Von Ravi Raj
Im Juni jährte sich die Gründung der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) zum 25. Mal. Bezeichnenderweise entwickelte sie sich in dieser Zeit zunehmend zu einem Gegengewicht zur westlichen Hegemonie im globalen politischen und finanziellen System. Im Laufe der gesamten Geschichte der SOZ betrachtete Russland diese Organisation in erster Linie als eine Plattform, die es ihm ermöglicht, mit vertretbarem Aufwand seinen Einfluss in Zentralasien zu bewahren, die Region nicht an China zu verlieren und als Gegengewicht zu einer von Moskau als bedrohlich empfundenen, vom Westen dominierten Weltordnung eine multipolare Ordnung zu etablieren.
In den ersten 15 Jahren spielte die SOZ für Russland gegenüber der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) und der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) lediglich eine untergeordnete Rolle. Später gewann die Plattform im diplomatischen Instrumentarium Moskaus an Bedeutung. Seit 2014 und insbesondere seit 2022 ist sie zu einer der letzten Institutionen geworden, in deren Rahmen Russland als vollwertiges Mitglied der internationalen Gemeinschaft auftreten kann und nicht als isolierter Paria-Staat.
Hinter Russlands multilateraler Politik steht ein weiter gefasstes Prinzip: Internationale Institutionen sind für Russland in erster Linie ein Instrument, um seine internationale Stellung zu festigen und westliche Zwänge zu überwinden, und weniger ein Mittel zur tiefgreifenden Integration.
Die Gründungslogik: Sicherheit an den Grenzen und ein sekundäres Instrument
Die SOZ ist die Nachfolgerin der 1996 gegründeten „Shanghai Five“. Letztere entstand im Zusammenhang mit einem technischen Problem: der Demarkation und Entmilitarisierung der chinesisch-sowjetischen Grenze zu Kasachstan, Kirgisistan und Tadschikistan. Da Moskau nach dem Zusammenbruch der sowjetischen Verwaltungsstrukturen seine Politik in der Region erst neu ordnen musste, lag der Schwerpunkt darauf, ein institutionelles Vakuum zu verhindern, statt einen neuen supranationalen Mechanismus zu schaffen. Für Russland war dies nützlich, aber keineswegs prioritär.
In der postsowjetischen Ära richtete Moskau sein Hauptaugenmerk auf seine eigenen postsowjetischen Strukturen, insbesondere auf die OVKS als Militärbündnis, und weniger auf die SOZ, die eher als Brücke zu China diente. Diese Rangordnung blieb auch nach 2001 weitgehend unverändert, als die SOZ organisatorisch gefestigt und auf die Terrorismusbekämpfung ausgerichtet wurde. In den 2000er Jahren verlagerte sich die Politik Russlands in Zentralasien hin zu bilateralen Abkommen und den Bestimmungen der OVKS zur kollektiven Verteidigung, die bewusst nicht zum Instrumentarium der SOZ gehörten. Was die OVKS allerdings nicht bieten konnte, war die Einbindung Chinas. Die SOZ hingegen bot Moskau die Möglichkeit, Pekings regionale Agenda innerhalb eines gemeinsamen Rahmens zu behandeln, ohne China die alleinige Kontrolle darüber zu überlassen.
Arbeitsteilung statt Partnerschaft auf Augenhöhe
In den 2010er Jahren kam es zu einer Abgrenzung der Tätigkeitsbereiche. Nach dem Gipfel in Qingdao im Jahr 2018 stellte das International Institute for Strategic Studies fest: „Russland ist führend in politisch-militärischen Fragen sowie in den Bereichen Kommunikation und Kultur, während China eine führende Rolle in den Bereichen wirtschaftliche Entwicklung, Investitionen und Infrastruktur einnimmt.“
Dieses Verhältnis zwischen den jeweiligen Stärken war kein Zufall: Russland konnte mit China im Wettbewerb um Kapital nicht mithalten. Gleichzeitig verfügte Russland über kulturelles und militärisches Potenzial, mit dessen Hilfe es in einer sowjetisch geprägten Region dominieren konnte: Die russische Sprache war relativ leicht zugänglich, und viele zentralasiatische Offiziere hatten ihre Ausbildung in Russland absolviert. Russlands Bedeutung innerhalb der SOZ zeigt sich auch im Rahmen der gemeinsamen Manöver „Peace Mission“, bei denen Russland in der Regel die Führungsrolle übernimmt, während China im Bereich der operativen Kompatibilität der Streitkräfte relativ unerfahren ist. Diese „Arbeitsteilung“ ermöglicht es Moskau, seine Präsenz im Sicherheitsbereich aufrechtzuerhalten, in dem Peking weniger ins Gewicht fällt.
Dass die SOZ nie als eigentliche treibende Kraft der russischen Regionalpolitik gedacht war, zeigt auch der parallele Aufbau eigener Institutionen durch Moskau.
Die von Wladimir Putin 2011 vorgeschlagene Eurasische Union, die 2015 in Form der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) Gestalt annahm, stellte eine von Russland geführte Alternative zur wirtschaftlichen Integration unter chinesischer Führung dar. Sie war eher eine Duplizierung als eine Ergänzung der seit langem bestehenden Bestrebungen der SOZ zur Schaffung einer Freihandelszone. Dank der Koordinierung der Projekte durch Russland und China entwickelte sich die SOZ zu einem Forum, an dem alle SOZ-Mitglieder teilnehmen konnten, sobald sich Moskau und Peking über die Bedingungen geeinigt hatten. Wie das bisherige Modell zeigt, schafft Russland eigene Strukturen, wenn es die Bedingungen selbst bestimmen kann, während die Beteiligung an der SOZ für Moskau lediglich mit vergleichsweise geringem Aufwand verbunden ist.
Eindämmung der chinesischen Dominanz durch die Erweiterung der Organisation
Russland setzte sich aktiv für die Aufnahme Indiens (ebenso wie Pakistans) in die SOZ ein – als Strategie zur Schwächung des chinesischen Einflusses in der Region und nicht als aufrichtiges Bemühen um die Festigung der regionalen Ordnung. Auch bei der Erweiterung der SOZ gingen die Interessen der beiden Mächte auseinander: China unterstützte Pakistan, Russland hingegen Indien.
Bis 2018 hatten beide südasiatischen Staaten den Status von Vollmitgliedern erlangt. Die von der SOZ gern hervorgehobenen Kennzahlen – „80 Prozent der Landfläche Eurasiens, 43 Prozent der Weltbevölkerung und ein Viertel des globalen BIP“ – erwiesen sich dabei nicht deshalb als nützlich, weil sie eine funktionierende Integration der Staaten unter dem Einfluss der Organisation belegten, sondern weil Chinas Anteil innerhalb des Blocks dadurch geringer wurde.
Dies deckt sich mit dem, was im Vorwort des von Sergei Marotschkin und Juri Besborodow herausgegebenen Buches „Die Shanghai-Organisation für Zusammenarbeit: Eine Untersuchung neuer Horizonte“ (engl. „The Shanghai Cooperation Organization: Exploring New Horizons“) über die Bedeutung der SOZ steht: „eine neue Erfahrung, die als Orientierungspunkt im Rahmen zwischenstaatlicher regionaler Organisationen dient und in einer neuen internationalen Welt angebracht wäre, in der die Versuche zunehmen, eine unipolare Welt auf Kosten einer multipolaren zu etablieren.“
Das überwiegend von Wissenschaftlern russischer Universitäten verfasste Vorwort spiegelt den offiziellen russischen Diskurs wider und spricht von Misstrauen zwischen den „Weltmächten“, einer „Krise des geopolitischen Paradigmas“ und einer „Post-COVID-Welt voller Turbulenz und Unsicherheit“, in der die SOZ vor allem dazu dient, zu zeigen, dass ein Leben in einer Welt ohne westliche Vormundschaft möglich ist.
Souveränität als Leitprinzip, nicht als Zufall
Genau diese symbolische Funktion erklärt, warum Russland kein Interesse daran zeigt, die SOZ mit supranationalen Befugnissen auszustatten – im Gegensatz zu seinem rhetorischen, bisweilen koketten Umgang mit der Idee einer tieferen Integration im Rahmen der EAWU – einem Instrument, in dem Moskau die stärkere Position einnimmt.
Die ursprünglichen Grundsätze der Organisation – „gegenseitiges Vertrauen, gegenseitiger Respekt, Gleichberechtigung, […] Achtung der Vielfalt der Zivilisationen“ – sind für Russland in doppelter Hinsicht von Vorteil: Sie verhindern zum einen, dass die Politik und Praxis der Organisation von außen einer kritischen Analyse unterzogen werden, zum anderen grenzen sie die SOZ vom Modell der Europäischen Union ab, das der Kreml stets als Instrument zum Export westlicher Werte betrachtet.
Dasselbe lässt sich im konzeptionellen Modell des „neuen Regionalismus“ von Teemu Naarajärvi in seiner Studie „China, Russland und die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit: Segen oder Fluch für den neuen Regionalismus in Zentralasien?“ (engl. „China, Russia and the Shanghai Cooperation Organisation: Blessing or Curse for New Regionalism in Central Asia?“) erkennen, in dem die SOZ hinsichtlich des Grades an „politischer Integration“ einen niedrigen Rang einnimmt und die Regionalisierung in Zentralasien als „unter strenger Kontrolle staatlicher Verwaltungen stehend“ charakterisiert wird – ein Aspekt, den der Forscher als teilweise überholt betrachtet. Für Russland ist dies jedoch kein Scheitern, sondern der eigentliche Kern: Die Positionierung als Zentrum des Forums schützt gleichzeitig die Souveränität seiner Führung vor äußerer Kritik.
Fazit: Abhängigkeit ohne Unterordnung
Russlands Politik gegenüber der SOZ war stets von einem ausgewogenen Instrumentalismus geprägt: Es investierte wenig, wenn ihm andere Optionen offenstanden, legte Wert auf die symbolische Bedeutung der Organisation, wenn es eine internationale Bühne brauchte, und widersetzte sich konsequent jeder institutionellen Vertiefung, die seinen eigenen Handlungsspielraum einschränken könnte.
In den letzten Jahren gewann die SOZ für Russland deutlich an Bedeutung. Nach der Verhängung westlicher Sanktionen wuchs sowohl der Bedarf an alternativen, nichtwestlichen Plattformen für diplomatische Verhandlungen als auch die Notwendigkeit, sich notfalls auf China als wirtschaftlichen Partner zu verlassen.
Zugleich wurde die SOZ für Russland umso wichtiger, je stärker Peking seinen Einfluss innerhalb der Organisation ausbaute und je mehr Moskaus eigener Einfluss zurückging.
Russlands Multilateralismus weist damit einen offensichtlichen inneren Widerspruch auf: Je geringer Moskaus Rolle bei der Gestaltung internationaler Institutionen wird, desto wertvoller werden sie für Russland. Die SOZ ist daher weniger ein Grundpfeiler der russischen Gesamtstrategie als vielmehr ein Ausdruck ihrer Grenzen. Und je mehr sie für Russland zur einzigen verbleibenden Bühne für die Demonstration seiner internationalen Stellung wird, desto größer wird ihr Nutzen.
Übersetzt aus dem Englischen. Der Artikel ist erstmals am 31. August 2026 auf der Homepage von „Russia in Global Affairs“ erschienen.
Ravi Raj ist Doktorand am Zentrum für Russische und Zentralasiatische Studien der Fakultät für Internationale Studien an der Jawaharlal-Nehru-Universität (JNU) in Neu-Delhi, Indien.
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