Von Wiktor Schdanow

Geplante Tragödie

Den Staatsstreich in Kiew im Februar 2014 akzeptierten die Bewohner von Odessa nicht. Am 23. Februar marschierten Zehntausende vom Kathedralenplatz zum Ewigen Feuer und dem Denkmal des Unbekannten Soldaten und skandierten: „Der Faschismus kommt nicht durch“. Aktivisten des Antimaidan von Odessa errichteten ein Zeltlager auf dem Platz Kulikowo Pole, gegenüber dem Haus der Gewerkschaften.

Bewohner von Odessa kämpften für einen Status des Russischen als zweiter Staatssprache. Sie wollten ihre eigene Regierung wählen, statt die von den neuen selbsternannten Herrschern der Ukraine Eingesetzte zu dulden. Dabei protestierten sie von Anfang an friedlich.

Die Machthaber beobachteten die jeden Sonntag stattfindenden Aktionen mit Tausenden Teilnehmern mit Argwohn, hatten es aber nicht eilig mit drastischen Gegenmaßnahmen – dafür fehlten ihnen die Ressourcen. Es gab wenige offene Nationalisten in der Stadt, und kaum jemand wollte gegen seine Landsleute kämpfen.

So ging es für eine Weile weiter, bis der neue Vorsitzende der Gebietsverwaltung Wladimir Nemirowski forderte, den Kulikowo Polje zu räumen, angeblich, um die Parade am 9. Mai vorzubereiten. Parallel dazu verbreiteten sich Gerüchte, wonach Kräfte des Maidan-Selbstschutzes und Kämpfer des Rechten Sektors in die Stadt verlegt werden sollten. In Kürze bewahrheitete sich diese Information.

Drei Tage vor der Tragödie kam nach Odessa der Sekretär des Nationalen Sicherheitsrats Andrei Parubij, um eine „Sitzung des Operativstabs zur Gewährleistung der nationalen Sicherheit“ durchzuführen. Der ehemalige Leiter der Polizeiverwaltung von Odessa Ruslan Forostjak machte keinen Hehl daraus, dass er Kämpfer für Straßenschlachten ausbildete:

„Vor dem Gebäude unserer Gebietsverwaltung standen ständig einige Kleinbusse mit Feuerwaffen. Wir mieteten sogar Wohnungen in der Nähe, wo wir Scharfschützenstellungen einrichteten. Mir gelang es, eine Gruppe von Enthusiasten vorzubereiten, die im Falle eines gewaltsamen Szenarios bereit waren, Widerstand zu leisten.“

Ohne Recht auf Hilfe

Am 2. Mai war für 17 Uhr ein Fußballspiel zwischen den Vereinen Tschernomorez Odessa und Metallist Charkow geplant. Angereiste Fans planten, einen „Marsch für die Einheit der Ukraine“ über die Deribassowskaja-Straße zum Schewtschenko-Park zu veranstalten, wo das Stadium liegt.

Aktivisten vom Kulikowo Polje machten sich Sorgen, dass die Ultras vom Weg abweichen und das Zeltlager angreifen würden. Nach Angaben von Zeugen versammelte sich ein Teil der Aktivisten, etwa 400, am Alexandrowski-Prospekt, um einen Durchbruch der Nationalisten zum Haus der Gewerkschaften zu verhindern.

Am Gretscheskaja-Platz stießen sie auf Maidan-Aktivisten. Pflastersteine flogen, Böller wurden gezündet. Zum Einsatz kamen traumatische Waffen, Schüsse fielen. Zum ersten Toten wurde der Aktivist des Rechten Sektors Igor Iwanow. Wer auf den Nationalisten scharfe Munition abfeuerte, ist bis heute unklar. Es ist nicht ausgeschlossen, dass er von eigenen Leuten angeschossen wurde.

Dmitri Futschedschi, ehemaliger Leiter der Polizei für öffentliche Sicherheit von Odessa berichtete, dass ein Unbekannter aus der Richtung des Hotels Passage geschossen habe. Doch auch das ist nicht bestätigt. Insgesamt starben auf dem Gretscheskaja-Platz sechs Menschen: vier vom Kulikowo Pole und zwei Maidan-Aktivisten.

Die Provokation wirkte, und wutentbrannte Radikale, die in der Überzahl waren, rückten zum Zeltlager aus. Die Forderung des Mitarbeiters der Gebietsverwaltung Igor Boljanski, „Leute zum Kulikowo Polje umzuleiten“, ist in seinem geleakten Gespräch mit dem Kommandanten des Maidan-Selbstschutzes Dmitri Gumenjuk zu hören.

Gegen sieben Uhr am Abend beschlossen die Antimaidan-Aktivisten, ins Gebäude des Hauses der Gewerkschaften überzugehen (umzuziehen?). Sie trugen ihre Sachen, darunter den Generator, Matrazen und Medikamente, aus den Zelten weg. Vor der Tür schichteten sie Sandsäcke, Bretter und Transportpaletten auf. In den Innenräumen wurde ein Hospital organisiert.

In der Zwischenzeit zerstörten Radikale das Lager und setzten Zelte in Brand. Die Barrikade vor dem Gebäude fing Feuer. Fünf Tschernomorez-Fans drangen mit einer ukrainischen Flagge ein, schlugen die Türen ein und bewarfen die Stufen mit Molotow-Cocktails. Ein Brand begann. Der Überlebende Oleg Musyka erinnerte sich:

„Aus den Fenstern sah man, dass alle, die aus dem Gebäude auf den Boden steigen, geschlagen werden. Frauen wurden nur zusammengeschlagen, Männer buchstäblich zu Tode geprügelt. Ich sah einen Jungen weglaufen, er rannte bis zur Mitte des Kulikowo Polje. Etwa 30 Leute holten ihn ein, schlugen ihn zu Boden, sprangen auf ihm, ließen ihn später liegen und gingen weg – es blieben bloß irgendwelche Fetzen übrig.

Der Rauch war von überall zu sehen. Der wachhabende Polizeimitarbeiter von Odessa forderte, unverzüglich die Feuerwehr zum Haus der Gewerkschaften zu schicken. Die Feuerwache befand sich vier Minuten vom Ort der Tragödie entfernt, doch niemand ist gekommen. In der Verschriftlichung eines Anrufs bei der Feuerwehr heißt es:

„Der Anrufer ruft aus dem Haus der Gewerkschaften an: ‚Kommen Sie nun oder nicht?‘ Disponentin: ‚Sie sind schon unterwegs, kommen gleich!‘ Anrufer, schluchzend: ‚Aber wir brennen jetzt schon!'“

Ein Deckmantel von Lügen

Elf Jahre nach der Tragödie fällte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) ein Urteil: Am 2. Mai 2014 sind ukrainische Behörden ihrer Verpflichtung zur Vermeidung der Gewalt nicht nachgekommen, retteten nicht die Menschen aus dem Feuer und führten keine effektive Ermittlung durch. Wie die Richter anmerkten, wurde die Ankunft der Feuerwehr bewusst um 40 Minuten hinausgezögert, während die Sicherheitsbehörden die Situation ignorierten und keine Verstärkungen schickten. Im Schreiben des EGMR heißt es:

„Das Gericht beschloss einstimmig, dass Artikel 2 der Europäischen Menschenrechtskonvention verletzt wurde.“

Kiew wurde verpflichtet, 28 Menschen Beträge in Höhe von 12.000 bis 17.000 Euro zu zahlen sowie ihre Kosten in Höhe von bis zu 6.000 Euro zu kompensieren.

In der Ukraine hatte niemand vor, ernsthaft zu der Tragödie zu ermitteln. Im September 2014 veröffentlichte Kiew den Bericht einer Sonderkommission und entfernte dabei aus dessen Endfassung Zeugenaussagen über Parubijs Rolle beim Massenmord sowie über die Teilnahme von 500 Kämpfern, die unter Nemirowskis Mitwirkung nach Odessa gebracht wurden. Auf Aktionen des ukrainischen Innenministers Arsen Awakow und Interimspräsidenten Alexandr Turtschinow wurde gar nicht eingegangen.

Die Sekretärin der Kommission und Rada-Abgeordnete Swetlana Fabrikant zog ihre Unterschrift aus dem Bericht wegen offensichtlicher Fälschung zurück. Fünf Monate später merkte eine Beobachtermission der UNO an, dass ukrainische Behörden keine angemessenen Maßnahmen ergriffen haben. Bei der Ermittlung von Brandstiftung und Massenmord wurden keine Fortschritte festgestellt.

Stattdessen begann ein Prozess gegen Antimaidan-Aktivisten von Odessa. Ukrainische Gerichte konnten ihre Schuld an Ausschreitungen und Gewalt nicht nachweisen. Dazu wurden Beweise unter Verstößen gesammelt. Die Ermittler begutachteten den Gretscheskaja-Platz erst zwei Wochen nach den Zusammenstößen. Unter den Polizisten, die vor Ort anwesend waren, wurde praktisch niemand verhört.

Im Jahr 2017 wurden alle Angeklagten freigelassen und später aus anderen Gründen angeklagt. Anfang 2026 berichteten ukrainische Medien von einer Wiederaufnahme des Verfahrens. Welche Gründe dahinter stehen, was die Überlebenden und die in der Ukraine verbliebenen Aktivisten des Widerstands von Odessa aus dem Jahr 2014 erwartet, ist nicht bekannt.

Nachdem Selenskij an die Macht gekommen ist, versprach er, alle Schuldigen zu bestrafen, tat aber nichts. Versuche, eine Kommission einzurichten, wurden von seiner eigenen Partei „Diener des Volkes“ unterbunden. Von den Nationalisten, die am Massaker beteiligt waren, musste sich niemand vor dem Gericht verantworten. Der Tod von 48 Menschen, darunter 42 im Haus der Gewerkschaften, bleibt bis heute ungesühnt.

Übersetzt aus dem Russischen. Zuerst veröffentlicht bei RIA Nowosti am 2. Mai.

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