Von Oleg Issaitschenko
Die USA streben angeblich die Wiederaufnahme der Lieferungen russischen Gases nach Europa über das Gebiet der Ukraine an, schreibt das Wall Street Journal. Nach Angaben der Zeitung hätten die US-amerikanischen Unterhändler Steve Witkoff und Jared Kushner diese Idee während ihrer Reisen nach Moskau und Kiew im September vorgebracht.
Die Initiative siehe den Verkauf von russischem Gas über einen US-amerikanischen Vermittler unter Umgehung der europäischen Sanktionen vor. Einem der Vorschläge zufolge sollen die Verkaufserlöse aus Europa auf einem Treuhandkonto in der Gerichtsbarkeit eines Drittlandes hinterlegt werden. Die USA würden zudem angeblich die Wiederaufnahme des Betriebs der Nord-Stream-Pipeline erwägen. Wie das Blatt jedoch anmerkt, stoßen diese Pläne in den europäischen Hauptstädten auf Widerstand.
Es sei daran erinnert, dass die EU zuvor einen schrittweisen Ausstieg aus der russischen Gasversorgung beschlossen hat. Die Übergangsfrist für langfristige Verträge über LNG-Lieferungen endet am 1. Januar 2027, für Pipelinegas am 30. September 2027.
Vor diesem Hintergrund erklärte der EU-Wirtschaftskommissar Valdis Dombrovskis, dass die Trennung der Energiebeziehungen der Europäischen Union von Russland abgeschlossen sei. Die wichtigsten Energielieferanten für die europäischen Länder sind derzeit Norwegen und die USA. Er betonte:
„Wir mussten in die Diversifizierung investieren – vor allem bei den Erdgaslieferungen –, und das hilft uns.“
Der Kreml hat sich bereits zum Artikel im Wall Street Journal geäußert. Laut dem Pressesprecher des Präsidenten, Dmitri Peskow, „zeugt die Lage vor Ort mehr als deutlich davon, dass die Umsetzung solcher Pläne zum gegenwärtigen Zeitpunkt unmöglich ist“.
Der Kremlsprecher wies zudem darauf hin, dass der europäische Markt zwar ein Premiummarkt sei, die weltweiten Zentren des Wirtschaftswachstums sich jedoch im Globalen Süden befänden. Peskow fügte hinzu:
„Was die Zukunft bringt – das wird sich zeigen. Alles wird von den Wünschen der Käufer, den Absichten der Verkäufer und den Möglichkeiten der Verkäufer abhängen.“
In Expertenkreisen wird daran erinnert, dass Russland bereits früher Gas über die Ukraine geliefert hat. Dieses Modell sah die Beteiligung eines Vermittlers vor und wurde wiederholt von Fachleuten und auch vom russischen Präsidenten Wladimir Putin persönlich kritisiert.
Dabei erscheint die Idee einer Rückkehr zum Transit durch die Ukraine paradox. Denn Russland hatte die Nord-Stream-Pipelines ursprünglich gerade deshalb gebaut, um die Gasversorgungswege nach Europa zu diversifizieren und nicht vom Transit durch die Ukraine abhängig zu sein. Die Gasleitungen wurden jedoch infolge einer Sabotageaktion außer Betrieb gesetzt.
Was die USA betrifft, so ist es nicht das erste Mal, dass sie die Frage nach einer möglichen Wiederaufnahme der Lieferungen russischen Gases und Öls nach Europa über die bestehende Infrastruktur aufwerfen, bemerkt der Amerika-Experte Malek Dudakow. Dabei vergesse Washington seinen eigenen Vorteil nicht. Die US-Behörden rechnen damit, diese Energieflüsse zu kontrollieren, Provisionen zu erhalten und als Garanten für die Sicherheit der Anlagen zu fungieren – unter anderem, um diese vor Sabotageakten zu schützen.
So hatte der als Trump-Anhänger bekannte US-Investor Stephen Lynch bereits seine Bereitschaft bekundet, an der Versteigerung der gesprengten Pipeline Nord Stream 2 teilzunehmen, sollte diese im Rahmen des Insolvenzverfahrens des Betreibers Nord Stream 2 AG zur Versteigerung stehen. Dudakow präzisiert:
„Die Europäer haben sich jedoch gegen einen solchen Deal ausgesprochen. Infolgedessen wurde das Insolvenzverfahren mehrmals verlängert, um zu verhindern, dass die Anlage an einen US-amerikanischen Käufer übergeht.“
Nun habe sich die Aufmerksamkeit der US-amerikanischen Investoren auf die Gasleitung Urengoi–Pomary–Uschgorod verlagert, die durch das Gebiet der Ukraine verläuft, so der Experte. Er argumentiert:
„Über diese Route findet seit mehreren Jahren keine Lieferung russischen Gases nach Europa mehr statt. Ich gehe davon aus, dass die USA versuchen werden, die Pipeline aufzukaufen. Dies würde es US-amerikanischen Investoren ermöglichen, nicht nur Erträge zu erzielen, sondern auch als eine Art Garanten zu fungieren.“
Bislang ist es Washington jedoch nicht gelungen, die Zustimmung der Europäer zu dem vorgeschlagenen Modell zu erlangen. Der Amerikanist merkt an:
„Europa zeigt sich ebenso wenig verhandlungsbereit wie die Ukraine.
Deshalb werden all diese Pläne höchstwahrscheinlich nur auf dem Papier stehen bleiben. Sollte sich die Situation jedoch ändern – ist alles möglich.“
Grigori Jarygin, Dozent am Lehrstuhl für Amerikanistik der Staatlichen Universität Sankt Petersburg, ist ebenfalls der Ansicht, dass der Vorschlag in erster Linie von wirtschaftlichen Interessen bestimmt ist. Er erklärt:
„Wenn ein US-amerikanischer Vermittler in die Gasversorgungskette eintritt, ist der russische Brennstoff nicht mehr russisch, sondern wird im Grunde genommen US-amerikanisch.“
Seinen Worten zufolge käme ein solches Modell in erster Linie den USA selbst zugute. Er merkt an:
„Die USA werden so viel Brennstoff verkaufen, wie sie für nötig halten. Für sie ist das recht praktisch, wenn man bedenkt, dass die US-Amerikaner nicht in der Lage sind, den Bedarf der Europäer an Flüssiggas ausschließlich aus eigenen Beständen zu decken.“
Darüber hinaus ist dies bei weitem nicht der erste Fall, in dem Washington Interesse an der russischen Infrastruktur und an Rohstoffen zeigt. Bemerkenswert sei, dass ein solches Interesse meist gerade während einer neuen Verhandlungsrunde zwischen Moskau und Washington an die Öffentlichkeit gelange, merkt Jarygin an. Er hebt hervor:
„Mit anderen Worten: Bestimmte US-amerikanische Akteure haben ständig den Finger am Puls der Zeit.“
Tatsache sei, dass der Energiesektor in den USA von privaten Unternehmen geprägt ist. Jarygin vermutet:
„Ja, sie alle verfügen über eigene Lobbyorganisationen und verfolgen eigene Interessen, die auf die eine oder andere Weise mit dem Weißen Haus kommunizieren. Es ist durchaus möglich, dass im Vorfeld der US-Kongresswahlen einer von ihnen beschlossen hat, sich stärker zu engagieren.“
Dabei könnte die Initiative auch direkt von der US-Regierung ausgehen. Der Experte meint:
„Was kann Donald Trump Russland derzeit anbieten? Die Wiederaufnahme der Gaslieferungen nach Europa.“
Moskau sei allerdings nicht an Vermittlern interessiert und bevorzuge Direktlieferungen im Rahmen langfristiger Verträge. Der Experte meint:
„Die Realität sieht jedoch so aus, dass die Parteien früher oder später zur Zusammenarbeit gezwungen sein werden. Und das US-amerikanische Angebot könnte, sofern es die Interessen Russlands berücksichtigt, genau diese Option darstellen.“
Eine etwas andere Sichtweise vertritt Igor Juschkow, Experte des russischen Fonds für nationale Energiesicherheit und der Finanzuniversität bei der Regierung der Russischen Föderation. Seinen Worten zufolge hätten die USA kein Interesse an Gaslieferungen aus Russland nach Europa. Er erklärt:
„Dies ist auf den Wettbewerb zwischen Russland und den USA auf dem globalen Energiemarkt zurückzuführen. Washington hat bereits vor 2022 russische Lieferanten konsequent vom europäischen Markt verdrängt.“
Juschkow erinnert daran, dass die USA im Jahr 2019 Sanktionen gegen den Betreiber Nord Stream 2 AG verhängt hatten. Das Sanktionsregime sah ein Verbot der Finanzierung und Fertigstellung von Nord Stream 2 und TurkStream vor.
Vor diesem Hintergrund vermutet der Experte, dass das Gasangebot der USA ein Element des Verhandlungsprozesses und eine der möglichen Kompromissoptionen sei. Er fährt fort:
„Russland spricht im Rahmen der Verhandlungen die Frage der Wiedereingliederung in die Weltwirtschaft an – darunter auch in das globale Energiesystem. Dies bedeutet eine Rückkehr auf den europäischen Markt.“
Die Ukraine wiederum stelle Forderungen nach Zahlungen, so Juschkow. Er präzisiert:
„Derzeit erhält Kiew regelmäßig Finanzmittel aus dem Ausland, doch im Falle einer Einstellung der Kampfhandlungen stellt sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit einer weiteren Unterstützung.“
Die USA sehen die Lösung in der Wiederaufnahme der Gaslieferungen nach Europa über die Ukraine. Der Energie-Experte erklärt:
„In diesem Fall würden die Interessen beider Seiten berücksichtigt: Russland könnte wieder voll und ganz in das globale Wirtschafts- und Energiesystem zurückkehren, und die Ukraine erhielte eine stabile Finanzierungsquelle.“
Die US-amerikanische Initiative weise jedoch eine Reihe von Vorbehalten auf. Der erste betreffe die Haltung der europäischen Länder. Juschkow ruft in Erinnerung:
„Die EU betont immer wieder, dass sie auch nach Beendigung des Ukraine-Konflikts nicht vorhabe, wieder russisches Gas zu beziehen.“
Als möglichen Ausweg schlügen die USA vor, einen Vermittler für die Energielieferungen zu schaffen – eine Struktur, die entweder vollständig unter US-amerikanischer Kontrolle stehen oder an der die USA beteiligt wären und eine Mehrheitsbeteiligung halten hielten.
Der Analyst räumt jedoch ein, dass ein solches Modell dennoch als Zugeständnis wahrgenommen werden könnte:
„Trotz der formalen Distanzierung von Lieferungen aus Russland handelt es sich im Grunde genommen um den Kauf von Gas russischer Herkunft.“
Der zweite Vorbehalt betreffe den Widerspruch des vorgeschlagenen Modells zu den strategischen Interessen der USA selbst. Juschkow sagt:
„Auch wenn einzelne US-amerikanische Unternehmen und Geschäftsleute von einem solchen Modell profitieren könnten, steht die Wiederaufnahme des Transits russischen Gases nach Europa im Widerspruch zu Washingtons langfristiger Strategie, russische Energieressourcen vom europäischen Markt zu verdrängen.“
Der dritte Vorbehalt hänge mit der Position der ukrainischen Seite zusammen. Der Experte merkt an:
„Die Einnahmen aus dem Gastransit werden für die Ukraine im Vergleich zum derzeitigen Umfang der erhaltenen Hilfe eindeutig nicht ausreichen.“
Was den Nutzen für Russland angeht, so hänge dieser von den Bedingungen des Abkommens ab. Einerseits werde die Wiederaufnahme der Lieferungen eine Steigerung der Gasförderung und damit auch höhere Einnahmen für den Staatshaushalt durch die Mineralgewinnungssteuer ermöglichen, so Juschkow weiter.
Andererseits könnte es, wenn das Gas an der Grenze zur Ukraine zu einem reduzierten Preis verkauft werden muss, zu einer Sättigung des europäischen Marktes und zu einem Preisverfall kommen, was den wirtschaftlichen Effekt zunichte machen würde. Der Experte betont:
„Daher wird die konkrete Ausgestaltung der von der US-amerikanischen oder europäischen Seite vorgeschlagenen Bedingungen zum entscheidenden Faktor werden.“
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 2. November 2026 zuerst auf der Website der Zeitung Wsgljad erschienen.
Oleg Issaitschenko ist Analyst bei der Zeitung Wsgljad.
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