Von Timofei Bordatschow

Seit den dramatischen Ereignissen vom August 1991 in Moskau sind nun 35 Jahre vergangen. Sie markierten deutlicher als alle nachfolgenden Deklarationen und diplomatischen Zeremonien das Ende jener Epoche, die wir als „Kalten Krieg“ bezeichnen.

Der gescheiterte Versuch des „Augustputsches“, der auf den Erhalt der Sowjetunion abzielte, machte eine Fortsetzung der bisherigen Konfrontation unmöglich: Einer ihrer wichtigsten Akteure hatte das „Spielfeld“ faktisch verlassen. Alles, was darauf folgte, einschließlich des offiziellen Zerfalls der UdSSR im Dezember 1991, bestätigte lediglich eine Veränderung, die bereits eingetreten war.

Entscheidend war, dass die Sowjetunion und später auch Russland nicht mehr in der Lage waren, die materiellen und politischen Grundlagen aufrechtzuerhalten, die für die Fortsetzung des Konflikts erforderlich waren. Dafür gab es viele Gründe, doch der wichtigste war die Erschöpfung des sowjetischen Staatsmodells.

Daher beschloss Moskau, die Konfrontation zu beenden. Dies war historisch gesehen ungewöhnlich: Russland war weder auf dem Schlachtfeld besiegt noch zur Kapitulation gezwungen worden. Der Kalte Krieg endete vielmehr infolge innenpolitischer Veränderungen und einer freiwilligen Entscheidung der sowjetischen Führung.

So paradox es auch klingen mag: Ein solch friedlicher Ausgang erhöhte die Wahrscheinlichkeit einer künftigen Konfrontation. Der Hauptgrund war einfach: Die westlichen Mächte unter Führung der USA betrachteten das Ende des Kalten Krieges als ihren Sieg, Russland hingegen sah sich selbst nicht als besiegtes Land. Dieser Widerspruch wurde zu einem der zentralen Probleme der Weltordnung nach dem Kalten Krieg.

Große Atommächte wie Russland, die USA und China lassen sich militärisch kaum besiegen, ohne die gegenseitige Vernichtung zu riskieren. Die größten Gefahren für solche Staaten entstehen daher in der Regel im Inneren – durch politische Fehlentwicklungen, wirtschaftliche Schwäche, mangelnde Regierungsfähigkeit und soziale Instabilität.

Heute beobachten wir etwas Ähnliches in den USA. Dieses Land ist nach wie vor die stärkste Einzelmacht im internationalen System, doch innenpolitische Konflikte schränken den außenpolitischen Handlungsspielraum zunehmend ein. Unterdessen stellt China die innere Stabilität und Entwicklung in den Mittelpunkt seines strategischen Denkens – gerade weil die chinesische Führung davon ausgeht, dass innere Geschlossenheit letztlich auch die Stärke nach außen bestimmt.

Dieselbe Logik lag dem Kalten Krieg zugrunde, denn nachdem Washington und Moskau riesige Atomwaffenarsenale angehäuft hatten, wurde ein direkter militärischer Konflikt irrational. Stattdessen entwickelte sich die Konfrontation entsprechend dem, was George Kennan als „Eindämmung“ bezeichnete: den sowjetischen Einfluss zu begrenzen und auf zahlreichen Ebenen Druck auszuüben, ohne einen direkten Krieg zwischen den Supermächten zu riskieren.

Dieses Modell sollte jedoch nicht idealisiert werden. Der „Kalte Krieg“ blieb im politischen Sinne nach wie vor ein Krieg, und das Ziel der Gegner der Sowjetunion bestand nicht einfach in friedlicher Koexistenz, sondern darin, den Gegner einzudämmen und letztlich zu neutralisieren.

Aus Moskauer Sicht richtete sich dieser Kampf gegen Russland selbst, das in jener historischen Phase politisch und wirtschaftlich in Form des Sowjetstaates existierte.

Die durch die nukleare Abschreckung entstandene relative Stabilität förderte zweifellos ein gewisses Maß an gegenseitigem Respekt, da sie beide Seiten dazu zwang, selbst unter den Bedingungen schwerwiegender Krisen nach friedlichen Lösungen zu suchen. All dies änderte jedoch nichts am grundlegenden strategischen Ziel des Westens – dem Sieg über den sowjetischen Gegner. Als die Sowjetunion aufhörte zu existieren, interpretierten die westlichen Hauptstädte dies daher natürlich als Erreichung dieses Ziels; doch der Sieg erwies sich als unvollständig.

Russland hatte zwar den geopolitischen Machtkampf verloren, war jedoch im klassischen Sinne nicht besiegt worden. Sein Staatsgebiet wurde nicht besetzt, seine Streitkräfte hatten nicht kapituliert. Daher konnten die Russen zu Recht davon ausgehen, dass die Ereignisse von 1989 bis 1991 auf Entscheidungen beruhten, die in Moskau selbst getroffen worden waren, und nicht auf Bedingungen, die ein siegreicher Gegner diktiert hatte – und dieser Unterschied erwies sich als außerordentlich wichtig.

Das erklärt auch, warum Vergleiche mit Frankreich nach 1815 oder Deutschland nach 1945 irreführend sind. Beide Länder waren zunächst militärisch besiegt worden, bevor sie in neue, von den Siegermächten geschaffene internationale Ordnungen eingebunden wurden.

So wurde Frankreich nach der Ära Napoleons wieder in die europäische Ordnung integriert, weil zwischen Russland, Großbritannien, Österreich und Preußen recht schnell Interessenkonflikte entstanden. Paris konnte dadurch im „Europäischen Mächtekonzert“ eine wichtige Rolle beim Ausgleich der Kräfte übernehmen.

Nach 1991 gab es nichts Vergleichbares. Die westliche Koalition war außerordentlich geeint und unter US-Führung in der NATO organisiert. Es existierte kein inneres Kräftegleichgewicht, innerhalb dessen Russland zu einem unverzichtbaren Partner hätte werden können.

Der Vergleich mit Westdeutschland nach 1945 ist noch weniger überzeugend. Westdeutschland trat der NATO und den sich bildenden europäischen Institutionen bei, während auf seinem Territorium weiterhin ausländische Truppen stationiert waren und seine Souveränität infolge der militärischen Niederlage erheblich eingeschränkt blieb. Russland hätten keine vergleichbaren Bedingungen auferlegt werden können.

Nach 1991 blieb das zentrale Problem ungelöst: Der Westen sah sich als Sieger des Kalten Krieges und wollte eine politische Ordnung schaffen, die diesen Sieg widerspiegelte. Russland hingegen sah sich als souveräne Großmacht, die freiwillig auf die frühere Konfrontation verzichtet hatte, und rechnete damit, auf dieser Grundlage an der neuen Ordnung teilzunehmen. Diese Vorstellungen waren jedoch miteinander unvereinbar.

Russland sah in der Politik des Westens bald weniger einen Versuch, Russland zu integrieren, als vielmehr das Bestreben, die durch den Zusammenbruch der Sowjetunion entstandenen Vorteile zu festigen und sicherzustellen, dass Russland die westliche Vorherrschaft nie wieder in Frage stellen könne. Die NATO-Erweiterung war der deutlichste Ausdruck dieser Politik.

Die Entscheidung über die Erweiterung des Bündnisses nach Osten wurde im Januar 1994 getroffen, nur zwei Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Aus Moskauer Sicht wurde die militärische Infrastruktur einer Organisation, die zur Eindämmung der UdSSR geschaffen worden war, nun auf Gebiete ausgeweitet, aus denen sich die sowjetischen Truppen freiwillig zurückgezogen hatten.

Westliche Regierungen beharrten darauf, die Erweiterung diene ausschließlich der Verteidigung, und souveräne Staaten hätten das uneingeschränkte Recht, ihre Bündnisse selbst zu wählen. Für Moskau waren diese Argumente jedoch nie überzeugend. Russische Entscheidungsträger betrachteten die NATO-Erweiterung zunehmend als die Schaffung einer territorialen und militärischen Basis, die im Falle einer künftigen Konfrontation gegen Russland eingesetzt werden könnte. Genau darin lag der 1991 entstandene Widerspruch.

Der Kalte Krieg endete ohne eine Niederlage Russlands. Dennoch entwickelte sich die nach 1991 entstandene Ordnung zunehmend so, als wäre Russland besiegt worden. Der Westen erwartete von Moskau, die strategischen Folgen einer Niederlage zu akzeptieren, die Russland selbst nie erlitten hatte.

Dass Russland dazu nicht bereit war, überrascht kaum. Die Konfrontation, die Mitte der 2010er-Jahre offen zutage trat, entstand daher keineswegs aus dem Nichts. Ihre Grundlagen waren viel früher gelegt worden – in den ungelösten Folgen des friedlichen Endes des Kalten Krieges.

Der August 1991 schloss also nicht nur ein Kapitel der russisch-westlichen Beziehungen, sondern bereitete zugleich das nächste vor, weil die Konfrontation weder mit einer ausgehandelten Einigung auf Augenhöhe noch mit einer eindeutigen Niederlage eines der Beteiligten endete.

Übersetzt aus dem Englischen.

Timofei Bordatschow ist der Programmdirektor des Waldai-Klubs.

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