Der frühere norwegische Ministerpräsident Thorbjørn Jagland ist nach Medienberichten in ein Krankenhaus eingeliefert worden. Hintergrund soll ein mutmaßlicher Suizidversuch sein. Offizielle Angaben zu seinem Gesundheitszustand liegen bislang nicht vor; die Behörden verweisen auf den Schutz der Privatsphäre.

Der Vorfall ereignete sich wenige Tage nach einer Zuspitzung in einem Korruptionsverfahren gegen den 75-Jährigen. Die norwegische Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft Økokrim hatte Anfang Februar 2026 Ermittlungen aufgenommen. Am 12. Februar wurde Jagland formell wegen schwerer Korruption angeklagt. Im Falle einer Verurteilung drohen ihm bis zu zehn Jahre Haft.

Auslöser der Ermittlungen sind Dokumente des US-Justizministeriums über den verstorbenen Finanzier Jeffrey Epstein. Die Unterlagen legen nahe, dass Jagland und Familienangehörige zwischen 2011 und 2018 mehrfach auf Epsteins Anwesen in New York, Palm Beach und Paris zu Gast gewesen sein sollen. Dies betrifft einen Zeitraum nach Epsteins Verurteilung 2008 wegen Sexualdelikten.

Økokrim prüft, ob Jagland im Zusammenhang mit seinen damaligen Ämtern unzulässige Vorteile erhalten haben könnte. Im Fokus stehen laut der Behörde insbesondere Reisen, Aufenthalte, Geschenke und mögliche Darlehen. Medienberichten zufolge stützen sich die Ermittler auf E-Mails und Abrechnungen, aus denen hervorgeht, dass Kosten für Jagland und seine Familie übernommen wurden.

Jagland bestreitet strafbares Verhalten. Über seinen Anwalt ließ er mitteilen, er weise die Vorwürfe zurück und werde umfassend mit den Behörden kooperieren. Kontakte zu Epstein bezeichnete er als „unklug“, betonte aber, es habe keine illegalen Aktivitäten gegeben. Einen Besuch auf Epsteins Privatinsel habe er nicht unternommen.

Die Ermittlungen haben auch institutionelle Konsequenzen. Auf Antrag Norwegens hob das Ministerkomitee des Europarats am 11. Februar 2026 Jaglands diplomatische Immunität auf. Daraufhin durchsuchte die Polizei sein Wohnhaus in Oslo sowie weitere Immobilien, unter anderem in Risør. Økokrim bestätigte die Razzien und sprach von einem Anfangsverdacht wegen schwerer Korruption.

Jagland war von 1996 bis 1997 Ministerpräsident Norwegens. Von 2009 bis 2019 amtierte er als Generalsekretär des Europarats und leitete von 2009 bis 2015 das norwegische Nobelkomitee. In diese Zeit fiel 2009 die umstrittene Entscheidung, US-Präsident Barack Obama wenige Monate nach Amtsantritt den Friedensnobelpreis zu verleihen.

Die Affäre trifft Norwegen an einem sensiblen Punkt. Das Land legt besonderen Wert auf Transparenz und Integrität im öffentlichen Leben. Die Veröffentlichung der Epstein-Dokumente hat deshalb erhebliche öffentliche Aufmerksamkeit ausgelöst. Neben Jagland stehen weitere Personen mit früheren Kontakten zu Epstein unter Beobachtung, teils mit dienstrechtlichen Konsequenzen oder eigenen Ermittlungen.

Ob ein direkter Zusammenhang zwischen den strafrechtlichen Entwicklungen und dem mutmaßlichen Suizidversuch besteht, ist nicht bestätigt. Mehrere internationale Medien berichten jedoch, dass der Krankenhausaufenthalt kurz nach neuen Verfahrensschritten erfolgte. Einzelne Quellen deuten darauf hin, dass norwegische Medien zunächst um Zurückhaltung gebeten worden seien.

Der Fall zeigt die fortdauernde politische und rechtliche Sprengkraft der veröffentlichten Epstein-Dokumente. Mit Jagland sieht sich erstmals ein früherer europäischer Spitzenpolitiker mit einer formellen Anklage konfrontiert. Stellungnahmen der norwegischen Behörden stehen noch aus.

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