ER macht Urlaub 4 (Fortsetzung)
Roman von Akif Pirinçci
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4
Ich trat aus der Kapelle, und für einen kurzen Moment blieb ich auf der Schwelle stehen, als müßte ich mich vergewissern, daß die Welt draußen noch dieselbe war wie zuvor. Das Licht hatte sich verändert. Es war nicht mehr das gleichgültige Tageslicht, das alles flach und ohne Geheimnis zeigte, sondern ein schräges, abklingendes Leuchten, das Dinge hervorhob, die am Morgen noch verborgen gewesen waren. Die Sonne stand tief, als habe auch sie beschlossen, sich zurückzuziehen.
Ich ging zurück in den Speisesaal. Leer. Vollständig leer. Die Teller standen noch da, einige halb gegessen, andere unberührt, als hätten die Körper, für die sie bestimmt gewesen waren, mitten im Vorgang entschieden, daß selbst diese letzte, kleine Verpflichtung zu viel war. Ein Raum nach der Handlung. Ein Rest.
Ich nahm die Tasche. Sie war leichter jetzt, beinahe bedeutungslos. Ein Gefäß, das seine Funktion erfüllt hatte und nun nur noch Form war.
Draußen schwang ich mich auf das Fahrrad. Die Bewegung fiel mir schwerer als zuvor. Nicht technisch – der Körper erinnerte sich zuverlässig -, sondern … insgesamt. Als hätte sich zwischen mich und die Welt eine dünne, zähe Schicht gelegt, durch die jede Handlung sich erst hindurcharbeiten mußte.
Ich trat in die Pedale. Die Straße lag vor mir, vertraut und doch verändert. Die Schatten wurden länger, die Farben matter, und irgendwo zwischen den Häusern begann etwas zu verschwinden, das ich nicht benennen konnte. Vielleicht war es die Schärfe. Vielleicht die Eindeutigkeit. Und dann bemerkte ich es: Müdigkeit.
Nicht als Gedanke. Nicht als abstrakte Feststellung. Sondern als Gewicht. Eine Schwere, die sich nicht lokalisieren ließ, die nicht in einem einzelnen Teil dieses Körpers saß, sondern sich über alles legte. Die Muskeln arbeiteten weiter, aber widerwilliger. Die Augen nahmen noch wahr, aber langsamer. Selbst die Gedanken verloren an Geschwindigkeit, als würden sie durch eine dichtere Substanz gleiten.
Ich runzelte die Stirn. Ein halber Tag. Ein halber, lächerlicher Tag in dieser Welt, und dieser Körper begann bereits, nach Auflösung zu verlangen. Nach Pause. Nach Unterbrechung.
Wie hielten sie das aus?
Wie schafften es diese Wesen, den ganzen Tag wach zu bleiben, zu arbeiten, sich zu bewegen, Entscheidungen zu treffen, sich zu ernähren – ja, sich sogar Wurst in Fleischsoße, Kartoffelpüree und Rotkohl zuzubereiten – und das alles in einer Welt, die sich bei näherer Betrachtung als eine unüberschaubare Anhäufung von Anforderungen, Mängeln und kleinen Katastrophen erwies?
Und das sollte ein Urlaub sein? Ich verzog den Mund. Kein echtes Lächeln. Eher ein kurzer, irritierter Versuch. Und doch – ich hatte etwas gespürt. Etwas, das ich nicht erwartet hatte. Ich suchte nach einem Wort. Und fand es: Überraschung.
Ein seltsames Phänomen. Etwas, das in meiner bisherigen Existenz nicht existiert hatte. Nicht existieren konnte. Denn wo alles aus mir selbst hervorging, wo jeder Anfang bereits das Ende kannte, wo jede Form im Moment ihrer Entstehung vollständig begriffen war, gab es keine Überraschung. Keine Abweichung. Keine Ungewißheit.
Alles war folgerichtig gewesen. Langweilig, dachte ich plötzlich. Und erschrak über diesen Gedanken. Hier hingegen, hier trat mir etwas entgegen, das sich nicht ankündigte. Nicht berechnen ließ. Nicht einmal sinnvoll einordnen ließ. Ein Blick. Ein Satz. Ein Geschmack. Ein Schmerz. Etwas, das einfach geschah und mich zwang, darauf zu reagieren, ohne vorbereitet zu sein. Überraschung war … ein Angriff. Und zugleich ein Versprechen.
Ich trat fester in die Pedale. Vielleicht war es das, was sie hier hielt. Nicht die Ordnung. Nicht der Sinn. Sondern diese ständige Möglichkeit, überrumpelt zu werden.
Ich hatte Blut geleckt. Wieder kam die Redensart aus Toms Vorrat. Und es paßte. Ich wollte mehr davon. Und gleichzeitig wollte ich nur noch eines. Stillstand.
Ich stellte mir vor, wie es sein würde. Dieses … Schlafen. Ein Zustand, in dem das, was ich als „Ich“ zu begreifen begann, sich einfach abschaltete. Kein Wahrnehmen. Kein Denken. Kein Reagieren. Eine kleine, freiwillige Auslöschung. Ich freute mich darauf. Unangemessen, aber ehrlich.
Ich bog in eine Seitenstraße ein. Das Licht war inzwischen noch weiter gesunken, die Welt wurde weicher, ungenauer. Fast gnädig.
Und dann war es wieder da! Dieses Pochen. Leise zuerst. Kaum mehr als ein Rest. Dann deutlicher. Ich verlangsamte. War das Einbildung? Oder war es real?
Tom … Nicht tot. Nicht verschwunden. Nur verdrängt. Ein unangenehmer Gedanke. Ich wußte es. Ich hatte es gewußt. Schon vorher. Und doch hatte ich es beiseite geschoben. Ignoriert. Verschoben.
Warum? Weil ich keine Lust gehabt hatte, mich damit zu beschäftigen. Weil es eine Entscheidung bedeutet hätte. Eine neue Bewegung. Eine weitere Anpassung an diese lachhaften, engen Abläufe. Weil ich nicht wollte. Ein kurzer, scharfer Gedanke traf mich.
Feigheit. Ich erstarrte innerlich. Ich? Ein Feigling? Wer hätte mir je widersprechen sollen? Wer hätte mir je gegenübergestanden und gesagt: Das war falsch. Niemand. Es hatte nie jemanden gegeben, der mir Grenzen setzte. Der mich zwang, etwas zu überdenken. Der mir meine Entscheidungen vorhielt. Ich hatte erschaffen. Und mir selbst recht gegeben. Immer.
Und jetzt? Jetzt saß ich in diesem Körper und wich aus. Verdrängte. Zögerte. Wie … sie.
Ich verzog das Gesicht. Widerwillen. Und etwas anderes. Ich trat wieder in die Pedale. Das Pochen blieb. Hartnäckig und unignorierbar.
Tom. Ich wußte, was kam. Ein weiterer dieser kleinen, unausweichlichen Programmpunkte: Krankenhaus. Bettie. Besuchen. Dasein. Trösten. Nein.
Nein, nein, nein!
Ich schüttelte leicht den Kopf, als könne ich den Gedanken damit abschütteln. Das wollte ich nicht. Das war zu viel. Zu direkt. Zu unangenehm.
Und doch trat ich weiter. Geradeaus. Dorthin, wo ich nicht hinwollte. Weil ich, zum ersten Mal vielleicht, nicht mehr ganz entscheiden konnte, was ich wollte. Oder weil etwas in mir längst entschieden hatte.
Endlich erreichte ich das Krankenhaus. Das Marien Hospital.
Schon der Name war mir verdächtig. Warum hießen diese Orte, an denen man aufgeschnitten, repariert und gelegentlich aufgegeben wurde, fast immer nach Figuren aus diesem einen Buch? War es ein Rest Aberglaube, der sich in die Architektur eingeschrieben hatte? Ein sprachliches Amulett? Oder schlicht ein Versuch, dem, was hier geschah, nachträglich einen Sinn zu verleihen?
Trost. Ich kannte das Wort. Es blieb abstrakt. Unerquicklich, hätte ich wieder beinahe gesagt. Als Tröster war ich wohl ein Amateuer, nicht einmal das.
Ich blieb einen Moment stehen und sah hinauf. Fenster über Fenster, alle gleich, alle gefüllt mit diesem kalten, flächigen Neonlicht, das nichts hervorhob und nichts verbarg. Kein Licht, das erhellte. Eines, das glättete. Unterschiede verschwanden darin.
Niemand kam gern hierher. Nicht die, die hier lagen. Nicht die, die hier arbeiteten – auch wenn sie es sich anders erzählten. Und die Besucher schon gar nicht.
Ich trat ein. Die Türen öffneten sich lautlos. Der Geruch traf mich sofort: antiseptisch, sauber, und doch nicht rein. Etwas blieb darunter. Etwas, das sich nicht entfernen ließ, egal wie oft man darüberwischte. Die Flure waren zu lang. Nicht architektonisch, sondern zeitlich. Jeder Schritt dehnte sich, als würde er mehr bedeuten, als er durfte. Geräusche wurden gedämpft, nicht aus Rücksicht, sondern aus Gewohnheit.
Ich ging daran entlang und sah durch halbgeöffnete Türen. Ein Mann, beide Beine in Gestellen fixiert. Schmerz, aber begrenzt. Reparatur vorgesehen. Weiter. Eine Frau, erschöpft, ein Neugeborenes im Arm. Ihr Gesicht ausgezehrt, aber von einer eigentümlichen Helligkeit durchzogen. Leben, das sich selbst bestätigte, ausgerechnet hier.
Ich ging weiter. Zimmer 138. Ich klopfte. Eine Geste ohne Notwendigkeit. Dann trat ich ein.
Sie lag im Bett. Die Apparaturen um sie herum standen nicht drohend da. Sie wirkten … gleichgültig. Ein Monitor, der in regelmäßigen Abständen ein Signal abgab – kein Drama, nur Bestätigung. Kabel, Schläuche, Verbindungen. Ein System, das übernahm, wo der Körper begann nachzugeben.
Betties Kopf war kahl. Nicht glatt, sondern von einem feinen, fast schamhaften Schatten überzogen, als sei das Haar noch unentschlossen. Ihr einstiges schönes brünettes, lockiges Haar. Die Haut wirkte dünn, empfindlich, als hätte sie ihre Selbstverständlichkeit verloren.
Aber es war ihr Gesicht. Schmal. Deutlich schmaler als es sein sollte. Die Wangen eingefallen, nicht abrupt, sondern schleichend, als hätte man ihr über Wochen hinweg Substanz entzogen. Und doch war da nichts einfach nur Schwaches daran. Im Gegenteil. Es war freigelegt. Linien, die zuvor verborgen gewesen waren, traten hervor. Eine Klarheit, die fast zu präzise war für einen Körper in diesem Zustand. Als würde etwas sichtbar, das sonst von Fülle verdeckt wurde.
Ihre Augen. Zu groß jetzt. Oder vielleicht nur nicht mehr eingebettet. Sie lagen offen, wach, mit einem Glanz, der nicht zum Rest paßte. Kein bloßes Leiden. Kein bloßes Warten. Eher eine Art … Präsenz. Nicht stark. Aber entschieden.
Sie sah mich an. Und in diesem Blick war nichts Hilfesuchendes. Nichts, das um Mitleid bat. Nur ein stilles, unerklärliches Wissen, als hätte sie bereits etwas gesehen, das ich – trotz allem – noch nicht kannte. Sie lächelte plötzlich. Dieses dünne, tapfere Lächeln von Menschen, die längst begriffen hatten, daß alle anderen in ihrer Gegenwart nervös wurden.
„Hey“, sagte sie, „da ist er wieder. Mein Lieblingsstalker.“
Ich runzelte die Stirn. Das Wort war mir bekannt, aber nur oberflächlich. Ich tastete danach, griff in Toms Erinnerungen und verstand. Es ärgerte mich sofort.
„Ich bin kein Stalker“, sagte ich. „Ich bin dein bester Freund. Seit Kindesbeinen an.“
Bettie blinzelte irritiert.
„Sag mal“, meinte sie, „haben dir diese Nonnen inzwischen komplett den Humor amputiert?“ Sie verzog leicht den Mund. „Das war ein Witz, Digga.“
Digga. Schon wieder eines dieser Wörter, die offensichtlich keinerlei Schönheit besaßen und trotzdem ständig benutzt wurden.
„Wie geht es dir heute, Bettie?“, fragte ich.
„Fabelhaft“, sagte sie trocken. „Ich hab jetzt nämlich einen neuen Freund. Er heißt der Tumor. Wir kennen uns schon länger, aber inzwischen sind wir quasi unzertrennlich.“ Sie hob leicht die Schultern. „Na ja. Noch vier Tage. Dann wollen sie ihn rausoperieren.“
„Eine gute Nachricht“, sagte ich sofort. „Danach bist du wieder wie neu.“
Doch sie reagierte nicht. Das Lächeln verschwand nicht ganz, aber es verlor seinen Halt. Ihr Blick glitt zur Seite, hinaus zum Fenster, hinter dem bereits die Abenddämmerung gegen die Scheibe drückte.
„Ich weiß nicht“, sagte sie leise. „Ich weiß nicht, ob es danach überhaupt noch eine neue Bettie gibt.“
Eine kurze Pause.
„Die Ärzte meinten, sie schneiden da halt direkt im Gehirn rum.“ Sie lachte kurz durch die Nase. „Mega beruhigend übrigens. Und wenn alles super läuft, bin ich hinterher vielleicht wieder normal.“
„Und wenn nicht … “
Sie hob leicht die Hand und bewegte die Finger wie eine kaputte Marionette.
„Vielleicht kann ich dann nicht mehr richtig sprechen. Oder laufen. Oder ich gucke plötzlich jeden Tag freiwillig Frühstücksfernsehen.“
Ein weiteres kleines Lächeln. Zu klein.
„Die meinten auch, der Tumor sitzt ziemlich scheiße. Zu nah an wichtigen Bereichen.“
Sie tippte sich gegen die Schläfe.
„Da drin ist anscheinend alles wichtig. Richtig schlechtes Design.“
Dann sah sie mich wieder an.
„Und das Coolste: Selbst wenn sie alles rausholen, kann das Ding irgendwann einfach wieder nachwachsen. Wie Unkraut mit Diplom.“
Ich ging zu ihr hin. Langsam diesmal. Nicht aus Vorsicht, sondern weil sich in mir etwas schwer gemacht hatte, etwas, das jede Bewegung verzögerte, als müsse selbst der Körper erst verstehen, wohin er wollte.
Ich setzte mich auf die Bettkante und nahm ihre Hände in meine. Sie waren warm. Dünn. Zerbrechlich beinahe. Und gleichzeitig wirklicher als alles andere in diesem Raum.
„Es tut mir so leid für dich, Bettie“, sagte ich leise. „Aber ich kann dir nicht helfen.“ Ich stockte. „Ich kann es … nicht … rückgängig … machen.“
In dem Moment geschah etwas Merkwürdiges. Mein Blick verschwamm plötzlich. Nicht vollständig. Eher, als hätte jemand Wasser über die Welt gegossen. Die Konturen verloren ihre Schärfe. Gleichzeitig spürte ich etwas auf meinen Wangen. Warm. Flüssig. Ich verstand nicht sofort. Ich verzog das Gesicht, weil der Körper sich verkrampfte, ohne mich um Erlaubnis zu fragen. Die Flüssigkeit lief weiter aus meinen Augen, tropfte von meinem Kinn auf meine Hände.
Weinen. Das also war es. Nicht bloß ein körperlicher Vorgang. Eher ein Bruch. Etwas, das im Inneren nachgab und sich nicht mehr halten konnte.
Und während es geschah, öffnete sich etwas in mir. Weitere Türen. Weitere Räume. Bislang hatte Existenz für mich immer nur bedeutet: sein. Fortbestehen. Erschaffen. Kontrollieren. Doch plötzlich begriff ich etwas anderes. Daß Schmerz nicht dort endete, wo der eigene begann. Daß andere Wesen in einem weiterleben konnten wie Splitter. Daß Mitgefühl vielleicht nichts anderes war als die Unfähigkeit, sich sauber voneinander zu trennen.
Bettie beugte sich leicht vor und gab mir einen Kuß auf die Wange.
„Sag mal, Digga“, murmelte sie, „hab ich den Scheißtumor in der Birne oder du?“ Ein kleines, schiefes Lächeln erschien. „Du redest heute echt beklopptes Zeug.“
Sie drückte meine Hand leicht.
„Natürlich kannst du mir nicht helfen. Und irgendwas rückgängig machen schon gar nicht. Niemand ist dafür verantwortlich.“ Eine kurze Pause. „Nicht mal Gott.“ Sie schnaubte leise. „Den es übrigens sowieso nicht gibt.“ Ihr Blick wurde dunkler. „Und wenn doch, ist er das größte Arschloch im Universum, wenn er so etwas zuläßt.“
Etwas riß in mir.
Ich brach regelrecht zusammen. Mein Kopf sank gegen ihren Schoß, und plötzlich kamen die Laute einfach aus mir heraus, roh, häßlich, viel zu laut.
„Das ist nicht wahr!“, stieß ich hervor. „Das ist nicht wahr!“
Ich klammerte mich an den Stoff ihrer Decke wie jemand, der fiel.
„Er hat alles richtig gemacht!“, hörte ich mich sagen. „Er macht keine Fehler!“ Meine Stimme brach. „Jeder und alles, was lebt, muß irgendwann sterben. Das ist wohl der Plan!“
Sie legte zögernd die Arme um mich.
„Ja“, sagte sie leise. „Das ist wohl der Scheißplan.“
Ich spürte ihre Finger in meinem Haar.
„Das Ding ist nur“, flüsterte sie, „ich habe doch noch gar nicht gelebt, Tom.“
Dieser Satz. Er traf nicht meinen Verstand. Er traf etwas Tieferes.
„Ich weiß noch“, sagte sie, und ihre Stimme wurde fern, fast verträumt, „wie wir beide mit acht oder so auf diesen Riesenbaum geklettert sind. Fast bis ganz oben.“ Ein schwaches Lächeln. „Und dann hatten wir plötzlich Schiß runterzugehen.“
Sie lachte kurz durch die Nase. „Die Feuerwehr mußte kommen. Mit Leitern und allem.“ Eine Pause. „Das waren die Abenteuer der Kindheit.“
Ich hob den Kopf nicht.
„Und weißt du noch, als ich meine erste Regel bekommen hab?“ fragte sie leise. „Die anderen Mädchen fanden das schrecklich. Für die war das irgendwie das Ende ihrer Kindheit.“
Ihre Finger bewegten sich langsam durch mein Haar.
„Ich nicht. Ich dachte: Jetzt geht’s endlich los. Jetzt beginnt das geile Erwachsenenleben.“
Sie lächelte traurig.
„Ich dachte, ich verliebe mich irgendwann. So richtig. Wie in Filmen.“ Eine Pause.
„Aber ich hab mich noch nie verliebt. Nicht einmal das.“ Ihre Stimme wurde brüchig. „Natürlich liebe ich dich. Aber ich meine diese andere Art von Liebe.“ Sie schluckte. „Du weißt schon.“
Dann kam der Satz. Leise. Fast vorsichtig. „Ich habe noch nicht gelebt, Tom.“ Ihre Finger hielten inne. „Ich steh doch erst am Anfang des Weges.“ Sie sah mich an. Direkt. „Meinst du diesen Plan?“
Etwas in mir geriet außer Kontrolle. Ich riß mich von ihr los und sprang auf.
„Ich mache keine Fehler!“, schrie ich. „Ich mache keine Fehler!“
Bettie zuckte zusammen. Ihre Augen wurden groß vor Angst.
„Was ist denn mit dir los, Digga?!“ rief sie. „Von welchem Fehler redest du?“
Ihre Stimme zitterte jetzt. „Ich hab den Fehler! In meinem Kopf!“
„Das ist kein Fehler!“, schrie ich wieder. „Das ist … das ist …“ Ich rang nach Worten wie ein Ertrinkender nach Luft. „… wie es sein soll!“
Jetzt liefen auch ihr Tränen übers Gesicht.
„Du wünschst mir den Tod, Tom?“
„Nein!“ Ich taumelte einen Schritt zurück. „Ich wünsche … ich meine … keine Korrekturen.“
Meine Stimme wurde leiser. Fremder. „Denn eine Korrektur zieht die nächste nach sich …“ Ich redete längst nicht mehr mit ihr.
Die Tür flog auf. Eine Krankenschwester stand dort, hinter ihr ein Sicherheitsmann, ein ziemlich bulliger Typ, die rechte Hand am Holster. Beide angespannt.
„Was ist hier los?“ fragte die Schwester scharf. „Das ist der falsche Ort für einen Streit.“
Ich wollte hinaus. Der Sicherheitsmann packte meinen Arm. Ein Fehler. Ich sah auf seine Hand hinunter.
„Faß mich nicht an“, sagte ich leise. „Sonst frühstückst du morgen auf dem Neptun.“
Er ließ nicht los. Also riß ich mich los und rannte. Hinaus auf den Flur.
Völlig aufgelöst fuhr ich durch die Nacht nach Hause.
Die Straßen verschwammen an mir vorbei, mal im orangefarbenen Licht der Laternen, mal in plötzlicher Dunkelheit, und der kalte Fahrtwind riß mir Tränen aus den Augen, ohne daß ich noch hätte sagen können, welche davon vom Wind stammten und welche nicht.
In mir herrschte Chaos. Nicht das große, schöpferische Chaos, aus dem Welten geboren wurden. Nein. Etwas viel Kleineres. Viel Erbärmlicheres. Menschliches Chaos.
Gedanken schossen durcheinander wie aufgescheuchte Tiere. Scham. Verzweiflung. Die Furcht vor einem Verdacht, der langsam Form annahm: daß ich es vielleicht doch rückgängig machen würde. Oder wollte.
Der Gedanke allein war ungeheuerlich. Korrektur. Eingriff. Ausnahme. Bislang hatte ich alles immer sich selbst überlassen. Geburt, Verfall, Explosion, Auslöschung – Abläufe. Prozesse. Notwendigkeiten. Niemals hatte ich etwas zurückgenommen. Ich war kein Zauberer!
Und jetzt? Wegen eines einzigen Mädchens? Wegen Bettie?
Ich trat heftiger in die Pedale, als könne Geschwindigkeit den Gedanken abschütteln. Aber gleichzeitig war da etwas anderes. Etwas Wärmeres. Gefährlicheres.
Liebe. Nicht abstrakt. Nicht jene allgemeine, gönnerhafte Zuneigung, mit der man auf seine eigene Schöpfung herabblickte. Nein. Etwas Persönliches. Unbedingtes. Ich liebte diesen Menschen. Dieses dünne, todkranke Mädchen mit ihrem kahlen Kopf, ihrem schwarzen Humor und ihren viel zu großen Augen. Ich liebte sie so sehr. Und genau das machte alles unerträglich.
Ein Teil von mir wollte fliehen. Einfach verschwinden. Alles zurücklassen. Diese Welt, diesen Körper, diese Gefühle, diese Verpflichtungen, die niemand ausgesprochen hatte und die plötzlich trotzdem da waren. Warum überhaupt bleiben? Ich war niemandem Rechenschaft schuldig. Wer wollte mich verpflichten? Wer hätte das gekonnt? Hach!
Schon wieder so ein menschlicher Laut. Halb Seufzer, halb Selbstmitleid. Ich haßte ihn. Und benutzte ihn trotzdem.
Als ich das Haus erreichte, lag es vollständig im Dunkeln. Kein Licht hinter den Fenstern. Kein Fernseher. Keine Geräusche. Die Herstellerin war offenbar bereits schlafen gegangen.
Schlafen. Allein der Gedanke daran ließ etwas in mir nachgeben. Diese Müdigkeit war inzwischen nicht mehr bloß körperlich. Sie hatte sich überall ausgebreitet, hatte meine Gedanken weichgemacht, meine Empörung stumpf, meinen Widerstand langsam und schwer.
Bett. Was für eine geniale Erfindung. Ein eigens gebauter Ort zum Verschwinden.
Ich schloß leise die Tür auf und ging hinein. Das Haus knarrte gedämpft um mich herum, als würde es im Schlaf sprechen. Ich schlich den Flur entlang, tastete mich durch die Dunkelheit und betrat mein Zimmer, ohne Licht zu machen. Wozu auch? Der Körper wußte längst, wohin er wollte.
Ich zog Schuhe und Kleidung aus, ungeschickt, müde, halb schon nicht mehr anwesend, und ließ mich aufs Bett fallen. Die Matratze gab nach. Wärme. Weichheit.
Ich schloß die Augen. Und sofort begann etwas in mir abzusinken. Das Wachsein löste sich nicht abrupt auf. Es war eher ein langsames Weggleiten, als würde die Wirklichkeit ihren Griff lockern. Gedanken verloren ihre Schärfe. Wörter zerfielen. Bilder tauchten auf und verschwanden wieder, noch bevor sie vollständig geworden waren.
Ich spürte meinen Körper schwer im Bett liegen. Gleichzeitig wurde er bereits unwichtiger. Die Müdigkeit zog über mich hinweg wie eine langsame, schwarze Flut. Und dann war ich fort.
Ich träumte. Oder erinnerte mich.
Ich war wieder dort draußen: Zuhause. Kein Himmel. Kein Ort. Keine Richtung. Nur unendliche Weite und Bewegung. Ich schwebte durch das Universum, lautlos, körperlos, leicht. Sterne brannten in unvorstellbarer Entfernung wie offene Wunden aus Licht. Irgendwo explodierte eine Sonne, riß sich selbst auseinander und schleuderte glühende Materie in die Dunkelheit, aus der längst neue Formen entstanden. Geburt durch Vernichtung. Gasnebel glommen in Farben, für die menschliche Augen keine Namen besaßen. Galaxien drehten sich umeinander wie riesige, träumende Tiere, langsam, majestätisch, gleichgültig gegenüber allem, was klein war und kurz lebte. Und überall Bewegung. Zusammenstürzende Welten. Neugeborene Sterne. Staub, der sich sammelte und begann zu leuchten. Schwarze Löcher, lautlos und gefräßig, verborgen im Herzen gewaltiger Systeme.
Es war schön. Nicht menschlich schön. Nicht niedlich, nicht rührend, nicht tröstlich. Groß schön! Eine Schönheit ohne Mitgefühl. Ohne Absicht. Ohne Entschuldigung.
Und während ich dort dahintrieb, zwischen all diesen Feuern und Finsternissen, begriff ich plötzlich etwas, das mich selbst überraschte: Verdammt, ich hatte Heimweh!
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