Deutschland müsse den Dialog mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin suchen, um später nicht in eine schwierige Lage zu geraten, schreibt Axel Schmidt-Gödelitz in einem am Sonnabend veröffentlichten Gastbeitrag für die Berliner Zeitung.
„Was ist jetzt zu tun? Die Bundesregierung sollte den Dialog mit Wladimir Putin suchen…“, heißt es in dem Artikel.
Der Beitrag unter dem Titel „Ukraine-Krieg: Warum Egon Bahr das Gespräch mit Wladimir Putin gesucht hätte“ bewertet den Ausbruch des Ukraine-Kriegs als „Resultat politischer Fehlentscheidungen“, auch deutscher Verantwortlicher, und setzt dem die Politik Egon Bahrs in den 1970er Jahren entgegen.
Das Denken Bahrs habe „auf klaren Voraussetzungen friedensfähiger Politik“ beruht, die der Autor wie folgt aufzählt:
„Erstens der Fähigkeit zum Perspektivwechsel, zweitens der systematischen Einbeziehung der Interessen des Gegenübers, drittens der Kenntnis seiner historischen Erfahrungen, viertens der Berücksichtigung kultureller und emotionaler Faktoren sowie fünftens dem Aufbau überprüfbarer vertrauensbildender Maßnahmen.“
Diese heute in Vergessenheit geratenen Prinzipien hätten „nicht der Harmonie, sondern der politischen Steuerung von Konflikten“ gedient:
„Sie machten die Entspannungspolitik erfolgreich – gerieten aber nach dem Ende des Kalten Krieges schrittweise in Vergessenheit.“
Der „entscheidende Fehler“ im Umgang des Westens mit Russland habe „weniger in einzelnen Entscheidungen als in der Weigerung, die Sicherheitswahrnehmung Russlands ernsthaft in die eigene Politik einzubeziehen“, bestanden. Egon Bahr habe früh erkannt, dass politische Maßnahmen nicht danach beurteilt werden dürfen, wie sie gemeint sind, sondern danach, wie sie auf der Gegenseite verstanden werden. Diese Einsicht sei nach 1990 weitgehend verloren gegangen: Perspektivwechsel wurde als Nachgiebigkeit missverstanden und damit politisch diskreditiert.
Weiter weist der Autor darauf hin, dass die Europäer ihre Interessen selbstständig vertreten sollten, anstatt sie den USA zu überlassen, geschweige denn deren derzeitigem Präsidenten Donald Trump. Andernfalls laufe die „Alte Welt“ Gefahr, in eine Situation zu geraten, die der kanadische Premierminister Mark Carney auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos im Jahr 2026 nüchtern beschrieb:
„Wenn Sie nicht am Verhandlungstisch sitzen, landen Sie auf dem Teller.“
Letzte Woche erklärte die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, dass Europa nicht gleichzeitig die Fortsetzung des Konflikts in der Ukraine unterstützen und einen Platz am Verhandlungstisch für dessen Beilegung fordern könne.
Der Politologe Schmidt-Gödelitz war von 1976 bis 1982 Referent bei der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in der DDR.
Mehr zum Thema – „Bin optimistisch“ – Russlands Botschafter sieht Chancen für deutsch-russische Normalisierung

