ER macht Urlaub 2 (Fortsetzung)

Roman von Akif Pirinçci

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2

Das Fahrrad stand noch da, an den Pfosten gelehnt, als hätte es auf mich gewartet mit der stummen Geduld jener Dinge, die nicht wissen, daß sie nur Dinge sind, und gerade deshalb eine gewisse Würde ausstrahlen. Ein lächerliches Konstrukt aus Metall, Gummi, Kette und Luft, ein provisorisches Skelett auf zwei Rädern, das jeder größeren Bosheit des Schicksals hoffnungslos ausgeliefert gewesen wäre – und doch wußte ich augenblicklich, wie man es benutzte. Seine Erinnerung floß mir bereitwillig entgegen, fügsam und ohne jeden Widerstand, als freue sie sich geradezu, gebraucht zu werden.

Einen Moment lang musterte ich es mit jener Mischung aus Herablassung und Neugier, mit der man ein primitives Werkzeug betrachtet, das sich, wider Erwarten, als brauchbar erweisen könnte. Dann schwang ich mich darauf. Der Sattel war hart, schmal, unerquicklich – nein, das Wort war mir inzwischen selbst unerquicklich geworden –, sagen wir: unerquicklich nicht, sondern unerquicklichs Bruder, also unerquicklich mit einem Schuß Gemeinheit. Eine bewußte Zumutung. Offenbar glaubten diese Wesen, Fortbewegung müsse nicht nur nützlich, sondern auch eine Form der Strafe sein.

Dann trat ich in die Pedale.

Die Bewegung war zunächst unsicher, ein kurzes Tasten, als müßte der Körper sich vergewissern, daß ich ihn nicht absichtlich in den nächsten Graben steuern wollte. Aber schon nach wenigen Augenblicken fand sich ein Rhythmus, und es war fast beleidigend, wie schnell er sich einstellte. Der Körper wußte, was zu tun war. Ich ließ ihn gewähren, beobachtete, wie Muskeln arbeiteten, wie das Gleichgewicht gehalten wurde, wie Hände den Lenker führten, ohne daß ich jeden einzelnen Vorgang eigens befehlen mußte.

Man soll sich ja nicht selbst loben – glauben Idioten -, aber ich lernte Fahrradfahren nach 10 Metern. Es verstimmte mich ein wenig, daß etwas so Lächerliches sich derart effizient beherrschen ließ.

Ich rollte an, zuerst noch in kleinen, prüfenden Bögen, dann gerader, flüssiger. Der Fahrtwind strich mir durchs Haar, kühl und dünn, ohne jede Ehrfurcht, und die Straße begann unter mir hinwegzugleiten, während ich mich durch diese Vorstadt bewegte, als wäre ich ein Teil von ihr und nicht ein Fremdkörper von ungleich älterem und erheblicherem Rang.

Es war ein trostloser Vorort. Noch kein Slum, aber in allem bereits mit der stillen Bereitschaft versehen, einer zu werden, sobald das Schicksal für einen Augenblick wegsah. Kleine Häuser duckten sich hinter zu niedrigen Zäunen, Vorgärten, die einmal einen Plan gehabt haben mochten, nun aber nur noch aus müdem Gras, ein paar hartnäckigen Büschen und den Resten gescheiterter Pflege bestanden. Der Putz blätterte an manchen Fassaden in Schuppen ab, Regenrinnen hingen leicht schief, und vor den Garagen standen Autos, die nicht alt genug waren, um würdevoll zu wirken, und nicht neu genug, um Hoffnung zu machen. Überall lag jener eigentümliche Ausdruck des Vorläufigen, als hätten diese Menschen ihre Leben in Räume gestellt, die nie mehr werden sollten, als sie ohnehin schon waren.

Ich fuhr an einem Spielplatz vorbei, auf dem zwei Kinder auf einer Schaukel saßen, ohne zu schaukeln. Eine Frau mit einer Zigarette im Mundwinkel starrte auf ihr Kommunikationsinstrument, als hoffe sie, daß dort eine andere Welt auf sie wartete. Vor einem Kiosk standen drei Männer in Trainingshosen und mit Bierflaschen in den Händen, deren Gesichter jenen grauen Überzug trugen, den Niederlagen hinterlassen, wenn sie sich über Jahre wiederholen. Ein Hund bellte hinter einem Gartentor, weil ihm sonst offenbar nichts geblieben war, wodurch er seine Existenz hätte bezeugen können.

Die Stadt zog an mir vorbei. Häuser, Straßen, Menschen. Alle gefangen in ihren kleinen Kreisläufen, in ihren Gewohnheiten, ihren Rechnungen, ihren heimlichen Demütigungen, ihren Mängeln. Vor allem in ihren Mängeln.

Hunger.

Ich konnte nicht aufhören, an dieses Wort zu denken. Es war nicht bloß ein Zustand, es war eine Tyrannei. Ein innen sitzender Antreiber, grob, unerquicklich – nein, diesmal war das Wort tatsächlich angebracht – und von einer Penetranz, die ich nicht erwartet hatte. Wie dreist dieser Körper war. Kaum hatte ich ihn übernommen, begann er schon Forderungen zu stellen.

Schließlich bog ich in eine schmale Seitenstraße ein und hielt an.

Vor mir stand das Haus.

Kein Haus eigentlich, eher die entschlossene Behauptung eines Hauses. Klein, aus Holz, mit einer Fassade, deren Farbe in langen, traurigen Schichten abblätterte, als wolle sie sich selbst loswerden. Vielleicht war sie einmal weiß gewesen oder ein freundliches Hellgelb; jetzt hatte sie jenen unentschiedenen Ton angenommen, den Dinge bekommen, wenn sie zu lange Wind, Regen und Enttäuschung ausgesetzt sind. Eine winzige Veranda lief an der Front entlang, kaum mehr als ein Vorbau, auf dem zwei verwitterte Stühle standen, deren Sitzflächen so aussahen, als hätten sie schon lange niemanden mehr wirklich getragen. Das Dach war niedrig, die Fenster klein, und doch lag über dem Ganzen etwas, das man nicht ganz verächtlich machen konnte: der Wille zu bleiben.

Ich wußte sofort, daß es seines war. Oder vielmehr: seines gewesen war, bevor es notgedrungen meines werden mußte.

Ich stellte das Fahrrad ab, lehnte es an das Geländer der Veranda und trat zur Tür. Sie öffnete sich ohne Widerstand, mit jener Vertraulichkeit, die nur Orte kennen, an denen man täglich ein- und ausgeht, ohne darüber nachzudenken.

Innen war es warm. Nicht wohlig, nicht großzügig, sondern warm auf eine sparsame, angestrengte Weise, als sei die Wärme selbst hier etwas, das man sich einteilen mußte. Es roch nach gebügelter Wäsche, nach Stoff, nach Waschmittel, nach jener sauberen Trockenheit, mit der Menschen sich gegen das Chaos zu verteidigen versuchen. Im Hintergrund lief der Fernseher. Eine Stimme sprach in gedämpftem Tonfall über irgend etwas, das dringend sein sollte und doch niemanden wirklich berührte.

Und da war sie. Die Herstellerin.

Sie stand in einem Kittel-artigen Kleid im Wohnzimmer am Bügelbrett und fuhr mit dem Bügeleisen über ein Hemd, als hinge das Gleichgewicht der Welt davon ab, jede einzelne Falte rechtzeitig zu vernichten. Es war eine Bewegung von beinahe liturgischer Regelmäßigkeit, etwas zwischen Pflicht und trotzigem Weiterfunktionieren, ein stilles Ritual gegen das langsame Zerfallen der Dinge.

Sie bemerkte mich sofort.

„Na endlich!“, sagte sie, ohne aufzusehen. „Wo bist du so lange gewesen?“

Ich blieb stehen.

Ihre Haare waren graumeliert, nicht gleichmäßig, nicht würdevoll im eigentlichen Sinne, sondern in jener unordentlichen Weise, in der sich das Leben in jemanden einschreibt, ohne Rücksicht auf Ästhetik. Ihre Stimme war anders als alles, was ich bislang gehört hatte. Nicht schöner, nicht eindrucksvoller, nicht einmal besonders individuell. Und doch lag darin etwas, das sich einer schnellen Einordnung entzog. Gewohnheit war darin, ja. Müdigkeit auch. Aber darunter ein kaum wahrnehmbarer Zug von Anspannung, als stünde jede ihrer Aussagen stets auf dem schmalen Grat zwischen Zurechtweisung und Erleichterung.

Ich betrachtete sie einen Moment länger, als es notwendig gewesen wäre.

Dann sagte ich: „Du bist meine Mutter. Ich komme aus deinem Schoß.“

Das Bügeleisen verharrte mitten in der Bewegung.

Langsam hob sie den Kopf und sah mich an. Dieser Blick war nicht sofort erschrocken, nicht einmal wirklich verwirrt – eher prüfend, als hätte sie einen Satz gehört, der zwar falsch war, aber nicht vollkommen unmöglich.

Dann veränderte sich etwas. Ein Schatten zog durch ihr Gesicht, kaum sichtbar, aber vorhanden.

„Mist, jetzt ist das Geheimnis gelüftet! Ich dachte, du kommst nie dahinter.“

„Wie ist es, einen Menschen herzustellen?“

„Anstrengend.“

„Uns verbindet seitdem ein Band.“

Sie musterte mich, als hätte sie die Maskerade durchschaut,

„Du enttäuschst mich, Tom“, sagte sie schließlich, und in ihrer Stimme lag jetzt eine leise Müdigkeit, die tiefer ging als alles zuvor. „Aber ich wußte, daß dieser Moment kommen würde. Du bist doch wie die anderen und hast wie sie zu kiffen angefangen.“ Sie schüttelte leicht den Kopf. „Und bald nimmst du bestimmt das ganz harte Zeug, was? Schade.“

Ich neigte den Kopf ein wenig.

„Ja, ich will das ganz harte Zeug nehmen, Mama“, sagte ich ruhig. „Ich habe nämlich so einen Hunger. Dieses – was sagtest du? – Kiffen, macht es satt? Hoffentlich ist es irre süß. Zucker ist nämlich die effizienteste Art der Energieversorgung für den Körper.“

Sie sah mich an.  Länger diesmal.

Ihr Blick wanderte über mein Gesicht, als suche er nach einem vertrauten Muster, das sich wieder herstellen ließ, wenn man nur lange genug hinsah.

Dann griff sie plötzlich hinter sich in den Wäschekorb, zog mit einer schnellen, beinahe energischen Bewegung ein noch ungebügeltes Hemd heraus und warf es mir mit erstaunlicher Zielgenauigkeit ins Gesicht.

„Hör endlich auf, deine alte Mutter zu verarschen“, sagte sie – und begann im selben Moment zu lachen. Ein kurzes, helles Lachen, das nicht ganz frei war, als müßte es sich erst gegen etwas durchsetzen. „Zumal ich deine Witze nicht verstehe.“

Ich nahm das Hemd von meinem Kopf, betrachtete es einen Moment lang, als hätte es mir eine neue Information geliefert, und sah sie dann wieder an.

„Aber so alt bist du doch gar nicht, Mama“, sagte ich ruhig. „Du menstruierst ja noch, wie ich jetzt merke. Als Herstellerin von Menschen bist du also noch brauchbar. Vielleicht solltest du wieder mit einem Mann ausgehen und nach diesem Ritual – du weißt schon, dieses Ritual – dich wieder paaren. Bevor du richtig alt wirst und zu nichts mehr zu gebrauchen, meine ich.“

Der Raum veränderte sich. Nicht sichtbar. Nicht greifbar. Und doch spürbar, als hätte jemand die Temperatur um wenige Grad gesenkt. Ihr Lachen brach ab. Abrupt. Als wäre es nie dagewesen.

Für einen Moment verschlug es ihr den Atem. Ihr Brustkorb hob sich leicht, blieb oben stehen, als hätte der Körper vergessen, wie man ausatmet. Ihre Augen suchten mein Gesicht, nicht mehr prüfend, sondern … verletzt. Dann fand sie ihre Stimme wieder.

„Hör zu, Tom“, sagte sie leise. Das Bügeleisen stand noch immer auf dem Stoff, ohne sich zu bewegen, als hätte auch dieses kleine Gerät verstanden, daß hier etwas aus dem Takt geraten war.

„Wir beide lachen viel“, fuhr sie fort, und jetzt lag eine andere Schwere in ihrer Stimme, eine, die nichts mehr mit Gewohnheit zu tun hatte. „Ohne wäre es auch nicht zu verkraften, nach all dem, was wir schon durchgemacht haben.“

Sie machte eine kurze Pause. Sah mich an. Direkt. Ohne Ausweichen.

„Aber irgendwann ist Schluß“, sagte sie. „Irgendwo ist eine Grenze.“

Das Wort blieb im Raum stehen.

Grenze. Ich nahm es wahr, drehte es in mir, prüfte es auf seine Gültigkeit. Grenzen waren mir bislang nie begegnet. Nicht in dieser Form. Nicht als etwas, das man nicht überschreiten durfte, obwohl man es konnte.

„Dein Essen habe ich im Ofen warmgehalten“, sagte sie schließlich, und ihre Stimme war wieder ruhiger, fast zu ruhig, als hätte sie etwas bewußt zurück an seinen Platz gezwungen.

Sie wandte sich ab. Griff wieder nach dem Bügeleisen. Setzte es an. Die Bewegung kehrte zurück, gleichmäßig, kontrolliert, als wäre nichts geschehen. Und doch war etwas geschehen.

Ich stand noch immer dort, das Hemd in der Hand, und bemerkte, daß sich in mir etwas verschoben hatte. Nicht deutlich. Nicht eindeutig. Aber spürbar. Ein weiterer dieser Zustände, die sich nicht einordnen ließen. Kein Hunger. Kein Schmerz. Etwas anderes. Vielleicht ein erstes, unvollkommenes Begreifen dessen, was sie Verletzung nannten. Ich ließ das Hemd sinken. Und ging in die Küche.

Der Raum war klein, funktional, auf eine fast rührende Weise bemüht, Ordnung zu behaupten. Der Tisch stand bereit, als hätte er gewußt, daß ich kommen würde: Messer und Gabel sauber ausgerichtet, das Glas daneben mit Wasser gefüllt, erwartungsvoll. Alles hatte seinen Platz. Alles wartete.

Ich holte den lauwarmen Teller aus dem Ofen und setzte mich.

Vor mir: das Essen. Eine Wurst, dick, leicht aufgerissen an einer Stelle, aus der sich die dunkle Fleischsoße zäh und glänzend hervorschob. Daneben ein Haufen Kartoffelpüree, grob gestampft, nicht perfekt, mit kleinen Unregelmäßigkeiten, die wie Narben wirkten. Und ein wenig Rotkohl, dunkel, beinahe feierlich in seiner Farbe, als hätte er sich entschieden, mehr zu sein, als er eigentlich war. Nichts Besonderes. Einfach. Gewöhnlich.

Ich nahm die Gabel. Zögerte einen Moment. Nicht aus Zweifel.  Eher aus … Erwartung. Dann schnitt ich ein Stück der Wurst ab, führte es zum Mund.

Und es geschah sofort! Keine Vorbereitung, kein langsames Herantasten. Ein Einschlag.

Die Hitze, noch vorhanden, traf zuerst. Dann das Fett, schwer, sättigend, ein dichter Geschmack, der sich nicht erklärte, sondern einfach da war. Salz, Würze, etwas Tieferes darunter, etwas, das sich nicht in Worte fassen ließ, weil Worte dafür nie vorgesehen gewesen waren.

Ich erstarrte. Die Gabel noch in der Hand. Der Körper reagierte schneller als ich. Kauen. Schlucken. Ein Vorgang, der sich selbst vollzog. Und mit ihm – eine Explosion.

Nicht laut. Nicht sichtbar. Aber allumfassend. Es war, als hätte sich ein Raum geöffnet, der vorher nicht existiert hatte. Eine Fülle, die nicht gedacht, sondern erfahren wurde. Jeder Reiz schien sich zu verdichten, zu bündeln, zu einem einzigen, überwältigenden Eindruck zusammenzufließen.

Ich griff nach dem Püree. Führte es zum Mund. Weich. Nachgiebig. Und doch mit einer eigenen Struktur, einer stillen Widerständigkeit, die sich im Moment des Zerdrückens auflöste und in etwas überging, das … vollständig war.

Ich schluckte. Und spürte, wie sich etwas schloß. Das Loch. Dieser Mangel, der eben noch wie ein Befehl in mir geherrscht hatte, begann sich zu füllen, nicht sofort, nicht vollständig, aber spürbar. Jeder Bissen war eine Antwort. Keine elegante, keine durchdachte, sondern eine brutale, direkte Antwort auf eine ebenso brutale Frage.

Ich aß weiter. Schneller jetzt. Nicht aus Gier. Oder vielleicht doch. Ein Drängen, das sich nicht mehr ignorieren ließ. Die Soße verband alles miteinander, zog Fäden zwischen den einzelnen Bestandteilen, machte aus ihnen etwas Gemeinsames, etwas, das sich nicht mehr trennen ließ.

Ich hielt kurz inne. Atmete. Der Geschmack blieb. Er verschwand nicht einfach. Er war da, setzte sich fest, wurde Teil von mir.

Ich lehnte mich leicht zurück. Für einen Moment. Und dachte: War das … nötig? Diese Konstruktion aus Mangel und Befriedigung? Diese Abfolge aus Leere und Fülle? Ich nahm einen weiteren Bissen. Und konnte nicht anders, als mir einzugestehen: Ja. Es war mehr als nötig. Es war genial.

Ich hatte Welten geschaffen, hatte Strukturen entworfen, in denen sich Milliarden von Sternen bewegten, hatte Ordnungen hervorgebracht, die sich über Zeiträume erstreckten, die für diese Wesen unvorstellbar waren. Und doch war nichts davon so unmittelbar. So zwingend. So … vollkommen.

Ich aß weiter. Langsamer jetzt. Bewußter.

Jeder Bissen ein kleines, abgeschlossenes Ereignis, ein Kreislauf, der sich selbst genügte: Mangel – Aufnahme – Auflösung – Sättigung. Ein System. Ein perfektes System.

Ich schluckte. Und spürte, wie sich der Körper veränderte. Die Spannung ließ nach. Die Unruhe wich. Ein anderes Gefühl trat an ihre Stelle. Schwer. Ruhig. Fast zufrieden.

Ich legte die Gabel für einen Moment ab und sah auf den Teller. Beinahe leer. Ein Rest Soße. Ein paar Spuren von Püree. Der Rotkohl war verschwunden. Ich betrachtete das Ergebnis.

Und zum ersten Mal seit … einer sehr langen Zeit, lächelte ich nicht aus Irritation, sondern aus etwas, das diesem Zustand erstaunlich nahekam.

„Das“, sagte ich leise, mehr zu mir als zu irgend jemandem, „war … bemerkenswert.“

Ein primitives System, dachte ich. Und konnte nicht verhindern, daß mich der Gedanke amüsierte. So einfach. So zwingend. So – unwiderstehlich.

Ich legte die Gabel kurz beiseite. Ein vernünftiger Mensch – soweit ich dieses Wort inzwischen verstand – hätte jetzt aufgehört. Hätte sich zurückgelehnt, den Zustand als „satt“ deklariert und damit einen Abschluß gesetzt. Doch nichts in mir wollte abschließen. Das Ziehen war schwächer geworden, ja, aber nicht verschwunden. Es hatte seine Form verändert, war feiner, differenzierter geworden, weniger ein Befehl als eine … Erwartung. Etwas, das fortgesetzt werden wollte, nicht aus Notwendigkeit, sondern aus einem anderen, schwerer zu benennenden Grund.

Ich blieb sitzen und dachte. Über Nahrung.

Über diesen merkwürdigen Vorgang, bei dem die Welt in kleine, mundgerechte Teile zerlegt und dem Körper einverleibt wurde, als müsse man sie sich einverleiben, um sie überhaupt zu begreifen. Ein System aus Mangel und Befriedigung, das sich ständig selbst erneuerte, sich selbst hervorbrachte, indem es sich immer wieder aufhob. Und wie ernst sie das nahmen. Mit welcher Hingabe. Mit welcher beinahe religiösen Konzentration sie kochten, würzten, kombinierten, als läge im Arrangement von Fett, Salz und Hitze eine Wahrheit verborgen, die sich auf keine andere Weise erschließen ließ.

Und doch war das, was ich gerade gegessen hatte, offenbar nur ein Ausschnitt. Ein einzelner Punkt in einem viel größeren Gefüge. Ich wußte es, ohne es zu wissen.

Ein leises Drängen ging von der Küche aus, nicht hörbar, nicht sichtbar, eher wie ein Geruch ohne Geruch, eine Spur, die sich nicht durch die Sinne, sondern durch etwas anderes übertrug. Ich folgte ihr, ohne aufzustehen, tastete mich innerlich vor, ließ die Aufmerksamkeit durch den Raum gleiten, als wäre sie ein feines Instrument, das auf verborgene Signale reagierte.

Da war mehr. Unbestreitbar. Ich erhob mich. Langsam. Nicht aus Hast, sondern aus einer wachsenden Gewißheit heraus, daß ich hier noch nicht alles erfaßt hatte.

Ich öffnete Schränke. Fand Dinge. Brot, trocken, in Plastik gehüllt. Ein Glas mit etwas, das süß roch, aber sich in seiner Erstarrung weigerte, sofort verstanden zu werden. Verpackungen, Etiketten, Versprechen. Ich ließ sie stehen. Das war es nicht.

Dann ging ich zum Kühlschrank und öffnete ihn erneut. Die kalte Luft schlug mir entgegen, nüchtern, abweisend. Ich musterte den Inhalt diesmal genauer, ließ den Blick nicht nur über die Oberfläche gleiten, sondern tiefer sinken, als könnte ich hinter die sichtbare Ordnung greifen.

Und dann ein Griff. Unten. Eine weitere Tür. Ich zögerte. Dann zog ich sie auf. Kälte. Eine andere Qualität von Kälte, dichter, entschlossener, als hätte sie sich hier konzentriert, um etwas festzuhalten, das sonst entweichen würde.

Ich beugte mich vor. Und sah es. Ein Behälter. Schlicht. Unspektakulär. Und doch ging von ihm eine Präsenz aus, die sich nicht ignorieren ließ.

Ich nahm ihn heraus. Eiscreme. Das Wort kam sofort. Ein Widerspruch in sich, dachte ich. Nahrung, die sich dem Wärmezustand entzog, die ihre Form nur bewahrte, solange sie sich gegen die Umgebung behauptete.

Ich öffnete den Deckel. Eine helle, glatte Oberfläche, leicht kristallin, als hätte man etwas Weiches gezwungen, hart zu werden. Ich nahm einen Löffel und stach hinein. Der Widerstand war überraschend. Dann gab es nach.

Ich führte es zum Mund und schmeckte es. Ein scharfer, beinahe schmerzhafter Reiz, der sich sofort ausbreitete, sich durch den Mundraum zog, die Zähne berührte, den Gaumen, und dort nicht einfach verschwand, sondern sich festsetzte, als wolle er sich einschreiben.

Ich hielt inne. Dann kam die Süße. Nicht vorsichtig. Nicht zurückhaltend. Eine unmittelbare, fast erbarmungslose Präsenz, die sich über alles legte, was ich eben noch geschmeckt hatte. Ein Geschmack ohne Scham, ohne Zögern, als wäre er nur dafür da, sich selbst durchzusetzen.

Ich schloß unwillkürlich die Augen. Das war… etwas anderes. Ich griff wieder hinein. Ein zweiter Löffel. Diesmal ohne Zögern. Und während ich aß, fiel mein Blick auf eine Flasche im Kühlschrank, halb verborgen, als hätte sie sich selbst zurückgezogen.

Ich nahm sie heraus. Erdbeersoße. Ein weiteres Wort, das sich sofort erschloß, als hätte es nur darauf gewartet, ausgesprochen zu werden.

Ich öffnete sie. Der Geruch war… intensiver. Fruchtig, süß, mit einer leichten Schärfe, die sich nicht sofort zuordnen ließ. Ich zögerte nicht, goß sie über die Eiscreme und stellte dann die Flasche ab.

Die rote Flüssigkeit zog Linien über die helle Oberfläche, verband sich mit ihr, versank langsam darin, als würde sie sich einen Weg suchen.

Ich nahm den Löffel und führte ihn zum Mund. Und diesmal war es kein einzelner Eindruck mehr, sondern ein Zusammenspiel: Kälte und Süße. Fest und weich. Ein Kontrast, der sich nicht aufhob, sondern verstärkte, der jeden Bestandteil schärfer machte, indem er ihn mit einem anderen konfrontierte.

Ich aß. Schneller jetzt. Nicht mehr prüfend, nicht mehr analysierend.

Ein Drängen, das sich selbst beschleunigte. Der Körper reagierte sofort, nahm auf, verarbeitete, verlangte mehr. Ich stand vor dem offenen Kühlschrank, den Behälter in der Hand, und aß, als gäbe es nichts anderes mehr, das in diesem Moment von Bedeutung war. Der Löffel kratzte über den Boden. Ein Geräusch, das ich registrierte, ohne es zu beachten.

Ich hielt inne. Der Behälter war leer. Ich sah hinein. Nichts mehr. Und ich spürte, wie sich etwas in mir ausbreitete, das über bloße Sättigung hinausging. Ein Zustand. Schwer. Träge. Und zugleich auf eine beinahe beschämende Weise angenehm.

Ich lehnte mich leicht gegen die Arbeitsplatte. Schloß für einen Moment die Augen. Und dachte: Wenn sie das alles wissen, wenn sie all diese Möglichkeiten kennen, dann ist es kein Wunder, daß sie bleiben. Trotz allem. Oder gerade deshalb.

Die Sättigung legte sich über mich wie eine langsame, schwere Flut. Nicht schlagartig, nicht in jener abrupten Weise, mit der einfache Zustände beginnen und enden, sondern schichtweise, fast behutsam, als wolle dieser Körper mich daran gewöhnen, daß auch Befriedigung ihre eigene Dauer besitzt. Wärme breitete sich aus, träge, beinahe selbstzufrieden, und mit ihr kam eine Müdigkeit, die nichts Bedrohliches hatte, sondern eher den Charakter eines Angebots trug: Laß nach. Gib nach. Bleib einfach hier.

Ich lehnte mich zurück. Für einen Moment. Und war versucht, dieses Angebot anzunehmen.

Dann plötzlich war es wieder da! Dieses Pochen. Zuerst fern, wie ein Echo, das sich verirrt hatte, dann näher, deutlicher, insistierender. Nicht im Fleisch, nicht im Blut, nicht in diesem organischen System aus Impulsen und Reaktionen. Tiefer. Dort, wo ich ihn abgelegt hatte: Tom.

Er war nicht verschwunden. Ich hatte ihn nicht ausgelöscht – dazu hätte es mehr bedurft als eines beiläufigen Hineingleitens. Ich hatte ihn nur verdrängt, zur Seite geschoben, wie man einen Stuhl aus dem Weg räumt, um sich selbst mehr Platz zu verschaffen.

Jetzt machte er sich bemerkbar. Kein klarer Gedanke, keine artikulierte Forderung. Eher ein Drängen, ein dumpfes Bestehen darauf, daß etwas noch nicht erledigt war.

Und mit ihm kam Erinnerung. Nicht meine. Seine. Ein Ablauf. Ein Plan. Ein Zwang, der sich nicht wie ein Befehl anfühlte, sondern wie etwas, das einfach getan werden mußte, weil es immer so getan worden war. Arbeit. Und mit diesem Wort kam etwas anderes zurück. Pflichten. Ein Wort, das mir mißfiel. Und doch war es da. Ich hatte in meinem Leben – Hoppla, ich begann schon in Ausdrücken über ihre lächerliche Daseinsform und in ihren lächerlich begrenzten Zeitdimensionen zu denken – noch nie etwas aus Pflicht getan. Sondern weil es mir … so behagte? Keine Ahnung, ja, keine Ahnung, also wie immer – Hoppla, auch die als Humor getarnte Selbsterniedrigung hast du schon von ihnen brav gelernt.

Ich öffnete die Augen. Die Küche war noch dieselbe, und doch hatte sie sich verändert. Sie war nicht mehr nur ein Ort, an dem ich etwas erfahren hatte. Sie war Teil eines Systems, das mich bereits eingeordnet hatte, bevor ich es überhaupt begriffen hatte.

Seit zwei Jahren bekam er kein Taschengeld mehr. Ein amüsanter Begriff, der die ganze Armseligkeit dieses Arrangements kaum zu fassen vermochte. Geld, das man bekam, ohne es verdient zu haben – eine Geste, die weniger mit Großzügigkeit als mit Kontrolle zu tun hatte. Und selbst dieses war ihm von der Herstellerin entzogen worden, weil ihr Lohn für den Schichtdienst in der Fischfabrik für ihr beider Lebensunterhalt hinten und vorne nicht mehr ausreichte. Taschengeld – zu wenig gewesen, um etwas zu bedeuten, und doch offenbar genug, um vermißt zu werden.

Also hatte er sich etwas gesucht. Drei Stunden täglich nach der Schule. Vier Tage die Woche. Eine Zahl, eine Regelmäßigkeit, ein Raster, das sich über seine Zeit gelegt hatte wie ein Gitter, durch das er sich hindurchbewegen mußte.

Ich trat wieder in den Flur. Mit einem Seitenblick sah ich, daß sie sich nach der Bügelarbeit im Wohnzimmer etwas auf die Couch hingelegt hatte.

Die riesige, quadratische, orangenfarbene Tasche mit den gelben Phosphorstreifen hing dort an einem Wandhaken. Leer noch. Aber nicht bedeutungslos. Ich nahm sie ab. Schon ohne Inhalt hatte sie Gewicht – nicht physisch, sondern als Vorwegnahme dessen, was sie bald tragen würde. Ein Behälter für etwas, das nicht mir gehörte und doch durch mich hindurchgehen sollte.

Ich legte sie mir um. Die Riemen zogen sich über die Schultern, paßten sich an, als hätten sie auf genau diesen Körper gewartet. Eine Anpassung ohne Einverständnis. Ich verließ das Haus, stieg auf das an die Veranda gelehnte Fahrrad und fuhr.

Der Weg führte diesmal nicht hinaus, sondern zurück in die Stadt, tiefer hinein in dieses Geflecht aus Straßen und Wiederholungen, in dem jeder Punkt mit einem anderen verbunden war, ohne daß das Ganze dadurch verständlicher wurde.

Die Großküche lag in einem unscheinbaren Gebäudekomplex am Rand eines Gewerbegebiets. Ein Ort ohne Anspruch, ohne Gesicht, funktional bis zur Selbstverleugnung. Schon von außen war erkennbar, daß hier nichts entstehen sollte, das Bestand hatte – nur etwas, das verteilt werden mußte. Ich stellte das Fahrrad ab und trat ein.

Und wurde sofort empfangen. Nicht von Menschen, sondern von Geruch. Dicht. Warm. Schwer. Ein Gemisch aus Fett, Gewürzen, gekochtem Gemüse, Fleisch, das zu lange in Soße gelegen hatte, und etwas Unbestimmtem, das sich nicht mehr auf seine ursprüngliche Form zurückführen ließ. Ein Geruch, der nicht einlud, sondern überwältigte.

Ich blieb stehen. Atmete ein. Und registrierte, daß dieser Geruch bereits genügte, um den Körper wieder in Bewegung zu setzen: Hunger. Nicht mehr so brutal wie zuvor. Aber vorhanden. Hartnäckig.

Ich ging weiter. Menschen bewegten sich durch den Raum, schnell, routiniert, ohne einander wirklich anzusehen. Hände griffen, stellten ab, packten ein, verschlossen. Metall auf Metall. Plastik auf Plastik. Ein Rhythmus, der sich nicht aus Musik speiste, sondern aus Notwendigkeit.

Ich trat an den Tresen. Ein kurzer Blick. Ein Nicken. Keine Worte. Die Tasche wurde geöffnet. Behälter wurden hineingestellt. Einer nach dem anderen. Schwer. Wärmer, als ich erwartet hatte. Die Last nahm zu. Spürbar und greifbar.

Ich schloß die Tasche und hob sie an. Jetzt war sie nicht mehr nur ein Versprechen. Jetzt war sie Gewicht. Ich schwang sie mir auf den Rücken. Der Körper reagierte sofort, beugte sich leicht nach vorn, paßte sich an, als hätte er diese Bewegung tausendfach vollzogen. Ich trat wieder hinaus.

Die Luft draußen war kälter, klarer, beinahe rein nach der dichten Schwere des Innenraums. Ich setzte mich auf das Fahrrad. Und fuhr los. Diesmal mit einer Last. Die Straße zog sich unter mir hinweg, aber sie war nicht mehr dieselbe. Jede Unebenheit, jede kleine Steigung, jede Kurve bekam eine andere Bedeutung, weil sie jetzt Widerstand bot. Ich trat stärker.

Die Tasche bewegte sich bei jeder Pedalumdrehung, ein stetiges Ziehen nach hinten, als wolle sie mich daran erinnern, daß ich etwas trug, das nicht ignoriert werden konnte. Ich fuhr weiter hinaus. Zum Stadtrand. Dorthin, wo die Ordnung der Stadt in etwas anderes überging, etwas weniger Definiertes, weniger Kontrolliertes.

Und dann tauchte es auf. Das Kloster St. Gertrudis vom Ewigen Licht, ein Konvent der Benediktinerinnen. Nicht plötzlich, nicht dramatisch, sondern als eine langsame Verdichtung von Stein und Raum, die sich aus der Umgebung löste, als hätte sie sich entschlossen, nicht dazuzugehören.

Ein Bau aus einer anderen Zeit. Gotisch. Nicht als Stil, sondern als Haltung. Hohe, spitz zulaufende Bögen, Fenster, die mehr Licht verlangten, als sie bekamen, Mauern, die nicht nur schützten, sondern sich selbst behaupteten. Kein Gebäude, das gefallen wollte. Eines, das bestand. Na da war ich ja bei den Richtigen gelandet! Quasi in einem Traditionsbetrieb.

Ich verlangsamte. Sah es mir an. Und erinnerte mich. Achtzig Nonnen hatte es hier einmal gegeben. Eine Zahl, die etwas bedeutete. Jetzt sechs. Brutaler Nachwuchsmangel gepaart mit „Weg allen Fleisches“, um im Fachjargon zu bleiben. Ich wollte meinen Gedanken wieder ein „Haha“ anhängen, bekam jedoch beim Gedanken an den Gedanken – wie sagte man? – so etwas wie … Selbstekel.

Sechs greise Frauen, „Bräute Jesu“, samt und sonders 85 +, die sich weigerten zu gehen. Die Kirche wollte sie in herkömmliche Seniorenheime verlegen, besser gesagt, sie entsorgen. Natürlich. Ein solcher Bau kostete. Unterhalt, Pflege, Reparatur. Unnötig, wenn man ihn auch verkaufen konnte. Eine Eventfirma hatte Interesse gezeigt. Hochzeiten, Tagungen. Ein wenig Geschichte, dekorativ eingebunden in ein Programm aus Catering und Beleuchtung. Und der drittklassige DJ durfte auch nicht fehlen.

Ein milliardenschwerer Glaubensverein, dachte ich, der sich verhielt wie ein Konzertveranstalter, der darüber nachdachte, ob sich eine alte Bühne noch lohnte.

Man hatte von Zwangsmaßnahmen gesprochen, als die alten Nonnen sich weigerten, zu gehen, darauf bestanden, hier, in ihrem Lebenswerk sterben zu wollen. Leise zunächst. Dann deutlicher.

Doch die Bevölkerung hatte sich eingemischt. Menschen, die mit diesen Frauen nichts zu tun hatten, hatten plötzlich begonnen, sich für sie zu interessieren. Sie hatten demonstriert, sich vor das Tor gestellt, Parolen gerufen, als ginge es um etwas, das über diesen Ort hinausging. Und vielleicht tat es das.

Die Kirche hatte nachgegeben. Vorläufig. Die sechs blieben. Bräute Jesu, dachte ich wieder. Ein Begriff, der mir mißfiel. Und mich zugleich… irritierte.

Ich stellte das Fahrrad ab. Trat durch das schmiedeeiserne Tor. Der Innenhof lag still. Zu still. Ein Garten zog sich entlang der Mauer, sorgfältig angelegt, wenn auch nicht mehr mit der Strenge vergangener Jahrzehnte gepflegt. Reihen von Gemüse, das sich dem Ende entgegenneigte, als wüßte es, daß niemand mehr da war, der es wirklich brauchte.

Links ein Atelier. Leer. Regale, Werkbänke, Spuren von Tonarbeiten, halb getrocknet, halb vergessen. Ein Raum, der einmal Hände gekannt hatte, die formten, kneteten, schufen. Jetzt – Abwesenheit.

Rechts die Gemeinschaftsküche mit einer sehr geräumigen Kochinsel aus Backstein, über der viele Töpfe und Pfannen hingen. Und einem Holzofen, der kalt war. Alles überdimensioniert. Ein Raum für viele. Nun ohne Funktion. Die alten Mädels konnten sich ihr Essen nicht mehr selber zubereiten. Nur noch beten konnten sie. Also nur noch die Ursprungsidee dieses Konzepts ausführen.

Weiter hinten ein kleiner Friedhof. Schlichte Kreuze. Namen. Daten. Ein Ort, an dem die Zeit nicht verschwand, sondern sich sammelte.

Und daneben die Kapelle. Klein. Und doch von einer Intensität, die sich nicht ignorieren ließ. Ich blieb kurz stehen. Sah durch den Türspalt hinein. Hinter dem Altar eine holzgeschnitzte Darstellung des Gekreuzigten, plastisch, fast überdeutlich in seinem Schmerz, als hätte man versucht, etwas Unsichtbares mit aller Gewalt sichtbar zu machen. Hatte ich damit etwas zu tun? Ging es mich etwas an? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Ich wandte mich ab. Noch.

Ich ging hinein in das Hauptgebäude. Und dann in den Speisesaal, dessen Decke von mächtigen Holzbalken zusammengehalten wurde. Der Raum war kühl. Gedämpft. Sonnenlicht schoß in Blöcken durch die Spitzbogenfenster hinein.

Am Ende eines langen, mit Tellern und Besteck belegten Tisches saßen sie. Die sechs. In ihren seltsamen Ordenstrachten. Alt. Sehr alt. Ihre Körper hatten sich zurückgezogen, waren schmal geworden, reduziert auf das Notwendige. Die Haut lag eng über den Knochen, beinahe durchsichtig, als hätte sie ihre Funktion als Hülle längst aufgegeben.

Und doch – war da etwas. Eine Art Würde. Nicht aus Stärke geboren. Sondern aus Beharrlichkeit.

Sie sahen auf. Eine nach der anderen. Ihre Blicke trafen mich, müde, freundlich, abwesend, und in jedem lag ein anderer Grad von Abschied. Todgeweiht. Und sich dessen bewußt.

„Einen wunderschönen Nachmittag, liebe Schwestern!“ sagte ich und setzte mir einen Ausdruck auf, den sie als aufmunterndes Gesicht bezeichnen würden. „Heute haben wir den italienischen Tag. Pizza, Spaghetti mit herrlicher Sauce und jede Menge Salate.“

Ich trat näher. Stellte die Tasche ab, öffnete sie und begann, die Behälter herauszunehmen.

Aber dann sah ich sie. Schwester Oberin Gundula. Sie saß etwas abseits, in einem Rollstuhl, ihr Körper kaum mehr als eine Andeutung dessen, was er einmal gewesen sein mochte. Haut wie Pergament, gespannt über ein Gerüst aus Knochen. Und doch diese Augen, blau, koboldblau, zu blau. Ein Licht darin, das nicht zu diesem Körper paßte.

Sie sah mich an. Nicht flüchtig. Nicht müde. Sondern wach, argwöhnisch.

Als hätte sie – das hatte mir noch gefehlt! – etwas bemerkt. Oder zumindest gespürt, daß etwas nicht stimmte.

Ich hielt inne. Für einen Moment. Und zum ersten Mal seit ich in diesen Körper eingetreten war, hatte ich das unangenehme Gefühl, daß jemand zurückblickte. Nicht zu mir auf.

Sondern in mich hinein.

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