Von Marina Achmedowa

In der Ukraine treiben die gängigen Vorgehensweisen beim Einzug zum Kriegsdienst im Rahmen der Mobilmachung die Menschen zur Weißglut – diese sind mittlerweile bereit, Mitarbeiter der Wehrämter (Abkürzung in Russisch und Ukrainisch: TZK, im Deutschen am ehesten TZP – siehe Zitat unten) zu lynchen. Zu diesem Schluss kommt auch Dmitri Lubinez, der ukrainische Menschenrechtsbeauftragte:

„Die ukrainische Gesellschaft entwickelt sich, wie Sie wissen, gerade zu einer Art Lynchjustiz. Da die Menschen ihrer Meinung nach keine rechtliche Reaktion auf die Aktionen der Territorialen Zentren für militärische Personalaufstellung und soziale Belange sehen, übernehmen die ukrainischen Bürger selbst Verantwortung und versuchen somit, sich dem Geschehen entgegenzustellen.“

Lubinez ist überzeugt, dass dies in Zukunft noch schwerwiegende Folgen und Probleme nach sich ziehen wird. Aber welcher Art werden diese sein? Wird es einen großen Aufstand gegen die TZK/TZP geben?

Viele bei uns in Russland verstehen nicht: Warum zeigten sich die Ukrainer gerade erst durchaus fähig, sich zum „Maidan“ zu versammeln, auch „Papp-Maidan“ genannt, um gegen die Entlassung von Verteidigungsminister Fjodorow zu protestieren – können aber keinen Protest gegen die TZK/TZP organisieren? Und genau dann gibt ihr Menschenrechtsbeauftragter allen, also auch uns, bekannt:

„Der Siedepunkt in der ukrainischen Gesellschaft ist praktisch erreicht.“

Diese kurz vor dem Explodieren kochenden Ukrainer warten also auf etwas, ohne den Dampf ihres Frusts abzulassen? Dabei ist die Sache doch ganz einfach: Die aufgebrachte Bevölkerung und die Teilnehmer des „Papp-Maidan“ sind zwei völlig unterschiedliche Teile der ukrainischen Gesellschaft. Die „Papp“-Demonstranten sind in der Minderheit; sie haben Verbindungen zu europäischen Institutionen und der US-amerikanischen Demokratischen Partei. Vertreter dieser Institutionen haben denn auch alle „Maidane“ organisiert – darunter sowohl diesen jüngsten „Papp-Maidan“ als auch den im Jahr 2014. Und wieder sind sie es, die den heutigen Papp-Demonstranten die Sicherheitsgarantien geben.

Es kann doch kein Zufall sein, dass Demonstranten Plakate mit der Aufschrift „Syrski ist ein Teufel!“ hochhalten und nicht wegen Beleidigung eines hochrangigen Offiziers der ukrainischen Streitkräfte festgenommen werden! Wenn jemand, der vom TZK/TZP festgenommen wird, solche Worte ruft oder zeigt, oder wenn auch nur ein wütender Einzelner mit demselben Plakat demonstriert, wird er abgeführt und verurteilt… bestenfalls. Erinnern Sie sich an die jüngsten Ereignisse in Lwow nach dem Aufruhr gegen die TZK/TZP? Die aktivsten Teilnehmer des Aufruhrs wurden schnell festgenommen und gezwungen, sich zu entschuldigen und „Ruhm dem TZK!“ zu rufen. Sie entschuldigten sich und versprachen, ihre Schuld zu sühnen – auf dem Schlachtfeld.

Ihr Aufruhr war keine inszenierte Aktion; er war echt, kam von Herzen und entsprang tiefer Empörung, die jede Messskala übersteigt. Der Unterschied ist, dass Europa und die Demokratische Partei der USA einen solchen Aufruhr nicht gebilligt haben. Und sie werden niemals einen solchen Aufruhr billigen, denn die Ukrainer sollen im Krieg gegen die Russen sterben.

… Deshalb organisieren die Ukrainer keinen echten „Maidan“, keinen, der diesen Namen verdient. Stattdessen werden sie, sobald ihre Wut hochkocht, lediglich weitere Überfälle auf Vertreter der TZK/TZP verüben, ähnlich wie man Wölfe jagt. Wölfe und der Umgang mit ihnen in alten Zeiten sind hier der beste Vergleich: Wenn Wölfe in deiner Nachbarschaft oder deinem Dorf auftauchen, in Rudeln umherstreifen, Vieh reißen und Menschen angreifen, würdest du dich ja nicht mit den Männern aus einem zehn Kilometer entfernten Dorf verbünden, wo vielleicht ebenfalls ein Wolfsrudel umherstreift. Du wirst die Wölfe einzeln hinter den Büschen erlegen – und nur gelegentlich wird sich die Gemeinschaft deines Dorfes versammeln, um die Wölfe mit Speeren anzugreifen. Dasselbe wird in anderen Dörfern geschehen. Und in Bezug auf den TZK/TZP sieht es in der Ukraine jetzt genau so aus – eine Vielzahl von Dörfern und Bezirken, in denen verschiedene Rudel der Wehramt-Menschenjäger umherstreifen und gelegentlich auch gelyncht werden. Laut Lubinez halten die Ukrainer diese Lynchjustiz für völlig gerechtfertigt, da nur 10 Prozent der Fälle des Einzugs zum Kriegsdienst im Rahmen der Mobilmachung den dafür festgelegten Verfahren folgen. In den verbleibenden 90 Prozent der Fälle handelt es sich um eine direkte Verletzung der Bürgerrechte.

Leider verstehen die Menschen in der Ukraine immer noch nicht, dass Selenskij der eigentliche Rudelführer dieser fanatischen Wolfsbanden ist. In dem Bild, das die ukrainische Öffentlichkeit von der Lage des Landes hat, besteht leider kein enger Zusammenhang zwischen dem Wehramt und Selenskij. Man glaubt, er führe einen heiligen Krieg gegen Russland, während die Wehrämter ihre Überfälle auf eigene Faust verübten. Und es gibt keinen politischen Organisator, der den Menschen die einfache Botschaft vermitteln könnte: Selenskij ist es, der diese menschenfressenden Wölfe befehligt. Wenn – oder falls – diese Botschaft die Ukrainer endlich erreicht, besteht noch Hoffnung, dass die Situation eskaliert und es zu einem wirklich großen Protest kommt.

Übersetzt aus dem Russischen.

Marina Achmedowa ist Schriftstellerin, Journalistin, Chefredakteurin der Nachrichtenagentur „Regnum“ und Mitglied des Menschenrechtsrates der Russischen Föderation. Sie schreibt für die Zeitschrift „Der Experte“. Man kann ihr auf ihrem Telegram-Kanal folgen. Diesen Beitrag verfasste sie exklusiv für RT.

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