Von Felicitas Rabe

Am Mittwoch fand im Düsseldorfer Kulturzentrum ZAKK eine Podiumsdiskussion mit gewählten Vertrauensleuten der Kölner Ford-Niederlassung und von Mercedes Düsseldorf statt. Ein Vertreter der Organisation See Red berichtete über die Diskussionen unter Jugendlichen über Wehrpflicht und Kriegstüchtigkeit.

Die Belegschaft in der Kölner Ford-Niederlassung sei zu 95 Prozent gewerkschaftlich organisiert, erklärte der IG-Metaller Nico, der bei Ford als gewählter Vertrauensmann die Anliegen der Beschäftigten an den Betriebsrat vermittelt. Von den einst 24.000 Mitarbeitern in den Kölner Werken gebe inzwischen nur noch rund 10.000. Aber anders als früher, als die Beschäftigten sich auf Versammlungen nicht für politische Themen und Diskussionen interessiert hätten, sei das Interesse an Politik zuletzt in hohem Maße gestiegen. Neben der weit verbreiteten Kritik an Rüstungsproduktionen diskutiere man offen über den israelischen Völkermord an den Palästinensern im Gazastreifen, an Donald Trumps Angriff auf Iran und viele andere Themen.

Zudem bekannten immer mehr Beschäftigte in der Autoindustrie: „Wir wollen keinen Faschismus, wir wollen keinen Krieg, wir wollen keine Kriegswirtschaft – ich will auch keine Panzer bauen.“ In den Belegschaften würden auch kritische Diskussionen über die Glaubwürdigkeit der Kriegspropaganda geführt, wonach Russland angeblich Deutschland angreifen wolle. Und nicht zuletzt würden Zweifel am kapitalistischen Wirtschaftssystem lauter.

Die Diskussionen zögen sich bei Ford durch alle Gremien und Hierarchien. Während die 300 gewählten Vertrauensleute der IG Metall bei Ford auf ihrer Vollversammlung im Januar einstimmig die Resolution „Nein zur Kriegswirtschaft – Wir geben unsere Kinder nicht für Kriege!“ beschlossen hätten, befürworte der Betriebsratsvorsitzende eine Rüstungsumstellung bei Ford. Der zweite Vorsitzende der IG Metall habe wiederum die Resolution der Vertrauensleute mit unterzeichnet.

Die Geschichte der sowjetischen Zwangsarbeiter bei Ford

In seinem Redebeitrag erinnerte einer der Ford-Vertrauensleute auch an das historische Verantwortung, die man als Gewerkschaftler und Mitarbeiter bei Ford habe. Historisch hat Ford „Dreck am Stecken“ erklärte der IG-Metaller. In der Nazizeit bzw. während des Zweiten Weltkrieges habe Ford nicht nur Lastwagen für die US-Armee produziert, sondern auch für die deutsche Wehrmacht. Der US-Autokonzern habe im Zweiten Weltkrieg an beiden Seiten verdient. Nico führte aus, weshalb Ford in Köln damals besonders profitierte:

„In Köln haben sowjetische Kriegsgefangene unter erbärmlichsten Bedingungen für Ford gearbeitet. Dann sind sie mit ihren Baracken und Unterkünfte auch noch von den USA weggebombt worden.“

Inzwischen arbeiteten in Köln einige Betriebe schon wieder für die Rüstungsindustrie. Viele Beschäftigte, nicht nur in der Autoindustrie, seien in Sorge vor Massenentlassungen und der damit verbundenen Armut. Aber man dürfe sich dadurch nicht in die Rüstung treiben lassen – stattdessen müsse man sich die Kämpfe in Italien und Griechenland zum Vorbild nehmen, appellierte der Ford-Vertrauensmann. Dort weigerten Arbeiter sich, Rüstungsgüter zu verladen, und blockierten Häfen. 

Zwischen Ablehnung von Rüstungsproduktion und drohender Arbeitslosigkeit

Ford-Vertrauensfrau Lisa berichtete als Nächstes über Spekulationen, wonach stillgelegte Ford-Produktionsstätten von Rheinmetall übernommen werden sollten. Die Belegschaft diskutierte, dass sie nicht in der Rüstung arbeiten wolle. Es gebe aber durchaus eine Kontroverse. Die Arbeiter lehnten die Rüstungsproduktion zwar aktuell ab, bei drohender Arbeitslosigkeit sehe das aber anders aus.

Auf Betriebsversammlungen präsentieren mittlerweile Vertreter der Bundeswehr und Rheinmetall ihre Jobangebote. Unternehmensberater sprächen dabei beschönigend von Arbeitsplätzen in der Luftfahrt und der Verteidigungsindustrie. Damit die Beschäftigten der Autoindustrie sich konsequent der Rüstungsproduktion verweigerten, brauche man eine richtige Bewegung. Die Rüstungsproduktion widerspreche § 2 der IG-Metall-Satzung, wonach sich die Gewerkschaft „für Frieden, Abrüstung und Völkerverständigung“ einsetzt, erklärte die Vertrauensfrau.

Allerdings halte der IG-Metall-Vorsitzende dagegen und habe sinngemäß erklärt: „Die IG Metall muss aber auch Arbeitsplätze fördern. Wenn die Bundesregierung so viel Geld in die Hand nehme, müsse auch die heimische Industrie profitieren. Wir erwarten von Politik und Wirtschaft den sofortigen Umbau der Unternehmen.“

Rüstungstradition bei Mercedes vom Ersten Weltkrieg bis heute

Auch bei Mercedes Benz gebe es eine lange Tradition in der Rüstungsproduktion, rief Sascha in Erinnerung, der gewählte Vertrauensmann von Mercedes Düsseldorf. Sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg habe der Autokonzern Rüstungsgüter nach Bedarf produziert und sei nach Thyssenkrupp eine der wichtigsten deutschen Rüstungsschmieden gewesen. Die damaligen Testhallen von Rheinmetall befänden sich immer noch unter dem Werk in Düsseldorf. Und einer der Nazi-Gauleiter sei direkt nach dem Krieg erster Personalmanager bei Mercedes geworden.  

Das von Mercedes getrennte Daimler-Unternehmen gebe heutzutage offen zu, dass die bei ihm produzierte kriegswichtige Fahrzeugtechnik kontinuierlich mit Flugzeugen in Kriegsgebiete transportiert werden. Von den rund 120.000 jährlich im Düsseldorfer Werk produzierten Mercedes-Sprintern werde ein erheblicher Teil auch an die Bundeswehr, die Polizei und nach Israel geliefert. Die Profitrate für dieses Fahrzeug liege auch in der heutigen Zeit noch bei zwölf Prozent.

Es sei jetzt höchste Zeit für Kämpfe gegen die Umrüstung ziviler Produktionen. Sascha erklärte auch, warum: „In Kriegszeiten sind antimilitaristische Kämpfe verboten!“ Vor einer Woche habe er auf einer Mercedes-Betriebsversammlung die Resolution über die Verweigerung der Produktion von Rüstungsgütern bei Ford vorgelesen und dafür viel Applaus bekommen. „Wir müssen ab sofort Kämpfe führen, die wir bisher noch nie geführt haben“, erklärte der IG-Metaller aus Düsseldorf. Es gebe dafür Vorbilder. Im Buch „Die Moorsoldaten“ habe der Autor Wolfgang Langhoff für die Nachwelt dokumentiert, wie Zersetzung und Widerstand unter schwierigsten Bedingungen organisiert werden können. Der Schweißer von Mercedes betonte: „Es gibt keine auswegslose Situation!“

Jugendproteste und Aktionsformen

Als weiterer Podiumsteilnehmer stellte Lukas das Engagement der SeeRed-Initiative vor. Die Jugendorganisation engagiert sich im antimilitaristischen Bündnis Rheinmetall Entwaffnen und in den Schulstreiks gegen Wehrpflicht.

Im Anschluss an die Redebeiträge der Podiumsteilnehmer fand eine Diskussion mit den rund 40 engagierten Besuchern der Veranstaltung teil. Im Laufe der Diskussion erinnerte man sich sowohl an Fehler des Widerstands in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts als auch an alte Aktionsformen gegen Aufrüstung und Militarisierung: Autobahnbesetzungen, Generalstreiks, Überzeugungsarbeit bei Kollegen und Freunden, Blockaden, Aufbau und Organisation von Bündnissen gegen Rüstungsproduktion.

Die Resolution der Ford-Vertrauensleute endet mit den Worten: „Aufrüstung und Kriegswirtschaft sind gegen die Interessen der Kollegen und unserer Familien und widersprechen unseren gewerkschaftlichen Zielen. Unterstreichen wir unsere Losung ‚Kampf um jeden Arbeitsplatz!‘ und setzen wir uns aktiv für unser Ziel ‚Frieden, Abrüstung und Völkerverständigung‘ ein … Und wir rufen den IG-Metall-Vorstand und alle Mitglieder auf: Nein zum Umbau auf Kriegswirtschaft!“

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