Von Olga Samofalowa
Trotz des jüngsten Rückgangs der Goldpreise, der durch den Konflikt zwischen den USA und Iran verursacht wurde, bleiben die Zentralbanken weltweit weiterhin die wichtigsten Käufer des Edelmetalls. Darüber hinaus beabsichtigen sie, ihre Goldreserven im Laufe des nächsten Jahres aufzustocken, wie eine neue Studie des World Gold Council zeigt. Gold bleibt für sie ein gutes Instrument zum Schutz vor Inflation, geopolitischen Turbulenzen und Währungsrisiken.
Die Zentralbanken haben in den letzten vier Jahren durchschnittlich 1.000 Tonnen Gold pro Jahr gekauft. Das ist doppelt so viel wie im vergangenen Jahrzehnt. Laut einer Umfrage unter 74 Zentralbanken erwarten fast neun von zehn der befragten Währungshüter für das kommende Jahr einen Anstieg der weltweiten Goldreserven, wobei 45 Prozent einen Anstieg ihrer eigenen Bestände prognostizieren. Nur ein Prozent der Befragten geht davon aus, dass ihre Reserven schrumpfen könnten.
Die Umfrage ergab zudem, dass die Zentralbanken es zunehmend vorziehen, Goldbarren im eigenen Land statt im Ausland zu lagern. Sie verzichten zunehmend auf die Nutzung internationaler Lagerstätten wie der Bank of England und der Federal Reserve Bank of New York. Wladimir Tschernow, Analyst bei Freedom Global, erklärt:
„Der Goldpreis ist gegenüber den Höchstständen vom Januar stark zurückgegangen. Zu Jahresbeginn stieg der Preis auf über 5.400 US-Dollar pro Unze, während er sich derzeit im Bereich von 4.300 bis 4.370 US-Dollar bewegt: Der Rückgang gegenüber dem Höchststand beträgt etwa 20 Prozent. Die Preise begannen zu sinken aufgrund eines stärkeren US-Dollars, der Erwartungen einer straffen Geldpolitik der Federal Reserve und des teilweisen Rückzugs der Anleger aus sicheren Anlagen nach dem Abklingen der geopolitischen Panik.“
Der Preisverfall bei Gold vor dem Hintergrund des Nahost-Konflikts schrecke die Zentralbanken jedoch nicht ab. Marina Nikischowa, Chefanalystin der russischen Bank Senit, meint:
„Im Gegenteil, der Preisrückgang wird von den Zentralbanken als strategische Kaufgelegenheit wahrgenommen. Ihre Entscheidung ist durch eine Verschiebung der Prioritäten bedingt: Geopolitische Sicherheit rückt in den Vordergrund, nicht der kurzfristige Gewinn.“
Tschernow hebt hervor, dass die Zentralbanken Gold nicht wie private Anleger kaufen, die täglich auf den Preis achten. Für sie sei es ein Reservewert für die kommenden Jahre. Der Experte fügt hinzu:
„Ein Kursrückgang ist zwar unangenehm, ändert aber nichts am Wesentlichen: Gold ist nicht von den Verpflichtungen eines bestimmten Staates abhängig, kann nicht gedruckt werden, birgt kein Kreditrisiko und bewährt sich in Zeiten von Sanktionen, Kriegen, hoher Inflation und Misstrauen gegenüber Währungen.“
Darüber hinaus ist der Goldpreis seit 2022 stark gestiegen, und selbst nach der jüngsten Korrektur liegt Gold weiterhin deutlich über den Niveaus der vergangenen Jahre, so Tschernow.
Allerdings sei es auch unvorteilhaft, alle Reserven ausschließlich in Gold zu halten. Welche Nachteile hat das Edelmetall? Der Experte erklärt:
„Gold bringt im Gegensatz zu Anleihen keine Zinsen ein. Seine Lagerung und sein Transport kosten Geld. Bei einem starken Preisanstieg besteht das Risiko, zu teuer zu kaufen. Und wenn ein Land einen zu großen Anteil seiner Reserven in Gold hält, verliert es an Flexibilität, da für Zahlungen, Devisenmarktinterventionen oder die Stützung des Haushalts ohnehin liquide Währungen und Geldmarktinstrumente benötigt werden.“
Interessant ist der Trend, dass die Zahl der Banken, die ihr Gold im eigenen Land und nicht in London oder New York lagern, stark gestiegen ist. Nikischowa sagt:
„Bis 2022 war die Lagerung von Gold in London oder New York aufgrund der Liquidität und des Vertrauens der Standard. Nun ändert sich diese Strategie.
Die Zentralbanken holen ihr Gold zurück ins eigene Land, denn die Einfrierung von 300 Milliarden US-Dollar an Reserven der Russischen Föderation hat gezeigt, dass Vermögenswerte im Ausland keine Garantie, sondern ein politisches Risiko darstellen.“
Aber das gesamte Gold im eigenen Land zu lagern, ist aus Sicht einer Aufsichtsbehörde ebenfalls nicht gut – man kann es nicht so schnell verkaufen wie beispielsweise den Yuan. Tschernow hebt hevor:
„Ein Teil der Reserven wird in London, New York, bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich oder in anderen Finanzzentren belassen, weil es dort einfacher ist, schnell Transaktionen durchzuführen, das Metall als Sicherheit zu nutzen, es gegen Devisenliquidität einzutauschen und über eine gut ausgebaute Marktinfrastruktur zu agieren. Daher geht der Trend derzeit weniger in Richtung einer vollständigen Rückführung des Goldes ins eigene Land als vielmehr in Richtung Diversifizierung. Das heißt, ein Teil verbleibt im Inland, ein Teil befindet sich aber dennoch in verschiedenen ausländischen Lagerstätten.“
Russland weicht allerdings von diesem weltweiten Trend ab. Gerade die Russische Föderation begann im Jahr 2014 damit, in großem Umfang Gold für ihre Währungsreserven aufzukaufen. Doch in den letzten Jahren kaufe Moskau kein Gold mehr auf, sondern verkaufe es sogar, um das Haushaltsdefizit zu decken, das durch den Rückgang der Öl- und Gaseinnahmen und hohe Ausgaben entstanden ist, so Nikischowa. Seit Mitte 2025 hat das russische Finanzministerium damit begonnen, Vermögenswerte aus dem Nationalen Wohlstandsfonds (FNW) zu veräußern. Im Januar 2026 erreichten die Verkäufe von Yuan und Gold aus diesem Fond einen Rekordwert von 244,4 Milliarden Rubel (fast 3 Milliarden Euro). Diese Mittel dienten dazu, die entgangenen Haushaltseinnahmen auszugleichen.
Laut Nikischowa biete der Preisverfall technisch gesehen ein günstiges Zeitfenster für den Kauf von Gold, doch politisch und wirtschaftlich könne die Zentralbank der Russischen Föderation dies nicht tun, da das Haushaltsdefizit im ersten Quartal 2026 4,6 bis 5,9 Billionen Rubel (54,7 bis 70,1 Milliarden Euro) erreicht habe. Und selbst die Blockade der Straße von Hormus und der Anstieg der Ölpreise in den letzten drei bis vier Monaten hätten nicht geholfen. Die Öl- und Gaseinnahmen des Haushalts Russlands seien zwar stark gestiegen, doch das Haushaltsdefizit bleibe bestehen. Nikischowa erklärt:
„Die Idee, die Reserven durch den Kauf von Gold aufzustocken, ist logisch, aber derzeit steht unser Staat vor einer anderen Aufgabe – dem Überleben des Haushalts hier und jetzt, und nicht der strategischen Ansammlung.“
Außerdem habe Russland ohnehin schon einen sehr hohen Goldanteil in seinen Reserven, fügt Tschernow hinzu. Nach Angaben der Bank von Russland belief sich der Wert des monetären Goldes des Landes in den internationalen Reserven zum 1. Juni 2026 auf rund 326 Milliarden US-Dollar bei einem Gesamtvolumen der Reserven von rund 747 Milliarden US-Dollar. Tschernow meint:
„Gold macht bereits einen sehr bedeutenden Teil des Währungspuffers aus. Daher würde ich nicht sagen, dass Russland dringend und aggressiv Gold aufkaufen muss. Es ist logisch, die Reserven mit Gold aufzustocken, insbesondere angesichts der Sanktionen und der eigenen Förderung, aber dies sollte besser schrittweise und im Rahmen der Haushaltsregel erfolgen, wenn zusätzliche Öl- und Gaseinnahmen vorhanden sind.“
Die Prognosen der Analysten für Gold sind recht optimistisch: In der zweiten Jahreshälfte wird der Preis wieder steigen. So rechnet J.P. Morgan für das vierte Quartal 2026 mit einem Durchschnittspreis von 6.000 US-Dollar pro Unze und einem Wachstumspotenzial auf bis zu 6.300 US-Dollar im Jahr 2027. Die Analysten von State Street rechnen in ihrem Basisszenario mit 4.750 bis 5.500 US-Dollar bis Ende 2026. Bei der UBS liegt das Kursziel für Ende 2026 bei etwa 6.200 US-Dollar. Tschernow fasst zusammen:
„Bis zum Jahresende würde ich mit hoher Volatilität rechnen. Sollte die Federal Reserve eine straffe Geldpolitik verfolgen, der US-Dollar stark bleiben und sich die geopolitische Lage etwas beruhigen, könnte Gold noch eine Weile unter den Höchstständen vom Januar notieren. Doch das langfristige Bild für Gold bleibt positiv: Die Zentralbanken kaufen weiterhin Gold, die Staatsverschuldung weltweit ist hoch, die Währungsrisiken sind nach wie vor vorhanden und die geopolitische Lage bleibt instabil. Daher könnte Gold im Basisszenario ein teurer Vermögenswert bleiben, allerdings ohne Garantie für eine schnelle Rückkehr zu den Höchstständen. Auf Sicht von mehreren Jahren werden die Nachfrage der Zentralbanken und das Bestreben der Länder, unabhängigere Reserven zu halten, den Preis stützen.“
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 18. Juni 2026 auf der Website der Zeitung „Wsgljad“ erschienen.
Olga Samofalowa ist Wirtschaftsanalystin bei der Zeitung „Wsgljad“.
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