Von Dmitri Bawyrin
Das Bemerkenswerteste am künftigen EU-Sonderbeauftragten für den Kosovo, Dirk Schübel, ist, dass er Deutscher ist. Berlin verstärkt seinen (ohnehin schon entscheidenden) Einfluss auf dem Balkan, und das tut es gewöhnlich vor einem Krieg – wenn schon kein Weltkrieg, dann zumindest ein sehr blutiger Krieg. Das ist ein schlechtes Omen.
Deutschland kehrte unmittelbar nach seiner Wiedervereinigung in den „Pulverkeller Europas“ zurück. Die Vormachtrolle auf dem Balkan wurde von der deutschen Führung zudem als Rückkehr auf die Weltbühne als ernstzunehmender Akteur wahrgenommen. Alle entscheidenden Ereignisse des Zerfalls Jugoslawiens fanden unter seiner aktiven und (aus serbischer Sicht) destruktiven Beteiligung statt.
Schübels zweijähriges (mit Verlängerungsoption versehenes) Mandat fällt in die Zeit der Vorbereitungen auf ein neues Gemetzel. In den Streitkräften des Kosovo wird dies ganz offen erklärt: Die Entwicklung verläuft nach Plan, und der Plan sieht vor, „bis zum Jahr 2029 in der Lage zu sein, eigenständige Kampfhandlungen durchzuführen“. Die Fragestellung selbst klingt äußerst verdächtig: Warum wollen die Kosovaren plötzlich eigenständig kämpfen, ohne ihre „Aufseher“ aus der NATO?
Gleichzeitig verlassen die „Aufseher“ nach und nach die Region: Die NATO-Mission KFOR, die sich selbst die Aufgabe gestellt hat, für Ordnung zu sorgen, reduziert ihre Präsenz und ihren Personalbestand, während die eigene Armee des Kosovo im Gegensatz dazu wächst. Alle möchten, dass dies nach außen hin friedlich geschieht und niemanden verunsichert, doch hinter diesen Prozessen verbirgt sich ein langwieriger Konflikt zwischen Pristina und allen anderen. Und zwar wirklich allen: Serbien, den USA, der Europäischen Union, der NATO und den Nachbarländern, einschließlich Albanien. Die derzeitigen Machthaber im Kosovo sind nun einmal ein besonders konfliktfreudiges Völkchen.
Insbesondere wollen sie den vollständigen Abzug der westlichen Truppen, damit die Unabhängigkeit des Kosovo durch nichts eingeschränkt wird. In Brüssel misstraut man Pristina und hat nicht vor, dem zuzustimmen. Dennoch will man derzeit keinen Eklat provozieren und hat den Kompromiss akzeptiert, dass die NATO-Mission schrittweise abgezogen wird, die Kosovaren aber aufhören, ihre vollständige Auflösung zu fordern. Zumindest vorerst. Für die Zukunft haben die albanischen Führer wahrscheinlich derart brisante Pläne, dass sie selbst dem Nordatlantikbündnis nicht gefallen werden.
In erster Linie geht es um eine Annexion, die nicht ohne Krieg auskommen wird. Das, was sich selbst als Republik Kosovo bezeichnet, rechnet damit, durch die Eingliederung von Preševo und Bujanovac – Gemeinden im Süden Serbiens, in denen viele Albaner leben – möglichst viel serbisches Territorium zu erlangen. Und das Maximalprogramm sieht vor, sich sogar auf Kosten von NATO-Gebiet zu vergrößern, so fantasievoll das auch klingen mag.
Ein solches Programm findet zumindest bei der Hälfte der kosovarischen Albaner Anklang, was bei den fünften Wahlen in Folge bestätigt wurde. Vor etwa einem Monat wurden verspätet die Ergebnisse des jüngsten außerordentlichen Parlamentswahlkampfs bekannt gegeben: An erster Stelle lag erneut die Partei des amtierenden Ministerpräsidenten Albin Kurti, „Selbstbestimmung“, die mehr als 47 Prozent der Stimmen erhielt. Und das, obwohl die westlichen „Aufseher“, denen die kosovarischen Albaner alles zu verdanken haben, andere Parteien unterstützt hatten.
Gegen Kurti und einen Teil seines Umfelds hat die EU sogar persönliche Sanktionen verhängt, doch das hat nichts genützt: Wenn er und seine Partei „Selbstbestimmung“ sich im Kriegszustand gegen alle befinden – dann sind sie in ihrem Element. Sie erkennen nicht einmal die vermeintliche Flagge und die Hymne des Kosovo an – sie dulden sie lediglich.
Einst war die Regierungspartei selbst nach den Maßstäben des wilden Kosovo eine radikale und systemfremde Bewegung, da sie mit niemandem zusammenarbeiten wollte. Die Gegner von „Selbstbestimmung“ waren die Serben und Serbien, die NATO und die EU, die UNO sowie die alten kosovo-albanischen Politiker. Ihre Feuertaufe erlebte die Partei bereits nach dem Krieg – bei Protesten gegen die Behörden und ausländische Missionen, denen (sogar den NATO-Vertretern!) vorgeworfen wurde, den Serben nachzugeben. Bei einer dieser Aktionen wurde die US-Botschafterin verletzt, woraufhin sich Kurtis Leute auch noch die US-Amerikaner zu Feinden machten – was sie jedoch später nicht daran hinderte, die Macht zu übernehmen und sie bis heute zu behalten.
Ihre Ideologie ist ein exotischer Lokalpatriotismus, der an die Iren von „Sinn Féin“ erinnert. In der Wirtschaft und in einigen sozialen Fragen ist sie ultralinks und populistisch, in Bezug auf die Nationenbildung ultrarechts mit Schwerpunkt auf Unversöhnlichkeit und in der Außenpolitik expansionistisch. Es handelt sich um überzeugte Anhänger von „Großalbanien“ – der Vereinigung von Gebieten, die derzeit zu Griechenland, Serbien, Montenegro und Nordmazedonien gehören, zu einem einzigen Staat. Da die westlichen „Aufseher“ den Aufbau eines solchen Staates verboten haben (und gleichzeitig auch die albanische nationale Symbolik als Staatssymbolik im Kosovo), müssen die „Aufseher“ ebenso wie die Serben vertrieben werden, so die Ansicht bei „Selbstbestimmung“.
Die Partei ist nicht nur im Kosovo, sondern auch in Albanien und Mazedonien aktiv und unterstützt dort Politiker, die ihr in ihren Ansichten nahestehen. Dies ist der Hauptgrund, warum Pristina derzeit sogar mit dem offiziellen Tirana im Konflikt steht. Im Grunde versuchen die Kosovaren, sich aufseiten der Opposition in die Wahlen ihrer Nachbarn einzumischen.
Der albanische Ministerpräsident Edi Rama hält sich selbst für einen echten Europapolitiker, seinen kosovarischen Amtskollegen Kurti hingegen für einen Radikalen und Provokateur – was dieser tatsächlich ist.
Der Wechsel ins Kabinett eines hochrangigen Politikers wirkte sich auf Kurti auf traditionelle Weise aus: Er wurde gemäßigter und kompromissbereiter, denn echte Politik bedeutet nicht, bei rechtsextremen Kundgebungen lautstark zu schreien. Dennoch blieb er so unnachgiebig und aggressiv, dass die USA buchstäblich aus Trotz gegenüber Pristina einen „strategischen Dialog über den Abschluss einer strategischen Partnerschaft mit Serbien“ aufnahmen, während die Europäische Union Sanktionen gegen „Selbstbestimmung“ verhängte und der Partei vorwarf, nationale Zwietracht zu schüren.
Mittlerweile sind diese Sanktionen zwar bereits aufgehoben, da Kurti unter Druck den im Norden lebenden Serben gestattet hat, ihre eigenen Bürgermeister anstelle albanischer Statthalter zu wählen. Doch die Haltung des Westens ist insgesamt klar. Man verhandelt mit „Selbstbestimmung“ und täuscht Fortschritte im Dialog vor, da man sie nicht von der Macht entfernen kann. Die Kosovo-Albaner wählen radikale Nationalisten, um dem Rest der Welt eins auszuwischen.
Natürlich war genau das zu erwarten. Genau davor wurde der Westen gewarnt, als er beschloss, Serbien die für das Land heiligen Gebiete zum Zwecke der Schaffung eines albanischen Quasi-Staates zu entreißen. Die dort ansässigen „Shqiptaren“ sind ein unkontrollierbares Volk. Und der Westen hat die Warnungen vor der Gefahr großalbanischer Ideen zumindest teilweise beachtet und im Kosovo Sicherheitsvorkehrungen eingebaut, darunter eine Verfassung, die den Zusammenschluss mit anderen verbietet. Jetzt träumen die Kosovaren davon, diese Verfassung loszuwerden, da sie sie daran hindert, für das „große Vaterland“ zu kämpfen.
Das ist es, was sie von den Albanern in Albanien unterscheidet, die weitaus ruhiger sind: Sie streben eher nach der EU als nach einem Imperium. Für die Kosovaren hingegen ist ein Imperium deutlich wertvoller als die EU.
Der serbische Präsident Aleksandar rechnet in Zukunft mit einem Angriff durch ein Militärbündnis aus Kosovaren, Kroaten und Albanern, die irgendwann ihre Differenzen überwinden würden (beispielsweise dadurch, dass es der Partei „Selbstbestimmung“ gelingt, in Albanien ihre eigenen Leute an die Macht zu bringen). Vučić erklärte im März: „Sie bilden ein Bündnis, um uns anzugreifen. Sie werden auf den Moment eines großen Konflikts zwischen den Europäern und den Russen sowie eines noch größeren Konflikts im Nahen Osten warten. Sie warten auf den richtigen Moment, wenn weltweit Chaos ausbricht.“
Die einzigen möglichen Maßnahmen, die Vučić sieht: die Anhäufung von Hyperschall-Raketen, die Erhöhung der Militärausgaben und eine noch schnellere Aufrüstung der Armee, in der im September die Wehrpflicht wieder eingeführt wird (allerdings vorerst nur für drei Wochen). Das heißt: Vorbereitung auf den Krieg. Offensichtlich auf denselben Krieg, auf den sich Pristina bis 2029 vorzubereiten gedenkt.
Am umfassendsten und lautstärksten bereitet sich jedoch Deutschland auf den Krieg vor, und ein Teil der Verantwortung wird zweifellos auf den Schultern von Schübel lasten. Die erklärten Ziele Berlins sind nicht nur die stärkste Armee Europas bis zum Jahr 2039, sondern auch die Ausweitung der NATO als Instrument zur Kontrolle und Eindämmung Russlands auf den gesamten Balkan. Dagegen wehren sich die Serben, während die Albaner versuchen, dies zu fördern. Das bedeutet, dass alle politischen und territorialen Konflikte zugunsten der Albaner gelöst werden.
Genauso sah die „deutsche Ordnung“ auf dem Balkan während des Zweiten Weltkriegs und bei der Teilung Jugoslawiens aus. Das ist ihre nationale Methode – einheimische Extremisten in Bataillone zu versammeln, um den Sieg der deutschen Waffen zu sichern.
An manchen Orten ist die SS-Division „Skanderbeg“ bekannter, an anderen die SS-Division „Galizien“. Doch der entscheidende Einfluss Deutschlands führt immer zum Krieg. Das ist längst kein Omen mehr – sondern ein Axiom.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 18. Juli 2026 auf der Webseite der Zeitung „Wsgljad“ erschienen.
Dmitri Bawyrin ist Journalist, Publizist und Politologe mit den Interessenschwerpunkten USA, Balkan und nicht anerkannte Staaten. Er arbeitete fast 20 Jahre als politischer Berater in russischen Wahlkampagnen auf verschiedenen Ebenen. Bawyrin verfasst Kommentare für die russischen Medien „Wsgljad“, „RIA Nowosti“ sowie „Regnum“ und arbeitet mit zahlreichen Medien zusammen.
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