Die Übernahme von Sanktionen gegen Russland hat in der Schweiz eine grundlegende Diskussion über die Zukunft der Neutralität ausgelöst. Am 27. September 2026 stimmt das Schweizer Volk über die Neutralitätsinitiative ab – ein Projekt von Pro Schweiz und Alt-Bundesrat Christoph Blocher, das die immerwährende und bewaffnete Neutralität verfassungsrechtlich festschreiben will. Ziel ist es, dass sich die Schweiz künftig nicht mehr an wirtschaftlichen Zwangsmaßnahmen gegen Russland oder andere Staaten beteiligt.
Im März 2022 beschloss der Bundesrat, die EU-Sanktionen gegen Russland zu übernehmen. Für die Initianten war das ein klarer Bruch der Neutralität.
„Zum ersten Mal hat sich der Kleinstaat Schweiz als Kriegspartei gegen eine atomare Großmacht gewendet, sich in fremde Händel eingemischt und sich damit zur Kriegspartei gemacht!“
Die Initiative will genau das verhindern: Künftig soll die Schweiz keine Sanktionen mehr übernehmen dürfen, die über zwingende UN-Beschlüsse hinausgehen. Gleichzeitig soll ein neuer Verfassungsartikel 54a die „immerwährende und bewaffnete Neutralität“ explizit verankern und einen Beitritt zu Militärbündnissen untersagen.
Die große Mehrheit der Bevölkerung hält an der Neutralität fest. Umfragen zeigen immer wieder: Rund 80 Prozent wollen, dass die Schweiz neutral bleibt. Viele sehen darin einen zentralen Teil der nationalen Identität – ein kleines Land, das sich nicht in die Machtspiele der Großen hineinziehen lässt.
Gerade im Umgang mit Russland wird diese Haltung für viele Schweizer zur Prüfung. Die humanitäre Hilfe ist unbestritten, doch viele wollen nicht, dass die Schweiz durch Sanktionen oder enge militärische Kooperationen zur indirekten Kriegspartei wird.
Die Initiative gibt dieser Haltung eine klare Stimme. Die Schweiz soll ihre traditionellen „Guten Dienste“ weiterhin anbieten – als Vermittlerin und humanitäre Akteurin, jedoch nicht als Sanktionspartner.
Der Bundesrat und eine breite Parlamentsmehrheit sehen das anders. Außenminister Ignazio Cassis argumentiert, dass moderne Neutralität Handlungsspielraum brauche. Sanktionen gegen Russland seien kein Bruch der Neutralität, sondern Ausdruck völkerrechtlicher Verantwortung.
Eine starre Neutralität würde die Schweiz isolieren und die wirtschaftlichen Interessen gefährden. Der Bundesrat warnt davor. Auch Teile der Wirtschaft befürchten Image-Schäden und Konflikte mit der EU.
Die Abstimmung am 27. September ist mehr als eine technische Frage. Es geht um die Zukunft der Schweizer Außenpolitik:
- Soll Neutralität ein starres Prinzip bleiben, das auch gegenüber Russland gilt?
- Oder soll sie flexibel und regelbasiert sein, wie der Bundesrat sie seit 1993 praktiziert?
Die Initiative kommt ohne Gegenvorschlag vors Volk – eine seltene Konstellation, die die Entscheidung besonders klar macht: Ja oder Nein zur strikten Neutralität.
Unabhängig vom Ausgang der Abstimmung zeigt der Abstimmungskampf eines deutlich:
Die Schweiz will neutral bleiben.
Die Frage ist nur, wie streng und wie zeitgemäß diese Neutralität sein soll – besonders im Umgang mit Russland.
Die Neutralitätsinitiative will diesen Weg verfassungsrechtlich absichern, damit die Schweiz auch in Zukunft nicht gezwungen wird, in fremde Konflikte hineingezogen zu werden.
Am 27. September 2026 entscheidet das Volk. Es entscheidet nicht nur über Sanktionen gegen Russland. Es entscheidet über die Frage was die Schweiz in einer immer polarisierteren Welt eigentlich sein will – ein neutraler Vermittler oder ein Mitspieler unter vielen.
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