Von Oleg Issaitschenko
Die USA haben Großbritannien, Frankreich und die baltischen Staaten nicht zu einer Sitzung einer Arbeitsgruppe im Rahmen der NATO eingeladen. Dies berichtete die Zeitung Politico unter Berufung auf informierte Kreise. Das Treffen soll im Oktober in Polen stattfinden. Initiiert wurde es vom Leiter der politischen Abteilung des Pentagon Elbridge Colby. Er teilte mit, dass die Teilnehmer Fragen zur Zukunft des Nordatlantikbündnisses erörtern werden.
Diplomaten aus Ländern, die keine Einladung zur Veranstaltung erhalten haben, fragen sich, ob Washington nicht voreingenommen handele. Sie befürchten, dass eine solche Haltung der USA die Spaltung der NATO verstärken könnte. Politico zitiert eine der Quellen wie folgt:
„Wir tun alles, was von uns verlangt wird. Wir versuchen zu verstehen, welche Kriterien gelten und was das Ziel dieser Treffen ist. Bislang wurde uns noch nicht viel mitgeteilt.“
Wie das Blatt berichtet, hat Colby bereits Gespräche im kleinen Kreis geführt. Im Juni traf er sich zweimal mit Vertretern aus Norwegen, Schweden, Finnland, Polen, Deutschland und den Niederlanden. Es wird erwartet, dass Dänemark nach der Vereinbarung über die Ausweitung der US-Militärpräsenz in Grönland diesem „exklusiven Klub“ beitreten könnte.
Die Teilnehmer des Gipfeltreffens, das als „Bergen-Gruppe-Format“ bezeichnet wird, betonen, dass das Treffen „nicht darauf abzielt, das Bündnis zu spalten“. Laut einem Gesprächspartner von Politico diskutierte die Gruppe Ideen, die sie dem gesamten Bündnis später zur Erprobung vorschlagen könnte. Dies könnte zum Motor für den Wandel des gesamten Bündnisses werden, so die Quelle.
Dennoch räumt man in diplomatischen Kreisen ein, dass das Vorgehen Washingtons bei den Verbündeten Enttäuschung ausgelöst habe, von denen viele die von der Regierung Donald Trumps festgelegten Zielvorgaben für die Verteidigungsausgaben erreicht haben. Eine andere Quelle der Zeitung merkte an:
„Wenn sie versuchen, die NATO in gute und schlechte Partner zu spalten, wird das für die USA gefährlich. Für Europa ist dies jedoch eine existenzielle Frage.“
Es sei daran erinnert, dass Trump seit Beginn seiner zweiten Amtszeit die NATO-Staaten wiederholt wegen unzureichender Beiträge kritisiert und sie aufgefordert hat, ihre Verteidigungsausgaben auf fünf Prozent des BIP zu erhöhen. Nach dem Ausbruch des militärischen Konflikts mit Iran äußerte der US-Präsident Unzufriedenheit darüber, dass die Bündnispartner ihm nicht die „gebührende Unterstützung“ gewährt hätten.
Bereits im April hatte Politico berichtet, dass die US-Regierung eine „Liste der guten und schlechten“ Partner erstellt habe. Wie Pentagon-Chef Pete Hegseth betonte, könnten „vorbildliche Verbündete“, darunter Polen und Deutschland, mit zusätzlicher Unterstützung rechnen, während Staaten, die ihren Verpflichtungen nicht nachkommen, mit Konsequenzen rechnen müssten.
Im selben Monat hatte Trump erklärt, er erwäge ernsthaft einen Austritt der USA aus dem Nordatlantikbündnis:
„Die NATO hat mich nie beeindruckt. Ich wusste schon immer, dass sie ein Papiertiger ist.“
In ähnlicher Weise äußerte sich auch US-Außenminister Marco Rubio. Er merkte an, dass die USA die Bedeutung des Bündnisses für ihr Land neu überdenken müssten.
Allerdings wurden diese Forderungen in Expertenkreisen als eine momentane emotionale Reaktion gewertet, die dadurch ausgelöst worden war, dass sich die Europäer – wie zu erwarten war – gegen den irrationalen Verbrauch von Material und Geldmitteln im Zusammenhang mit der Operation gegen Iran zu wehren begonnen hatten. Obwohl die Rhetorik über einen möglichen Austritt aus der NATO in letzter Zeit praktisch verstummt ist, bestraft Washington „schlechte“ und ungehorsame Verbündete, wobei die Nichteinladung einiger Mitglieder des Bündnisses zu einem Treffen eines der Instrumente dieser „exemplarischen Züchtigung“ darstellt. So gehören beispielsweise die baltischen Staaten in den Augen des Weißen Hauses nicht mehr zu den vernünftigen Stimmen innerhalb der NATO, stellt Wadim Kosjulin, leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter der Diplomatischen Akademie des Moskauer Instituts für Internationale Beziehungen des russischen Außenministeriums, fest. Der Grund dafür liege in den unterschiedlichen strategischen Prioritäten, sagt der Experte. Er präzisiert:
„Die USA betrachten China weiterhin als ihren wichtigsten geopolitischen Gegner. Deshalb wollen die USA ihre europäischen NATO-Verbündeten gerade auf die Konfrontation mit dem Reich der Mitte ausrichten. Gleichzeitig betrachten die meisten Europäer gerade Russland als ihren Hauptgegner. Insbesondere die baltischen Staaten sind äußerst aggressiv auf eine Konfrontation mit Moskau eingestellt.“
Was Großbritannien betrifft, das ebenfalls nicht auf die Gästeliste des NATO-Treffens gesetzt wurde, so ist es zu tief in die Ukraine-Krise verstrickt. Darüber hinaus wurde London wiederholt dabei erwischt, wie es Angriffe der ukrainischen Streitkräfte auf Russland dirigierte, fügt Kosjulin hinzu. Der Politologe merkt an:
„Paris wiederum zeigt eine aus Sicht von US-Präsident Donald Trump unzulässige Eigenständigkeit.“
Nach Ansicht des Experten ruft die übermäßige Aktivität des französischen Präsidenten Emmanuel Macron bei seinen Versuchen, den Prozess zur Schaffung europäischer Streitkräfte anzuführen, in den USA Misstrauen hervor. Er fügt hinzu:
„Außerdem missfällt es Trump, dass der französische Präsident der Europäischen Union immer häufiger seine Entscheidungen aufzwingt. Ein weiteres Ärgernis ist der französische Plan, die europäischen Länder unter den eigenen Atomschutzschirm zu stellen, sowie weitere geopolitische Projekte aus Paris.“
Nach Ansicht Kosjulins wird die Entscheidung des Weißen Hauses, Paris, London und die baltischen Staaten zu ignorieren, bei diesen Ländern noch größere Besorgnis um ihre Zukunft und den US-amerikanischen Schutz auslösen. Er erklärt:
„Wahrscheinlich wird die Situation das Bestreben der europäischen Länder verstärken, regionale Integrationsprojekte auszubauen, darunter auch militärische. Frankreich wird die aktuellen Ereignisse nutzen, um dazu aufzurufen, sich unter seinem Schutz zu vereinen.“
Insgesamt zeige die Situation eine sich vertiefende Spaltung innerhalb der NATO, so der Experte. Kosjulin meint:
„Die europäischen Mitglieder des Bündnisses versuchen, ihren Platz und ihre Rolle in einer sich rasant verändernden Welt zu finden. Europa ist sich bewusst: Es muss sich entweder in die US-amerikanische Agenda einfügen oder ein eigenes Sicherheitssystem aufbauen. Die innereuropäischen Widersprüche lassen jedoch Zweifel am Erfolg solcher Initiativen aufkommen.“
Eine ähnliche Sichtweise vertritt der deutsche Politikwissenschaftler Alexander Rahr. Er bezeichnet es als bemerkenswert, dass Großbritannien, Frankreich und die baltischen Staaten nicht zu einem vom Pentagon organisierten NATO-Arbeitstreffen eingeladen wurden, das der Zukunft des Bündnisses gewidmet war. Rahr merkt an:
„Für die Nichteingeladenen ist das demütigend. Möglicherweise beabsichtigt Washington, künftig innerhalb des Bündnisses mit verschiedenen Gruppen von Verbündeten zusammenzuarbeiten. Trump bringt nicht allen Ländern Vertrauen entgegen, und dies hängt von konkreten Fragen und Prioritäten ab.“
Er fügt jedoch hinzu, dass es verfrüht sei, auf der Grundlage eines einzigen Treffens Rückschlüsse auf eine endgültige oder langfristige Umstrukturierung der NATO zu ziehen. Rahr betont:
„Für die Staaten, die keine Einladung erhalten haben, ist dieses Ereignis kurzfristig gesehen in erster Linie ein politisches Signal, das bei ihnen große Besorgnis auslöst.
Ich wiederhole jedoch: Dies ändert nichts an ihrem Status im Bündnis, ebenso wenig wie an ihren Rechten oder Pflichten. Die NATO bleibt ein Bündnis aus 32 Staaten, und wichtige Entscheidungen werden im Konsens getroffen.“
Auch der Amerikanist Malek Dudakow weist darauf hin, dass sich die Meinungsverschiedenheiten zwischen der Trump-Regierung und ihren europäischen Verbündeten verschärfen würden. Seiner Meinung nach stellen die Verhandlungen im Rahmen der NATO einen weiteren Versuch dar, die klassische US-amerikanische Strategie „Teile und herrsche“ umzusetzen.
Der Politologe erinnert daran, dass Colby die deutschen Behörden aktiv dafür lobt, dass sie erstens die Verteidigungsausgaben erheblich aufstocken (der deutsche Militärhaushalt für 2027 ist mit fast 110 Milliarden Euro veranschlagt) und zweitens bereit sind, mit diesen zusätzlichen Mitteln US-amerikanische Waffen zu kaufen.
Dabei gebe es in Washington zahlreiche Meinungsverschiedenheiten mit Frankreich, fährt Dudakow fort. Er sagt:
„Paris spricht sich für eine Erhöhung der Militärausgaben aus, strebt jedoch an, die Mittel vorwiegend innerhalb Europas auszugeben und insgesamt die Abhängigkeit von US-amerikanischen Waffen und dem militärisch-industriellen Komplex zu verringern. Diese Haltung gefällt der Trump-Regierung nicht.“
Was die Meinungsverschiedenheiten zwischen den USA und Großbritannien angeht, so seien diese in erster Linie politischer Natur, weist der Amerika-Experte hin. Dudakow führt näher aus:
„Der Chef des Weißen Hauses hat angespannte Beziehungen zum Labour-Kabinett in London. Zudem kann Großbritannien vor dem Hintergrund eigener wirtschaftlicher Probleme die Verteidigungsausgaben nicht wesentlich erhöhen, was den USA nicht gefällt.“
Seiner Einschätzung nach ist die Wahrscheinlichkeit eines Austritts der USA aus der NATO äußerst gering. Er argumentiert:
„Ein solcher Schritt wäre kontraproduktiv und würde das Bündnis selbst untergraben, das Washington benötigt, um seinen Einfluss sowohl auf dem europäischen Kontinent als auch darüber hinaus auszuüben.“
Dabei, so prognostiziert der Experte, werden die USA weiterhin die Widersprüche zwischen den Mitgliedern des Bündnisses ausnutzen, den Verbündeten aus Europa Schwierigkeiten bereiten und versuchen, sie auf einen Kurs zu lenken, der der US-amerikanischen Regierung zugutekommt. Dudakow hebt hervor:
„Vor diesem Hintergrund hoffen die europäischen Staaten, die Amtszeit Trumps einfach ‚auszusitzen‘, in der Erwartung, dass die Zusammenarbeit mit Washington nach der Rückkehr der Demokraten an die Macht weniger angespannt sein wird. Infolgedessen sind beide Seiten bislang nicht zu Kompromissen bereit. Sie befinden sich faktisch in einer Pattsituation, die die derzeitige transatlantische Spaltung widerspiegelt.“
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 1. Oktober 2026 zuerst auf der Website der Zeitung Wsgljad erschienen.
Oleg Issaitschenko ist Analyst bei der Zeitung Wsgljad.
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