Mehrere führende israelische Politiker haben gegen die Filmemacher ausgeteilt, die hinter einem Dokumentarfilm stecken, der der israelischen Armee vorwirft, KI-unterstützte Systeme für den Massenmord an Palästinensern in Gaza zu nutzen. Der israelische Kulturminister Miki Zohar ging so weit, den beiden mit dem Oscar ausgezeichneten Regisseuren Verrat vorzuwerfen und ihnen mit dem Entzug der israelischen Staatsbürgerschaft zu drohen.

Die Kontroverse explodierte, nachdem der 80-minütige Dokumentarfilm NAZA ‒ der Titel spielt auf eine Abkürzung des israelischen Militärs für erwartete „Kollateralschäden“ an ‒ vergangene Woche beim Filmfestival in Venedig 25 Minuten lang stehenden Beifall erhalten und den Spezialpreis der Jury geholt hatte.

Der Film der Regisseure Yuval Abraham und Rachel Szor beruht auf den Erzählungen anonymer israelischer Militärs und Geheimdienstinsider. Diese werfen der israelischen Armee vor, sich sehr auf KI-Systeme zu verlassen, um Menschen und Wohnungen als Angriffsziele zu identifizieren, wobei zivile Kollateralschäden oft unberücksichtigt bleiben. Einige Insider bezeichneten diesen Prozess als „unglaublichen Spaß“ und verglichen ihn mit einem „Videospiel“.

Die israelische Armee hat die Darstellung des Films zurückgewiesen und erklärt, die Auswahl und die Billigung von Angriffszielen erfolge „nur durch menschliches Personal“.

Der Film sorgte auch unter führenden israelischen Politikern für Unruhe. Zohar nannte die Ehrung des Films „schockierend“ und warf den Regisseuren vor, sie wollten „ihr Heimatland schädigen, nur um rund um die Welt Applaus von Antisemiten zu erhalten“.

„Das ist unvorstellbar und stellt einen Verrat am Staat dar […] Als Minister der Kultur werde ich sofort handeln, um die israelische Staatsbürgerschaft dieser beiden verachtenswerten Schöpfer zu widerrufen“, schrieb er auf X am Sonntag.

Der ehemalige israelische Premierminister Naftali Bennett hatte die Dokumentation sogar vor der Auszeichnung angegriffen, nannte sie einen „schrecklichen Ritualmordvorwurf“ und sagte, es mache ihn besonders zornig, dass die Vorwürfe von israelischen Filmemachern kämen. Er räumte zivile Opfer in Gaza ein, erklärte aber, es gebe „keinen magischen Knopf, der Hamas zerstören kann, oder irgendeine terroristische Organisation, die sich hinter [gewöhnlichen Leuten] versteckt“.

Der Minister für nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir ‒ weithin als eine der radikalsten Gestalten der israelischen Rechten gesehen ‒ nannte die Regisseure eine „Schande“ und deutete an, die Hamas würde sie willkommen heißen, während der ehemalige Verteidigungsminister Avigdor Lieberman das Paar „Feinde Israels“ nannte.

Trotz der Drohung von Zohar gibt es keinen Präzedenzfall, in dem israelischen Filmemachern die Staatsbürgerschaft für die Produktion eines kritischen Dokumentarfilms entzogen wurde, während der Minister selbst gar nicht das Mandat zu einer solchen Maßnahme hat.

Das israelische Recht erlaubt es, für einen „Bruch der Loyalität“ ‒ dazu zählen Terrorismus, Verrat und schwere Spionage ‒ die Staatsbürgerschaft zu entziehen, aber in der Vergangenheit wurde diese Maßnahme extrem vorsichtig gehandhabt. 2022, als der israelische Oberste Gerichtshof zwei Fälle behandelte, in denen es um Bürger ging, die wegen ernster terroristischer Angriffe verurteilt worden waren, entschied er sich gegen den Entzug, verwies auf Fehler im Verfahren und betonte, die Maßnahme könne nur unter außergewöhnlichen Umständen eingesetzt werden.

Allerdings hatten israelische Filmemacher für ähnliche Arbeiten in der Vergangenheit schon andere rechtliche Folgen zu tragen. 2022 hielt der Oberste Gerichtshof ein Verbot aufrecht, den Dokumentarfilm „Jenin, Jenin“ zu zeigen ‒ ein Film des palästinensisch-israelischen Regisseurs Mohammad Bakri, der mutmaßliche Misshandlungen durch die israelische Armee zeigte. Das Gericht verurteilte Bakri, etwa 50.000 Euro Schadensersatz zu zahlen, nachdem er wegen Verleumdung verklagt worden war.

2012 wurde der Haaretz-Journalist Uri Blau wegen des nicht genehmigten Besitzes von klassifizierten Dokumenten der israelischen Armee, die er nutzte, um über gezielte Tötungen zu schreiben, zu vier Monaten gemeinnütziger Arbeit verurteilt, obwohl seine Artikel die Militärzensur passiert hatten. Seine Quelle beim Militär wurde allerdings zu mehreren Jahren Haft verurteilt.

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