Von Olga Samofalowa

Russland nutzt die Nordostpassage zunehmend für den Export seines Erdöls. Laut der Nachrichtenagentur Bloomberg sind Lieferungen über die Nordostpassage in den warmen Sommermonaten zwar mittlerweile an der Tagesordnung, doch wurden die Fahrten in Richtung Norden in dieser Saison früher begonnen und werden umfangreicher ausfallen als in den Vorjahren.

Sechs Schiffe, die in diesem Jahr eine derartige Überfahrt antreten, übertreffen in dieser Hinsicht einen Öltanker, der im Juli letzten Jahres gen Norden gestartet war.

Ein Tanker, die Bris (Briese), hat bereits mehr als die Hälfte der Strecke durch die Laptewsee entlang der russischen Arktisküste zurückgelegt. Er wird von einem atomgetriebenen Eisbrecher begleitet. Fünf weitere Tanker befinden sich im Hafen von Dikson, unweit der Eisfelder. Zwei Eisbrecher bahnen sich derzeit einen Weg durch das Eis. Diese Schiffe befinden sich etwa 1.000 Seemeilen östlich von Murmansk und Primorsk, wo das Erdöl geladen wurde.

Dabei erhöht die Arktisroute zwar nicht das Gesamtvolumen der russischen Exporte, doch durch die kürzeren Lieferzeiten können die Schiffe schneller zurückkehren, um neue Ladungen aufzunehmen, wodurch mehr Schiffe für den Öltransport zur Verfügung stehen.

Dies trage auch dazu bei, Spannungen im Roten Meer zu vermeiden, wo die jemenitischen Huthi eine Seeblockade gegen Saudi-Arabien verhängt haben, so die Nachrichtenagentur. Im Ergebnis liegt der Rohölexport aus Russland nun bereits die fünfte Woche in Folge über vier Millionen Barrel pro Tag. Laut Bloomberg-Schätzungen hat Russland im letzten Monat mit dem Ölexport auf dem Seeweg 1,61 Milliarden US-Dollar pro Woche eingenommen. Igor Juschkow, leitender Analyst des Fonds für nationale Energiesicherheit und Dozent am Lehrstuhl für Politikwissenschaft der Finanzuniversität bei der Regierung der Russischen Föderation, erklärt:

„Den Zahlen nach zu urteilen, handelt es sich hier ausschließlich um Lieferungen von Rohöl ohne Gaskondensat und Erdölprodukte. Denn Russland exportiert in der Regel etwa sieben Millionen Barrel pro Tag, und wenn man nur den Export von Rohöl betrachtet, ergibt sich genau diese Menge von vier Millionen Barrel pro Tag.“

Seinen Angaben zufolge kann von enormen Exportmengen über die Nordostpassage keine Rede sein. Die Hauptmengen würden nach wie vor über die Häfen der Ostsee und des Schwarzen Meeres abgewickelt. Der Experte betont:

„Diese ganze Geschichte mit dem Roten Meer hat überhaupt nichts mit uns zu tun, denn die jemenitischen Huthi blockieren den Transport russischen Erdöls nicht. Selbst als sie das letzte Mal versuchten, das Rote Meer zu sperren, wurde ausdrücklich erklärt, dass russische und chinesische Schiffe mit jeglicher Ladung ungehindert passieren dürfen. Andere Schiffe haben sogar versucht, sich als unsere Schiffe auszugeben, damit man sie in Ruhe lässt. Deshalb spielen die jemenitischen Huthi in dieser Angelegenheit mit dem arktischen Erdöl keinerlei Rolle.“

Warum ist die Nordostpassage dann so beliebt geworden? Juschkow meint:

„Das Hauptproblem dabei ist, dass die Ukraine im Schwarzen Meer Jagd auf unsere Tanker macht. Und für Öltanker, die aus der Ostsee kommen, gibt es eine weitere Bedrohung – nämlich die Europäer, die regelrecht Piraterie betreiben und unsere Tanker im Ärmelkanal blockieren und aufhalten. Aber es geht auch hier nicht darum, dass wir das Erdöl physisch nicht ausführen können. Das ist nicht der Fall. Aber das wirkt sich auf die Fracht- und Versicherungskosten aus. Deshalb wird die Arktisroute aufgrund der wirtschaftlichen Risiken attraktiver.“

Seiner Meinung nach stamme der Großteil des Erdöls, das über die Nordostpassage transportiert wird, vom Warandei-Terminal der Firma Lukoil in der Barentssee. Juschkow sagt:

„Ich denke, man kann davon ausgehen, dass sich der Trend zu höheren Transportvolumina auf der Nordostpassage im August, September und bis Mitte Oktober fortsetzen wird. Erstens ist dies der günstigste Zeitraum für die Durchfahrt durch den östlichen Teil der Nordostpassage, da dann die Eisbelastung am geringsten ist. Zweitens machen teure Versicherungen und steigende Frachtkosten auf alternativen Routen die Nordostpassage wettbewerbsfähiger.

Das heißt, es ist nicht so, dass die Nordostpassage irgendwie radikal besser geworden wäre als früher, vielmehr hat die Verschlechterung der Lage auf anderen Routen dazu beigetragen.“

Die Arktisroute sei deutlich kürzer als die traditionellen Routen nach Asien, bemerkt Nikolai Dudtschenko, Analyst bei der Finanzgruppe Finam. Er erklärt:

„Auf der Strecke Murmansk–Shanghai beträgt die Entfernung über die Nordostpassage beispielsweise etwa 7.300 Kilometer, während sie über den Suezkanal mehr als 11.000 Kilometer beträgt. Dementsprechend dauert die Überfahrt von Murmansk nach Shanghai etwa 18 Tage, während sie über den Suezkanal 37 Tage in Anspruch nimmt.“

Der Hauptabnehmer sowohl der arktischen Ölsorten als auch der Urals-Sorte, die über die Nordostpassage geliefert werden, ist natürlich China.

Allerdings gebe es nach wie vor keine ganzjährige Schifffahrt auf der Nordostpassage, weshalb die Kosten auf der arktischen Route mit Beginn des Winters steigen würden, bis sie irgendwann ihre Wettbewerbsfähigkeit verlieren, so Juschkow.

Ein zentrales Problem sei derzeit der Mangel an Schiffen, fügt Dudtschenko hinzu. In der Arktis-Direktion des russischen Staatskonzerns Rosatom wurde darauf hingewiesen, dass Russland zur Erreichung des Ziels eines Frachtumschlags von 100 Millionen Tonnen pro Jahr auf der Nordostpassage etwa 60 bis 100 Schiffe der Klasse Arc7 benötigen könnte. Juschkow fasst zusammen:

„Eine radikale Veränderung des Verkehrsaufkommens auf der Nordostpassage wird es höchstwahrscheinlich erst nach dem Start des Projekts Vostok Oil geben, das buchstäblich in der Mitte der Nordostpassage liegt. Von diesem Projekt aus wird auf jeden Fall Erdöl abtransportiert werden müssen, und es spielt keine Rolle, ob nach Osten oder nach Westen. In jedem Fall wird dies als Transport über die Nordostpassage gelten.“

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 30.  Juli 2026 auf der Website der Zeitung Wsgljad erschienen.

Olga Samofalowa ist Wirtschaftsanalystin bei der Zeitung Wsgljad.

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