Angesichts eines wieder aufflammenden Russenhasses in Deutschland meldet sich die Autorin Natascha Wodin zu Wort. Die Schriftstellerin kam Ende 1945 in Fürth als Kind zweier aus der Sowjetunion verschleppter Zwangsarbeiter zur Welt: Ihr Vater war Russe, ihre Mutter Ukrainerin. Ihre Kindheit verbrachte Wodin unter prekären Bedingungen, teilweise in einem Lager für Displaced Persons.
Wie Wodin in ihrem Offenen Brief schildert, war die gesellschaftliche Diskriminierung von Russen in der frühen BRD für sie eine einschneidende Erfahrung. Sie schreibt: „Was mir in meiner Kindheit im besiegten Nachkriegsdeutschland an Russenhass, Gewalt und Verachtung entgegenschlug, hat mein Leben beschädigt.“ Ihre Mutter habe den Hass schließlich nicht mehr ausgehalten und sich mit 36 Jahren das Leben genommen.
Konkreter Anlass für Natascha Wodins Schreiben ist die Frage des FAZ-Journalisten Michael Martens bei einer Belgrader Pressekonferenz mit dem serbischen Präsidenten Vučić und dem Kiewer Machthaber Selenskij am 8. August 2026. Martens hatte dabei die Frage nach Europas Hilfe bei der effizienteren Tötung russischer Soldaten aufgeworfen („Can you tell us Europeans, what can we concretely do to help you to kill more Russians – more Russian soldiers, of course?“).
In ihrem Offenen Brief erhebt Natascha Wodin schwere Vorwürfe: Martens‘ Frage in Belgrad verwerfe alles, was sie bisher, offenbar naiv, für irreversible Errungenschaften unserer Zivilisation und Kultur gehalten habe. Sie müsse befürchten, dass Martens mit seiner Frage nicht nur das Grauen des Krieges habe beschreiben wollen, sondern dass für seinen Geschmack noch zu wenig Russen getötet würden.
Die Schriftstellerin stellt fest, dass heute wieder deutsche Waffen Russen töteten. Zugleich erfolge eine neue Herabwürdigung russischer Menschen: „Sie gelten erneut als Barbaren, als Weltfeind, als Monster, nah an jenen schauerlichen Wesen mit Schwanz und Hörnern, als die sie während des Zweiten Weltkriegs dargestellt wurden. Russland wird wieder als das Reich des Bösen gesehen, das Ronald Reagan schon im Jahr 1983 von der Erdoberfläche zu tilgen beabsichtigte.“
Der Krieg in der Ukraine verstöre sie zutiefst ‒ noch mehr fürchte sie sich aber vor Journalisten wie Martens. Wodin fühlt sich in die von Hass erfüllte Bundesrepublik ihrer frühen Kindheitsjahre zurückversetzt – in eine Phase, die das Land, wie sie glaubte, längst überwunden habe. Offenbar seien Russenhass und Russenangst in Deutschland nie vergangen, und die Russen stünden immer noch für alles Böse.
Die Autorin warnt in dramatischen Worten: „Der Hass hat nur ein wenig geschlafen, er hat sich ausgeruht, um nach einer kurzen Pause, nach einer vorübergehenden Gorbimania, wieder umso heftiger aufzuflammen aus den Glutnestern unter der Asche, die ein paar Windstöße wieder in einen Flächenbrand verwandelt haben.“
In den etablierten deutschen Medien überwiegen derweil die Solidarisierungstendenzen mit dem russophoben Journalistenkollegen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) weigerte sich laut Berliner Zeitung, Wodins Replik auf Martens‘ Entgleisung abzudrucken.
Die Redaktion der Berliner Zeitung glaubte, sich für die Veröffentlichung von Wodins Brief rechtfertigen zu müssen. Die Schilderungen Wodins seien über den gegenwärtigen Fall Martens hinaus von Wert. Zugleich verurteile man das Vorgehen der russischen Behörden „auf das Schärfste“. Meinungs- und Pressefreiheit seien „unbedingt“ zu schützen, auch wenn der Inhalt von Aussagen abzulehnen sei.
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