Von Swetlana Medwedewa
„Immer tiefer in der Krise“
In Handel, Verkehr und Gastgewerbe sind im ersten Quartal 2026 etwa 81.000 Stellen abgebaut worden, berichtet die Bild. In der Unternehmensdienstleistung gingen 72.000 Arbeitsplätze verloren, in der IT-Branche 24.000.
Im Vergleich zum ersten Quartal des Vorjahres hatte die Industrie 171.000 Stellen weniger vorzuweisen, das Baugewerbe 27.000 Stellen weniger.
Das Blatt schlägt Alarm: Der Arbeitsmarkt gerate immer tiefer in die Krise.
„Im Euroraum stieg die Erwerbstätigkeit zuletzt um 0,5 Prozent, in der gesamten EU sogar um 0,6 Prozent. Deutschland fällt damit beim Arbeitsmarkt immer weiter zurück.“
Da sich die Industrie seit drei Jahren in Folge nicht erholt und das Baugewerbe den tiefsten Stand seit 13 Jahren erreicht habe, könnten andere Branchen nicht mehr unbetroffen bleiben, erklärt der Geschäftsführer des Unternehmens DA-Consulting, Daniil Tjun.
Vier Gründe
Der Bundesverband der deutschen Industrie habe offen eingeräumt, dass statt einer Erholung eine Stagnation bevorstehe, nachdem die Industrieproduktion seit 2022 jährlich abgenommen habe, sagt Tjun. Darin liege der Hauptgrund für die Abnahme der Beschäftigung.
Der zweite Grund sei die schwache Nachfrage im Ausland: Der Export nach China sei im ersten Quartal um 12,5 Prozent auf 18 Milliarden Euro gesunken, und das beeinträchtige gerade das deutsche Industriemodell.
Der dritte Grund sei das teure Kapital und der Einbruch des Baugewerbes: Die Anzahl der fertiggestellten Wohnungen sei im vergangenen Jahr um 18 Prozent auf 206.600 Objekte geschrumpft, was unweigerlich auch verwandte Branchen beeinträchtige.
Als vierter Grund sei der neue Energieschock wegen des Konflikts im Nahen Osten zu nennen, der die Selbstkosten entlang der gesamten Produktionskette beeinträchtige.
Der Stellenabbau in Handel, Verkehr, Gastgewerbe, Unternehmensdienstleistung und IT-Branche sei ein sekundärer Effekt dieser Entwicklung. Tjun erklärt:
„Wenn die Produzenten weniger Aufträge haben, sparen sie an Logistik, Marketing, IT-Aufträgen, Unternehmensberatung, Geschäftsflächen und Mieten. Wenn das Baugewerbe stillsteht, brechen Transport und Großhandel mit Baumaterialien ein, ebenso Projekt- und Verwaltungsdienstleistungen. Wenn Haushalte vorsichtig sind, beeinträchtigt das den Einzelhandel und das Gastgewerbe.“
Und der Experte fügt hinzu: Das Problem bestehe nicht darin, dass „Fabriken krank sind“, sondern darin, dass die deutsche Wirtschaft insgesamt nicht mehr genügend Nachfrage nach Arbeit generiere.
Wozu dies führt
Von der Anzahl der Beschäftigten hingen die BIP-Produktion und Steuereinnahmen ab, erklärt Maxim Tschirkow, Dozent am Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsmessungen der Staatlichen Universität für Verwaltung. Der Experte führt aus:
„Die Folgen des Beschäftigungsrückgangs sind soziale Probleme, Verminderung von Steuereinnahmen und höhere Sozialausgaben.“
Die Gesamtzahl der Arbeitslosen in Deutschland betrage 3,008 Millionen Menschen, die Arbeitslosigkeit liege bei 6,4 Prozent.
Ein Anstieg der Arbeitslosenzahlen könnte zu einem Konsumrückgang und damit zu einer weiteren Stagnation der Wirtschaft führen. Darauf könnte eine weitere Deindustrialisierung des Landes folgen, denn gerade die Autoindustrie, der Maschinenbau und die Chemieindustrie verlören Arbeitsplätze am schnellsten, erklärt Artjom Pylin, Dozent am Lehrstuhl für International Business an der Finanzuniversität bei der Regierung der Russischen Föderation.
Die EU-Kommission hat im laufenden Jahr die Wachstumsprognose für Deutschland bereits zweimal gemindert: von 1,2 Prozent auf 0,6 Prozent. Der Hauptgrund liegt in den hohen Preisen für Energieträger wegen des Konflikts im Nahen Osten.
Nach Tschirkows Ansicht könnten im zweiten Quartal die Beschäftigungszahlen noch beklagenswerter ausfallen, denn die Folgen der Energiekrise würden erst dann in vollem Maße in Erscheinung treten.
Übersetzt aus dem Russischen. Zuerst erschienen bei „RIA Nowosti“ am 27. Mai.
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