Von Dagmar Henn

Am Aschermittwoch ist alles vorüber, am Aschermittwoch ist alles vorbei – dieser Schlager weckt falsche Hoffnungen, denn der populäre Aberglaube besagt, es gäbe einen Unterschied zwischen der Zeit des Karnevals und dem Alltag. Politisch gesehen ist das jedoch keineswegs so.

Immer schön auf Linie bleiben, das ist schon seit ewigen Zeiten das Motto der großen Karnevalsvereine, egal, ob in Düsseldorf, Köln oder Mainz. Da sind die Motivwagen, die in den vergangenen Jahren den russischen Präsidenten Wladimir Putin ebenso attackierten wie den US-Präsidenten Donald Trump, keine Ausnahme. Im Gegenteil.

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Schon im Jahr 1934 stand der Kölner Karneval im Zeichen des Antisemitismus. Wie der oben gezeigte Wagen zeigt, wurden gleichsam die Stürmer-Karikaturen zu Karnevalswagen. Und die Umgebung, das Volksfest auf der Straße, verstärkte die Botschaft. Da war keine Abweichung, da wurde die Gleichschaltung geradezu zelebriert.

So sollte es bleiben. Agitation gegen die „Untermenschen“ eben.

Zum Gegenstand eines eigenen Karnevalswagens beim Rosenmontagszug von 1936 wurden die im Reichsgesetzblatt von 1935 (Teil I S. 1145 ff.) veröffentlichten Gesetze.

Der vom Kölner Architekten Franz Brantzky (1871–1945) entworfene Motivwagen zeigt eine „Paragraphen-Figur“, die einem Mann auf den Schlips tritt. Der solcherart gewürgte Mann ist – mit wulstigen Lippen, riesiger Nase und übergroßen Händen – dem antisemitischen Klischee der Zeit entsprechend gestaltet.

Die mit einem „Däm han se op d’r Schlips getrodde!“ („Dem haben sie auf den Schlips getreten!“) kommentierten Normen sind die der Nürnberger Gesetze.“

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Das war Köln 1936, beschrieben auf LTO. Im Jahr 1938 gab es dort einen Propagandawagen gegen Stalin, große enthauptete Puppen in Russenhemden und als antisemitische Karikaturen Verkleidete – das passt. Nach innen wie nach außen. Der Karneval gliedert sich bruchlos ein in die Erzeugung des Feinds, gegen den demnächst Krieg geführt werden soll. Man macht sich lustig – aber nur über jene, über die man sich lustig machen soll.

Der Künstler Jaques Tilly, der seit 1985 die Wagen für den Düsseldorfer Karneval baut und der die meisten Wagen entwirft, die sich einer Person zuordnen lassen, ist da keine Ausnahme, sondern eher eine moderne Version des Franz Brantzky. Er riskiert keine Kollision mit der Obrigkeit. Er riskierte sie nie.

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Da gibt es beispielsweise einen Motivwagen von 2017, auf dem die Freiheitsstatue den abgeschlagenen Kopf von Donald Trump hält. Ein Düsseldorfer Wagen, also wahrscheinlich das Werk von Tilly. Im Jahr 2003 gab es noch eine gewisse Kritik an Merkel, die aus dem Hintern eines gigantischen Uncle Sam hervorkroch – aber das ist lange her. Ebenfalls 2017 arbeitete Tilly für die Kampagne gegen den Brexit in Großbritannien. Und zu Corona bastelte er dann einen Wagen, in dem einem „Querdenker“ das Gehirn davonflog.

Donald Trump liebt Tilly fast ebensosehr wie Wladimir Putin. Er hat ihn auch schon einmal nackt über einem Grill gebraten. Was man lustig finden kann, sofern man nicht daran denkt, dass die deutsche Stiftung German Marshall Fund damals tief involviert war, als das Steele-Dossier erfunden wurde mit der Behauptung, Russland versuche, die US-Wahlen zu beeinflussen, und die Bundesregierung in der ersten Amtszeit von Donald Trump genau die Position vertrat, die Tilly darstellte.

Übrigens hat Tilly im Jahr 2025 auch einmal etwas zu Gaza gemacht: Das Motiv zeigt, wem man nicht auf die Füße treten will, denn da hält eine Figur, die „Gott (welcher auch immer)“ sein soll, einen erkennbaren Netanjahu und einen nicht erkennbaren Palästinenser am Ohr in die Höhe und erklärt: „Und jetzt sucht endlich eine politische Lösung“… als wäre die Bombardierung von Gaza mit Zehntausenden Toten irgendwie mit dem Handeln der Palästinenser vergleichbar. Ja, das war in demselben Jahr, in dem er das Hexenhäuschen baute, aus dem Alice Weidel zwei „Erstwählern“ ein Hakenkreuz reicht …

Auf einem der aktuellen Wagen zu Putin spießt dieser einen Narren mit der Aufschrift „Satire“ auf einem Schwert auf, während dieser Narr ihm mit einem Fächer auf den Kopf schlägt. Gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung kommentierte Tilly: „Es ist ein Duell mit sehr ungleichen Waffen.“ Und „unsere Waffe, das ist einfach nur die Satire, die ist nur aus Pappe, die kann nicht töten.“

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Das könnte man genauso gut über den oben beschriebenen Wagen aus dem Jahr 1936 sagen, oder? Der war auch nur aus Pappe. Wie jener von 1934 ebenfalls. Aber diese Figuren aus Pappe, diese Inszenierungen, ordneten sich ein neben die Karikaturen des Stürmer und all die anderen Propagandamittel der Nazis, weil die Satire in dem Moment, in dem sie sich mit der Staatsmacht verbündet, eben nicht mehr „nur“ Satire ist. Das galt für Frau Bossettis Blinddarm ebenso wie für Jan Böhmermanns „Ziegenficker-Gedicht“, und das gilt auch für Tilly und all die anderen Karnevalswagen, die die deutschen Straßen verunzierten.

Die Zeiten sind lange her, in denen ein Bayerischer Rundfunk sich aus einer Scheibenwischer-Sendung ausklinkte. Nein, inzwischen ist das Feld bereinigt, und wer auch immer im öffentlich-rechtlichen Rundfunk etwas sieht, das mit „Satire“ bezeichnet wird, findet eine nur zum Schein witzige Wiederholung all dessen, was in den Nachrichtensendungen und Talkshows ebenfalls serviert wird. Wo bitte ist der Witz an einem Wagen, in dem die AfD als „Landesverräter“ tituliert und eine kleine Alice Weidel mit der Aufschrift AfD als Drohne von Putin gesteuert wird? Das ist einfach dieselbe Kriegspropaganda, nur dieses Mal aus Pappmaché.

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Man könnte Wagen zur Zensur machen – beispielsweise mit dem Schwachkopf, umstellt von schwer bewaffneten SEK-Beamten, die „Ergib dich!“ rufen. Man könnte den Rollatorputschprozess attackieren, der inzwischen gezeigt hat, dass da nichts war, der aber trotzdem fortgesetzt wird. Man könnte die ewige Bettelei eines Herrn Selenskij aufgreifen, vielleicht Friedrich Merz als Frau Holle, die eine Gans namens Steuerzahler rupft, um die Kissen zu füllen, während Selenskij als Goldmarie unter einem Tor steht und mit Goldmünzen überschüttet wird. Man könnte die Fantasien der Brüsseler Bürokraten aufgreifen, die aus der EU einen Staat mit Armee und Steuereinnahmen machen wollen. Oder das Heizgesetz, oder … es gibt so vieles, das so verzweifelt schief läuft in Deutschland. Die Berliner mit ihrer Streusalznummer beispielsweise sind ein sehr treffendes Beispiel: Wenn sogar explizit erklärt wird, die Bäume seien nun einmal wichtiger, da dürften sich schon ein paar Rentner die Hüfte brechen.

Herr Tilly aber greift 2023 und 2024 nicht zu einem neuen großen Uncle Sam, als es um die Sprengung von Nord Stream geht, sondern wieder einmal zu … Putin – als Erklärung für alles. Mehr noch: Tilly hat sich regelrecht an Putin festgefressen, und es gibt einige Motive, die ihm in Deutschland rechtlichen Ärger eingehandelt hätten, hätte er ein ähnliches Motiv beispielsweise mit Angela Merkel oder Olaf Scholz angefertigt. Wie ein Wagen von 2023, auf dem ein Bischof mit der Aufschrift „Orthodoxe Kirche“ bei der Fellatio mit einer anderen Putin-Figur abgebildet ist, oder ein anderer Wagen aus demselben Jahr, auf dem Putin mit dem Teufel einen Bruderkuss tauscht. Es ist schon auffällig, dass grobe Beleidigungen nur gegenüber ausländischen Staatsoberhäuptern passieren.

Man wundert sich schon fast, warum nicht auch noch gegen China gehetzt wird. Vielleicht hat Tilly die entsprechende Anweisung noch nicht erhalten. Oder es hat nun einmal Priorität, das Volk „kriegstüchtig“ zu machen, und dafür muss auf den geplanten Feind eingeschworen werden.

Auf jeden Fall sind das Wagen, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit Begeisterung zeigt. Nicht nur, weil das eine weitere Verstärkung der üblichen Propaganda ist. Nein, vor allem, weil derartige Darstellungen den Eindruck erwecken, das sei das berüchtigte Volksempfinden, besonders beliebt mit dem Adjektiv gesund. Also als wäre das gerade nicht die offiziell erwünschte Meinung, sondern etwas, das sich gleichsam naturwüchsig aus der Wirklichkeit ergäbe. So wie einst die Karnevalsmasken mit den Hakennasen.

Das ist ein weiterer Baustein, mit dem die durch die Propaganda geschaffene Echokammer geschlossen wird. Die Illusion des gesunden Volksempfindens. Das sich nirgends besser inszenieren lässt als durch diesen Karneval, was, wie oben erwähnt, auch die Nazis schon begriffen hatten. Die Darstellungen im Karneval waren eben glaubwürdiger als jene der offiziellen Propaganda. Aber am Ende steht dasselbe Grauen.

Vor vierzig Jahren hätte man vermutlich noch die Gefahr eines Atomkriegs thematisiert. Den Rüstungswahn. Vielleicht. Immerhin gab es damals ein wenig Raum dafür. Inzwischen ist selbst jedes Gespür dafür verloren gegangen, wann man im Grunde nur die Möglichkeiten eines obrigkeitlich abgesegneten Mobbings genießt. So gab es dieses Jahr einen großen Wagen mit einem blutbesudelten Mullah, als wäre jede Propagandabehauptung des Westens die reine Wahrheit. Aber nach wie vor keinen blutbesudelten Netanjahu. Und schon gar nicht einen solchen Selenskij.

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Wenn man die Sammlung mehrerer Jahre betrachtet, wird das mehr als deutlich. Die subtile Kriecherei gegenüber der heimischen Macht ebenso wie der aggressive Blick nach draußen, was an sich schon das Gegenteil dessen ist, was man erwarten sollte – müsste nicht die deutsche Politik das Hauptziel deutscher Satire sein? Endet man andernfalls nicht irgendwo in den Jahren 1914 bis 1918 oder 1933 bis 1945? Jeder mag das Experiment selbst nachvollziehen. Die Suchworte Düsseldorf, Tilly und Jahreszahl spucken relativ verlässlich Videos mit all den Wagen aus, und Herrn Tilly mag man da ruhig als Teil fürs Ganze nehmen. Die Kontinuität ist unübersehbar.

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