Von Dagmar Henn
Sind sie nicht putzig, die Medien, die sich gerade darüber echauffieren, dass auf einer AfD-Veranstaltung in Dessau die DDR-Hymne gesungen wurde? „Es handle sich um die Hymne eines Staates, der politische Gegner verfolgte“, schreibt dazu die Tagesschau, in völliger Verkennung der Geschichte der anderen Hymne wie der deutschen Gegenwart, und zitiert Kanzleramtsminister Frei, der das „extrem befremdlich“ finde.
Dabei ist die Westhymne auch nicht ohne, man tut nur immer erfolgreich so, als wäre dem nicht so. Unter Adenauer wollte man sich irgendwie nicht die Mühe machen, ein neues Lied zu finden, schließlich konnte man die Melodie ja schon, und hat in dem Lied von Hoffmann von Fallersleben nur die Strophe ausgetauscht, nun eben die dritte statt der ersten, die die Nazis als Nationalhymne spielten.
Weshalb man mindestens bezogen auf die Melodie erklären kann, diese Behauptung, zu einem Staat zu gehören, der politische Gegner verfolgte, träfe noch weit mehr auf die andere Hymne zu, wobei die erste Strophe trotz dieser Geschichte nicht verboten ist, im Gegensatz zu gewissen Wortkombinationen. Dazu kommt dann noch, dass Hoffmann von Fallersleben ein Anhänger der Revolution von 1848 war (und der großdeutschen Variante, wie der Text ebender ersten Strophe verrät), die Melodie, auf die sein Text bzw. heute dessen dritte Strophe gesungen wird, aber von Haydn zu Ehren eines Habsburg-Kaisers komponiert wurde; zwei Teile, die nicht wirklich zusammenpassen.
Übrigens fanden das damals, 1951, als diese Hymne wieder auftauchte, auch in der BRD nicht alle lustig. Auch die Sozialdemokraten nicht, die irgendwie unpraktischerweise die Erinnerung an die zwölf verdrängten Jahre nicht völlig loswerden konnten, während Adenauer die ganzen Nazibeamten wieder in den Staatsapparat holte. Die zumindest hatten dann beim Mitsummen keine Probleme.
1990 gab es, auch das wird mittlerweile verdrängt, durchaus eine Debatte, ob nicht bei einer Wiedervereinigung eine neue, gemeinsame Hymne angebracht sei. Im Gespräch war damals die Kinderhymne von Bertolt Brecht. Ein Text, der heute in einem schmerzlichen Kontrast zur deutschen Gegenwart stünde. Dafür genügt ein kurzes Zitat aus der zweiten Strophe:
„Und weil wir dies Land verbessern
Lieben und beschirmen wir’s
Und das liebste mag’s uns scheinen
So wie andern Völkern ihrs.“
Aber es war keine Wiedervereinigung, und das wurde auch dadurch unterstrichen, dass die beim besten Willen nicht „unbelastete“ Westhymne dann zur Hymne des gesamtdeutschen Staates wurde. Während also die Geschichte dieser Hymne, so wie die wahre Geschichte der naziverseuchten Bundesrepublik, gründlich unter den Teppich gekehrt wurde, wurde die DDR-Hymne (definitiv die schönere von beiden) Anathema und wird, wie man es auch an den aktuellen Reaktionen sehen kann, behandelt, als stünde sie für mehr Blut und Schrecken und Gewalt als die Haydn-Melodie.
Die Tagesschau berichtet, es sei der Kabarettist Uwe Steimle gewesen, der auf Tino Chrupallas Aufforderung, zum Abschluss der Veranstaltung die Hymne anzustimmen, mit „Auferstanden aus Ruinen“ begann. Und Chrupalla habe sich erst gewundert und dann doch eingestimmt, und danach sei auch die andere Hymne noch gesungen worden.
Was dann die Frage aufwirft, wo da der Skandal liegen soll, schließlich kam ja auch der Westteil der Republik noch zu seinem Recht. Allein in der Tatsache, dass sich noch Menschen an jene andere Hymne erinnern? Oder zunehmend an sie erinnert werden, während die Deindustrialisierung das Land fest im Griff hat und die Regierung für die Aufrüstung die sozialen Errungenschaften zerschlägt? „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt, lass uns dir zum Guten dienen, Deutschland einig Vaterland.“ Klingt nicht wirklich nach einer schlechten Losung, oder? Irgendwie eher wie das, was man sich herbeiwünscht. Wobei beide Texte, die Hymne von Johannes R. Becher ebenso wie die Kinderhymne von Brecht, ein klares Verhältnis zum eigenen Land definieren, das ein fürsorgliches, ein dienendes ist. Darf man gar nicht mehr aussprechen, sowas. Dazu kann man nur noch „Ahrtal“ sagen.
Nein, allzu große Bedeutung hatte dieser Moment nicht, auch wenn die Mainstreammedien gerade tief in den antikommunistischen Schützengraben kriechen; in dem kann sie großen Teilen der AfD begegnen, die da Fleisch vom Fleische der CDU bleibt. Eigentlich war er nur die Anerkenntnis, dass es diesen anderen Staat gegeben hat und dass er trotz aller Bemühungen eben nicht aus der Erinnerung gelöscht ist. Aber selbst, wenn man wahrnehmen muss, dass die Erinnerung an die andere Hymne eben nicht auf Chrupallas Mist gewachsen ist – so elend ist der Umgang des Westens mit der DDR und allem, was mit ihr zu tun hatte, dass selbst solch ein einfacher Akt schon eine Befreiung ist, wenn auch nur eine kleine und womöglich eine unbeabsichtigte.
Wenn dieses deutsche Land nach all der Kriegstreiberei und dem Kampf gegen jede Art der Völkerverständigung oder gar Diplomatie, nach diesen Jahren der hemmungslosen, die Grundlagen der eigenen Existenz zerstörenden Hybris je wieder heilen soll, wird es genau den Geist brauchen, für den die beiden anderen Hymnen stehen, die verschmähte von Brecht und die verleugnete von Becher. So, wie es in der zweiten Strophe der Hymne der DDR heißt:
„Wenn wir brüderlich uns einen
schlagen wir des Volkes Feind.
Laßt das Licht des Friedens scheinen,
daß nie eine Mutter mehr
ihren Sohn beweint.“
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