Offener Crackkonsum und Drogendeals am helllichten Tag – direkt neben Gleis 3 des Zürcher Hauptbahnhofs. Die von RT DE festgehaltenen Szenen zeichnen das Bild einer offenen Drogenszene, unter der Anwohner und Geschäftsleute zunehmend leiden.
Die Einsätze der Zürcher Polizei gegen die offene Crack-Szene gelten unter Anwohnern als rekordverdächtig langsam.
Die Stadtpolizei Zürich spricht derzeit rund 110 Wegweisungen pro Woche aus. An den Brennpunkten – Gessnerallee, Gleis 3, Bäckeranlage, Kasernenareal und abends am Schanzengraben – wird verstärkt kontrolliert.
Bruno Exposito, Wirt des Restaurants Schützengasse an der Gessnerallee, sagt es ungeschminkt im NZZ-Interview:
Die Polizeieinsätze verliefen sehr unbefriedigend, sagt Exposito. Rufe man an, dauere es oft mehr als eine Stunde, bis die Polizei da sei. Bei Polizeikontrollen weichen Dealer und Drogenabhängige vorübergehend ins ShopVille, die unterirdische Passage des Zürcher Hauptbahnhofs, aus. Kaum ist der Einsatz beendet, sind sie jedoch wieder zurück.
Für viele Zürcher ist genau diese Langsamkeit das größte Ärgernis. Während die Stadt vier Gebiete zu Brennpunkten erklärt hat und mehr Präsenz ankündigt, erleben die Menschen vor Ort, dass die Polizei zu spät kommt und die Szene danach sofort wieder da ist.
An der Gessnerallee im Zürcher Kreis 1 lässt Kristian Asanin, Inhaber eines Jobvermittlungsbüros, die Gardinen tagsüber herunter und die Fenster geschlossen.
„Wenn du hier arbeitest, fühlst du dich, als lebtest du in der Szene“, sagt er.
Er hat Männer gesehen, die mit voller Wucht Fahrräder aufeinander schleudern. Einmal stank der Flur bestialisch, weil jemand das Treppenhaus als WC missbraucht hatte. Seine Mitarbeiter dürfen sich unter keinen Umständen in Konflikte einmischen, da dies zu gefährlich sei.
Melanie Stierli, die seit zwölf Jahren ein Kosmetikstudio an der Gessnerallee führt, sagt klar:
„An der Bahnhofstrasse würde eine solche Situation nicht toleriert.“
Die Stadt müsse für Sicherheit und Ordnung sorgen, dafür zahle man Steuern. Asanin wünscht sich am liebsten eine Polizeiwache direkt vor Ort.
Die Stadt hat die Gebiete rund um die Bäckeranlage, das Kasernenareal, Gleis 3 beim Hauptbahnhof inklusive Gessnerallee sowie abends den Schanzengraben offiziell zu polizeilichen Brennpunkten erklärt.
Seit rund einer Woche ist die Präsenz nur oberflächlich erhöht mit mehr Patrouillen, Personenkontrollen, Wegweisungen und einer härteren Gangart gegen den Handel. Auch die aufsuchende Sozialarbeit SIP ist verstärkt unterwegs, doch diese geringfügige Verbesserung bringt nichts. Die Polizei ist zu scheu und braucht mehr als eine Stunde Zeit, um zu intervenieren, was zu Angst und Unsicherheit unter den Zürchern führt.


Sicherheitsvorsteherin Karin Rykart bestätigt, dass der Crack-Konsum in den Sommerwochen spürbar zugenommen habe. Die Polizei spreche pro Woche mehrere Dutzend Wegweisungen aus.
„Wir wollen die Süchtigen von der Straße bringen. Darum tolerieren wir weder Drogenkonsum noch Handel im öffentlichen Raum.“
Bis zu 400 Personen ordnen die Behörden der Szene in der Innenstadt zu, rund die Hälfte kommt von außerhalb. Rykart nennt die Arbeit eine „Sisyphusarbeit“ und macht deutlich, dass die Polizei und die Stadt überfordert sind. Die Crack-Schwemme treffe viele europäische Städte. Mit Polizeipräsenz allein bringe man die Szene nicht weg.
Im Zürcher Quartier neben der Bäckeranlage, insbesondere an der Hohl-, Herbart-, Kern- und Brauerstrasse, halten sich regelmäßig rund zwei Dutzend Suchtkranke auf. Die Bäckeranlage dient zunehmend als Umschlagplatz, der Konsum verlagert sich in die Seitenstraßen. Erhöhter Kontrolldruck hat die Szene dorthin verschoben.
Crack-Rauchen und Drogendeals am Zürcher Hauptbahnhof: Die Gessnerallee wird zum Brennpunkt. Anwohner und Geschäftsleute haben langsam genug. https://t.co/IUTfHm7YJK pic.twitter.com/DyntNJ2rNX
— Blick (@Blickch) July 22, 2026
Die Kita Playground betreut in dem Viereck 140 Kinder. Co-Leiter Andreas Graf berichtet von bedrohten Mitarbeitern, vermüllten Straßen und Gruppen in Hauseingängen.
„Ein solches Ausmaß an Drogenelend haben wir noch nicht erlebt.“
Bewerberinnen lehnen Stellen ab, Eltern nehmen Kinder aus der Betreuung. Kita-Gründerin Aneesha Rayani erklärt, Gewalt und Aggressionen machten einen direkten Kontakt mit den Betroffenen inzwischen unmöglich.
Die Schule an der Brauerstrasse hat eine private Security-Firma engagiert. Parkplätze vor dem Schulhaus wurden aufgehoben, ohne nachhaltigen Erfolg. Eine Lehrperson beschreibt den Umgang mit den Süchtigen als unzumutbar.
Die Polizei wird mehrmals wöchentlich, oft sogar täglich, gerufen – mit dem gleichen Ergebnis wie an der Gessnerallee: lange Wartezeiten und schnelle Rückkehr der Szene.
Auch Coiffeuse Neliza Ledesma an der Gessnerallee klagt über weniger Kundschaft, hinterlassene Spritzen und einen regungslos vor dem Laden Liegenden:
„Ich find’s schrecklich.“
Die drei städtischen Kontakt- und Anlaufstellen sowie der Raum für Konsum und Triage stoßen an Kapazitätsgrenzen: Rund 220 Personen konsumieren dort täglich. Die Stadt sucht mit hoher Priorität einen vierten Standort. Ein Triage-Raum an der Klopstockwiese für Auswärtige wird von 20 bis 25 Personen regelmäßig genutzt.
Die K&A sind grundsätzlich nur für Personen mit Wohnsitz in der Stadt Zürich zugänglich. Die Stadt will keine zusätzliche Sogwirkung. Zürcher fordern hingegen eine deutlich konsequentere und vor allem schnellere Polizeiarbeit.
Thilo Beck vom Zentrum für Suchtmedizin Arud sagt, Crack sei seit diesem Sommer eine „neue, enorme Herausforderung“, getrieben durch das Überangebot an Kokain. Aggressionen seien ein großes Problem, auch Überfälle auf die eigenen Patienten.
Die Gessnerallee galt noch vor rund einem Jahrzehnt als ruhig. Der neue SBB-Aufgang 2015 und die Zusammenlegung von Arud-Filialen 2017 veränderten die Lage.


Die aktuellen Szenen erinnern an die offenen Drogenszenen am Platzspitz und am Letten in den 1980er- und 1990er-Jahren. Der Platzspitz, auch „Needle Park“ genannt, war ein Park hinter dem Hauptbahnhof, an dem sich Hunderte Heroinabhängige versammelten. Nach dessen Schließung 1992 zog die Szene an den stillgelegten Bahnhof Letten, wo die Zustände noch schlimmer wurden, bis die Polizei ihn 1995 räumte. Die Stadt hält seither an der Vier-Säulen-Politik fest. Schärfere Vorstöße für mehr Repression fanden bisher keine Mehrheit.
Warum gelingt es der Zürcher Polizei nicht, rund um die Uhr mit einer festen Patrouille direkt vor Ort mitten im Zentrum präsent zu sein?
Vor wem hat die Zürcher Polizei eigentlich Angst?
Während die Stadt mehr Polizeipräsenz verspricht, organisieren sich die Zürcher selbst. Sie wollen systematisch Beschwerden einreichen. Der Tenor ist klar: Die Polizei muss direkt im Zentrum stehen und darf nicht mit einer Stunde Verspätung kommen.
Warum die Zürcher Polizei diese vergleichsweise einfache Aufgabe nicht erfüllt, ist unklar. Solange die Einsätze so lange dauern und die Szene danach sofort zurückkehrt, bleibt die Lage für die Betroffenen unerträglich.
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