenigen, die für dieses Scheitern verantwortlich sind: Selenskij und sein Umfeld. Dass Selenskijs Büro sich in militärische Angelegenheiten einmischt, ist seit Langem bekannt – doch bisher stammten diese Informationen nur von Journalisten, Bloggern und ehemaligen Militärs. Nun wurde dies auch vom ehemaligen Oberbefehlshaber selbst bestätigt.
Jede dieser Episoden für sich genommen ist bereits ein Informationsschlag gegen Selenskij, und in ihrer Gesamtheit stellen sie eine schlagkräftige Propagandakampagne dar. Es ist jedoch zweifelhaft, ob sich der Ex-Oberbefehlshaber ohne die Unterstützung einflussreicher Kräfte zu einer solchen Aktion entschlossen hätte. Doch wer steht hinter Saluschny?
Der offensichtliche „Kandidat“ dafür wäre das Weiße Haus. In einem Interview mit der französischen Nachrichtenagentur AFP sagte Selenskij: „Die Amerikaner und Russen sagen, dass wir aus dem Donbass abziehen müssen, wenn wir wollen, dass der Konflikt morgen beendet wird“. Seinen Worten zufolge üben die USA und Russland Druck auf die Ukraine aus, Präsidentschaftswahlen im Rahmen ihres Friedensplans abzuhalten. Selenskij ist damit jedoch nicht einverstanden. Warum? Er hat Angst, die Macht zu verlieren. Trotz der aktuellen Lage hoffen Selenskij und seine Vertrauten, an der Macht bleiben zu können. Um Selenskij zu Zugeständnissen zu bewegen, ist es also notwendig, ihm und seinem Umfeld diese Hoffnung zu nehmen und sie dazu zu zwingen, über ihre eigene Sicherheit und die Rettung ihres Kapitals nachzudenken.
Der Skandal um den ukrainischen Atomkonzern Energoatom stellt ein ernstzunehmendes Druckmittel gegen das Team von Selenskij im Allgemeinen und gegen Selenskij selbst im Besonderen dar. Vor Kurzem wurde der ehemalige Energieminister Herman Galuschko vom ukrainischen Antikorruptionsbüro festgenommen, als er versuchte, aus dem Land zu fliehen. Die Ermittlungen im Energoatom-Fall schreiten weiter voran, was bedeutet, dass auch Jermak zur Verantwortung gezogen werden könnte – bislang wurde noch keine Anklage gegen ihn erhoben, aber dies könnte jederzeit geschehen. Vor allem, da Jermak laut ukrainischen Medienberichten weiterhin aktiv in die Politik involviert ist und hinter den Kulissen agiert, obwohl er sein Amt als Leiter des Präsidialamtes verloren hat. Auch Selenskij setzt seine Linie fort und weigert sich, Zugeständnisse zu machen. Theoretisch ist nicht auszuschließen, dass Selenskij selbst ins Visier der Ermittler geraten könnte.
Der Fluchtversuch und die Festnahme von Galuschko sowie die Informationskampagne von Saluschny fanden nahezu zeitgleich statt. Dies könnte eine indirekte Botschaft des Trump-Teams an Selenskij sein: „Wenn du keine Zugeständnisse machst, wird dein Image als „Held“ zerstört. Saluschny wird dich weiterhin beschuldigen, und vieles wird ans Licht kommen. Anschließend könnten Strafverfahren gegen die dir nahestehenden Personen und möglicherweise auch gegen dich selbst eingeleitet werden. Bitte mache dir Gedanken über dein Schicksal und das Schicksal deiner Angehörigen und konzentriere dich nicht auf die Macht.“
Die europäischen Globalisten sind sich dessen bewusst. Sie versuchen daher, ihre Gegenpropaganda zu betreiben, um Selenskij unter die Arme zu greifen. So erschien im Spiegel ein Artikel mit der Behauptung, der Terroranschlag auf die Nord-Stream-Gaspipelines sei auf Befehl von Saluschny verübt worden, ohne dass Selenskij davon in Kenntnis gesetzt worden sei. Die Botschaft versteht sich von selbst: Saluschny sei ein gefährlicher Abenteurer, dem man nicht glauben könne.
Möglicherweise stehen hinter Saluschny britische Geheimdienste und Führungsspitzen. Nach der Entlassung von Jermak, der als ihr Schützling galt, hatte man in London das Gefühl, die Kontrolle über die politischen Prozesse in der Ukraine zu verlieren. Oder vielleicht kamen ihre Analytiker zu dem Schluss, dass Selenskij nicht mehr zu gebrauchen ist. Die Briten streben danach, den Konflikt zwischen der Ukraine und Russland fortzusetzen. Für sie wäre es akzeptabel, wenn Selenskij sein Amt als Präsident weiterhin ausübt und seine kriegerische Rhetorik fortsetzt, ihm jedoch die tatsächliche Macht entzogen wird.
In der Ukraine herrscht laut Verfassung ein parlamentarisch-präsidiales Regierungssystem. Sollte es also zu einer Neuformierung der Mehrheit im ukrainischen Parlament und zur Bildung einer neuen Regierung – beispielsweise unter der Führung von Saluschny – kommen, wäre dies mit einem erheblichen Machtverlust für Selenskij verbunden. Sollten zudem die verbleibenden Teile seiner Popularität durch Informationsangriffe beeinträchtigt werden, würde Selenskij zu einem „Sprechrohr“, das lediglich die Narrative der Briten wiederholt.
Vor diesem Hintergrund lässt sich der Spiegel-Artikel als Ausdruck der Unzufriedenheit Deutschlands mit diesem Plan interpretieren. Die Deutschen haben wahrscheinlich nichts gegen eine Schwächung der Position Selenskijs, aber an der Spitze der Regierung möchten sie ihren eigenen Mann sehen – zum Beispiel den Bürgermeister von Kiew, Witali Klitschko, und nicht Saluschny.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 27. Februar 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung „Wsgljad“ erschienen.
Sergei Mirkin ist ein Journalist aus Donezk.
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