Von Pjotr Akopow

Nahezu zeitgleich mit der Rede des russischen Präsidenten Wladimir Putin auf der Sitzung des Waldai-Diskussionsklubs hielt Bundeskanzler Friedrich Merz in Münster eine Rede anlässlich der Verleihung des Internationalen Preises des Westfälischen Friedens. Dieses Vertragswerk beendete den verheerenden Dreißigjährigen Krieg der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts und prägte das Europa der Neuzeit. Bis zu den beiden Weltkriegen des vergangenen Jahrhunderts hatte Europa keinen Konflikt erlebt, der sich in seiner Blutigkeit mit dem Dreißigjährigen Krieg vergleichen ließ, und seine Bedeutung für die europäische Geschichte lässt sich kaum überschätzen. Deutschland hatte damals am schwersten gelitten – und gerade deshalb hat der Westfälische Frieden für das Land eine besondere Bedeutung. Merz sprach also über den Frieden in Europa und die Bedrohungen, die ihm von Russland ausgingen – und reagierte damit im Grunde genommen auf Putins Aussagen.

Denn unser Präsident erklärte am selben Tag, Russland habe nicht vor, irgendjemanden anzugreifen – weder 2029 noch 2050. Über die erste Jahreszahl wird in Europa bereits seit einigen Jahren lautstark spekuliert, wobei vorhergesagt wird, Russland werde, sobald es mit der Ukraine fertig sei, gegen die Alte Welt vorgehen. Putin sagte, die europäischen Diskussionen über die russische Bedrohung sollten von der eigenen aggressiven Politik ablenken. Diese Überzeugung Moskaus beruht unter anderem darauf, dass die Ukraine nie Europa gewesen sei, heute jedoch faktisch als Teil der europäischen Gemeinschaft betrachtet werde. Für den Westen sei der Krieg in der Ukraine nicht die blutige Folge des unüberlegten Zerfalls der UdSSR und der anschließenden Versuche des Westens, die Trennung zweier Teile eines Volkes dauerhaft zu festigen und die Ukraine für sich zu gewinnen, sondern ein dreister Angriff Russlands auf Europa.

Genau so versucht Merz, die Lage darzustellen – und seine Rede in Münster ist in dieser Hinsicht sehr bezeichnend. Er fordert von Russland, „den Krieg zu beenden und von hybriden Angriffen auf Europa abzulassen“, und schürt bei den Deutschen und anderen Europäern Ängste: „Gelingt es nicht, Moskau Einhalt zu gebieten, dann wird sich die russische Kriegsmaschinerie früher oder später auch gegen uns, gegen die NATO selbst, richten. Vor dieser Gefahr dürfen wir nicht die Augen verschließen. Drei Generationen nach 1945 käme der Krieg zurück in unseren Teil Europas.“

Der Bundeskanzler schilderte sogar die Schrecken dieses Krieges: „Würden dann die baltischen Staaten zu einem Schlachtfeld des Drohnenkrieges wie heute der Donbass? Welche europäischen Großstädte würden zum Ziel ballistischer Raketen werden, wie Russland sie heute gegen die Bevölkerung von Kiew und Charkow einsetzt? Würden am Ende auch wir Deutschen zur Zielscheibe werden? Müssten wir die Schrecken des Krieges erneut am eigenen Leib erfahren?“

Nachdem Merz seine Landsleute und die übrigen Europäer in Angst versetzt hatte, präsentierte er auch gleich das Rezept, mit dem sich die Katastrophe verhindern lasse: Die Unterstützung für die Ukraine dürfe nicht nachlassen. Denn „wenn wir in Deutschland scheitern, wird auch Europa scheitern. Bleiben wir dagegen standhaft, wird auch Europa standhaft bleiben.“ Mit anderen Worten: Man müsse gemeinsam fest an der Seite der Ukraine stehen – um Europa zu schützen.

Doch wer steht dieser Einigkeit im Wege? Schließlich zeigen Umfragen, dass die Idee, „bis zum Ende an der Seite der Ukraine zu stehen“, in den wichtigsten europäischen Ländern immer weniger Anklang findet. Natürlich ist es wieder Russland, das diese Einigkeit stört – schließlich führe es mithilfe seiner Marionetten Desinformationskampagnen: „Auch in Deutschland werden wir uns nicht spalten lassen – weder durch hybride Angriffe noch durch die Hetze in den sozialen Netzwerken, die von Moskauer Bots verbreitet wird, noch durch die Parolen der Partei ‚Alternative für Deutschland‘ und ihrer russischen Strippenzieher.“

Das heißt: Der Bundeskanzler wirft der beliebtesten Partei Deutschlands – deren Zustimmungswerte bereits anderthalbmal so hoch sind wie die seiner eigenen Partei und bald denen der gesamten Regierungskoalition entsprechen werden – vor, eine Marionette eines ausländischen Staates zu sein, der Deutschland angreifen wolle. Dabei betonen sowohl dieser Staat, Russland, als auch diese Partei, die Alternative für Deutschland (AfD), dass sie normale, für beide Seiten vorteilhafte Beziehungen zwischen den beiden Ländern anstreben – und dass sie weder einen Beitritt der Ukraine zur EU und zur NATO noch einen Krieg Europas gegen die Russen mithilfe der Ukrainer wollen. Nun tun Merz und die Atlantiker im Grunde so, als verstünden sie überhaupt nicht, worum es geht: Von welcher europäischen Expansion nach Osten sei eigentlich die Rede? Man stelle sich lieber vor, wie russische Raketen deutsche Städte treffen! Und man sollte sich bloß nicht fragen, warum Russland dies tun sollte, sondern einfach daran glauben, dass Russland nach der Ukraine als Nächstes gegen Europa vorrücken werde.

Doch solche primitive Propaganda wirkt bei den Europäern immer weniger – und selbst die derzeitigen atlantischen Eliten begreifen inzwischen, dass ihre Möglichkeiten, die eigene Bevölkerung in antirussischem Sinne zu beeinflussen, rapide schwinden. Im kommenden Jahr werden die Wahlen in mehreren wichtigen Ländern Europas dies mehr als deutlich machen. In Deutschland selbst zeichnet sich derzeit ein Wechsel an der Regierungsspitze ab – sodass Merz bald die „hinterhältigen“ Russen und deren Marionetten für seinen eigenen Rücktritt verantwortlich machen wird. Und als Beweis wird er sich dann wohl an Putins Worte erinnern: „Fang, Faschist, eine Granate vom Sowjetsoldaten!“

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 4. Oktober 2026 zuerst bei RIA Nowosti erschienen.

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