Ein neuartiges System, das Personen auch während des Gehens identifizieren kann, durchbricht nunmehr die „Identifikationsschranke“ gänzlich. Dabei vereinen sich Iris- und Gesichtsbiometrie zu einer „Erkennungseinheit“.

Kein „Verstecken“ mehr möglich

Der japanisch-multinationale Technologiekonzern NEC hat damit zweifellos einen „Meilenstein“ in der „totalen Kontrolle“ der Bürger gesetzt.

Freilich wird diese höchst fragwürdige Innovation als Effizienzgewinn für Sicherheit und Zugangskontrollen verkauft, markiert sie doch in Wahrheit den Übergang von punktueller Überprüfung zu permanenter, unsichtbarer Erfassung jedes einzelnen Bürgers, wie auch uncutnews berichten konnte.

Dieser Entwicklung liegt weniger die Genauigkeit der Technologie oder die Kombination zweier biometrischer Merkmale zu Grunde, auch nicht die Größe der basierenden Datenbanken. Entscheidend ist dabei einzig das Prinzip der Identifikation „on the move“. Menschen müssen also nicht „stillstehen“, kein Gerät berühren und keine bewusste Handlung mehr vornehmen. Die Erkennung erfolgt automatisch, aus der Distanz, während man sich durch öffentliche Räume bewegen.

Das macht somit einen bislang geltenden Grundsatz obsolet, nämlich die Annahme, dass Identitätskontrollen an klar definierte Orte, Momente, aber auch Zustimmungen gebunden sind. Mit dieser Technologie wird Kontrolle von Interaktion entkoppelt. Sie wird unsichtbar, völlig anonym und damit allgegenwärtig.

„Sicherheitsargument“ verliert Glaubwürdigkeit

Die vielfach strapazierte Rechtfertigung, Biometrie diene ausschließlich der Sicherheit und werde nur freiwillig oder an sensiblen Punkten wie Grenzen eingesetzt, verliert damit ohne Frage ihre Grundlage. Ein System, das Personen im Vorbeigehen identifizieren kann, ist ganz klar kein Zugangssystem mehr. Es ist ein Instrument zur flächendeckenden Personen-Erfassung im öffentlichen Raum.

Besonders brisant dabei ist fraglos die Skalierbarkeit. Analysen zu Folge ist das System in der Lage, Personen in Datenbanken mit bis zu hundert Millionen Identitäten zeitnah abzugleichen. Das entspricht dann freilich nicht mehr einzelnen Nutzergruppen, sondern vielmehr ganzen Bevölkerungsgruppen. Infrastrukturen dieser Art lassen sich überdies ohne großen Aufwand mit digitalen Identitäten, Bewegungsprofilen und Verhaltensanalysen verknüpfen. Was technisch möglich ist, wird bekanntlich früher oder später politisch nutzbar gemacht, sofern es nicht ohnehin „in Auftrag gegeben“ worden war.

Das Unternehmen NEC spricht freilich vorläufig nur von Testreihen sowie einem „breiteren Einsatz“ ab 2027, das alleine klingt jedoch höchst beunruhigend.

Bedeutet doch „Proof of Concept“ im Großtechnologie-Konzern-Sprech selten Experimente ohne Folgen. Offenbar soll mit der Verlautbarung eine Phase der Gewöhnung eingeläutet werden. Sobald jedoch derartige Systeme an Flughäfen, Bahnhöfen oder auf Großveranstaltungen etabliert sind, wird ihre Ausweitung dann völlig logisch erscheinen.

Diesbezügliche Gesetzgebung durch vorhandene Infrastruktur „obsolet“

So entsteht Kontrolle nicht primär durch Gesetze, sondern durch eine „bereits existierende“ Infrastruktur. Ist diese erst vorhanden, wird sie auch genutzt.

Das erschreckende Resultat davon, der Mensch wird selbst zum Ausweis. Gesicht und Iris bilden eine dauerhafte, nicht ablegbare Identität, die jederzeit ausgelesen werden kann. Der öffentliche Raum verliert damit gänzlich an Anonymität. Nicht weil Menschen etwas möglicherweise Verbotenes getan hätten, sondern einfach, weil sie sichtbar sind.

Diese Entwicklung stellt allerdings kein technisches Schicksal dar, sie ist vielmehr eine politische, wie auch in Folge eine gesellschaftliche Entscheidung. Wer solche Systeme akzeptiert, heißt die Normalisierung permanenter Überwachung und den Verlust der Kontrolle über die eigene Identität gut.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, wie präzise diese Technologie ist, sondern vielmehr ob eine Gesellschaft bereit ist, in einer Welt zu leben, in der es „kein Entkommen vor Überwachung“ mehr gibt.




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