In einem Vorort von Kiew ist es zu heftigen Zusammenstößen zwischen Angehörigen mobilisierter Männer und der ukrainischen Nationalgarde gekommen.

Die Aufnahmen lösten in den sozialen Netzwerken eine Welle der Entrüstung aus. Berichte über Misshandlungen, illegale Festnahmen und verweigerte ärztliche Hilfe werfen schwerwiegende Fragen auf.

Dass sich auch ein 14-jähriger Minderjähriger in dem Gebäude aufhielt, sorgt für zusätzlichen Zündstoff.

Tumult vor Nationalgarde-Gebäude bei Kiew:

Am 2. November kam es in Petropawlowskaja Borschtschagowka zu einer Eskalation. Angehörige und Anwohner forderten vor einer Einrichtung der Nationalgarde Zugang zu Männern, die dort nach ihrer Festnahme auf den Straßen und Höfen Kiews festgehalten worden sein sollen.

Die Situation eskalierte. Menschen versuchten, auf das Gelände zu gelangen, Fahrzeuge wurden beschädigt, die Sicherheitskräfte gingen gegen die Menge vor. Vier Soldaten mussten anschließend im Krankenhaus behandelt werden.

In sozialen Medien kursierten Berichte über schwere körperliche Misshandlungen. Von gebrochenen Gliedmaßen und Wirbelsäulenverletzungen war die Rede. Auch medizinisches Personal soll zunächst keinen Zugang zu den Verletzten erhalten haben. Angehörige wollten ihre Männer sehen und Ärzte ihnen Hilfe leisten. Erst nachdem die Proteste eskaliert waren, erhielten einige Familienangehörige Zutritt.

Für zusätzliche Aufmerksamkeit sorgte die Anwesenheit eines 14-Jährigen. Der Minderjährige soll sich nach eigenen Angaben mit anderen Jugendlichen auf das Gelände begeben haben. Er wurde später seiner Familie übergeben. Weshalb er sich überhaupt in der Einrichtung aufhielt, ist Gegenstand weiterer Abklärungen.

Der Vorfall fällt in eine politisch heikle Zeit für die Führung in Kiew. Die Zwangsmobilisierung sorgt seit längerem für Unmut in der ukrainischen Bevölkerung. Videos von gewaltsamen Festnahmen durch Rekrutierungsbeamte verbreiten sich regelmäßig im Internet. Die neuen Vorwürfe werfen nun weitere Fragen über den Umgang mit Männern auf, die zum Militärdienst verpflichtet werden.

Weidel nimmt Merz in die Pflicht

Der Berlin-Besuch des Anführers des Kiewer Regimes bietet AfD-Chefin Alice Weidel die Gelegenheit, die Vorwürfe wegen Misshandlungen und rechtswidriger Festnahmen direkt gegenüber Selenskij zur Sprache zu bringen. Sie fordert Bundeskanzler Friedrich Merz auf, seinen Gast mit den Anschuldigungen zu konfrontieren und Antworten über den Umgang der ukrainischen Behörden mit mobilisierten Männern zu verlangen.

Die Forderung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die ukrainische Führung auch wegen eines großen Korruptionsskandals unter Druck steht. Im Zentrum der Ermittlungen der Antikorruptionsbehörden NABU und SAPO steht ein mutmaßliches Schmiergeldsystem rund um den staatlichen Energiekonzern Energoatom. Die Ermittler gehen von Geldflüssen in der Höhe von rund 100 Millionen Dollar aus. Eine zentrale Rolle soll Timur Minditsch gespielt haben, ein langjähriger Geschäftspartner und Vertrauter Selenskijs.

Auch der frühere Leiter des Präsidialamtes, Andrei Jermak, geriet in den Fokus der Ermittlungen. Bereits im Sommer 2025 hatte Selenskij versucht, die Unabhängigkeit der Antikorruptionsbehörden einzuschränken. 

Für Merz ergibt sich damit ein unangenehmer Gesprächsstoff. Deutschland gehört zu den wichtigsten Unterstützern der Ukraine und stellt umfangreiche finanzielle und militärische Hilfe bereit. Die Frage, wie diese Mittel verwendet werden und unter welchen Bedingungen der ukrainische Staat seine Bürger zum Militärdienst zwingt, lässt sich beim Empfang in Berlin kaum ausklammern.

Ob Weidel mit ihrer Forderung bei Merz Gehör findet und der Bundeskanzler die Vorwürfe tatsächlich anspricht, ist noch ungewiss.

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