Der ehemalige UN-Sonderbeauftragte, Universitätsprofessor, Politikanalyst und Autor, Jeffrey Sachs geht auf die Fragen von Judge Napolitano der Medienplattform Judging Freedom mit den diplomatischen Fähigkeiten der US-Administrationen hart ins Gericht.
Jeffrey Sachs: „China bedroht nicht die USA –
Es wurde einfach nur zu erfolgreich!“
Ein Auszug aus dem Gespräch zwischen Judge Napolitano und Jeffrey Sachs
Judge Napolitano: Hallo, alle zusammen – hier ist Judge Andrew Napolitano auf „Judging Freedom”. Heute ist Mittwoch, der 27. August und Professor Jeffrey Sachs ist unser Gast. Wir sprechen über das Thema der sehr gefährlichen US-Außenpolitik.
Professor Sachs, herzlich willkommen, mein lieber Freund und vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für Judging Freedom genommen haben. Meine erste Frage lautet: Führen die Vereinigten Staaten die Welt immer noch an?
Jeffrey Sachs: Nein – in praktischer Hinsicht nicht Die USA sind zwar nach wie vor sehr mächtig, doch sie haben sich in allen Regionen der Welt viele Feinde gemacht und sogar Gegenreaktionen aus jenen Ländern, welche den USA traditionell am nächsten stehen, eingehandelt. Führung kann man das nicht mehr nennen – man setzt vielmehr auf Drohungen: Einige Länder beugen sich, andere lehnen das schlichtweg ab. Dies stellt keine Führung mehr dar, denn es fehlt an:
- konzeptioneller Führung bzw. einer Vordenkerrolle,
- moralischer Führung,
- wirtschaftlicher Führung,
- technologischer Führung!
Die USA zählen zwar zu einem der vielen mächtigen Länder, doch die meisten Länder suchen ausgewogene Beziehungen, doch wollen sich von den Vereinigten praktisch nicht führen lassen.
Napolitano: Glauben Sie, das US-Außenministerium, Verteidigungsministerium, Weiße Haus und Tiefe Staat sind sich dieser Tatsachen bewusst?
Sachs: Nein! Man sieht überhaupt keine effektive US-Außenpolitik. Unsere diplomatischen Fähigkeiten sind so gut wie nicht vorhanden. Der Präsident selbst verlässt sich auf Ad-hoc-Freunde bzw. Freunde der Familie als seine offiziellen oder inoffiziellen Gesandten. Man verfügt über keinen stabilen diplomatischen Kern. Gerade wurde ein hochrangiger US-Diplomat in Dänemark, wegen der US-Einmischung in Grönland, die ziemlich offen zutage tritt, vorgeladen, nachdem Trump erklärt hatte, Grönland, welches zu Dänemark gehört, übernehmen zu wollen. Er schloss auch die Option nicht aus, ggfs. das Land [gewaltsam] einzuverleiben. Dänemark zählte traditionell nicht gerade zu den Feinden der Vereinigten Staaten: Es ist sogar Mitglied von NATO, sprich eines US-Bündnisses. Es steht gegenüber den Vereinigten Staaten allerdings recht ungeschützt dar und gerät nun mit ihnen in Konflikt. Den USA scheint jegliche Diplomatie abhandengekommen zu sein.
Alles scheint aus dem Stand und schreckliche Fehler werden gemacht: Wirklich schockierende Fehler, die selbst unmittelbare US-Interessen betreffen. In den letzten paar Wochen hat Donald Trump ohne jeden Grund die indische Regierung und die indische Bevölkerung völlig vor den Kopf gestoßen: Er hat über Indien sogenannte Straftarife von 25 % verhängen lassen, weil sie russisches Öl importieren. Doch auch Europa sowie China importieren russisches Öl, doch Strafmaßnahmen werden lediglich gegen Indien zur Anwendung gemacht. Ich kann nur sagen, wie weit Wut, Groll und das Gefühl von Verrat in indischen Intellektuellenkreisen und darüber hinaus über diese Maßnahme sich inzwischen verbreitet hat, weil das alles keinen Sinn macht. Es entspricht einer Art von Aktionismus, welcher die Rolle Amerikas in der Welt schmälert und das Land in eine Abwärtsspirale zieht.
Napolitano: Bleiben wir noch bei Indien bzw. Aspekten der Wirtschaft, die zu ihrem Fachgebiet zählen. Wir wissen, dass Trump glaubt, Indien bestrafen zu können, weil es Öl aus Russland bezieht und darüber das russische Militär mitfinanziere, was Trump unterbinden möchte. Ich glaube nicht, dass dies gelingen kann: Doch, Trump hat jenes Argument vorgebracht: Hat Trump durch solche Maßnahmen – entgegen allen Versuchen die BRICS mit finsterem Blick abzustrafen – die Staaten jener Gruppe effektiv nicht eher vereint bzw. am Ende nur noch stärker gemacht?
Sachs: Sobald er diese Maßnahmen anbefohlen hatte, kam es zu hektischen diplomatischen Aktivitäten unter hochrangigen Vertretern aus Brasilien, Russland, China und Indien. Ich habe zufällig einen Teil davon aus nächster Nähe miterlebt: Es lief auf der Ebene ihrer Staatschefs, Außenminister und Verteidigungsminister – alles hochrangige Offizielle. Sie alle haben miteinander kommuniziert: Brasilien mit Russland, Indien mit China bzw. China mit Russland und Indien sowie Russland mit Indien. Das geschah in erstaunlicher Kürze!
In wenigen Tagen wird Indiens Premierminister Modi im Zuge des Gipfels der Shanghai Cooperation Organization [SCO] mit Chinas Präsident Xi Jinping zusammentreffen. Es wird ein Treffen auf höchster Ebene geben. Das wird die Partnerschaft innerhalb der Shanghai Cooperation Organization und der BRICS-Staaten weiter stärken.
Die BRICS-Staaten, die etwa die Hälfte der Weltbevölkerung und fast die Hälfte des weltweiten BIP ausmachen, werden sich definitiv stärker untereinander abstimmen. Brasilien hält in diesem Jahr den Vorsitz bei BRICS:
Brasiliens Präsident Lula machte deutlich, dass man keinen Kaiser mehr brauche, indem er auf Donald Trumps Ansinnen gegenüber Brasilien angespielte!
Trump hatte versucht in ein Gerichtsverfahren der unabhängigen Justiz Brasiliens [für seinen Freund Jair Bolsonaro] einzugreifen. Absolut bizarr – muss ich sagen!
Nächstes Jahr übernimmt dann Indien den Vorsitz von BRICS. In der Tat: Donald Trump wird der große Einiger [von BRICS] sein!
Napolitano: Aber warum diese amerikanische Verachtung gegenüber Indien und China?
Sachs: Zunächst einmal aufgrund einer unglaublichen Ignoranz: Man kennt kaum einen hochrangigen Politiker aus Washington, die viel über eines dieser beiden Länder oder deren Wirtschaft wüsste. In Washington herrscht generell Missachtung gegenüber anderen Ländern. Große Länder trifft besondere Geringschätzung, weil sie es wagen könnten vor den USA nicht auf die Knie zu gehen, wovon man ausgeht. Doch diese US-Missachtung entspringt in Wirklichkeit der Instabilität amerikanischer Diplomatie, gepaart von Unkenntnis über diese Länder.
Die anti-chinesische Stimmung wird künstlich angeheizt, was sich im Zuge der US-Präsidentenwahlen für Donald Trump als erfolgreich herausgestellt hat: Trump folgte einer parteiübergreifenden anti-chinesischen Rhetorik, die im Grunde vor einem Jahrzehnt das militärisch-industrielle Establishment aus der Taufe hob:
Ihre Bonzen beschlossen, China in Schach halten zu müssen, weil China zu erfolgreich geworden war. Es entspricht einer recht eigenartigen Vorstellung, dass sich die USA dazu berufen fühlen, dem Erfolg eines anderen Landes Abbruch zu tun, nachdem China sich das durch hohe Sparquoten, Innovationen, effektive Planung der Politik und einen sehr wettbewerbsfähigen Markt, der übrigens weltweit in vielen Technologien führt, verdient hat. Denn, Chinesen sind unternehmerisch sehr erfolgreich. Doch, die Vereinigten Staaten beschlossen, dies zu beenden, als ob das eine reale Option für die USA und ein angemessenes Ziel der US-Außenpolitik wäre: Beides ist nicht der Fall. Das ist nichts, was die Vereinigten Staaten durchsetzen könnten. Es ist ein absolut unzulässiges Ziel der US-Außenpolitik:
China bedroht die Vereinigten Staaten nicht – es wurde einfach nur zu erfolgreich – das ist alles!
In Bezug auf Indien ist den USA innerhalb der letzten Wochen ein grober Fehler, der jeder realen Grundlage entbehrt, unterlaufen: Jahrelange diplomatische Bemühungen wurde zunichte gemacht, obwohl man sich auf indischer Seite aufgrund der Konkurrenzstellung USA-China, Hoffnungen gemacht hatte, ggfs. gewisse Lieferketten – z.B. für Mobiltelefone [im Auftrag von US-Firmen] – von China übernehmen zu können.
Ich machte indische Kollegen und Freunde darauf aufmerksam, nicht naiv zu sein: Die Vereinigten Staaten wären nicht so standfest, vernünftig und offen, um Indien einzuladen, China zu ersetzen. Die Tür würde für Indien genauso zugeschlagen.
Siehe da, nur wenige Wochen nach meiner Warnung, hat sich das bewahrheitet, obwohl ich dachte, es würde langsamer kommen. Doch, die Vorgehensweise der USA ist so unprofessionell und erschreckend erratisch: Vieles ergab sich aus Beiträgen auf Sozialen-Medien einer Person, die kaum versteht, worüber sie spricht. Dazu gesellte sich ein unglaublich beleidigender und schädlicher Artikel eines Trump Beraters, der in der Financial Times erschien, doch in Indien die Runde machte und sehr schnell für Unruhe sorgte. Niemand in Washington denkt noch ausreichend nach – niemand versteht etwas. Man geht vielmehr einem völlig kurzfristigen Opportunismus ohne strategisches Wissen, Verstand, Logik oder Konsistenz, nur nach. Ich bin während meiner Laufbahn auf dem Gebiet internationaler Wirtschaftsbeziehungen über 40 Jahre ehrlich gesagt noch nie auf ein solch hohes Maß an Unprofessionalität gestoßen.
Napolitano: Es scheint nicht besser zu werden. Ich weiß, dass Sie kürzlich erst sagten, Menschen in Indien und Afrika wären in Bezug auf die Entwicklung der Welt optimistisch gestimmt, obwohl die Welt sich ohne die USA weiter entwickeln würde!
Sachs: Das ist richtig: Die Regionen mit dem geringstem Wachstum sind inzwischen die beiden Regionen hohen Einkommens: Die Vereinigten Staaten und Europa. Bis zu einem gewissen Grad folgt dies einem grundlegend wirtschaftlichen Prinzip, wonach ärmere Länder, falls sie einigermaßen gut geführt würden und allgemein Frieden herrschte, die Möglichkeit und Fähigkeit erhalten, aufzuholen, indem sie fortschrittliche Technologien übernehmen, um den Abstand zu den Spitzenreitern zu verringern. Es ist somit nicht überraschend, dass ärmere Länder ein nachhaltig höheres Wirtschaftswachstum als die reichen Länder realisieren und den Abstand nach oben verringern. Das ist derzeit eine grundlegende Tendenz der Weltwirtschaft.
Aber die Vereinigten Staaten und Europa verschärfen ihre Probleme enorm – insbesondere durch:
- Kriege ihrer Wahl und die Militarisierung,
- das non-stop Engagement der USA in den katastrophalen Kriegen Israels,
- das Engagement Europas in dem katastrophalen und sinnlosen Ukraine-Krieg!
Wir verschwenden unsere Zeit. Dazu hat Donald Trump noch die US-Wirtschaft im Grunde genommen zu einem drittklassigen Status verurteilt, nachdem er verkündet hatte, dass Dinge wie saubere Energie nichts zählten. Ja, das klingt bequem, falls man nur einen Zeithorizont von einem Jahr, sechs Monaten oder einen Tag nur hat.
Doch, falls man fragen wollte:
- Wer in den nächsten 25 Jahren die Elektro-Fahrzeug-Produktion anführen werde?
- Wer dann die Produktion von Hochgeschwindigkeitszügen anführen werde?
- Wer die Wasserstoffwirtschaft anführen werde?
- Wer eine große Rolle in der Seeschifffahrt, Stahlherstellung, Metallurgie und Petrochemie spielen werde?
All das wird in Asien stattfinden – nicht in den Vereinigten Staaten. Indem Trump „Nein!“ dazu sagt und meint, das zähle nicht und wäre nicht wichtig, so fügte man sich damit enorm selbstverschuldete Wunden zu. Das ist nicht einzigartig für Trump – es setzt sich mit Trump nur fort!
Napolitano: … Was ich jetzt mit Ihnen besprechen möchte, Professor Sachs, ist, dass Donald Trump in der vergangenen Woche unter seiner Ein-Mann-Herrschaft verstehen gab, wonach das ukrainische Militär zum Scheitern verurteilt wäre, falls es nicht in die Offensive gehen und Russland angreifen könnte. In der vergangenen Woche hat er den Verkauf von über 3.000 ERAMs genehmigen lassen – Marschflugkörper, die 280 Meilen weit fliegen und damit relevante Ziele in Russland treffen können. In der vergangenen Woche hat das russische Militär die Fertigungsstätte noch nicht montierter Taurus-Raketen, welche die Deutschen in Komponenten [zum Zusammenbau] in die Ukraine geliefert hatten, zerstört. Sollte das eine Möglichkeit darstellen, den Krieg zu beenden oder ist das nur Fortsetzung unserer Rolle als militärischer Mitstreiter im Stellvertreterkrieg gegen Russland?
Sachs: Natürlich steht dies in krassem Widerspruch zu dem, was beim Treffen in Alaska beschlossen wurde – klar! Beim Treffen in Alaska ging man zu Recht davon aus, dass der Krieg zu beenden sei, nachdem man sich mit den Ursachen des Krieges befasst hätte. Es bedeutete:
… dass die Ukraine neutral zu sein sollte und NATO nicht erweitert werden würde!
All dies wäre in Bezug auf US-Sicherheit völlig angemessen und auch aus der Sicht Russlands notwendig, da es sich um ihre Nachbarschaft handelt. Die Ukraine ist Russlands direkter Nachbar: Sie möchten dort keine Raketen der Vereinigten Staaten stationiert sehen. Das ist Russlands Punkt, den sie seit 30 Jahren vertreten.
Auf solch einer Grundlage wären Sicherheitsvereinbarungen über den UN-Sicherheitsrat , der dafür der richtige Ort wäre, abzuschließen. Falls die US-Administration über ein Mindestmaß an Kapazität und Professionalität verfügen würde, gäbe es auf der Grundlage des Alaska-Gipfels seriöse Arbeit zu tun, um die Protokolle bzw. Sicherheitsvereinbarungen zur Beendigung des Krieges zu erstellen.
Trump denkt meist nur recht primitiv, wie:
Ich brauche den Baseballschläger hinter mir, um ihnen den Schädel einschlagen bzw. damit drohen zu können!
Auf diese Weise kommt man zu keinen Lösungen, doch verspielt die Möglichkeit dafür. Trumps Vorstellung von Verhandlungen beruht auf dem Prinzip, dem Gegenüber was anzubieten, doch ihm zugleich deutlich zu machen, dass er sie niederschießen lassen könne. Solch ein Stil blockiert Diplomatie auf der ganzen Linie. Die Vereinigten Staaten verfügen nicht über die Kapazitäten, derartige Drohungen, außer über eine dramatische Konflikt-Eskalation, realisieren zu lassen. Andere Länder kontern, indem sie sich gegenüber solch primitiven Vorgehensweisen nicht beugen!
Entsprechend tobt der Krieg im Nahen Osten, bei dem sich die USA am laufenden Völkermord mitschuldig machen!
Der Krieg in der Ukraine konnte nicht innerhalb von 24 Stunden beendet werden: Es wäre möglich gewesen, falls die Kompetenz dafür vorhanden gewesen wäre. Inzwischen kam es zu zunehmenden Spannungen und dem Bruch in den Beziehungen zu Indien, weil Drohungen nicht so funktionieren, wie Trump es sich vorgestellt hatte. Das funktioniert vielleicht [nur] in New York City gegenüber einer Klempner-Gewerkschaft, falls man dort beim Bau über ein Gebäude verhandelte. Doch das funktioniert nicht in internationalen Angelegenheiten bzw. nicht gegenüber anderen Großmächten:
- Russland ist eine Großmacht
- China ist eine Großmacht
- Indien ist eine Großmacht!
Ob wir das uns das eingestehen wollen oder nicht, ändert es nichts an der Tatsache:
Der Umgang mit diesen Ländern erfordert verantwortungsvolle Diplomatie, keine Drohungen dieser Art!
Doch, genau an dieser Stelle versagen wir derzeit auf der ganzen Linie. Übrigens muss ich klarstellen: Biden war eine Katastrophe! Wie schon oft gesagt, hat auch die Biden-Regierung versagt. Ich beziehe in dieser Frage nicht Partei. Ich sage nur, dass wir eine Bilanz massiver Misserfolge, die sich weiter fortsetzen, vorzuweisen haben!
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Übersetzung und Transkript-Erstellung: UNSER-MITTELEUROPA
Das ganze Video mit Jeffrey Sachs bei Judge Napolitano auf Englisch: HIER
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