Der Übersetzer russischer Klassiker Alexander Nitzberg wirft dem Journalisten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) Michael Martens vor, eine Kampagne gegen ihn gestartet zu haben. Auslöser soll ein Interview mit der österreichischen Zeitung Der Standard im Jahr 2022 gewesen sein. Nitzberg äußerte sich dazu am 21. August im Gespräch mit der Nachrichtenagentur RIA Nowosti:

„Der Publizist, der in der FAZ eine Hetzkampagne gegen mich gestartet hat, ist ebenjener Michael Martens, der Selenskij vor wenigen Tagen gefragt hat, wie ‚wir Europäer‘ der Ukraine helfen könnten, mehr Russen zu töten. Übrigens ist er der Enkel eines Nazi-Staatsanwalts, der auf persönlichen Befehl Hitlers ernannt wurde.“

Martens war zuletzt wegen einer Frage an den ukrainischen Präsidenten Wladimir Selenskij in die Schlagzeilen geraten. Bei einer Pressekonferenz mit dem serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić in Belgrad hatte der FAZ-Korrespondent am 8. August gefragt, was die Europäer tun könnten, um der Ukraine zu helfen, „mehr russische Soldaten zu töten“.

Anschließend erklärte Martens, er habe russische Soldaten gemeint. Die FAZ bedauerte die Formulierung und bezeichnete sie als missverständlich. Zugleich stellte die Zeitung klar, dass sie nicht dafür eintrete, möglichst viele russische Soldaten zu töten. In Russland löste die Äußerung scharfe Kritik aus. Gegen Martens wurde ein Strafverfahren eingeleitet. Das russische Innenministerium schrieb ihn zudem zur Fahndung aus.

Streit nach Interview über Bulgakow

Nach Darstellung Nitzbergs reicht der Konflikt mit Martens bis ins Jahr 2022 zurück. Am 6. März jenes Jahres hatte die österreichische Zeitung Der Standard ein Interview mit dem Übersetzer veröffentlicht. Im Mittelpunkt hatte zunächst seine Arbeit an der Übersetzung von Michail Bulgakows Roman „Die weiße Garde“ gestanden.

Im Verlauf des Gesprächs waren Nitzberg auch politische Fragen gestellt worden. Er hatte daraufhin erklärt, er wolle die Position Bulgakows vermitteln. Der Schriftsteller habe „die Menschen als Menschen betrachtet“ und sich um „geistige Neutralität“ bemüht. Nach Angaben Nitzbergs begann nach der Veröffentlichung des Interviews eine öffentliche Kampagne gegen ihn. Ehemalige Kollegen hätten sich gegen ihn gewandt, während andere Personen die Zusammenarbeit mit ihm beendet hätten.

Besonders schwerwiegend sei für ihn die Entscheidung eines Verlags gewesen, eine bereits fertiggestellte Hörfassung von „Meister und Margarita“ nicht zu veröffentlichen. Nitzberg hatte den Roman übersetzt und die Hörfassung selbst eingesprochen. Nach seinen Angaben wurde die Veröffentlichung aus Sorge vor möglichen negativen Reaktionen abgesagt. Der Übersetzer vermutet, dass von ihm eine bestimmte politische Position erwartet worden sei. Insbesondere habe man offenbar eine öffentliche Verurteilung der russischen Politik erwartet.

Nitzberg: Martens war Initiator der Kampagne

Nitzberg betont, dass Martens nach seiner Darstellung der Initiator der Kampagne gegen ihn gewesen sei. Der Übersetzer erklärte zudem, dass er in späteren Veröffentlichungen praktisch nicht mehr selbst zitiert worden sei. Seine Aussagen seien stattdessen von Journalisten zusammengefasst und in einem von den jeweiligen Autoren vorgegebenen Sinne interpretiert worden.

Eine Verbindung zwischen Martens und der damaligen öffentlichen Kritik lässt sich zumindest zeitlich nachvollziehen. Bereits am 7. März 2022 hatte Martens in der FAZ einen scharf formulierten Beitrag über Nitzberg veröffentlicht. Darin hatte er einige von Nitzbergs „Argumenten“ als „reinste Kreml-Propaganda“ bezeichnet und im Zusammenhang mit Nitzbergs Äußerungen von einer „Kaskade menschenverachtender Dummheiten“ gesprochen.

Hintergrund zu Martens‘ Großvater

In seinen aktuellen Äußerungen verwies Nitzberg auch auf die Familiengeschichte des FAZ-Journalisten. Angaben über dessen Großvater Hans-Hermann Martens hatte Martens selbst öffentlich gemacht. Demnach war Hans-Hermann Martens Jurist und Mitglied der Sturmabteilung (SA) sowie der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) gewesen. 1936 war er zum Staatsanwalt ernannt worden. Nitzberg bezeichnete ihn deshalb als „Nazi-Staatsanwalt“.

Nitzberg ist vor allem für seine Übersetzungen russischer Literatur ins Deutsche bekannt. Zu seinen Arbeiten gehören unter anderem Neuübersetzungen von Werken Bulgakows und Fjodor Dostojewskis. Seine Übersetzung von „Meister und Margarita“ erschien 2012. 2019 erhielt er den Österreichischen Staatspreis für literarische Übersetzung.

Mit seinen aktuellen Äußerungen stellt Nitzberg einen Zusammenhang zwischen dem Streit nach seinem Interview im Jahr 2022 und den späteren beruflichen Konsequenzen her.

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