Die Jahrhundertwende vom 19. – zum 20. Jahrhundert war durch koloniale Expansion, die an ihre Grenzen stieß, geprägt. Aufsteigende neue Mächte, wie z.B. USA, Japan oder Deutschland verschärften die Konkurrenz, was die Situation unterschiedlicher Ansprüche in ein Pulverfass verwandelte.

Der Artikel von Ryan Perkins, „Der imperiale Dreh- und Angelpunkt (1800–1945)“, auf Deutsch – Teil 2b

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts schloss sich die amerikanische Grenze. Die US-Volkszählung von 1890 stellte fest, dass es keine nennenswerte Grenze mehr gab. Das „Sicherheitsventil“, das zwischen 1820 und 1900 über 20 Millionen Einwanderer – Europas „Überschussbevölkerung“ – aufgenommen hatte, war geschlossen. Doch der Kapitalismus kann nicht innerhalb von Grenzen existieren. [6]

Die globalen Spannungen verschärften sich noch weiter, da auf der anderen Seite der Welt eine neue Industriemacht emporstieg, die mit noch unmittelbareren und akuten räumlichen Engpässen zu kämpfen hatte. Japan, ein Inselstaat, der fast über keine eigenen Ölvorkommen, kein Eisenerz, keinen Kautschuk und kein Ackerland verfügte, um seine schnell wachsende industrielle Arbeiterschaft zu ernähren, hatte sich nach der Meiji-Restauration im Jahr 1868 in rasantem Tempo industrialisiert. Im Gegensatz zu Großbritannien, das Jahrhunderte Zeit gehabt hatte, seine Handelsmarine und sein riesiges territoriales Imperium aufzubauen, um seine Widersprüche aufzufangen und seine Industriemaschine anzutreiben, fiel Japans Aufstieg mit der fast vollständigen Ausdehnung des imperialen Einflussbereichs zusammen.

1904: Schauplatz des Russisch -Japanischen Krieges mit Liao-tung Halbinsel | Quelle: P. f. Collier & Son, Public domain, via Wikimedia Commons

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Japans Suche nach einem „Außen“ noch verzweifelter als die Deutschlands. Der Russisch-Japanische Krieg von 1904–1905 war der Startschuss für das, was letztendlich zu einem existenziellen Streben nach regionaler Vorherrschaft werden sollte. Der Krieg war ein verzweifelter Griff nach der Kontrolle über die Liao-tung-Halbinsel und die mandschurischen Eisenbahnen – ein Präventivschlag, der darauf abzielte, Kohle und Eisen zu sichern, bevor die Großmächte die letzten verbleibenden Gebiete einkreisten. Doch die Mandschurei reichte nicht aus.

Japans „Ressourcen-Dilemma“ entwickelte sich zu einer tödlichen Krise, als die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre einsetzte und den globalen Handel zum Erliegen brachte, während die USA eine protektionistische Politik der „verbrannten Erde“ verfolgten. Japan glich nun einem Raubtier, gefangen in einem immer kleiner werdenden Käfig. Die Invasion der Mandschurei im Jahr 1931 und der umfassende Krieg mit China im Jahr 1937 waren nicht nur territoriale Expansionen; sie waren ein verzweifelter Versuch, eine in sich geschlossene „Großostasiatische Wohlstandssphäre“ zu schaffen – ein Euphemismus für einen japanzentrierten, in sich geschlossenen Außenraum, der seine Widersprüche absorbieren sollte. Es war brutaler Ausdruck der globalen Sackgasse, die das System geschaffen hatte.

Für die europäischen Mächte wurde der „Wettlauf um Afrika“ zur nächsten raumausgreifenden Lösung. Auf der Berliner Konferenz von 1884–85 wurde der Kontinent unter den Kolonialmächten aufgeteilt. Nicht zum Wohle der dort lebenden Menschen, sondern um dem europäischen Kapital neue Absatzmärkte zu erschließen. Bis 1914 besaßen die Großmächte:

  • 33,5 Millionen Quadratkilometer (Großbritannien)
  • 10,6 Millionen (Frankreich)
  • 2,9 Millionen (Deutschland)

Sie kontrollierten damit jeweils 58 Millionen, 55,5 Millionen und 12,3 Millionen Menschen. Der Wettlauf um Afrika war in Wirklichkeit eine verzweifelte Suche nach neuen Märkten, um die stagnierende Binnennachfrage auszugleichen und überschüssiges Kapital zu absorbieren. [7]

Das „Great Game“ in Asien, der imperiale Wettstreit um die Kontrolle über Handelswege, Ressourcen und Territorien, folgte bald darauf und diente demselben Zweck. [Anmerkung der Redaktion: Als sogenanntes „Great Game“ (Große Spiel) um Asien bezeichnete man zu jener Zeit das erwartete Show-down zwischen dem Zarenreich und Vereinigten Königreich.] Um 1914 war die meisten Teile der Weltkarte schon vollständig vergeben:

Fast jeder Fleck auf der Erde wurde von einer Flagge beansprucht!

In Britisch-Indien machte Baumwolle 1885 81% und 1913–14 93% der Exporte aus, wobei 50–60% nach Großbritannien verschifft wurden. Im Jahr 1900 belief sich das ausländische Kapital in Ägypten – hauptsächlich britisch-französisches – auf etwa 100–200 Millionen Pfund, was einen geschätzten Jahresgewinn von 6–10 Millionen Pfund erbrachte. Dies waren Lehrbuchbeispiele für monokulturelle Rohstoffgewinnung zur Versorgung des industriellen Kerns des Imperiums. [8]

Bis 1913 führte die „ungleiche Entwicklung“ zu einem geopolitischen Ungleichgewicht zwischen den Großmächten, wodurch ein potenzielles Pulverfass entstand. Im Jahr 1913 erwirtschaftete Deutschland 16% der weltweiten Industrieproduktion, kontrollierte jedoch nur 2,9 Millionen km2 Kolonien, während Großbritannien 14% erwirtschaftete, aber 33,5 Millionen km2 kontrollierte. Da Deutschland kein externer Raum zur Lösung seiner Widersprüche zur Verfügung stand, „erstickte es an seinen inneren Widersprüchen“. [10]

Als der Wettbewerb um die Kontrolle über die letzten verbleibenden Räume unerträglich wurde, zerfiel das System. Als die interimperialistische Rivalität die Welt in zwei Weltkriege stürzte, lieferte die Ideologie zwar die wesentliche Motivation für die Massenmobilisierung, doch es waren wirtschaftliche Zwänge, die den historischen Motor antrieben. Es handelte sich weniger um ideologische Konflikte als um Erbfolgekriege: Brutale, blutige Wettkämpfe, bei denen es darum ging, welches …

… imperiale Zentrum die verbleibenden unkolonialisierten Räume und Handelsrouten kontrollieren würde!

Letztendlich war der einzige Weg, diese konkurrierenden Ansprüche zu regeln, der totale Krieg. Das Ergebnis war eine Katastrophe von noch nie dagewesenem Ausmaß.

Doch der Rückfall in totalen Krieg lässt sich nicht allein durch territoriale Ambitionen erklären. Für das Kapital war die militärische Lösung nicht nur ein geopolitisches Glücksspiel:

  • Die Nachfrage nach Stahl, Nitrat, Kohle und Lokomotiven schuf einen Absatzmarkt für überschüssiges Kapital, das die gesättigten Verbrauchermärkte nicht mehr aufnehmen konnten.
  • Die Mobilisierung von Millionen von Männern fungierte als unmittelbares Druckventil für überschüssige Bevölkerungen.

Die Mobilisierung an sich glich einer primitiven Form makroökonomischer Konjunkturmaßnahmen. Die Kombination aus langfristigen, maximalistischen Umverteilungszielen mit dem Versprechen eines monopolisierten Weltmarktes samt unmittelbarer wirtschaftlicher Entlastung schuf einen Teufelskreis der Zerstörung. Ein Lehrbuchbeispiel für ein spieltheoretisches Modell, …

… bei dem individuell rationale Handlungen auf kurze Sicht gesamt systemische Irrationalität und Instabilität bewirken!

Es war dieses tödliche Zusammentreffen, das die Katastrophe des frühen 20. Jahrhunderts nicht nur möglich, sondern innerhalb der Logik des Systems unvermeidlich machte.

In diesem Zusammenhang betrachtet, bildet der Marsch des Kapitals über 500 Jahre  [1500 – 2000] eine einzige ununterbrochene Bewegung: Sie führte:

  • von den englischen Bürgerlichen bis zu den atlantischen Sklavenschiffen
  • von der Baumwolle der Moguln bis zum Silber von Potosí
  • vom Wettlauf um Afrika bis zum „Great Game“ und schließlich …

 … nachdem fast alle Teile der Weltkarte vergeben waren führte jene Bewegung zum Brudermord!

Vom Kern her betrachtet war das, was sich als „wirtschaftlicher Fortschritt“ präsentierte, in Wahrheit ein halbes Jahrtausend erzwungener Enteignungen. Jede neue Phase bereinigte die aus der vorherigen resultierenden Widersprüche, indem sie diese nach außen exportierte, bis es kein „Außen“ mehr gab.

 Fortsetzung mit Teil 2c folgt

 Übersetzung UNSER-MITTELEUROPA

***

Zum Autor: Ryan Perkins ist Senior Analyst und als Editor für den Global Economic Indicator tätig. Er lebt in Peking. Seine Analysen wurden in internationalen Medien wie dem „The Atlantic Magazine“ veröffentlicht und sowohl von Unternehmen wie auch Thinktanks in Anspruch genommen. Sein Substack-Blog erreichte Platz 49 in der Kategorie „Weltnachrichten und Politik“.

Diese neue Serie von Ryan Perkins wird die Anatomie des System-Zusammenbruchs nachzeichnen – von der Verschmelzung des nationalen Kapitals zu transnationalem Kapital und der Entstehung der globalen Finanzhegemonie über die Schaffung des Schuldenstaates und den Aufstieg des fiktiven Kapitals bis hin zur letzten Jagd nach Sicherheiten, um das Gebilde zu stützen. Eine Jagd, die nun droht, uns alle zu verschlingen.

    • Der UM-Artikel von Ryan Perkins (30.7.2026) „Die zweite Front des globalen Finanzimperiums“ – Teil 1a erschien: HIER
    • Der UM-Artikel von Ryan Perkins (30.7.2026) „Die zweite Front des globalen Finanzimperiums“ – Teil 1b erschien: HIER
    • Der UM-Artikel von Ryan Perkins (3.8.2026) „Der Mythos des Kapitals“ – Teil 2a erschien: HIER
    • Der Artikel von Ryan Perkins (3.8.2026) “The Inevitability of Collapse in the Age of Financialization” Teil 2 im englischen Original erschien: HIER 

Literaturverzeichnis:

[6] Frederick Jackson Turner, “The Significance of the Frontier in American History,” Annual Report of the American Historical Association for 1893 (1894), 199–200 (1890 Census: “no longer a frontier line”); Hugh Brogan, The Pelican History of the United States (Penguin, 1985), 288 (20m immigrants 1820–1900).
[7] David Harvey, The New Imperialism (Oxford UP, 2003), 26–30; Michael Hudson, Super-Imperialism: The Economic Strategy of American Empire, 3. Aufl. (Pluto, 2021), 12–15).
[8] Ronald Hyam, Britain’s Imperial Century 1815–1914 (Palgrave, 1976), 241, Tabelle 11.1 (33,5 Mio. / 10,6 Mio. / 2,9 Mio. km²; 58 Mio. / 55,5 Mio. / 12,3 Mio. Einwohner 1914); David Harvey, The New Imperialism (Oxford UP, 2003), 26–30.
[9] Statistical Abstract for British India, 1904–05 bis 1913–14 (1915), Tabelle 68 (81 % Baumwolle 1885, 93 % 1913–14, 50–60 % nach Großbritannien); Earl of Cromer, Modern Egypt, Bd. 2 (Macmillan, 1908), 482–85 (100–200 Mio. £ Kapitalstock in Ägypten 1900); Prabhat Patnaik, „The Drain from Egypt“, Social Scientist 46, Nr. 1–2 (2018): 22–31 (900 Mio. £ kumuliert 1882–1956); Utsa Patnaik in Agrarian and Other Histories, 290–95.
[10] Bairoch, Victoires et déboires, 528 (Deutschland 16 % / Großbritannien 14 % Industrieanteil 1913); Maddison, World Economy, 261; Hyam, Britain’s Imperial Century, 241. Zur „ungleichmäßigen Entwicklung“ und zur sich verengenden kolonialen Landkarte, die interimperiale Kriege erzwang: W. I. Lenin, Imperialismus, die höchste Stufe des Kapitalismus (1916).


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