Von Dagmar Henn

Die britische Daily Mail ist eine konservative Boulevard-Zeitung, bei der es ein wenig erstaunt, wenn sie sich in die Archive des Pentagons begibt. Nichtsdestotrotz hat sie das vor einigen Tagen getan und aus alten Akten Menschenversuche des Pentagons ausgegraben. Der Hintergrund dafür dürfte ein Artikel sein, in dem sie sich mit einem Verdacht befasste, der heute einige Menschen umtreibt.

Die Versuche, von denen das Blatt berichtet, liegen schon einige Zeit zurück; sie fanden in den 1950er-Jahren statt. Darum sind die Unterlagen darüber auch mittlerweile freigegeben – über aktuelle Gegenstücke kann man nur Vermutungen anstellen.

Einer der Versuche nannte sich Projekt Bellwether. Der Abschlussbericht stammt aus dem Jahr 1960, umfasst 69 Seiten und wurde im Jahr 1999 freigegeben. Die US-Gesetzgebung sieht vor, dass ein Dokument alle fünf Jahre eine Geheimhaltungsstufe verliert; so werden selbst streng geheime Dokumente nach einigen Jahrzehnten zugänglich. Allerdings – nur ein Teil davon wird auch für die Öffentlichkeit entsprechend aufgearbeitet, sodass selbst Vorfälle, die bestens dokumentiert sind, oft nur einen kleinen Teil der Öffentlichkeit erreichen.

Bei Project Bellwether ist das der Fall. Es geht hier um Versuche, die Übertragung von Krankheiten durch Mücken und andere Insekten zu provozieren, um festzustellen, ob sich diese als Kriegswaffe eignen. Die Versuche fanden zu einem guten Teil an der US-Bevölkerung statt – andere Dokumente belegen allerdings, dass beispielsweise in Indien ähnliche Experimente durchgeführt wurden.

Glücklicherweise wurde mit den Dokumenten von Operation Bellwether nicht so vorgegangen, wie das in den Papieren selbst vorgesehen war. Dort steht nämlich: „Wenn dieses Dokument seinen Zweck erfüllt hat, sollte es zerstört werden. Es soll nicht an die ausgebende Stelle zurückgegeben werden.“

Insgesamt wurden, allein in diesem Versuch „52 Feldversuche zwischen dem 1. September und 9. Oktober 1959“ durchgeführt. Dabei wurde aufgezeichnet, wie viel der freiwilligen Versuchspersonen von den freigesetzten Mücken gestochen wurden. Das Militär war in diesem Fall nicht völlig zufrieden: „Der mittlere Prozentsatz der gestochenen Testsubjekte lag zwischen 60 und 70 Prozent.“

„Einige Anforderungen von offenkundiger Bedeutung wären realistische Vorhersagen der Zieleffektivität und der Verlustraten, auf denen letztlich Berechnungen zur erforderlichen Munitionsmenge basieren könnten“, so die Vorgabe des Pentagons.

Bei den eingesetzten Mücken der Art Aedes aegypti, die für Versuche über die Übertragung von Gelbfieber genutzt wurden, ging es insbesondere um die Aktivität zu verschiedenen Tageszeiten und um den Einfluss des Wetters auf den Verbreitungserfolg. Die Insekten wie die Erreger für die Versuche lieferte übrigens, was nicht überrascht, das berüchtigte US-Biowaffenlabor Fort Detrick. Das auch Empfänger der Auswertung dieser Versuche war.

Verglichen mit anderen Versuchen war Bellwether geradezu unschuldig. In den Jahren davor fanden bereits eine Reihe anderer Versuche, ebenfalls mit Aedes aegypti, statt, bei denen beispielsweise in Savannah, Georgia, 300.000 mit Gelbfieber infizierte Mücken über einem schwarzen Stadtviertel abgeworfen wurden, um herauszufinden, ob die Mücken ihr Ziel finden, wenn sie aus Flugzeugen freigesetzt werden.

Beleg für das „Finden“ war dann nichts anderes als eine Infektion mit Gelbfieber. Gelbfieber ist eine tropische Infektionskrankheit, die in 15 Prozent der Infektionsfälle schwere Nieren- und Leberprobleme auslöst, an denen bis zu 50 Prozent der Erkrankten versterben. Es gibt eine Impfung dagegen, die selbst als eine der am schwersten verträglichen Impfungen gilt und daher nur für Reisen in Gebiete in Westafrika oder Südamerika empfohlen wird, in denen das Infektionsrisiko hoch ist (wie im Amazonasgebiet). Es wird angenommen, dass sie sich durch den Sklavenhandel aus Westafrika nach Lateinamerika verbreitete.

Mücken waren nicht die einzigen Insekten, die als Überträger genutzt wurden. Die Pentagon-Experimente schlossen auch Läuse, Flöhe, Fliegen und Zecken mit ein. Die Tatsache, dass derartige Experimente stattfanden, Menschenversuche, bei denen die Versuchspersonen nichts von ihrem Glück wussten, eingeschlossen, wurde lange abgestritten. Die Daily Mail liefert eine Aufnahme eines Artikels aus dem Jahr 1982, in dem eine Sprecherin der CIA in Reaktion auf einen sowjetischen Bericht über die Existenz solcher Programme abstritt und ihn „sowjetische Propaganda“ nannte.

Eigenartigerweise soll, obwohl belegt ist, dass derartige Versuche über einen langen Zeitraum hinweg, mit unterschiedlichen Erregern und Überträgern, stattgefunden haben, das für die Gegenwart alles nicht mehr gelten. Auch wenn die Daily Mail Robert Malone, einen bekannten US-Virologen und Molekularbiologen, der einst an der Entwicklung von RNA-Impfstoffen gearbeitet hat und seit Corona in Verruf gebracht wurde, mit einem Verweis auf weitere Experimente in den 1960er-Jahren, bei denen in Virginia radioaktive Zecken freigesetzt wurden, zufällig in genau jener Gegend, in der die Lyme-Borreliose zuerst identifiziert wurde. Diese Freisetzung war Teil von Project 112, einem weiteren Pentagon-Programm, bei dem unter anderem mit Anthrax-Bakterien gespielt wurde, die auf Busbahnhöfen versprüht wurden, oder mit einer infektiösen Bakterie, die im New Yorker U-Bahn-Netz verteilt wurde.

Der Grund, warum die Daily Mail dieses Thema aufgriff und all die alten Daten in Erinnerung rief, sind jedoch nicht die unzähligen Biolabore in der Ukraine, die das Pentagon betrieben hat oder noch betreibt (die Bundeswehr hatte da auch ein paar Programme laufen); der Grund ist eine aktuelle Studie aus den USA, die bei vielen Ängste auslöst, weil die Realisierung des darin vorgeschlagenen Vorgehens vor dem Hintergrund dieser alten Akten sehr plausibel scheint. Die Daily Mail wollte sich mit der Erinnerung an die rücksichtslosen Versuche des Pentagons in der Vergangenheit vor Vorwürfen schützen, sie greife haltlose Behauptungen auf.

Dabei ging es um eine im Jahr 2025 an der Universität von West-Michigan veröffentlichte Studie zweier Forscher, die darin erklärten, die Gesellschaft habe eine moralische „Verpflichtung“, Zecken zu verbreiten, die eine Krankheit verbreiten, die eine Allergie gegen rotes Fleisch auslöst.

Die Krankheit gibt es tatsächlich, sie nennt sich Alpha-Gal-Syndrom. Alpha-Gal ist ein Zucker, der sich im Fleisch der meisten Säugetiere, in Milchprodukten und in Gelatine findet. Die durch die Infektion ausgelöste allergische Reaktion tritt mit Verzögerung auf, zwei bis sechs Stunden nach dem Verzehr der Nahrungsmittel, und reicht von Quaddeln und Erbrechen bis hin zum anaphylaktischen Schock; eine Reaktion, die nur durch völligen Verzicht auf Fleisch und Milchprodukte umgangen werden kann.

Der einzige Grund, den es gäbe, infizierte Zecken nicht zu verbreiten, zitiert die Daily Mail die beiden Forscher, sei, dass es derzeit keinen einfachen und effektiven Weg gebe, das in großem Maßstab zu tun.

„Aber es ist machbar, die Fähigkeit der Zecken, Krankheiten zu übertragen, genetisch zu verändern. Wenn wir recht haben, dann haben wir heute die Pflicht, die Fähigkeit von Zecken zur Übertragung von AGS zu erforschen und zu entwickeln, und morgen die Verbreitung vorzunehmen.“

Auch wenn diese Studie als „Gedankenexperiment“ bezeichnet wurde, und, wie die Daily Mail berichtet, eine heftige öffentliche Reaktion auslöste – in den letzten Monaten kursierten Videos von Schachteln voller Zecken, die angeblich von Flugzeugen aus abgeworfen sein sollen. Das können Inszenierungen sein, aber ebenso gut echte Aufnahmen.

Die Kernfrage ist: Kann man sich, solange Einrichtungen wie das Herz der US-Biowaffenforschung, Fort Detrick, weiterhin ohne jede internationale Überwachung arbeiten, auf Erklärungen verlassen, das sei alles „Verschwörungstheorie“? Genau so hätten auch die New Yorker in den 1960er-Jahren reagiert, hätte man ihnen gesagt, dass ihr eigenes Militär in ihrer U-Bahn die Verbreitungsrate infektiöser Bakterien an ihnen austestet.

Aktuell versucht Google gerade, einen Versuch genehmigt zu bekommen, bei dem 32 Millionen genetisch modifizierte Mücken in Kalifornien und Florida ausgesetzt werden sollen, angeblich, um die Zahl der Mücken zu verringern.

Wie man sieht, ist es nicht einfach, die Linie zwischen Vermutung und Wirklichkeit zu ziehen, und im Rückblick stellt sich oft heraus, dass die Wirklichkeit die Vermutungen noch übertraf. Gut, dass die Daily Mail das in Erinnerung gerufen hat.

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