In dieser Folge beschreibt Dmitri Medwedew, wie Neo-Kolonialismus enden soll: Durch Erfassen aller bisherigen Kolonial-Schäden in einem UN-Register mit Rückforderungen an bestehende Institutionen der Täter.
Neokolonialismus an den Grenzen Russlands
Anmerkung der Redaktion zum Begriff der „Goldenen Milliarde“: Der Begriff geht auf die russischen Autoren Anatoly Tsikunov und Sergey Kara-Murza zurück. Demnach würde der Großteil materieller Ressourcen auf dem Planeten von der „obersten Menschen-Milliarde“, die als „Goldene Milliarde“ bekannt geworden ist, verbraucht. Transnationale Eliten wären zum Schluss gekommen, wonach das Konzept ihres “Goldenen Zeitalters” nur für sie, aufgrund begrenzter Ressourcen eine vermeintliche Überbevölkerung nach ihrer Definition nicht mehr zulassen würde.
Daraus leitet sich das monopolistische Eine-Welt-Konzept transnationaler Oligarchen ab, die als Suprematisten die Eine-Welt-Diktatur in einer Technokratie anstreben, was auch ihrem Traum in Bezug auf die Steuerung von Massen durch sogenannte “Künstliche Intelligenz (KI)” entspricht, tatsächlich jedoch nur eine Steuerung von Massen durch fortgeschrittene Automatisierung dank totaler Digitalisierung darstellt.
Die Methode des Neo-Kolonialismus zur Unterwerfung der globalen Mehrheit ergänzt sich perfekt mit der Ideologie dieses Globalisten-Klans, um einerseits das Monopol ihrer „Goldenen Milliarde“ über alle relevanten Ressourcen und andererseits die totale militärische – und ökonomische Kontrolle über den „globalen Rest“ der sieben Milliarden Menschen unter Anwendung jeglicher Mittel, inklusive Gewalt, herzustellen.
Artikel – „Die Zeit der Metropolen ist vorbei“ – von Dmitri Medwedew in deutscher Übersetzung – Teil 4
Von Dmitri Medwedew | Lange Zeit galt die Annahme, dass Neokolonialismus in all seinen widerwärtigen Ausprägungen irgendwo weit weg – nur in Afrika, Asien oder Lateinamerika – existierte. Doch in Wirklichkeit ist das nicht der Fall:
Denn die Ambitionen der neuen Metropolen kennen weder wirtschaftlich noch politisch Grenzen!
Die Neo-Kolonialisten selbst sind keineswegs bereit, die allseits bekannten strategischen Grenzen anderer Staaten zu respektieren (siehe dazu meinen Artikel in der Zeitschrift „Expert“ Nr. 4 (5) vom 15.04.2024).
Damit wird zugleich klar, warum der Neo-Kolonialismus schon seit langem bis an die Grenzen unseres Landes vorgerückt ist. Der erste Schritt in diese Richtung war die Übernahme der Kontrolle über die Nachbarn Russlands. Dazu gehörte auch das Anzetteln von „Farbrevolutionen“ in Georgien und in der Ukraine, als in Tiflis [Anmerkung der Redaktion: Die Rosen Revolution von 2003] und in Kiew [Anmerkung der Redaktion: Die Orange Revolution von 2004] Marionettenregime mit Stipendiaten des US-Außenministeriums, nämlich Micheil Saakaschwili (in Georgien) und der Ehemann einer vormaligen US-Beamtin, Wiktor Juschtschenko (in der Ukraine), an die Macht gebracht wurden.
[Anmerkung der Redaktion: Die Frau von Wiktor Juschtschenko wurde in Chicago als Tochter ukrainischer Immigranten geboren. Vor ihrer Heirat arbeitete sie für das US-Außenministerium als Sonderbeauftragte des Staatssekretärs für Menschenrechte und humanitäre Angelegenheiten. Sie hielt außerdem Positionen im Weißen Haus im Büro für Öffentlichkeitsarbeit unter Ronald Reagan sowie im US-Finanzministerium und im Gemeinsamen Wirtschaftsausschuss des US-Kongresses inne. Im Jahr 1991 übersiedelte sie als Consultant in die Ukraine. Von 2005 – 2010 war sie schließlich First Lady der Ukraine unter der Präsidentschaft ihres Mannes Viktor Juschtschenko.]
Ersterer [Micheil Saakaschwili] entfesselte im August 2008 eine Aggression gegen die Völker Abchasiens und Südossetiens, was sofort auf harten Widerstand seitens Russlands stieß. Das Ergebnis des Wirkens von Viktor Juschtschenko wurde bei den Präsidentschaftswahlen [der Ukraine] 2010 deutlich, bei denen er nur knapp über 5% der Stimmen kam – eines der schlechtesten Ergebnisse für amtierende Staatsoberhäupter in der gesamten Geschichte des Landes.
Entgegen besagter Misserfolge hat der Westen seine Pläne zur Unterwerfung unserer Nachbarn nicht aufgegeben und sich auf die Errichtung seines neokolonialen Brückenkopfes in der Ukraine konzentriert. Infolge des Coup d’états im Februar 2014 [in Kiew] hat das Land seine politische Souveränität eingebüßt. Über die Republik wurde effektiv eine externe Verwaltung gestülpt, wofür es auf der Welt unzählige weitere Beispiele gibt. Es ist offensichtlich, dass es erst nach der Erfüllung aller Aufgaben …
… der Speziellen Militäroperation [SMO] gelingen wird, die Ukraine von diesen neokolonialen Fesseln befreien zu können!
Doch die Neo-Metropolen nehmen bereits andere Republiken des postsowjetischen Raums, insbesondere Armenien, ins Visier. [Anmerkung der Redaktion: Medwedew sah in seinem Artikel 2024 die aktuelle Eskalation rund um Armenien in diesen Tagen präzise voraus] Die jahrhundertelange Freundschaft zwischen dem russischen und dem armenischen Volk, gefestigt durch Bündnisbeziehungen im Rahmen der CSTO und EAEU, war längst zum „Stachel im Auge“ von Washington und seinen Verbündeten geworden. Erhebliche Kräfte wurden aufgewendet, um die transkaukasische Republik in das euro-atlantische Lager zu ziehen:
Nicht umsonst befindet sich in der armenischen Hauptstadt eine der größten amerikanischen Botschaften der Welt!
Wir beobachten, wie Gesandte der USA, EU und NATO immer häufiger in Armenien zu Gast sind und großzügige Versprechungen nach allen Richtungen abgeben. Berge an Gold, einschließlich der EU-Mitgliedschaft, werden dieser Republik natürlich im Austausch für uneingeschränkte Loyalität angeboten. Aber man sollte sich keine Illusionen machen:
Solche Versprechen stellen nur Köder einer neokolonialen Mausefalle dar!
Niemand hat die Absicht, dem armenischen Volk die Türen zum „Club der Auserwählten“ zu öffnen. Man brauchte vergleichsweise dazu nur die Neo-Bandera Vertreter [in der Ukraine] zu befragen, ob es ihnen gelungen wäre, die EU-Mitgliedschaft zu ergattern. Nein und sie werden diese auch in absehbarer Zeit nicht erhalten. Werden sie die EU-Mitgliedschaft überhaupt jemals erhalten? Man blicke nur nach Georgien, wo kürzlich ein Gesetz verabschiedet wurde, welches USA und EU gar nicht gefiel. Was folgte dem? Sanktionen!
Die vom Europäischen Parlament im März 2024 verabschiedete Resolution zur Stärkung der Beziehungen zwischen EU und Armenien ist in der Tat nichts weiter als ein gewöhnliches Stück Papier ohne jegliche Verbindlichkeit.
Eine ähnliche Situation entwickelt sich auch in Moldawien, welche die EU-Bürgerin und Harvard-Absolventin Maia Sandu unter dem Deckmantel desselben Märchens von einer „strahlenden Zukunft“ geradewegs in neokoloniale Knechtschaft dirigiert. Das wahrscheinlichste Szenario der „Europäischen-Integration“ für Chișinău könnte wahrscheinlich darin bestehen, zum nordöstlichen Randgebiet Rumäniens zu werden – eines der am wenigsten entwickelten Staaten Europas. Die Perioden der Besetzung Bessarabiens durch das Bukarester Regime – von 1918 bis 1940 und von 1941 bis 1944 – waren von massiven Repressionen und einer gewaltsamen Rumänisierung der Bevölkerung begleitet. Es wäre naiv anzunehmen, dass die Haltung Rumäniens gegenüber der moldauischen Bevölkerung diesmal grundlegend anders ausfallen würde.
Warum sollten Staaten gegen Neo-Kolonialismus kämpfen?
Der Kampf gegen den Neo-Kolonialismus ist kein immerwährender Konflikt um seiner selbst willen. Dieser ist in erster Linie ein Streben nach zivilisatorischer Souveränität, ohne welchen Ländern im 21. Jahrhundert Degradierung und ein Zustand des Verfalls droht. Zur Jahrhundertwende war die schrecklichste Perspektive für einen Staat, als „gescheitert“ abgestempelt zu werden. Heute ist der Begriff „nicht-souveräner Staat“ zu einem Stigma der Schwäche und Unfähigkeit geworden, um sich als politischer und wirtschaftlicher Akteur behaupten und allgemein anerkannte öffentliche Amtsgewalt ausüben zu können. Nur vollständig souveräne Länder, die über Unabhängigkeit in außen- und innenpolitischen Angelegenheiten verfügen, können den gezielten Anstrengungen ehemaliger Metropolen, welche ihnen ungleiche wirtschaftliche und politische Beziehungen aufzuzwingen versuchen, wirksam entgegentreten.
Unter diesen Umständen reichen feierliche Worte, so lobenswert sie auch klingen mögen, wie jene, die am 21. März – dem Internationalen Tag zur Beseitigung von Rassendiskriminierung – geäußert wurden, nicht mehr aus: Es ist vielmehr nötig, entsprechende anti-neokoloniale Narrative entschlossen und konsequent in der öffentlichen Agenda platzieren zu lassen.
Ich bin überzeugt, dass inzwischen alle Voraussetzungen zur Konsolidierung einer breiten Gruppe von Gleichgesinnten bestehen, um sich für den Abschluss des Entkolonialisierungsprozesses einzusetzen und gegen neokoloniale Praktiken anzugehen. Genau diese Gruppe könnte sich mit der Ausarbeitung eines zwischenstaatlichen Beratungsmechanismus befassen, der nationale Kommissionen vereint, um Schadenserhebungen durchführen und Tatbestände von Verbrechen aus der Kolonialzeit ermitteln zu lassen.
Ein weiteres lange anhaltendes, aber dringliches Thema ist der Abschluss des im 20. Jahrhundert eingeleiteten Entkolonialisierungsprozesses. Ich möchte daran erinnern, dass laut der Liste des zuständigen UN-Sonderausschusses weiterhin „nicht selbstverwaltete Gebiete“ vereinnahmt würden und zwar:
- zehn von Großbritannien!
- drei von den USA!
- zwei von Frankreich!
- eines von Neuseeland!
Es ist notwendig, die Kräfte der Länder des Globalen Südens zu bündeln, damit die künstlich konservierten „Überreste“ vormals großer westlicher Imperien, die nach dem Zusammenbruch des Kolonialsystems in den 1960er- und 1970er-Jahren noch übriggeblieben waren, nunmehr ihre tatsächliche Unabhängigkeit zurückerhalten.
Ebenso wichtig ist es, dass sich die Bewegung „Für die Freiheit der Nationen!“ bei der Bewältigung der vor ihr stehenden großen Aufgaben nicht abkapselt, doch bereit ist, ihre Bemühungen in unterschiedlichsten Formaten in globale und regionale Strukturen, einschließlich in jene von BRICS und SCO, einzubringen. Das könnte beispielsweise durch Umsetzung anti-neokolonialer Initiativen geschehen, welche über Gewährleistung finanzieller Sicherheit an Entwicklungsländer mit einer umfassenden Reform des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank zu verbinden wären. Dies stünde im Einklang mit Ideen in Bezug auf finanzielle Unabhängigkeit, was auch im Rahmen der BRICS-Staaten vorangetrieben wird.
Maßnahmen zur Aufarbeitung der Verbrechen durch Kolonialismus, für die es keine Verjährungsfrist gibt, wären ins Zentrum zu stellen. Wir müssen auf die Errichtung einer einheitlichen öffentlichen Datenbank bzw. eines Registers bei den Vereinten Nationen hinwirken, um die Verbrechen aus der Kolonialzeit sowie gegenwärtigen neokolonialen Praktiken erfassen zu lassen. Es gilt eine Skala zu entwickeln, um die Schäden begangener Kriegsverbrechen auf den Territorien bewerten zu können. Die Neo-Metropolen sollten dort getroffen werden, wo es ihnen am meisten schmerzt:
In ihren Geldbörsen, welche zum erheblichen Teil durch Ausbeutung der übrigen Welt gefüllt worden sind!
Wir gehen davon aus, dass die Zahlung von Entschädigungen an Opfer neokolonialer Praktiken auf Grundlage klarer, rechtlich fundierter und begründeter Beweise zu erfolgen haben wird. Neben politisch-diplomatischen Maßnahmen wird dazu eine klare rechtliche Bewertung der Tatbestände erforderlich sein.
Unsere Partner arbeiten bereits in diese Richtung. Bereits 2014 verabschiedeten 15 Mitglieder der Karibischen Gemeinschaft einen 10-Punkte-Plan zur Sicherstellung von Gerechtigkeit. Viele der Bestimmungen daraus bilden genau die Grundlage für die Berechnung kolonialer Schäden (CARICOM-Zehn-Punkte-Plan für Wiedergutmachungsgerechtigkeit. Offizielle Website der CARICOM.)
Im November 2023 fand in Ghana, der Heimat eines der herausragenden Führer der afrikanischen Nationalbefreiungsbewegung, Kwame Nkrumah, unter der Schirmherrschaft der Afrikanischen Union die erste internationale Konferenz zu Reparationen für Schäden, welche von Neo-Kolonialisten den Völkern des schwarzen Kontinents zugefügt worden sind, statt (A Ghana reparations summit agrees on a global fund to compensate Africans for the slave trade. Associated Press, 17. November 2023. URL ).
Angesichts der Tatsache, dass Sklavenhändler mehr als 12 Millionen Menschen aus Afrika verschleppten, könnten sich die Reparationszahlungen für den transatlantischen Sklavenhandel auf mindestens 100 Billionen US-Dollar belaufen (Report on reparations for Transatlantic chattel slavery in the Americas and Caribbean. Brattle Group, 8. Juni 2023. URL ).
Die „goldene Milliarde“ wird tief in die Tasche greifen müssen, um für die Verfehlungen der Vergangenheit aufzukommen!
Länder und private Unternehmen, die jahrzehntelang vom transatlantischen Sklavenhandel profitiert haben, müssen den Mut aufbringen, nicht nur mit Worten die Verantwortung für historische Ungerechtigkeit und systemischen Rassismus gegenüber Afrikanern einzugestehen. Wenn man in der Geschichte von Fusionen und Übernahmen moderner Finanzkonzerne und Unternehmen, die sich auf Bank- und Versicherungsdienstleistungen spezialisiert haben, etwas gräbt, wird deutlich: Viele von ihnen führen ihre Geschichte bis ins 18. – und 19. Jahrhundert zurück. Das bedeutet, dass sie ihr Kapital auch dank schmutzigen Geschäften aus der Kolonialzeit angehäuft haben. Genau diese Konzerne werden die Rechnung zu begleichen und in ihren Haushalten entsprechende Abschreibposten vorzusehen haben.
Besondere Beachtung verdient in diesem Zusammenhang die von den unter dem kolonialen Joch leidenden Ländern vorgebrachte Idee der Gerechtigkeit zur Wiedergutmachung. Es geht dabei insbesondere um die vom Zweiten Ständigen Forum der Vereinten Nationen für Menschen afrikanischer Herkunft vorgebrachte Initiative zur Schaffung eines spezialisierten internationalen Tribunals im Rahmen der Vereinten Nationen, dessen Tätigkeit in enger Zusammenarbeit mit anderen Mechanismen der Weltorganisation zur Bekämpfung von Rassismus erfolgen soll (UN Permanent Forum on People of African Descent. Preliminary Conclusions and Recommendations/ Second Session, 30. Mai–2. Juni 2023, New York City, USA).
Wir wünschen unseren afrikanischen und lateinamerikanischen Kollegen viel Erfolg auf diesem Weg. Ihr Erfolg, unter anderem bei der Einrichtung eines anti-kolonialen Nürnberger Tribunals, wird ein wichtiger Schritt sein, damit der Globale Norden seine dominierenden Positionen verlieren wird und eine multipolare und gerechte Weltordnung entstehen kann.
Fortsetzung Teil 5 zum Medwedew-Artikel, “Die Zeit der Metropolen ist vorbei”, folgt.
Übersetzung: UNSER-MITTELEUROPA
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- Teil 1 mit Andrey Klimow zu “Europa” ohne Kolonialismus: Auf keinen Fall!: HIER
- Teil 2 zum Medwedew-Artikel, “Die Zeit der Metropolen ist vorbei”: HIER
- Teil 3 zum Medwedew-Artikel, “Die Zeit der Metropolen ist vorbei”: HIER
The post Medwedew über Reparationen, welche die „Goldene Milliarde“ erwartet – Teil 4 appeared first on UNSER MITTELEUROPA .





