Die Bürger der Atlantik-Insel Island treffen heute eine Vorentscheidung über einen möglichen EU-Beitritt. Rund 300.000 Wahlberechtigte sind am Samstag, dem 29. August 2026, aufgerufen, über die Frage abzustimmen, ob Island die Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union wieder aufnehmen sollte.
Nach einem Regierungswechsel im Jahr 2013 hatte Island auf den Status eines Beitrittskandidaten verzichtet. Grund für den Stopp der Verhandlungen war hauptsächlich die Befürchtung, die Kontrolle über die heimischen Fischgründe an die EU zu verlieren. Mittlerweile verfügt Island wieder über eine EU-freundliche Regierung, die ein Referendum über die Wiederaufnahme der Gespräche anberaumt hat.
Eine Rolle dürften dabei die Gebietsansprüche des US-Präsidenten Donald Trump auf die Arktisinsel Grönland gespielt haben, die viele Isländer offenbar beunruhigen. Sie fragen sich, ob bei einer US-amerikanischen Annexion Grönlands ihre Insel als Nächstes im Fokus stehe.
Immerhin soll der designierte US-Botschafter Billy Long im Januar 2026 gewitzelt haben, Island könne der 52. Bundesstaat der USA werden – und er selbst dessen Gouverneur. Ein Scherz, der auf der Insel aus Feuer und Eis nicht gut ankam. Long entschuldigte sich.
Zugleich erhält die Insel aufgrund des insbesondere von den europäischen NATO-Staaten aufgebauten Feindbildes Russland eine geostrategische Bedeutung, wie sie sie zuletzt im Kalten Krieg besessen hatte. Island liegt an der sogenannten GIUK-Lücke, einer gedachten Linie zwischen Grönland und Großbritannien, die im Ernstfall der russischen Nordmeerflotte die Durchfahrt in den Atlantik versperren soll.
Der 400.000-Einwohner-Staat Island ist NATO-Mitglied und besitzt derzeit keine Armee. NATO-Verbündete dürfen die Insel allerdings für Rotationen und Überwachungsflüge nutzen. Auch die Bundeswehr ist bereits vor Ort aktiv.
Einer im vergangenen Herbst vereinbarten Absichtserklärung zufolge soll Island der Deutschen Marine als logistischer Anlaufpunkt dienen. Die Vereinigten Staaten dürfen bereits seit einem bilateralen Abkommen aus dem Jahr 1951 Militäreinrichtungen auf der Insel nutzen, haben ihre militärische Präsenz auf der Insel seit Ende des Kalten Krieges allerdings abgebaut.
Im März haben die EU und Island zudem eine Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft abgeschlossen. Da passt ein EU-Beitritt Islands zur EU, die sich immer mehr auf die militärische Zusammenarbeit ihrer Mitgliedsstaaten konzentriert, durchaus ins Bild.
Noch ist es allerdings nicht so weit. Es ist durchaus nicht sicher, dass die Isländer heutzutage mehrheitlich für neue EU-Verhandlungen stimmen werden, denn wie der öffentlich-rechtliche Sender RÚV bekannt gab, lassen die jüngsten Umfragen ein knappes Rennen erwarten.
Demnach haben die EU-Gegner laut einer Gallup-Umfrage einen leichten Vorsprung von 51,6 Prozent. 48,4 Prozent der Befragten wollen hingegen für die Beitrittsverhandlungen stimmen. Eine Maskína-Umfrage vom Juni 2026 sah noch eine Befürwortung von 53,1 Prozent für EU‑Verhandlungen. Ab 11 Uhr deutscher Zeit läuft die Abstimmung in den isländischen Wahllokalen – bis Mitternacht. Erste Ergebnisse wird es wohl erst am Sonntagmorgen geben.
Selbst eine Zustimmung der Isländer würde noch keinen baldigen EU-Beitritt bedeuten, zu dem auch die 27 EU-Mitgliedsstaaten ihre Zustimmung geben müssten. Und wie die Ereignisse aus dem Jahr 2013 zeigen, könnten auch von isländischer Seite die Verhandlungen wieder abgebrochen werden, falls es in deren Verlauf zu unüberbrückbaren Differenzen kommen würde.
Sollte die isländische Regierung binnen der geplanten zwei Jahre indes zu einer Einigung mit der EU kommen, müssten die Isländer ohnehin in einem weiteren Referendum darüber entscheiden.
Drängend ist die Frage für Island jedenfalls nicht, ist es doch ohnehin assoziiertes Mitglied des Schengenraums und hat als Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraums Zugang zum EU-Binnenmarkt. Gleichwohl mobilisiert das Referendum die isländischen Wähler. RÚV zufolge war bei der vorzeitigen Stimmabgabe die Wahlbeteiligung überproportional hoch.
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