Für das Springerblatt Welt interviewte die Journalistin Carolina Drüten den Chef des litauischen Generalstabs, Raimundas Vaikšnoras. Das Gespräch drehte sich hauptsächlich um die Verteidigungsbereitschaft des Landes im Falle eines möglichen russischen Angriffs. Darin kündigte der litauische General an, in der Nähe des Suwalki-Korridors, der die drei baltischen Staaten mit der Rest-NATO verbindet, ein neues Übungsgebiet für litauische Truppen einrichten zu wollen. Die Planungen für die Enteignung der ansässigen Bevölkerung seien schon im Gang. Im Frühjahr wird das litauische Parlament über das Projekt entscheiden. Dann könnte der neue Truppenübungsplatz (der unausgesprochen auch der Kontrolle der örtlichen Bevölkerung dient) in zwei bis drei Jahren fertiggestellt sein – pünktlich zum prognostizierten Krisenjahr 2029.

Ein weiteres Thema waren Vergeltungsschläge auf die russische Exklave Kaliningrad als Gegenmaßnahmen im Falle eines russischen Angriffs. Die Journalistin wollte wissen, ob ein Gegenschlag auf Kaliningrad innerhalb von Stunden oder Tagen möglich sein werde. Das litauische Militär nannte keine Zeitspannen, zählte aber auf, welche Mittel dem litauischen Militär zusammen mit der NATO dafür zur Verfügung stehen: Kampfjets der fünften Generation, weitreichende Präzisionsraketen, Spezialkräfte mit Ziellisten. Der Ansatz sei multidimensional und umfasse die Bereiche Land, See, Luft, Weltraum und Cyber. 

Auch die Beschaffung eigener weitreichender Raketensysteme (analog zum deutschen Taurus-Marschflugkörper oder zu den Himars-Raketen) für Litauen kam zur Sprache. Litauen prüfe die Möglichkeit einer Zusammenarbeit mit den Ukrainern, die bereits einige solcher Systeme mit großer Reichweite entwickelt hätten, so Vaikšnoras:

„Eigene Fähigkeiten zu besitzen, die wir selbst kontrollieren, ist eine Priorität – möglicherweise gemeinsam mit der Ukraine oder durch Übernahme ihrer Technologie. Das wäre ein Abschreckungsinstrument. Nichtsdestotrotz sind wir als kleines Land auf unsere Verbündeten angewiesen.“

Der litauische Generalstabschef verwies darauf, dass Litauen bereits dabei sei, Systeme zur Unterbrechung von GPS-Verbindungen, sogenannte „Kill-Switches“, anzuschaffen. Dennoch betonte Vaikšnoras, dass die Litauer Frieden wollen. „Der Ball liegt bei Russland.“ Zum vermeintlich aggressiven Verhalten Russlands oder sonstigen Provokationen, die auf einen möglichen russischen Angriff hindeuten könnten, konnte er nichts Konkreteres sagen. Er verwies lediglich auf die wenigen Vorfälle beschädigter Unterseekabel in vergangenen Jahren, die durch schleppende Anker der sogenannten Schattenflotte verursacht worden sein sollen.

Litauen ist nicht das einzige baltische Land, aus dem bellizistische Äußerungen zu vernehmen sind. Vergangene Woche hatte der estnische Außenminister Margus Tsahkna vorgeschlagen, sein Land könne NATO-Atomwaffen auf seinem Territorium stationieren. Ein Ansinnen, das eine scharfe Replik von Kreml-Sprecher Dmitri Peskow zur Folge hatte: Russland bedrohe Estland nicht, werde aber alles tun, um seine eigene Sicherheit zu gewährleisten. Die logische Folge einer Atomwaffenstationierung in Estland sei Peskow zufolge daher:

„Wenn Estland Atomwaffen gegen Russland richtet, wird Moskau seine eigenen Atomwaffen gegen Estland richten.“

Bezüglich des von der Welt an der Universität der Bundeswehr in Hamburg veranstalteten Wargames, das zum Ergebnis hatte, dass die Bundesrepublik Deutschland im Falle einer Eskalation im Baltikum zögern würde, einzugreifen, vor allem, wenn sich die USA aus dem Konflikt heraushielten, erteilte Vaikšnoras den Rat:

„Vielleicht muss Deutschland seine Hausaufgaben machen und politische Entscheidungsprozesse beschleunigen.“

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Er habe aber mit dem Kommandeur der in Litauen stationierten Panzerbrigade 45 der Bundeswehr, Brigadegeneral Christoph Huber, gesprochen. Aus diesem Gespräch zog Vaikšnoras das Fazit: „Was auch immer geschieht – die Bundeswehrsoldaten werden sich uns anschließen und kämpfen. Wir sind die Nato, wir unterstützen einander.“ Eine in ihrem Absolutheitsanspruch auffällige Aussage, denn immerhin gibt es rechtliche Gutachten, denen zufolge für einen Kampfeinsatz im Konfliktfall die Zustimmung des Bundestags notwendig wäre – auch und gerade für die Brigade Litauen (RT DE berichtete). Offensichtlich ist jedoch die Führung der Brigade Litauen ganz auf Kampf eingestellt und will das Plazet aus Berlin im Ernstfall nicht abwarten – so könnte man zumindest Vaikšnoras‘ Worte verstehen.

Kriegsscheu? Dann muss man befehlen

Kein Thema in dem Welt-Interview waren die Meldungen der vergangenen Tage, wonach sich aus den Mannschaftsdienstgraden der Bundeswehr nur eine kleine Minderheit nach Litauen versetzen lassen wolle. Der Personalbedarf der Brigade Litauen kann mit Freiwilligen folglich nur zu einem Bruchteil gestillt werden. Es bleibt offen, ob das Interview schon vor dieser Meldung geführt wurde oder ob die stillschweigende Verweigerung der Bundeswehrsoldaten einfach zu heikel war, um gerade mit einem litauischen Militär angesprochen zu werden, der von den Deutschen etwas mehr Tapferkeit erwartet, als derzeit zu erwarten ist. 

Derweil wirkt die Debatte darüber, wie man Soldaten zum Dienst nach Litauen locken könnte, immer bizarrer. Manche werden schon ungeduldig. So brachte kürzlich der Sicherheitsexperte Nico Lange in einem Welt-Interview die Möglichkeit einer Beförderung per Befehl ins Gespräch. Er sagte: „Wenn es freiwillig nicht geht, muss man das befehlen. Das läuft doch bei der Bundeswehr so, oder?“ In den Medien werden Soldaten, die diesen Auslandseinsatz trotz doppelter Solde, kostenloser Wohnung und sonstiger Zuschläge meiden, mitunter als kriegsscheu diskreditiert. Dennoch seien Pflichtversetzungen eine schlechte Idee: Sie könnten für die verbliebene Truppe und potenzielle Freiwillige ein falsches Signal setzen. 

Mehr zum Thema – Jörg Urban kritisiert baltische Länder: „Wie bellende Hunde gegenüber Russland“

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