Von Farhad Ibragimow
Beim jüngsten Gipfel der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) in Turkmenistan hat Irans Präsident Massud Peseschkian vorgeschlagen, das Format „GUS+1“ zu gründen (nicht mit einem GUS-Beitritt zu verwechseln). Dabei sollte es sich um einen flexiblen Mechanismus handeln, der Iran die Zusammenarbeit mit den Mitgliedsstaaten der Gemeinschaft ermöglicht. Der Inhalt der Initiative ist durchaus konkret: Verkehr, Energie, Handel, Investitionen und Technologien.
Für Iran ist dies eine Fortsetzung des Kurses auf eine Stärkung der Kontakte in Eurasien. Die Zusammenarbeit mit der GUS könnte den Kreis von Irans Partnerstaaten erweitern, seine Exportmöglichkeiten stärken und für stabilere Handelsrouten sorgen. Die politische Rechnung ist ebenfalls klar, denn je mehr Staaten an einer Zusammenarbeit mit Iran interessiert sind, desto schwieriger ist es, ihn international zu isolieren.
In diesem Sinne könnte die Initiative die Bemühungen der USA und Israels, Iran zu isolieren, erschweren. Wirtschafts- und Handelsbeziehungen sorgen bei Partnern für ein eigenes Interesse an Irans Stabilität. Dabei wird vieles davon abhängen, inwieweit die Länder bereit sind, Handel zu fördern, in gemeinsame Projekte zu investieren und Zahlungsprobleme zu lösen.
Für die GUS-Staaten sind die Vorteile ebenfalls spürbar. Irans Markt umfasst immerhin 91 Millionen Menschen und eröffnet Möglichkeiten zur Lieferung von Getreide, Lebensmitteln, Ausrüstung und Industrieprodukten. Irans Geographie ermöglicht Zentralasien den Zugang zu den Häfen des Persischen Golfs und des Golfs von Oman und Russland den Ausbau des internationalen Verkehrskorridors Nord-Süd. Vielfältige Verkehrswege verleihen der Wirtschaft zusätzliche Stabilität.
In Energiefragen hat Peseschkian vorgeschlagen, vom Kampf um die Verdrängung der Konkurrenz zur Entwicklung der Industrie und zum Austausch von Ressourcen überzugehen. Aussichtsreich erscheinen in diesem Zusammenhang gegenseitige Gaslieferungen, der Handel mit elektrischer Energie und gemeinsame Infrastrukturprojekte. Doch die Zusammenarbeit wird die Interessenunterschiede zwischen den Exporteuren von Öl und Gas nicht beseitigen, denn sie werden Preise, Umfang und Bedingungen von Lieferungen abstimmen müssen.
Es sei angemerkt, dass Iran auch der Gemeinschaft selbst einen neuen Impuls geben kann. Die Zusammenarbeit mit einem großen auswärtigen Partner erweitert die wirtschaftliche Agenda und erhöht die Bedeutung der GUS als einer Plattform zur Lösung gemeinsamer Fragen. Das ist eine Möglichkeit, die Verbindungen zwischen dem postsowjetischen Raum und dem Nahen Osten zu stärken. Eine besondere Rolle kommt dabei Russland als der führenden Macht der GUS und einem wichtigen Partner Irans zu. Für Teheran könnte die Zusammenarbeit mit Moskau als Stütze bei der Entwicklung des neuen Formats fungieren. Für Russland ist es die Möglichkeit, seine führende Stellung durch die Organisation von Projekten zu stützen, die allen Teilnehmern zugutekommen. Das Vertrauen zu Russland wird dort gestärkt, wo politische Vereinbarungen ein vorhersehbares wirtschaftliches Ergebnis liefern.
Gleichzeitig bleiben Fragen offen, die die Zusammenarbeit erschweren könnten. Sanktionen erschweren den Zahlungsverkehr, den Versicherungsschutz und die Gewinnung von Investitionen, und das Risiko von Sekundärsanktionen zwingt Irans Partner zu größerer Vorsicht. Neue Angriffe der USA gegen Iran könnten den Betrieb der Infrastruktur und den Verkehr beeinträchtigen.
Dennoch erscheint „GUS+1“ gerade als ein flexibles Format für die Zusammenarbeit realistisch. Das ist keine vollwertige Mitgliedschaft, aber eine Möglichkeit für Iran, sich an der gemeinsamen wirtschaftlichen Agenda zu beteiligen und gemeinsame Projekte mit den Mitgliedsstaaten umzusetzen. Die Grundlage für eine solche Zusammenarbeit ist bereits gelegt. Im Oktober des vergangenen Jahres wurde beim GUS-Gipfel in Duschanbe das Format „GUS+“ geschaffen, das Zusammenarbeit mit auswärtigen Partnern ermöglicht. Peseschkians Vorschlag passt zu dieser Herangehensweise und könnte ihr einen konkreten Inhalt geben. Eine wirtschaftliche Grundlage für die engere regionale Zusammenarbeit bietet bereits das seit Mai 2025 geltende Freihandelsabkommen zwischen Iran und der Eurasischen Wirtschaftsunion. Nun ist es wichtig, zu vereinbaren, wie diese Zusammenarbeit strukturiert wird und welche gemeinsamen Projekte zuerst angegangen werden sollen. Die Perspektiven der Initiative hängen in vielerlei Hinsicht davon ab, welchen Nutzen Iran und die GUS in einer solchen Zusammenarbeit erkennen.
Farhad Ibragimow ist Orientalist, Politikwissenschaftler, Iran- und Nahostexperte sowie Experte an der Finanzuniversität bei der Regierung der Russischen Föderation. Diesen Artikel verfasste er exklusiv für RT.
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