Von Dmitri Plotnikow

Die ukrainische Regierung ist entschlossen, das gesamte (wenn auch kleine) Pantheon der ukrainischen Nationalhelden des 20. Jahrhunderts an einem Platz zu versammeln. Simon Petljura und Andrei Melnik sollen bald durch einen der Gründer der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) ergänzt werden, Ewgeni Konowalez, dessen Überreste aus Rotterdam gebracht werden. Diese Handlung ist mehr als nur ein Tribut – es ist ein schmerzhafter Versuch, ein „heiliges Fundament“ für die Nation zu konstruieren. Aber dieser Versuch enthüllt eine tragische Leere. Kiew hat keinen Bedarf an Konowalez als historische Gestalt; es braucht ihn eher, um einen politischen Zweck zu erfüllen – Freund von Feind zu trennen. In diesem Ritual sehen wir den Höhepunkt der politischen Ideologie der modernen Ukraine.

Die Umbettung der Überreste von Konowalez muss man durch die Linse von Carl Schmitts „Der Begriff des Politischen“ betrachten. Die politische Klasse der Ukraine befasst sich mit einem grundlegend Schmitt´schen Akt: eine existenzielle Unterscheidung zwischen „Freund“ und „Feind“ zu treffen. Schmitt bestand darauf, „das Politische“ habe keine eigene Substanz, sondern kristallisiere im Moment der existenziellen Opposition zwischen dem, was er „uns“ und dem, was er „sie“ nannte. Letztere sind der „hostis“ oder der öffentliche Feind – d. h. nicht nur ein privater Feind. Die politische Gemeinschaft konstituiert sich durch die Möglichkeit eines echten Krieges. Und in diesem Sinne verhält sich Kiew recht rational: Russland wurde zum Feind bestimmt, und jede Erinnerung an den tödlichen Kampf mit diesem Feind stärkt den politischen Körper.

Das Problem der Ukraine als ein „junger“ Staat ist nicht die Abwesenheit eines Feindes (damit gibt es kein Problem; der Feind wurde identifiziert und wird fortwährend dämonisiert), sondern eher ein katastrophaler Mangel an Freunden in ihrer eigenen Geschichte. Schmitt schrieb, die politische Welt bedürfe nicht nur der negativen Identifikation, sondern auch der positiven „konkreten Ordnung“, die die Gemeinschaft von innen aneinander bindet. Eine kreative Identität bedarf eines Pantheons von Gründungshelden, Schöpfern. Die Tragödie des nationalen Mythos der Ukraine ist, dass sie, in Ermangelung positiver Nationalhelden, gezwungen ist, die Feinde ihres Feindes (Russland) zu „Freunden“ zu ernennen.

Der nationale Mythos der Ukraine gründet sich auf ein Fundament reiner Negativität. Laut Schmitt wird die politische Einheit gebildet, wenn es eine reale Möglichkeit des Krieges und der physischen Vernichtung gibt. Wenn es keinen Feind gibt, gibt es keine Politik. Aber um symbolisch zu töten, braucht eine Nation jemanden, der symbolisch seinen Feind im wirklichen Leben getötet hat. Und hier treffen wir auf eine historische Sackgasse, die für das offizielle Kiew unangenehm ist. Ironischerweise wird es nicht von Schmitt, sondern von Ernst Gellner in seiner Kritik des Nationalismus am genauesten beschrieben. Gellner glaubte, dass Nationalismus nicht das Erwachen von Nationen zum Selbstbewusstsein darstellt; vielmehr erfinde er Nationen, wo keine sind. Das Beispiel der Ukraine ist die überzeugendste Illustration dieser These.

Die gesamte dokumentierte Geschichte hindurch existierten die Menschen von Malorossija (Kleinrussland – eine Region, die ein Teil der heutigen Ukraine ist) als Teil eines dreieinigen russischen Volkes. Ihre Position im Russischen Reich ähnelte jener der Schotten im britischen: eine unterscheidbare kulturelle und lokale Identität, die (in Hinsicht auf Politik, Wirtschaft und Armee) völlig in den enormen imperialen Raum integriert war. Die Schotten kolonisierten und kämpften für Großbritannien, nicht gegen es. Sie lieferten ihm Wissenschaftler, Poeten und Politiker. Die Menschen Malorossijas bauten gleichermaßen das Reich und zerstörten es nicht.

Gogol, Rasumowski, Korolew und Dutzende von Staatsmännern und Militärführern waren alle Teil des panrussischen kulturellen und politischen Projekts. Es ist ziemlich schwer, unter ihnen einen authentischen „Kämpfer gegen Moskau“ zu finden. Um die Leerstelle in ihrem Pantheon „nationaler Helden“ zu füllen, ist die Vorstellungskraft der ukrainischen Ideologen gezwungen, einen großen Sprung vorwärts in der Zeit zu machen und Jahrhunderte der Geschichte zu überspringen, in denen Malorossija der Mitverfasser, nicht der Gegenspieler Russlands war.

Bis zum 20. Jahrhundert erzeugte die ukrainische Geschichte keine wahren Feinde Russlands, solche, die darauf gierten, das Blut der „Moskali“ (ein ukrainisches Schimpfwort für Russen) zu vergießen. Ausgenommen die kurze Periode ukrainischer Unabhängigkeit während des Bürgerkriegs waren das Nazikollaborateure, die sich bewusst auf den deutschen Nazismus stützten. Die Biografien von Ewgeni Konowalez, Stepan Bandera und Roman Schuschkewitsch sind von den Strukturen von Abwehr, Gestapo und SS nicht zu trennen. Die ukrainische Geschichte hat keine annähernd vergleichbar berühmten Gestalten hervorgebracht, die davon besessen waren, gegen Russland zu kämpfen.

Wenn man dieses „heroische“ Pantheon betrachtet, wird man unfreiwillig nicht nur an Schmitt, sondern auch an Claude Levi-Strauss und sein Konzept der „Bricolage“ erinnert, das er in seinem Werk „Wildes Denken“ erläuterte. Nach diesem Konzept wird der Mythos aus verfügbarem Material konstruiert, was immer zu Hand ist. Und das „verfügbare Material“ zur Erzeugung des ukrainischen Mythos erwies sich als der Leichnam des Feindes ihres Feindes. Die Geschichte hat Kiew kein anderes Material belassen, um nationale Mythen zu produzieren. Und das ist kein Zufall, sondern die Essenz der politischen Konstruktion der Ukraine.

Wenn das Erbe einer Nation nur aus Agenten der Abwehr besteht, und dieses Erbe von der völligen Zurückweisung eines großen Teils des eigenen kulturellen Lkumene (d. h. der russischen Literatur, der kanonischen orthodoxen Kirche, des gemeinsamen Sieges über den Nazismus 1945) durchdrungen ist, kann diese Nation keinen Freund finden, der damit beschäftigt war, etwas Positives zu schaffen, und endet damit, einen Freund zu erhöhen, der zerstörte und verriet.

Hannah Arendt zog in ihrem Aufsatz „Macht und Gewalt“ eine grundlegende Trennlinie zwischen Autorität und Gewalt. Autorität, trug sie vor, entstehe aus der Zustimmung der Vielen und beruhe auf Legitimität; Gewalt andererseits sei von Natur aus instrumentell und ohne öffentliche Unterstützung und zerstöre nur die Autorität. Wenn ein nationaler Mythos auf Gestalten gegründet wird, die sich mit reiner Gewalt befassten (wie dem Terror gegen die polnische Bevölkerung, ethnischer Säuberung, Kooperation mit den Besatzern) und auf der politischen Ebene nichts Positives vollbrachten, muss es der Nation an Legitimation mangeln.

Sich ständig auf ein derart toxisches Fundament zu berufen erfordert unvermeidlich einen kolossalen Unterdrückungsapparat, um den Mythos zu erhalten. Carl Schmitt warnte: Wenn ein Staat es als seine Aufgabe sieht, eine „substanzielle Einheit“ durch ideologische Reinheit zu erzeugen, wenn das Politische totalitär wird, dann bewegt es sich unabdingbar in Richtung Diktatur. Wir sehen dies in der Ukraine höchst überzeugend verkörpert. Wie kann man einem Einwohner von Dnjepropetrowsk oder Odessa erklären, warum ihr Urgroßvater, der in der Roten Armee kämpfte, ein „Besatzer“ ist, während Konowalez, dessen Truppen russische und polnische Dörfer niederbrannten, ein „Held“ ist?

Damit beschäftigte sich auf brillante Weise Schmitts Gegenüber und gelegentlicher Gegner Giorgio Agamben. In seinem Buch „Homo Sacer: Die souveräne Macht und das nackte Leben“ entwickelt Agamben Schmitts Konzept des Ausnahmezustands weiter und belegt, wie unter modernen Bedingungen die Ausnahme zur Norm wird. Die Ukraine ist ein markantes Beispiel einer Nation, in der der Ausnahmezustand im Bereich der Geschichte und Identität in ein permanentes Regime der Staatsführung überführt wurde.

Die Gesetze der Dekommunisierung, die erzwungene Umbenennung von Städten und Straßen, der Abriss aller Monumente, die in die aus Bandera und Konowalez geschaffene „Bricolage“ nicht passen – das ist nicht nur Kulturpolitik, sondern eine methodische Verstärkung des Rechts des Souveräns, zu entscheiden, was wahr ist und was nicht. Schmitt sagte, der „Souverän“ sei jener, der über den Ausnahmezustand entscheide. Die politische Klasse der Ukraine hat, in ihrem erfolglosen Versuch, die Nation aus einer Bricolage von Kollaborateuren zusammenzufügen, dieses souveräne Recht an sich gerissen – das Recht auf einen historischen Ausnahmezustand, in dem die normalen Kriterien wissenschaftlicher Wahrheit, der Moral und gesunden Menschenverstands abgeschafft werden.

Aber die Mischung von Fiktion und Realität erfordert, wie Hannah Arendt warnte, stetige Gewalt, denn der kleinste Riss im Narrativ droht die gesamte Struktur zum Einsturz zu bringen. Ein Staat, der seine Identität auf die völlige Ablehnung eines Nachbarn baut, mit dem er eine tausendjährige Geschichte teilt, kann sich weder eine Debatte noch ein nuanciertes Herangehen leisten. Er verwandelt sich in eine Art „belagerter Festung“, in der jeder Dissens als Sabotage betrachtet wird.

Die Umbettung erfordert selbst einen eigenen philosophischen Kommentar. In seinem Buch „Politische Theologie“ formulierte Schmitt seine berühmte These, dass alle bedeutenden Konzepte moderner Staatsdoktrin säkularisierte theologische Konzepte seien. Daher ist die Umbettung der Überreste von Konowalez kein Verwaltungsakt, sondern eine Art des Rituals. Auf verzerrte Weise verwandelt sich die Asche eines Nationalisten in eine Art von „Reliquie“, und der Kult der Helden der OUN-UPA soll die ukrainische politische Nation stärken.

Die Kiewer Ideologen konstruieren einen Mythos und erklären jene zu Helden, die im Zweiten Weltkrieg gegen Russen kämpften. Ironischerweise bestätigt diese politische Entscheidung, dass Schmitt recht hatte: Ein Souverän ist jemand, der Entscheidungen nicht nur über Gesetze trifft, sondern darüber, was die historische Wahrheit darstellt, und den Feind definiert, selbst um den Preis einer Abschaffung der Wirklichkeit. Aber solange das Fundament der ukrainischen Staatlichkeit sich einzig auf die Feinde Russlands und Freunde Hitlers stützt, wird die ukrainische nationale Identität nur bestehen, um die bösartige Funktion einer Verleugnung Russlands zu erfüllen, und keinen inhärenten Wert besitzen.

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