Von Wladislaw Sankin

In den letzten zwei Monaten hat sich die Situation auf der Halbinsel Krim und in den Gewässern um sie herum grundlegend verändert. Die Militärplaner einiger NATO-Staaten ordneten in enger Zusammenarbeit mit dem von ihnen finanzierten und technisch ausgestatteten Militärunternehmen, das unter dem Namen „Ukraine“ firmiert, die Blockade der Krim an. Und das zu Beginn der Urlaubssaison in der sonnenarmen Russischen Föderation.

Es fing mit den Angriffen KI-gestützter Drohnen des Typs „Hornet“ auf die Treibstofflogistik auf dem Landweg über die Straßen Noworossijas an, die in den Oblasten Cherson und Saporoschje liegen. Als Reaktion darauf leitete Russland die Versorgungslogistik auf den Seeweg über das Asowsche Meer um. Als sich diese russische Binnensee mit Benzintankern und Trockenfrachtern füllte, begann dort eine regelrechte Drohnenjagd. Dutzende ukrainische Drohnen setzten diese Schiffe in Brand und brachten den Schiffsverkehr auf dem Asowschen Meer innerhalb weniger Tage fast zum Stillstand.

Anschließend folgten verstärkte Angriffe mit Luft- und Seedrohnen auf Schiffe im Schwarzen Meer. Insgesamt sollen laut ukrainischen Angaben in den vergangenen Wochen 159 russische Schiffe auf diese Weise getroffen worden sein. Das hat zur Folge, dass die Krim zunehmend unter Stromausfällen und extremer Benzinknappheit leidet. Nun spricht sogar Außenminister Sergei Lawrow darüber und bezeichnet die Angriffe als sinnlose Piraterie.

Aber bei aller Empörung über die Dreistigkeit dieser Angriffe – ein bekannter russischer Spruch lautet nun einmal: „Im Krieg ist wie im Krieg“. Aus der Spezialoperation ist nun einmal „ein echter Krieg“ mit dem westlichen Militärblock geworden, wie Dmitri Peskow unlängst feststellte. Zumal die Ukraine, der Söldner und die Speerspitze des Westens im Kampf gegen Russland, die Krim als ihr eigenes Territorium betrachtet und sich deshalb im Recht sieht, sie mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln zurückzuerobern.

Als ob dieses Blockadevorgehen gegen die Krim irgendwie neu wäre… Denn wir erinnern uns: Das Erste, womit die Ukraine die „untreuen“ Einwohner der Krim für die Abspaltung bestrafte, war die Wasserblockade, die sie mit der Errichtung des Damms am Nord-Krim-Kanal bereits im Sommer 2014 einleitete.

Nun sehen sich vor allem die Engländer ihrem Jahrhunderttraum näher: der Einsperrung Russlands im Schwarzen Meer und allgemein der Verdrängung des Landes mit der größten Landmasse der Welt aus den Weltmeeren. Auch in Berlin scheinen einige vor lauter Aufregung über die Verwundbarkeit Russlands den Kopf zu verlieren. Beweis dafür ist die Äußerung eines Experten, der sich in den Medien in Sachen Russland und Ukraine mit Carlo Masala die größte Sendezeit teilt.

Die Rede ist vom Politikberater Nico Lange. Als Militärexperte, Politikwissenschaftler und CDU-Funktionär in einer Person gehört er in den vergangenen Jahren auch zu denjenigen, die die „Zeitenwende“ bei der Münchner Sicherheitskonferenz als Senior Fellow voranbringen. Nebenbei erklärt er tagtäglich Millionen Fernsehzuschauern den Ukraine-Konflikt. An dieser Stelle platziert Lange auch seine Vorschläge, die ziemlich nah an dem liegen, was die Falken im deutschen Establishment in ihrer Tobsucht fordern.

Am Dienstag brachte Lange die Causa Krim und die Causa Kaliningrad in einem X-Post zusammen und forderte für die Ostsee ein ähnliches Vorgehen wie im Schwarzen Meer. Denn auch Kaliningrad steht schon seit längerer Zeit im Fokus der Drohungen deutscher Militärvertreter und von NATO-Militärs. Hier ist Langes vollständiges Zitat, das im Original in englischer Sprache verfasst wurde:

„Wenn die Ukraine nun auf der Krim und im Asowschen Meer Druck auf Russland ausübt, sollten wir gemeinsam mit unseren europäischen Partnern gleichzeitig den Druck auf Russland in Kaliningrad und im Ostseeraum verstärken.

Mit ihren Angriffen auf die Krim und auf zahlreiche Schiffe im Asowschen Meer macht die Ukraine deutlich: Die Krim gehört zur Ukraine, und das Asowsche Meer ist internationales Gewässer.

Zu lange haben viele die Krim und das Asowsche Meer faktisch als russisches Territorium anerkannt – dies infrage zu stellen und in diesen verwundbaren Gebieten Druck auf Russland auszuüben, ist politisch wichtig und militärisch sinnvoll.

Die Krim und Kaliningrad dürfen keine strategischen Vorposten für Russland sein; sie müssen vielmehr zu kostspieligen strategischen Nachteilen werden.“

Also setzt dieser „Experte“ die Krim, die als russisches Gebiet international weitgehend nicht anerkannt ist, mit dem international völlig unumstrittenen Kaliningrad gleich. In der deutschen Politik ist das ein ungeheuerliches Novum. Was er (noch) nicht ausspricht, aber mit dieser Gleichsetzung meint, ist de facto die Forderung, eine militärische Blockade Kaliningrads mit ähnlichen Mitteln der Drohnenkriegsführung zu beginnen, gefolgt von einer anschließenden Rückeroberung des Gebiets durch die NATO – so wie das Kiewer Regime die Krim zumindest seiner Rhetorik nach zurückerobern will.

Mit seinem auf Englisch verfassten Post appellierte Lange wohl vor allem an die Angelsachsen und die Ostseeanrainer von Polen bis Schweden. Noch einmal: Fleisch vom Fleische des deutschen Politestablishments fordert eine Aggression gegen eine russische Exklave, die im Idealfall zur Abspaltung von Russland führen soll. Denn was sonst sollte der nebulöse Begriff „kostspielige strategische Nachteile“ ausdrücken, wenn nicht das?

Innerhalb der X-Blase bekam Lange viel Zustimmung für seinen Vorstoß. Vor allem anonyme Troll-Accounts mit NAFO-Bezug feierten diese Idee. Ein Kommentator mit dem mutmaßlichen Echtnamen Robert Monfera griff Langes Gedanken auf und entwickelte ihn „kreativ“ weiter. „Das Gleiche gilt für den von Russland kontrollierten Teil von Fennoskandinavien und das Gebiet Leningrad“, schrieb er. „Diese sollten ebenso wie Kaliningrad kleine, unabhängige baltische beziehungsweise nordische Staaten bilden.“ Zur Begründung der Zerstückelung des russischen Nordwestens argumentierte er, ein monolithisches Russland stelle weiterhin eine große Bedrohung für ein friedliches Europa dar – „so wie es dies schon immer getan hat“.

Auch die Bemerkung der Preußischen Allgemeinen Zeitung ist interessant. „Erst einmal sollte man aufhören, Königsberg weiterhin nach Stalins Freund Kalinin zu nennen.“ Auf X war dies bislang der einzige Kommentar einer Kraft mit Repräsentanz in der deutschen Gesellschaft. 

Es gab jedoch auch Gegenwind. „Lese ich das richtig? Ruft hier ein geistig verwirrter Schwachmat offiziell zum Krieg gegen Russland auf?“, schrieb etwa der Nutzer Preußen Herz. Am deutlichsten ordnete der Telegram-Kanal Baltische Welle (Erichowitsch) die Äußerung Langes ein und titelte: „Deutscher Revanchist Nico Lange will Kaliningrad heim ins Reich holen.“

Überraschenderweise fand der Vorstoß in Russland bisher wenig Beachtung. „Die NATO nimmt die Krim und Kaliningrad ins Visier: Aus Deutschland kam eine offene Drohung“, titelte das rechtsnationale Zargrad. Wie auch die Zeitung MK wärmte es in diesem Zusammenhang das alte Spiegel-Gerücht auf, wonach die Sowjetunion den Deutschen die Exklave zur Wendezeit heimlich zum Kauf angeboten habe.

Während die russische Politik zur Causa Lange schweigt, äußert sich Waldemar Herdt, ein ehemaliger AfD-Bundestagsabgeordneter. Gegenüber Zargrad warnt er Europa, dass Schritte gegen Kaliningrad und die Krim katastrophale Folgen für die gesamte Menschheit haben würden. Er verweist auf die Militärübungen rund um Kaliningrad. Dies sei das Gleiche, als würde man mit roten Fahnen um eine Bärenhöhle herumhüpfen, um den Druck zu erhöhen und den Bären aufzuwecken.

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