Von Dmitri Kornew

Der ehemalige ukrainische Verteidigungsminister Michail Fjodorow ist überraschend zum Berater des italienischen Verteidigungsministers Guido Crosetto ernannt worden. Diese Nachricht kam für viele Militäranalysten völlig unerwartet. Warum wollte Italien ihn haben, und was verspricht sich Rom davon? Versuchen wir, diesen Schritt einzuordnen, ohne uns zu Spekulationen hinreißen zu lassen.

Ein Manager in Khaki, kein Feldmarschall

Es dürfte auf der Hand liegen, dass Fjodorow weder ein militärisches Genie ist noch über besonderes Talent als Truppenführer auf dem Schlachtfeld verfügt. Das entspricht schlicht nicht seinem Profil. Er war nie Berufsoffizier und hat sich auch keinen Namen damit gemacht, dicke rote Pfeile auf Karten für künftige Operationen zu zeichnen. Michail Fjodorow ist in erster Linie eine effektive Führungskraft im IT-Bereich – und ein sachkundiger Auftraggeber für die gesamte Rüstungsindustrie.

Sein Weg in diese Rolle begann als führender Digitalstratege im Präsidentschaftswahlkampf von Wladimir Selenskij. Dort baute er ein Online-Kampagnennetzwerk auf und setzte massiv auf Internetmarketing. Anschließend initiierte er die Gründung des ukrainischen Ministeriums für digitale Transformation und führte das digitale Ökosystem „Diia“ ein, das den Alltag im ganzen Land veränderte. Im Jahr 2026 übernahm Fjodorow das Verteidigungsministerium – zu einem Zeitpunkt, als es dringend notwendig war, Ordnung zu schaffen und die Streitkräfte umfassend zu digitalisieren. Der Zeitpunkt hätte, so scheint es, kaum besser gewählt sein können.

Unter der Mitwirkung von Fjodorow wurden im ukrainischen Militär mehrere grundlegende Veränderungen vorgenommen:

  • Die Beschaffung von Drohnen für militärische Einheiten wurde durch die Einführung eines speziellen Marktplatzes, der auf den Abbau bürokratischer Hürden abzielte, radikal umgestaltet. Dies war ein höchst unkonventioneller Schritt, der den Weg vom Hersteller zur Einheit an der Front erheblich verkürzte und zugleich vielen kleinen, relativ jungen Unternehmen den Marktzugang ermöglichte. Nach den Drohnen breitete sich dieser digitale Ansatz auch auf andere Bereiche der Rüstungsindustrie aus. 
  • Agile Managementmethoden wurden erfolgreich in den militärischen Alltag integriert. Damit wurden lang etablierte, mehrstufige Genehmigungsverfahren aufgebrochen und die rasche Erprobung neuer Ideen unter realen Gefechtsbedingungen – direkt im Schützengraben – ermöglicht. 
  • Das Militär öffnete sich für Software, die von zivilen Unternehmen entwickelt worden war. Der Schwerpunkt verlagerte sich hin zur Suche nach neuen, unkonventionellen Lösungen, die schnell einsatzbereit waren und sofort Ergebnisse lieferten, anstatt auf langwierige Testberichte und Prüfungen durch spezialisierte militärische Institute zu warten.

Natürlich darf Fjodorows Rolle bei diesen Veränderungen nicht überbewertet werden. Viele der Initiativen, die das ukrainische Militär neu gestalteten, waren bereits vor seinem Amtsantritt im Verteidigungsministerium angelaufen. Er brachte jedoch eine frische, digitale Perspektive ein, die dazu beitrug, Prozesse zu beschleunigen und die Umsetzung neuer Ideen voranzutreiben.

Es ging dabei weder um Kampfeinsätze noch um Siege auf dem Schlachtfeld. Er war ein Manager für digitale Lösungen, der eine Militäruniform trug – und sich dabei ausschließlich auf digitale Systeme sowie einen projektbasierten Reformansatz konzentrierte. Und natürlich verlief dieser Prozess nicht ganz reibungslos. Die Digitalisierung bleibt der einzige eindeutige Erfolg, den er vorweisen kann.

Warum Rom auf das „Ukraine-Modell“ setzt

Vielleicht ist es genau das, was Rom braucht: keine militärischen Siege oder Beweise für Kampferfahrung, sondern einen frischen, modernen Ansatz. Darauf setzt Italien wohl seine Hoffnungen. Moderne europäische Streitkräfte – auch die italienischen – leiden unter bürokratischer Schwerfälligkeit. Entscheidungen über die Beschaffung neuer Waffensysteme und Software ziehen sich über Jahre hin. Bis sie endlich genehmigt sind, ist die Technologie oft schon überholt. Die Streitkräfte führen dann Systeme ein, die bereits veraltet sind, noch bevor sie überhaupt in Dienst gestellt werden.

Für den italienischen Verteidigungsminister Guido Crosetto könnte Fjodorow als neuer „Rammbock“ gegen das eigene konservative Militärestablishment nützlich sein. Rom möchte sich die ukrainischen Erfahrungen bei der raschen Digitalisierung der militärischen Logistik und der Echtzeit-Integration unbemannter Systeme zunutze machen.

Um zu verstehen, welche Prozesse Fjodorow für das italienische Militär adaptieren könnte, genügt ein Blick in seine „digitale Aktentasche“. Sie enthält keine geheime Raketentechnologie, sondern lediglich kommerzielle Software und zivile IT-Lösungen, die an die Bedürfnisse eines Verteidigungsministeriums angepasst wurden.

Das italienische Militär ist bestrebt, neue digitale Gefechtsführungssysteme einzuführen. Diese sollen Geodaten-Tools mit Hunderten von Informationsquellen und einem verteilten Nutzernetzwerk verknüpfen – von der Generalstabsebene bis hin zum Tablet eines Kommandeurs an der Front im Schützengraben. Zudem ist Italien natürlich an der Digitalisierung der Beschaffung von Waffen und militärischer Ausrüstung interessiert – und noch mehr am Einsatz künstlicher Intelligenz bei der militärischen Führung und Steuerung.

Die Ergebnisse lassen sich schwer beurteilen, doch auf dem Papier ist Fjodorows Lebenslauf höchst beeindruckend: Er verfügt über Erfahrung mit der Einführung modernster digitaler Lösungen in der einzigen europäischen Armee, die derzeit einen großen Krieg führt. Das ist sicherlich eine Möglichkeit, es darzustellen – und warum sollte man bei der Auflistung der eigenen Stärken im Lebenslauf auch bescheiden sein?

Was Rom tatsächlich einkauft

Eine moderne Armee gleicht zunehmend einem IT-Unternehmen. Rom benötigt keinen Rat von Fjodorow zur Verteidigung der Küste oder zur Planung einer Panzeroffensive. Gefragt ist vielmehr seine Fähigkeit, das Militär in eine funktionierende digitale Plattform zu verwandeln.

Doch betrachten wir einmal ungeschönt die Bilanz des ehemaligen Verteidigungsministers. Zwar gab es Digitalisierung und digitale Transformation, doch auch wenn es für eine abschließende Bewertung noch zu früh sein mag, sind keine nennenswerten Erfolge auf dem Schlachtfeld zu verzeichnen – und genau daran, so sollte man meinen, bemessen sich letztlich der Zweck und die Leistungsfähigkeit einer Armee.

Hinzu kommt ein weniger vorteilhafter Aspekt: ​​das Bild eines trotzigen Kindes, das keinen Draht zu Berufsoffizieren fand und inmitten eines laufenden Krieges politische Spielchen trieb, um den eigenen Marktwert in der Heimat zu steigern. Das passt kaum zum Image eines begnadeten Digitalmanagers. Kriege werden schließlich nicht allein durch Digitalisierung gewonnen, sondern durch das koordinierte Zusammenspiel verschiedener Teilstreitkräfte und Truppengattungen.

Es bleibt abzuwarten, was Fjodorow in seiner neuen Position „bewirken“ wird – und ob der Geist des Silicon Valley in den nüchternen Büros des italienischen Verteidigungsministeriums Fuß fassen kann.

Für den Mann mit dem glänzenden Lebenslauf und dem Ruf eines „Digitalisierungsexperten“ bietet eine solche Position – gerade in Rom – eine hervorragende Gelegenheit, sich elegant aus Kiew zu verabschieden und die brutale politische Realität der Ukraine gegen die angenehme, entspannte Lebensart Europas einzutauschen.

Übersetzt aus dem Englischen.

Dmitri Kornew (bekannter unter der englischen Transliteration „Dmitry Kornev“) ist ein russischer Militärexperte, Gründer und Autor des Projekts „MilitaryRussia“.

Mehr zum Thema ‒ Fjodorow entlassen: Stärkt Selenskij durch seine umstrittene Entscheidung die eigene Konkurrenz?

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