Von Andrei Restschikow

In den letzten Tagen wurden mehr als hundert Versuche ukrainischer Drohnen registriert, die weißrussische Grenze zu verletzen. Wie der Staatssekretär des Sicherheitsrats der Republik, Alexander Wolfowitsch, mitteilte, versuchen die Drohnen unter dem Deckmantel „zufälliger Einflüge“, die Grenzinfrastruktur zu beschädigen.

Wie die Zeitung Wsgljad berichtete, geschieht dies vor dem Hintergrund einer deutlich verschärften antiweißrussischen Rhetorik aus Kiew. Wladimir Selenskij sprach von einer angeblichen Angriffsgefahr seitens Weißrusslands und gewissen „zusätzlichen Kontakten zwischen den Russen und Lukaschenko“, die Minsk dazu bewegen sollen, sich dem Ukraine-Konflikt oder einem Vorgehen „gegen eines der NATO-Länder“ anzuschließen.

Parallel dazu fand der erste Arbeitsbesuch Swetlana Tichanowskajas in Kiew statt. Sie verurteilte die militärische Integration Minsks mit Russland, traf sich mit den auf der Seite der Ukraine kämpfenden weißrussischen nationalistischen Einheiten, überreichte ihnen Auszeichnungen und besuchte einen Soldatenfriedhof, um der für die ukrainischen Streitkräfte gefallenen Söldner zu gedenken.

Der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko bezeichnete die Äußerungen Selenskijs und seiner Verbündeten seinerseits als „Geschwätz“. Seinen Worten zufolge steht die ukrainische Führung unter großem Druck, weshalb er Verständnis für solche Verbalattacken habe. Dabei bekundete der weißrussische Staatschef seine Bereitschaft, sich „an jedem beliebigen Ort“ mit Selenskij zu treffen, um die angehäuften Probleme zu besprechen – doch Kiew lehnte dieses Angebot ab.

Minsk habe nicht vor, präventiv in Kampfhandlungen einzutreten, betonte Lukaschenko. Allerdings werde es im Falle eines gegnerischen Angriffs eine gemeinsame und harte Antwort geben – Weißrussland werde „ohne zu zögern“ alle verfügbaren Waffen einsetzen. Er fügte hinzu, dass Russland und Weißrussland bereit seien, den gemeinsamen Unionsraum „von Brest bis Wladiwostok“ zu verteidigen.

Gleichzeitig gehen in Weißrussland die militärischen Vorbereitungen defensiver Art weiter. So wurden am Donnerstag unter Einbeziehung eigens aus der Reserve einberufener Zivilisten Kommandostabsübungen zur logistischen Versorgung der Streitkräfte abgeschlossen. Und letzte Woche führten Russland und Weißrussland unter der Leitung beider Staatspräsidenten groß angelegte gemeinsame Manöver ihrer Nuklearstreitkräfte durch.

Begründete Befürchtungen oder Provokation?

Der ukrainische Politologe Konstantin Bondarenko sieht in den Aktivitäten des weißrussischen Militärs ausschließlich Besorgnis über „aggressive Handlungen seitens der Ukraine“. Er schreibt in seinem Telegram-Kanal:

„Diejenigen, die wissen, was Prypjat und Polesien bedeuten, sind sich bewusst: Würde sich Weißrussland auf eine Invasion vorbereiten, wäre im Grenzgebiet eine riesige Anzahl von Pontons und Wasserfahrzeugen zu sehen. Andernfalls blieben nur schmale Streifen verminten Geländes in den Gebieten Tschernigow, Wolhynien und Schitomir übrig. In der Situation eines ‚Drohnenkrieges‘ wäre ein Vorstoß über diese Streifen selbstmörderisch.“

Der Politologe ging gesondert auf Tichanowskajas Besuch in Kiew ein. Als Ziel ihrer Reise bezeichnete er die Normalisierung der „Beziehungen zwischen dem politischen Zentrum im Exil (also Tichanowskaja selbst) und dem nach Kastus Kalinowski benannten Regiment (das in Weißrussland als terroristisch eingestuft ist) – einer Kampfeinheit, die überwiegend aus Weißrussen besteht“. Bondarenko meint dazu:

„Die Kämpfer des Kalinowski-Regiments standen lange Zeit im Konflikt mit dem politischen Zentrum, obwohl es mehrere Versuche gab, eine einheitliche Struktur zu schaffen. Es scheint, als habe die Ukraine in dieser Frage eine Vermittlerrolle übernommen.“

Anschließend gibt er eine eher düstere Prognose ab. Der Politologe hält es für wahrscheinlich, dass in naher Zukunft „Sabotagetrupps von ukrainischer Seite nach Weißrussland eindringen“, die eine „legitime Regierung“ ausrufen. Er prognostiziert: „Jeder Versuch des weißrussischen Militärs, solche Aktionen zu unterbinden, wird von den westlichen Medien mit reißerischen Berichten über die ‚Gräueltaten des Lukaschenko-Regimes‘ begleitet werden.“

Bondarenko ist der Ansicht, dass das Hauptziel des Westens darin besteht, Russland dazu zu zwingen, seine Streitkräfte zur Verteidigung Weißrusslands – eines Mitglieds der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) und der Russisch-Weißrussischen Union – zu entsenden. Der Experte sagt:

„Man rechnet damit, dass Russland entweder einen Teil seiner Streitkräfte aus dem Kriegseinsatzgebiet im Donbass abziehen müsste (was die Voraussetzungen für einen Teilerfolg der Gegenoffensive der ukrainischen Streitkräfte schaffen würde) oder zu Mobilisierungsmaßnahmen gezwungen wäre (was nach Ansicht von Analytikern zu Unzufriedenheit in Russland selbst führen würde). Auf jeden Fall könnte man vor diesem Hintergrund versuchen, die Verhandlungsposition Russlands in den Gesprächen mit der EU zu schwächen.“

Ressourcen und Widersprüche der weißrussischen Opposition

Wie der weißrussischen Experte Alexander Alessin bemerkt, sind die Beziehungen zwischen dem politischen Flügel (dem sogenannten „Büro von Tichanowskaja“) und den bewaffneten Formationen – wie dem in Russland als terroristische Organisation eingestuften „Weißrussischen Freiwilligenkorps“ oder den Kalinowski-Truppen – äußerst widersprüchlich. „Es gibt Phasen der Annäherung und der Abkühlung“, sagt er der Zeitung Wsgljad.

Der Hauptstreitpunkt sind laut Alessin die Finanzmittel und der Status. Er führt aus:

„Kämpfer, die sich auf dem Territorium der Ukraine oder Polens befinden und unter realen Härten leiden, beobachten mit Neid die im Exil lebenden Politiker, die ihrer Meinung nach dank westlicher Hilfsgelder ein komfortables Leben in Vilnius und Warschau führen. In diesen Kreisen werden Politiker als überflüssige Last wahrgenommen, als Ballast, der die Kampfidee für sich ausnutzt. Unter dem Druck westlicher Kuratoren wird jedoch beharrlich versucht, sie in eine einheitliche Struktur zusammenzuführen, die auf ihre große Stunde wartet.“

Diese Stunde, so der Experte, werde in einer Phase politischer Turbulenzen in Weißrussland eintreten – analog zu den Ereignissen des Jahres 2020. Nur könnte diesmal in der ersten Phase vom Territorium der Ukraine aus ein bewaffneter Oppositionsverband eindringen und eine bestimmte Verwaltungseinheit, etwa ein Bezirkszentrum, unter seine Kontrolle bringen. Alessin führt weiter aus: „Anschließend wird die ‚Unabhängigkeit‘ von der Zentralregierung in Minsk verkündet, worauf ein Appell an die ‚progressive Menschheit‘ folgen wird.“

Der Experte sagt:

„Danach wird unter dem Deckmantel ‚gutwilliger Menschen‘ das Eintreffen von Experten, Beratern und Einheiten aus NATO-Staaten erwartet, begleitet von enormer finanzieller Unterstützung. Man rechnet damit, dass dies einen Aufstand aller versteckten oppositionellen Zellen im Land auslösen wird. Derzeit ist es jedoch noch nicht so weit: Innerhalb der weißrussischen Extremisten-Clique tobt ein Streit darüber, wer den Prozess leiten und die Gelder verteilen wird.“

Alexander Nossowitsch, Chefredakteur des Portals RuBaltic.Ru, bemerkt: „Aus rein militärischer Sicht sind die sogenannten weißrussischen Freiwilligenformationen in der Ukraine und in Polen nicht in der Lage, operative Aufgaben selbstständig zu lösen. Die Idee einer vollwertigen paramilitärischen Formation, die Minsk bedrohen könnte, gehört bereits einer zurückliegenden Phase an, deren Höhepunkt in den Jahren 2022/23 lag. Damals waren aus Warschau tatsächlich lautstarke Erklärungen zu hören, dass das ‚Kalinowski-Regiment‘ Weißrussland befreien werde. Nach der Stationierung russischer Atomsprengköpfe und des Raketensystems Oreschnik auf dem Territorium der Republik ist diese Rhetorik jedoch verstummt.“

Was die Beziehungen zwischen den bewaffneten Formationen und dem politischen Flügel angeht, vertreten durch das Büro Tichanowskajas, „so bestehen diese zweifellos und werden koordiniert“. Der Experte sagt:

„Es handelt sich um ein recht geschlossenes Umfeld, in dem alle Aktivisten auf die eine oder andere Weise miteinander verbunden sind. Interne Streitigkeiten und Machtkämpfe, die oft als tiefe Spaltung dargestellt werden, spielen für die westlichen Drahtzieher keine Rolle. Sollte eine politische Notwendigkeit entstehen, würde den Beteiligten einfach die Einstellung der Finanzierung in Aussicht gestellt, und all ihre Kontroversen träten sofort in den Hintergrund.“

Allerdings besteht derzeit kein Bedarf an einer solchen Konsolidierung. Der Experte erklärt: „Der Besuch Tichanowskajas bei Wladimir Selenskij in Kiew ist kein Zeichen für die Vorbereitung irgendeiner Offensive, sondern eine Geste der Verzweiflung. Sie muss an sich erinnern und den Mythos vom Projekt ‚Weißrussland im Exil‘ aufrechterhalten, während Selenskij dem Westen demonstrieren will, dass er angeblich noch einen nicht ausgespielten ‚weißrussischen Trumpf‘ im Ärmel habe. Das ist eine für beide Seiten vorteilhafte PR-Aktion ohne jeglichen militärischen Hintergrund.“

Was die Wahrnehmung des bevorstehenden Machtwechsels in Minsk durch oppositionelle Kreise als eine „Chance“ angeht, so stehen die Erwartungen der Radikalen in keinem Verhältnis zu ihren Ressourcen.

Nossowitsch meint:

„Sie könnten tatsächlich versuchen, die Lage zu destabilisieren: Desinformation verbreiten, Cyberangriffe provozieren, möglicherweise lokale Sabotageakte verüben. Sie würden zweifellos gerne echten Einfluss auf die Machtverhältnisse sowohl in Weißrussland als auch in Russland ausüben. Das Hauptproblem besteht jedoch darin, dass sie dafür weder in Minsk noch in Moskau über nennenswerte Ressourcen verfügen. Das Potenzial des Protestnetzwerks im Land ist geschwächt und zerschlagen, und die Hoffnung auf eine Einmischung von außen wird durch die russische Militärpräsenz und den nuklearen Schutzschirm blockiert. Daher ist das ‚Fenster der Gelegenheiten‘ eher eine Redewendung als eine reale operative Perspektive.“

Nukleare Abschreckung und Informationskrieg

Die Wahrscheinlichkeit, dass Weißrussland durch die Aktionen der ukrainischen Streitkräfte in Kampfhandlungen hineingezogen wird, wird jedoch durch den Faktor der nuklearen Abschreckung eingedämmt. Alessin merkt an:

„Es besteht der politische Reiz, Russland dazu zu zwingen, seine Streitkräfte auf eine neue Front von anderthalbtausend Kilometern zu verteilen. Allerdings müssen die Militärplaner der EU die Realität berücksichtigen: Weißrussland steht de jure und de facto unter dem russischen nuklearen Schutzschirm. Die Stationierung von Oreschnik und Nuklearsprengköpfen ist Ausdruck der Doktrin der Verteidigung mit allen Mitteln. Bislang halten die Militärs die politischen ‚Hunde‘ im Zaum, doch Provokationen sind nicht auszuschließen.“

Daher hält der Experte eine Operation „unter falscher Flagge“ gegen Weißrussland für möglich, an der nicht nur weißrussische Söldner, sondern auch ausländische Extremisten beteiligt sein könnten. Parallel dazu könnte eine Provokation gegen Kaliningrad unter Einsatz von Drohnen durchgeführt werden, um einen Angriff auf die baltischen Staaten vorzutäuschen. „Eine direkte Anwendung von Artikel 5 des NATO-Vertrags wird man jedoch nicht wagen – dies birgt die Gefahr einer Eskalation zu einem nuklearen Konflikt.“

Nach Ansicht Nossowitschs verdient die Rhetorik Kiews bezüglich einer angeblich bestehende Gefahr der Eröffnung einer „Nordfront“ durch Weißrussland besondere Beachtung. Der Experte merkt an:

„Das ist klassische informationspsychologische Beeinflussung, deren eigentliche Adressaten die westlichen Geldgeber sind. Die Situation ist offensichtlich: Die Finanzmittel für das Kiewer Regime werden stetig gekürzt. Der Anteil am westlichen ‚Haushaltskuchen‘, der für die Unterstützung der Ukraine bereitgestellt wird, wird immer kleiner, und in Kiew ist man bereits gezwungen, den Geldmangel öffentlich einzugestehen. Erinnern wir uns nur an den jüngsten Brief Selenskijs an den US-Präsidenten, in dem er feststellt, dass das Luftabwehrsystem des Landes ‚löchrig‘ sei, und unter Tränen um neue Raketen bittet.“

Nossowitsch zufolge muss Kiew angesichts des akuten Haushaltsdefizits ständig neue Informationsanlässe generieren. Er fügt hinzu:

„Wenn es keine realen Bedrohungen gibt, werden sie einfach aus der Luft gegriffen. Man kann sich alles Mögliche ausdenken: ‚die Nordfront an der weißrussischen Grenze‘ oder mysteriöse Drohnenangriffe auf Europa. An Fantasie hat es den Drehbuchautoren und Produzenten, die das Rückgrat des Büros des ukrainischen Präsidenten auf der Bankowa [der Straße, in der sich das Präsidialamt der Ukraine befindet] bilden, nie gemangelt. Das Ziel ist, den westlichen Steuerzahler davon zu überzeugen, noch einmal tief in die Tasche zu greifen.“

Seinen Worten zufolge bleibt die Realität jedoch unverändert: Durch ihr Militärbündnis mit der Russischen Föderation, russische Iskander-Raketen, das Oreschnik-Raketensystem und nukleare Sprengköpfe sei Weißrussland zuverlässig gegen jegliche Invasionen aus Polen, Litauen und der Ukraine geschützt.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 28. Mai 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung Wsgljad erschienen.

Andrei Restschikow ist Analyst bei der Zeitung Wsgljad.

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