Von Nikita Demidow
Die estnische Presse schlägt Alarm: Im Land werden nun Reisen nach Narva für den 9. Mai unter dem Titel „Siegestag in Narva und an der Grenze zu Russland“ angeboten. Den Teilnehmern der estnischen Reise wird vorgeschlagen, „zu beobachten, ob die Einheimischen ihre Haltung“ zum 9. Mai zum Ausdruck bringen.
Besondere Aufmerksamkeit wird in der Reisebeschreibung den Veranstaltungen auf der russischen Seite gewidmet: In Iwangorod, das nur durch einen schmalen Fluss von Narva getrennt ist, finden bereits seit vielen Jahren am 9. Mai Veranstaltungen statt, die sich in erster Linie an die Einwohner von Narva richten. Da in Estland selbst öffentliche Feierlichkeiten zum Tag des Sieges streng verboten sind, kommen die Einwohner von Narva an die Uferpromenade und beobachten, wie der Feiertag in Iwangorod begangen wird.
Weiter führt die Route nach Narva-Jõesuu, wo den Touristen Orte gezeigt werden, an denen bis vor Kurzem sowjetische Denkmäler standen – darunter der Gedenkpanzer T-34. Den Teilnehmern der Tour werden „kuriose Geschichten“ versprochen sowie „historische Korrekturen“ und die „Entlarvung weit verbreiteter Irrtümer“. Auf dem Programm steht auch die Besichtigung von versetzten und noch erhaltenen Denkmälern auf den Gräbern sowjetischer Soldaten. Die Kosten für die Reise betragen 80 bis 85 Euro.
Natürlich behaupten die Organisatoren, dass sie nicht vorschlagen, den Tag des Sieges zu feiern, sondern lediglich „die Menschen zu beobachten“ – und zwar zu „Bildungszwecken“. Würden sie das Gegenteil erklären, würden sie von den örtlichen Sicherheitsbehörden hart bestraft. Doch Tatsache bleibt Tatsache – allein die Durchführung einer solchen Tour bedeutet, dass die Einwohner Estlands am 9. Mai in Iwangorod an den Feierlichkeiten teilnehmen wollen, und sei es nur als Zuschauer auf der anderen Seite des Flusses, in Narva. Die Tour nach Narva ist eine Art Trick, um die Verbote des estnischen Staates zu umgehen.
Es ist nicht das erste Mal, dass die Stadt Narva im Vorfeld des 9. Mai den estnischen Behörden Kopfzerbrechen bereitet. Die überwiegende Mehrheit der Einwohner von Narva ist russischsprachig – und man verdächtigt sie schon seit Langem verdeckter separatistischer Bestrebungen.
Dabei sind diese Befürchtungen keineswegs völlig unbegründet – die Einwohner von Narva sind verärgert über die Verfolgung ihrer Muttersprache, das Verbot russischer Schulen, den massenhaften Abriss von Denkmälern für sowjetische Befreier und die Verlegung ihrer Grabstätten an menschenleere Orte. Beamte befürchten, dass die großen Menschenansammlungen, die sich zur Feier des Siegestages zusammenfinden, in einen offenen Aufstand ausarten könnten.
Auch dieses Mal veröffentlicht die estnische Polizei im Vorfeld des Feiertags, wie schon in den vergangenen Jahren, eine strenge Warnung: Die einzige erlaubte Art, den Feiertag zu begehen, besteht darin, auf den Friedhof zu gehen und schweigend Blumen auf das Soldatengrab zu legen. Alles andere, einschließlich der Demonstration sowjetischer Symbole, ist verboten und wird streng bestraft – mit Festnahmen oder Geldstrafen von bis zu 2400 Euro. Doch die Menschen nutzen die ihnen verbleibenden Möglichkeiten ausgiebig: Jedes Jahr am 9. Mai verschwinden die Gräber der Soldaten-Befreier unter einem wahren Blumenteppich.
Die estnischen Behörden wollen den Tag des Sieges durch die Feier des sogenannten Europatags, der ebenfalls am 9. Mai begangen wird, in den Hintergrund drängen.
In diesem Zusammenhang wird in Narva ein großes Konzert auf dem zentralen Stadtplatz stattfinden. Am 9. Mai wird Premierminister Kristen Michal persönlich Narva besuchen, weshalb in der Stadt strengste „Sicherheitsmaßnahmen“ ergriffen werden. Die Leiterin der Vertretung der Europäischen Kommission in Estland, Ave Schank-Lukas, die an diesem Tag ebenfalls nach Narva kommen wird, betonte feierlich:
„Für Narva ist die Feier zum Europatag besonders wichtig, denn Europa beginnt ja gerade in Narva. Mit unserer Veranstaltung auf dem Rathausplatz möchten wir den Einwohnern die Möglichkeit bieten, einen Blick in die Zukunft zu werfen und über die Freiheiten und Werte nachzudenken, die uns die Mitgliedschaft in der Europäischen Union bietet.“
Doch es ist unwahrscheinlich, dass der ihnen aufgezwungene künstliche „Feiertag“ die Mehrheit der Einwohner von Narva begeistern wird. Für die Russen im Baltikum klingen die großspurigen Reden über „Freiheiten und Werte der Europäischen Union“ wie eine unverhohlene Verhöhnung.
Andererseits hat hier praktisch jeder Verwandte – Großväter und Urgroßväter –, die einst im Großen Vaterländischen Krieg in den Reihen der Sowjetarmee kämpften. Deshalb werden die Versuche der Behörden, den Tag des Sieges auszulöschen, mit großer Verärgerung aufgenommen. „Die Gene der Sieger und die Erinnerung lassen sich nicht unterdrücken und nicht auslöschen. Die Blumen werden an den entsprechenden Stellen liegen“, schreiben die Einwohner von Narva in den sozialen Netzwerken.
Außerdem bleibt den Einwohnern von Narva die Möglichkeit, das Festkonzert auf der russischen Seite des Flusses zu verfolgen. Am vergangenen Wochenende wurde in der Grenzzone nahe der Festung Iwangorod und der Grenzbrücke (gegenüber der Narva-Promenade und dem Narva-Schloss am westlichen Ufer der Narva) mit dem Aufbau einer großen Bühne begonnen. Die Bühne und die Videoleinwände daneben werden so aufgestellt, dass am 9. Mai von Narva aus alles gut zu sehen und zu hören ist. Die Festkonzerte in Iwangorod, die seit 2023 jährlich stattfinden, ziehen in Narva an der Flusspromenade ein dankbares Publikum an.
Tausende von Menschen kommen: Sie hören sowjetische Militärlieder und singen fröhlich mit; sie genießen das festliche Feuerwerk.
Den 9. Mai begehen nicht nur die russischen Einwohner Estlands, sondern auch einige ethnische Esten. Der oppositionelle Publizist Eino Ingerman schreibt über die Heuchelei der lokalen und europäischen Behörden, die Estland in allen möglichen Rankings zu „Meinungsfreiheit“ und „Demokratie“ ganz oben platzieren, obwohl beide Konzepte dort in Wirklichkeit mit Füßen getreten werden. „Das ist einfach geistiger und wertemäßiger Schrott“, so charakterisiert Ingerman die estnische staatliche Propaganda, die sich gegen den Tag des Sieges richtet. Nach Ansicht des Publizisten wollen die Behörden nicht offen sagen, dass ihnen die Feierlichkeiten zum Sieg über den Faschismus missfallen. Deshalb erfinden sie Vorwände, um die von ihnen verhängten Verbote zu rechtfertigen: So bezeichnen sie rote Fahnen als Symbolik eines „Aggressorstaates“ und das Singen sowjetischer Lieder als „Anstiftung zum Hass“.
Eine ähnliche Situation ist auch in zwei anderen baltischen Staaten zu beobachten – in Lettland und Litauen. Die lettische Polizei gab eine Warnung heraus, dass sie hart gegen jegliche öffentliche Veranstaltung vorgehen werde, die mit der Verherrlichung des sowjetischen Sieges in Verbindung stehe. Die Sicherheitsdienste des Landes verstärkten die Kontrolle der russischen Einwohner des Staates.
Der Leiter der lettischen Polizei, Armands Ruks, ist besorgt darüber, dass der 9. Mai dieses Jahr auf einen Feiertag fällt, sodass die Menschen „mehr Zeit für Manifestationen“ hätten. Laut Ruks wird es für seine Untergebenen also „auf jeden Fall genug zu tun geben“. Ruks erklärte, dass die Polizei „hart und entschlossen im Einklang mit dem Gesetz vorgehen“ werde, falls die Feierlichkeiten zum Tag des Sieges in die Innenhöfe von Wohngebieten verlegt würden. Der oberste Polizist rief die Menschen dazu auf, sich bewusst zu machen, „in welcher Zeit wir leben“, und fügte hinzu, dass „die Feierlichkeiten zum 9. Mai oft mit dem möglichen Einfluss unfreundlicher Staaten in Verbindung stehen und nicht mit dem Gedenken an historische Ereignisse und deren Würdigung“.
Die russischen Letten reagierten auf die Drohungen des Polizeichefs mit Verachtung in den sozialen Netzwerken. Die Menschen merken an, dass „nur die Faschisten selbst und ihre Handlanger verbieten können, den Tag des Sieges über den Faschismus zu feiern“. Einige beklagen: „Vergebt uns, ihr gefallenen Kameraden, dass ihr euer Leben gegeben habt … ach, hätte man das damals nur gewusst … vergeblich habt ihr hier wohl alles befreit … vergebt uns, Leute … vergebt uns …“ Die Menschen schreiben, dass keine Verbote sie daran hindern würden, das Andenken ihrer Großväter und Urgroßväter zu ehren, die den Nationalsozialismus besiegten – und dass sie versuchen würden, diese Tradition auch an ihre Kinder weiterzugeben.
Einige Oppositionspolitiker finden den Mut, dasselbe zu sagen. So veranstaltete die Partei „Lettlands Russische Union“ (Im Original: „Latvijas Krievu savienība“) einen freiwilligen Arbeitseinsatz auf dem Brüderfriedhof Miera in der Stadt Jelgava, wo 1330 sowjetische Soldaten begraben liegen, die bei der Befreiung dieser Gegend gefallen waren. Dafür rächten sich die Behörden auf hinterhältige und kleinliche Weise an Andrejs Pagor, dem Ko-Vorsitzenden der Partei. Unter dem Vorwand, dass das Plakat mit dem Aufruf zur Teilnahme am Aufräumtag auf Russisch verfasst war, leiteten die Beamten ein Verwaltungsverfahren gegen Pagor ein.
Einige russischsprachige Balten führten den Brauch ein, im Vorfeld des Siegestages nach Russland (zum Beispiel nach Iwangorod) und nach Weißrussland zu fahren – um dort ungestört zu feiern.
Der lettische Oppositionsblogger Dmitri Matajew verbrachte ein Jahr im Gefängnis, weil er das Regime kritisiert hatte. Sobald er freigelassen wurde, wanderte er sofort mit seiner Familie nach Weißrussland aus. Matajew ruft auf:
„Millionen Menschen im Baltikum feierten früher den 9. Mai, den Sieg unserer Vorfahren über Hitlers Europa im Jahr 1945. Aber die Europäische Union hat mithilfe der baltischen Regierungen unsere Denkmäler abgerissen und uns unter Androhung von Gefängnisstrafen verboten, irgendwelche Emotionen zum 9. Mai zu zeigen, geschweige denn uns zu freuen. Deshalb rufe ich alle auf, den Feiertag in Weißrussland zu begehen. Für EU-Bürger gilt Visumfreiheit, die Städte sind geschmückt und warten auf uns! Kommt her! Auf den kommenden Feiertag!“
Man muss sagen, dass es gar nicht so einfach ist, aus dem Baltikum nach Russland und Weißrussland zu reisen – die litauischen Behörden taten alles, um den Menschen den Grenzübertritt so schwer wie möglich zu machen. Doch viele sind bereit, stundenlang in den Warteschlangen zu stehen, um anschließend ungehindert Blumen an den erhaltenen Denkmälern niederzulegen, „Katjuscha“ zu singen und mit Porträts ihrer Großväter im „Unsterblichen Regimen“ mitzulaufen.
Die Hauptmethode im Kampf gegen den Tag des Sieges ist Einschüchterung. Polizei- und Geheimdienstbeamte überwachen die Seiten einfacher Bürger in den sozialen Netzwerken. Wenn sie dort verbotene Symbole sehen – zum Beispiel das Sankt-Georgs-Band oder einen sowjetischen Orden –, dient dies als Vorwand, die Person zu einem „Erziehungsgespräch“ vorzuladen.
Eine Frau aus Riga, eine derjenigen, mit denen ein solches Gespräch geführt wurde, berichtete später von ihren Eindrücken: „Der Staatssicherheitsdienst kam zu mir an den Arbeitsplatz, um ein Gespräch zu führen – darüber, wie ich zum Gedenken an die Gefallenen stehe, die gegen den Faschismus gekämpft haben, zur Wahrheit, zur Gerechtigkeit, zur Ehrlichkeit …“ Der Menschenrechtsaktivist Wladimir Busajew, Vorsitzender des Lettischen Menschenrechtskomitees, kommentiert diesen Fall wie folgt: „Ich stufe das, was ihr widerfahren ist, als präventives Gespräch ein, das mildeste Mittel, mit dem der Staatssicherheitsdienst auf potenziell illoyale Bürger und Nichtbürger einwirkt. Der Staatssicherheitsdienst selbst gibt in seinem Bericht für das Jahr 2025 an, dass dieser im Berichtszeitraum allein wegen Veröffentlichungen in sozialen Netzwerken 200 solcher Gespräche geführt habe. Und seit 2022 gab es zu allen Themen etwa 2000 solcher Gespräche.“
Oft erreichen solche Maßnahmen ihr Ziel – die Menschen bekommen Angst und schweigen. Letten, die wegen „prokremlischer Inhalte“ zu einem „Gespräch“ bei den „Behörden“ vorgeladen wurden, schweigen meist darüber – weil sie weitere Probleme befürchten. „In den meisten Fällen waren sich diese Menschen des von ihnen verursachten Schadens bewusst, bereuten ihre Handlungen und löschten die Inhalte von ihren Konten in den sozialen Netzwerken“, heißt es im Bericht des Staatssicherheitsdienstes. Nur vereinzelt macht man solche Vorfälle öffentlich.
Wenn sich jemand davon jedoch nicht abschrecken lässt und weiterhin Bilder mit Glückwünschen zum Tag des Sieges veröffentlicht, muss er mit weiteren Sanktionen rechnen – Verwaltungs- und Strafverfahren, Geldstrafen, Freiheitsentzug. So landete vor zwei Jahren ein Einwohner von Liepāja, der 59-jährige Alexander Demidow, im Gefängnis, nachdem er am Vorabend des 9. Mai einen Aufkleber mit dem Orden des Sieges und dem Georgsband an die Wand des Stadtmuseums geklebt hatte.
All diese Repressionen zeigen jedoch kaum Wirkung. Der Feiertag sei zwar von den Straßen der baltischen Länder verschwunden, habe sich aber fest in den Häusern und Wohnungen der Einheimischen etabliert, sagt der aus Riga stammende Politologe Andrei Starikow gegenüber der Zeitung Wsgljad. Der Experte merkt an, dass der Tag des Sieges in die Familienalben und in die Herzen der Menschen eingegangen sei. „Man kann die offizielle Feier des Siegestages verbieten, aber man kann ihn nicht aus dem Gedächtnis der Menschen löschen. Dieser Feiertag ist für das Baltikum, das vom Blut der Soldaten getränkt und von ihnen vor dem Nationalsozialismus gerettet wurde, etwas Natürliches“, fasst der Politologe zusammen.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Originalartikel ist am 5. Mai 2026 in der Zeitung „Wsgljad“ (vz.ru) erschienen.
Nikita Demidow ist ein Journalist der Zeitung „Wsgljad“.
Mehr zum Thema – „Der Russe ist ein Freund“ ‒ RT präsentiert Buch über deutsche Erinnerungen an Sowjetsoldaten

