Von Olga Samofalowa
Der US-Präsident teilte in einer Erklärung den Abschluss des Abkommens mit Venezuela mit und bezeichnete es als „das größte Ölgeschäft der Weltgeschichte“. Laut Trump wurde diese Vereinbarung auf seine Anweisung hin unter Beteiligung des US-Außenministers Marco Rubio und des Kriegsministers Pete Hegseth ausgehandelt. Der US-Präsident wies darauf hin, dass die Verhandlungen in enger Abstimmung mit Venezuelas Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez und unter Beteiligung privater Unternehmen geführt worden seien.
Nach Angaben des Chefs des Weißen Hauses werde das Abkommen es den USA ermöglichen, ihre eigenen Ölreserven mehr als zu verdoppeln und das Ölangebot auf dem US-Markt erheblich zu steigern. Dies werde nach Ansicht Trumps langfristig zu einem spürbaren Rückgang der Benzinpreise für die US-Verbraucher führen.
„Dieses historische Abkommen wird die US-Ölreserven mehr als verdoppeln, unsere Öllieferungen erheblich steigern und die Benzinpreise für alle Amerikaner über viele Jahre hinweg deutlich senken“, erklärte der Präsident. Dabei legte der amerikanische Staatschef jedoch keine finanziellen oder rechtlichen Einzelheiten des Abkommens offen, darunter den Mechanismus zur Übertragung der Kontrolle über die Ölreserven und den Anteil, der US-Unternehmen zufallen wird.
Darüber hinaus habe Venezuela mit den US-Vertretern einen möglichen Austritt aus der OPEC erörtert, wie die westliche Presse unter Berufung auf ihre Quellen berichtet. Wie in den Veröffentlichungen angemerkt wird, würde dies Venezuela erstens ermöglichen, die Ölförderung ohne Berücksichtigung der von der Organisation festgelegten Beschränkungen zu steigern. Zweitens würden dadurch die Voraussetzungen dafür geschaffen, internationale Investoren verstärkt für den Wiederaufbau der venezolanischen Ölindustrie zu gewinnen.
Allerdings stellen die riesigen Ölvorkommen Venezuelas nach wie vor eine Herausforderung bei der Erschließung dar, und es ist derzeit nicht möglich, alle Vorteile eines OPEC-Austritts voll auszuschöpfen.
Igor Juschkow, leitender Analytiker des Fonds für nationale Energiesicherheit (FNES) und Oberdozent am Lehrstuhl für Politikwissenschaft der Finanzuniversität bei der Regierung der Russischen Föderation, erläutert:
„Erstens muss Venezuela weder aus der OPEC noch aus dem OPEC+-Abkommen austreten, weil das Land tatsächlich keinen Förderquoten unterliegt. Ja, das Land ist zwar Teil dieses Abkommens, doch die Quoten gelten weder für Venezuela noch für Libyen und Iran. Sie können ihre Fördermengen nach Belieben steigern. Allerdings steigert Venezuela seine Fördermenge nur sehr langsam. Warum gibt es dort keinen sprunghaften Anstieg? Weil die Förderkosten hoch sind und Investoren nicht gerade Schlange stehen, um sich an venezolanischen Projekten zu beteiligen, auch wenn die USA die Sanktionen aufheben. Einige Lagerstätten sind erschöpft, andere sind schlicht schwer zu erschließende Vorkommen bituminöser Gesteine und Ähnliches.“
Obwohl Venezuela weltweit über die größten Erdölreserven verfügt, gab es dort noch nie eine hohe Fördermenge. Der historische Förderrekord wurde 1998 verzeichnet und belief sich auf lediglich 3,4 Millionen Barrel pro Tag. Im Juli 2026 wurde die venezolanische Fördermenge auf 1,16 bis 1,25 Millionen Barrel pro Tag geschätzt; dies entspricht zwei Dritteln der früheren Fördermenge, die bereits vor langer Zeit zurückgegangen war. Damit Venezuela seine Fördermenge rasch steigern und diesen alten Rekord übertreffen kann, müssten Investoren Dutzende Milliarden US-Dollar investieren – in dem Wissen, dass sie dieses Geld möglicherweise nicht zurückbekommen.
Michail Wakiljan, Experte des Instituts für die Entwicklung von Technologien im Brennstoff- und Energiesektor (IRTTEK), erklärt:
„Mit zusätzlichen Millionen Barrel in kurzer Zeit würde ich nicht rechnen. Rystad Energy schätzt das Potenzial, das sich durch relativ schnelle Reparaturen, die Wiederinbetriebnahme stillgelegter Bohrungen und die Beseitigung von Engpässen erschließen lässt, auf rund 300.000 bis 400.000 Barrel pro Tag. Danach sieht die wirtschaftliche Rechnung völlig anders aus. Eine Rückkehr zu einer Förderung von rund drei Millionen Barrel pro Tag könnte innerhalb von 10 bis 15 Jahren Investitionen von mehr als 150 Milliarden US-Dollar erfordern.“
Die hohen Kosten venezolanischer Projekte bergen Risiken, da die Marktpreise zu dem Zeitpunkt, an dem die Projekte tatsächlich in Betrieb gehen, bereits zu niedrig sein könnten. Wakiljan erläutert:
„Der Break-even-Preis vieler großer venezolanischer Projekte wird auf 70 bis 80 US-Dollar je Barrel oder mehr geschätzt. Berücksichtigt man zusätzlich die Länder- und Rechtsrisiken, könnten die Anforderungen der Investoren noch höher ausfallen. Daher sollte man die US-Ankündigungen zu Investitionen vorerst eher als Absichtserklärungen verstehen. Ob sie tatsächlich umgesetzt werden, hängt von den Ölpreisen, der Gesetzgebung, dem Steuersystem und den Eigentumsgarantien ab.“
Aus Sicht der Investoren, so Juschkow, sei es besser, abzuwarten, bis die Straße von Hormus wieder frei ist, oder sich die Lage in Teheran so weit verändert, dass die USA die Sanktionen gegen Iran aufheben und Investitionen in die iranische Ölförderung möglich werden.
Der FNES-Experte erklärt:
„In Iran sind die Kosten der Ölförderung wesentlich niedriger als in Venezuela, und Investoren werden sich dort mit weitaus größerer Bereitschaft engagieren.
Wer dagegen Geld in die komplizierten venezolanischen Projekte mit ihren hohen Förderkosten steckt, läuft ein viel zu großes Risiko, seine Investitionen zu verlieren. Genau das schreckt Investoren von Venezuela ab – und nicht eine vermeintliche OPEC-Quote.“
Wakiljan ist jedoch der Ansicht, dass die USA dieses Spiel um den Austritt Venezuelas aus der OPEC nicht ohne Grund ins Rollen gebracht hätten. Er erklärt:
„Für Washington geht es bei diesem Schritt um langfristige Ziele. Die USA wollen die Möglichkeit erhalten, die venezolanische Ölförderung wiederherzustellen, ohne das Risiko einzugehen, dass diese in einigen Jahren aufgrund von Kartellbeschlüssen erneut gedrosselt werden muss. Gleichzeitig erhalten sie eine unter ihrer Kontrolle stehende Quelle für Schweröl in der Nähe ihrer Raffinerien an der Küste des Golfs von Mexiko, von denen viele technologisch sehr gut auf genau diese Art von Rohöl ausgelegt sind. Politisch ist dies zudem ein weiterer Schlag gegen die Fähigkeit der OPEC, das Angebot zu koordinieren.“
Juschkow ist der Ansicht:
„Die Amerikaner versuchen damit höchstwahrscheinlich nicht, Investoren nach Venezuela zu locken. Vielmehr sieht es danach aus, dass die USA damit ihre Misserfolge im Nahen Osten auf dem Markt kompensieren wollen. In Iran haben sie ihr Ziel verfehlt, die Straße von Hormus ist blockiert, die Preise bleiben hoch – und jetzt versuchen die USA, die Situation mithilfe Venezuelas etwas zu korrigieren und zumindest einen Teil der ausfallenden Ölmengen aus dem Nahen Osten zu ersetzen.“
Seiner Ansicht nach werden die USA, solange die Straße von Hormus geschlossen bleibt, die strategischen Reserven schwinden und die Preise weiter steigen, versuchen, die Preise auf diese Weise nach unten zu drücken. Zunächst würden Gerüchte über einen Austritt Venezuelas aus der OPEC kursieren, dann Berichte über eine erwartete Steigerung der venezolanischen Fördermengen und so weiter.
Juschkow argumentiert:
„Für die USA ist es insgesamt vorteilhafter, wenn in ihrer Nähe mehr Öl gefördert wird und im Nahen Osten weniger. Denn Venezuela, Guyana, Kanada und Mexiko haben sie weitaus stärker unter Kontrolle als den Nahen Osten.“
Unterdessen könnte der Austritt Venezuelas aus der OPEC und dem OPEC+-Abkommen Konsequenzen haben. Erstens gehört Venezuela zu den fünf Ländern, die im Jahr 1960 die OPEC gründeten. Aufgrund der Wirtschaftskrise und der Sanktionen nahm der Einfluss des Landes auf die Organisation jedoch ab. Doch selbst der Austritt Venezuelas könnte andere Mitglieder zu einem ähnlichen Schritt veranlassen. Zweitens sind in diesem Jahr bereits die Vereinigten Arabischen Emirate aus der OPEC ausgetreten. Für sie galten tatsächlich Förderbeschränkungen, zugleich verfügen sie über Möglichkeiten, ihre Produktion zu steigern. Als weiterer möglicher Austrittskandidat gilt der Irak, auch wenn die irakischen Behörden entsprechende Berichte bislang nicht offiziell bestätigt haben.
Juschkow meint:
„Sollte Venezuela wirklich aus der OPEC und dem OPEC+-Abkommen austreten, würde dies den Zerfall des gesamten OPEC+-Abkommens und letztlich auch der OPEC beschleunigen.
In diesem Fall würde jedes Land seine Ölförderung so weit wie möglich steigern, es käme zu einem Überangebot auf dem Markt und die Preise würden sinken. Allerdings ergibt es derzeit keinen Sinn, einen Austritt aus dem Abkommen anzukündigen, da man wegen der Sperrung der Straße von Hormus von den Folgen eines Zerfalls der Organisation ohnehin nicht profitieren könnte. Doch nach der Wiedereröffnung der Straße von Hormus wäre dies durchaus denkbar.“
Wakiljan erklärt:
„In nächster Zeit wird die Wirkung dieser Entscheidung vor allem psychologischer Natur sein. Für den Weltmarkt ergibt sich das größte Risiko auf mittlere Sicht. Sollte Venezuela seine Förderung tatsächlich dauerhaft um Hunderttausende Barrel steigern und der Austritt des Landes zugleich die weitere Schwächung der OPEC-Disziplin beschleunigen, würde der Druck auf die Preise spürbar zunehmen.“
Für Russland wäre ein solches Szenario aus zwei Gründen eher ungünstig: wegen des zusätzlichen Angebots, das in einigen Jahren auf den Markt kommen könnte, und wegen einer weiteren Schwächung der Fähigkeit von OPEC+, den Markt zu steuern, meint der Experte.
Wakiljan kommt zu dem Schluss:
„Dabei ist die direkte Konkurrenz zwischen russischem und venezolanischem Öl geringer, als es auf den ersten Blick scheint, da ein erheblicher Teil der schweren venezolanischen Ölsorten ohnehin auf die Verarbeitung in US-Raffinerien ausgerichtet ist. Für Russland sind daher ein möglicher Rückgang des weltweiten Ölpreis-Benchmarks und eine Schwächung des Systems zur Koordinierung der Produzenten wichtiger als das Auftreten venezolanischen Öls als unmittelbarer Konkurrent.“
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 29. August 2026 auf der Website der Zeitung „Wsgljad“ erschienen.
Olga Samofalowa ist Wirtschaftsanalystin bei der Zeitung „Wsgljad“.
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